Überstanden????

Brigitte Betzel-Haarnagel, September 1992

„Ich muss den Rettungshubschrauber anfunken, wir brauchen einen Arzt mit an Bord“, sagte der Fahrer des Rettungswagens zu mir, Richtung Beifahrersitz.
 
Hinten an Bord lag mein kleiner Engel Martin, angeschnallt  auf einer Liege, hoch fiebernd, sein kleiner Körper zuckte langsam, stetig vor sich hin. Martin röchelte, er hatte kaum noch ausreichend Kraft zum atmen.
 
Der begleitende Sanitär gab meinem Kind  Sauerstoff. Ich zitterte am ganzen Körper und hatte Schwierigkeiten, meine Tränen in den Griff zu bekommen. Nur keine Schwäche zulassen jetzt.
 
So schlimm war es noch nie, immer waren bis jetzt die Anfälle  irgendwie zu stoppen. Aber heute. es ging nichts mehr.
 
Der letzte, wirklich große Krampfanfall war ca. 1 1/2 Jahre her. Die Ärzte sagten immer, es könne sein, dass sich die Krampfbereitschaft verwächst. Hoffentlich.
 
Blaulicht, Martinshorn - auf einer Koppel neben der Landstraße landete endlich der Rettungshubschrauber. Die Zeit bis zu seinem Eintreffen kam mir wie eine Ewigkeit vor, obwohl es nur ein paar Minuten waren. Vogelfluglinienmäßig war es vom Dach des Rendsburger Krankenhauses gar nicht weit zu dieser Koppel.
 
Ein junger Arzt stieg ein, weiter ging die Fahrt zum Krankenhaus. Martin bekam zu den 20mg Valium, die er schon intus hatte noch ein weiteres Medikament und Sauerstoff, zudem wurde er gekühlt.
 
Aber der Anfall ließ nicht nach.
 
„Wie heißt ihr Sohn, wie kann ich mit ihm reden ?“ unterbrach der Arzt endlich diese beklemmende Totenstille im Krankenwagen.
 
„Er heißt Martin und sagen Sie ihm bitte, dass wir ganz schnell mit dem Auto fahren. Er liebt Autos und Autofahren doch so  sehr.“ Meine Stimme vibrierte und ich fühlte mich völlig ausgetrocknet.
 
Martin konnte nichts mehr hören und ich nicht mehr reden. Dicke Tränen liefen über mein Gesicht und in Gedanken bat ich: „Bitte nimm mir dieses Kind nicht weg, es ist doch noch so jung, bitte.“
 „Sie brauchen nicht mit zu bremsen, ich habe hier alles im Griff“ sprach mich der Fahrer des Krakenwagens an. Wohl rein aus Reflex, ohne, dass ich es überhaupt gemerkt hatte, bremste mein rechter Fuß automatisch mit ab.
 
Die hohe Geschwindigkeit, die dunkle Enge im Tunnel, das laute Martinshorn - alles zog wie ein Film an mir vorbei.
 
Sollte das wirklich Martins letzte Fahrt sein? Ich hatte solche entsetzliche Angst um mein Kind.
 
Endlich hielten wir vor dem Krankenhaus. Nicht mal zwanzig Minuten, für eine Strecke, für die ich ansonsten gute 35 Minuten brauche.
 
Wir wurden schon erwartet. Vor einer Stunde hatte ich bereits in der Klinik angerufen, und unser Hausarzt, der einen Einsatz viel zu weit weg von unserem Haus hatte, um sofort bei uns zu sein, hatte auch schon im KKH angerufen.
 
Kurze, präzise Frage des Arztes, noch weitere Medikamente für Martin, Sauerstoff, kühlen - ohne Erfolg.
 
Weitere Medikamente, so langsam hören die Zuckungen auf, Martins Atem wird gleichmäßiger, mein Kind ist ganz weit weg.
 
Nach wenigen Minuten, der Arzt nahm die Formalitäten in Angriff, kam eine Krankenschwester, “der neue Junge läuft ganz blau an“. Ich konnte jeden Schlag meines Herzens hören und hatte das Gefühl, das Etwas am Leben meines Kindes zog.
 
Eine andere Krankenschwester bot Carsten (unser damaliger Zdler), der inzwischen auch eingetroffen war und mir, etwas zu trinken an.
 
Ich war völlig ausgedörrt, das Mineralwasser tat sehr gut. Carsten und ich saßen allein in einem Raum. Ich durfte nicht bei Martin bleiben.
 
Dringend musste ich Ricky anrufen, ihn beruhigen. Er war mit Steffi alleine zu Hause und musste mit ihr klar kommen. In diesem Alter war Steffi noch recht schwierig zu handeln.
 
Dann wurden wir gerufen „Sie können jetzt zu Martin, wir haben ihn auf die Intensivstation verlegt.“
 
Wir mussten eine Etage höher gehen und in der Zwischenzeit hatte Martin schon wieder gekrampft. Medikamente hatte er bis an die absolute Höchstgrenze bekommen. Mein armes Kind.
 
Nach zwei Stunden wurden wir nach Hause geschickt. In Martins jetzigem Zustand könnten wir nichts für ihn tun und sollte sich etwas ändern, würde man uns anrufen.
 
Schweren Herzens fuhren wir los. Aber es warteten ja noch zwei Kinder zu Hause, die versorgt werden sollten.
 
Als wir die Dorfstrasse hinauf fuhren, kam uns Ricky mit Steffi an der Hand entgegen. Sie wollten zum Bauerhof, frische Milch holen gehen.
 
Es war so ein harmonisches, beruhigendes Bild. Der große, kräftig gebaute Ricky und seine kleine, 6 jährige Wühlmausschwester mit Down-Syndrom an der Hand.
 
Ricky hatte Steffi, an diesem Tag die ganze Zeit, die ich in der Klinik war alleine versorgt. Ricky hatte die Verantwortung von sich aus, allein übernommen. Er wusste, dass Martin Mamas Zeit nun viel dringender braucht.
 
Vier Tage lag Martin auf der Intensivstation. Aber schon am zweiten Tag spürte ich, dass die Gefahr gebannt war. Was oder wer auch immer es war, nun zog niemand mehr an Martins jungen Leben.
 
Martin hatte keine Kraft die Augen zu öffnen, aber es war spürbar, dass er wieder alles um sich herum mit bekam und wahr nahm. Er wusste, wer an seinem Bett saß, ihm die Hand hielt, ihn streichelte und zu ihm sprach.
 
Er signalisierte auch, dass er die Infusion abgestöpselt haben möchte, er brummte, wenn ich den Raum mal kurz verlassen musste, mehr konnte er nicht von sich geben.
 
Es war eine Mittelohrentzündung, wie er sie schon so oft hatte und eine leichte Bronchitis, die das Fieber verursacht hatten. Nun musste er hoch dosierte Antibiotika bekommen.
 
Am dritten Tag, nachdem ich eine Stunde bei ihm saß, machte er die Augen auf, strahlte mich an, griff nach meinen Haaren und zog mich so zu sich herunter zum knuddeln und schmusen.
 
Sein liebes Gesichtchen war von meinen Freudentränen völlig nass. Es fragte auch niemand, was los sei - man konnte es erkennen. Mein Kind war aus einem, tiefen, dunklen Schlaf aufgewacht und es war wieder fröhlich.
 
Irgendwann kam Carsten und dann ließ Martin einen seiner Superjubelschreie los. Mein Gott, wie kann dieses Kind sich freuen.
 
Ein Arzt wollte mir einreden, dass ich zur Kur fahren solle. Es sei doch jetzt alles gut gegangen und ich müsste doch auch an mich denken.
 
In zwei Tagen sollte Martin auf die normale Station verlegt werden, und dann wolle man mal sehen.
 
Von nun ab ging es Martin jeden Tag besser. Allerdings bekam er auf Station ein Einzelzimmer, einsehbar vom Schwesternzimmer aus, für alle Fälle.
 
Tagsüber war ich immer bei Martin, jeden Tag. Abwechselnd mit dem Bezugszdler Jan aus der Kita, besuchte auch Carsten Martin täglich. Nachts schlief Martin glücklicherweise immer gut, mit dem Wissen, ab acht Uhr ist wieder jemand da von seinen Leuten.
 
Er sollte so wenig wie möglich alleine sein müssen. Aber es ist schon anstrengend, alles unter einen Hut zu bekommen, etwas mehr Freiraum täte mir im Moment wirklich gut.
 
„Ich möchte dieses grässliche Kind morgen mit nach Hause nehmen“, kündigte ich an, als der Stationsarzt nachmittags in Martins Zimmer kam, um ihm Medikamente zu geben. Der Arzt lachte, öffnete den Schrank, sah ins Badezimmer, und fragte: „Ist denn hier noch ein Kind außer Martin ?“.
 
Martin schüttelte lachend den Kopf. Er hatte richtig verstanden worum es ging - endlich wieder nach Hause fahren dürfen.
 
Er war das einzige Kind hier im Raum und dieses Kind wollte ganz bestimmt nach Hause fahren, wollte die Infusionen endlich ab haben und mit dem Auto und Mama ganz bestimmt und bald nach Hause fahren dürfen.
 
Am nächsten Morgen kam der Neuropädiater zu uns. „Na dann wollen wir mal sehen, was wir für seine Entlassung tun können. Also gut, heute Abend um 19 Uhr können sie ihn haben. Gegen 18 Uhr werden die letzten Medikamente gespritzt und dann können sie ihn haben und ab vom Hof.“
 
So ein Tag kann vielleicht lange werden, wenn man nach Hause will!!
 
Aber endlich war es dann soweit. Kanüle raus, kurz abdrücken, Jacke an und viele, viele Jubelschreie.
 
Schwester Heike durfte Martin noch einmal küssen und wir mussten versprechen, dass wir pünktlich am 27. zur Blutkontrolle und zum EEG wieder im Hause erscheinen werden. Und an ein Bild für die Patientenbilderwand sollten wir denken.
 
Martin hatte Glück und ausschließlich nettes und sympathisches Klinikpersonal das für ihn zuständig war. Allen fiel seine nette, positive Ausstrahlung und sein strahlendes Lachen auf. Es springt immer ein Funke davon auf andere Menschen über.
 
Wer Martin so sehen kann und seine lieben Signale versteht, für den ist es völlig unerheblich, wie schwer Martin behindert ist. Martin gibt uns allen soviel und er ist so wichtig für uns. Er ist ein Sonnenstrahl in unserem Leben.
 
Wir sind froh und dankbar dafür, dass er bei uns bleiben durfte.
 
Ganz deutlich habe ich schon im Rettungswagen gespürt, wie etwas an ihm zieht, ihn zu sich holen will - aber gegen die Kraft der Liebe, die so viele Menschen für Martin empfinden, kam es dieses Mal nicht an.
 
Und wir alle hoffen, dass Martin, noch lange, lange in unserem Leben, auf dieser Erde bleiben darf. Er ist ein wahrer, kostbarer Engel für uns.