Angst

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1993

Nun mussten Stefanies Milchzähne leider doch gezogen werden. Lange, lange haben wir gewartet, dass die Natur sich hier vielleicht doch noch von selber hilft, aber in diesem Falle tat sich leider absolut nichts.
 
Zwei Reihen Zähnchen hinter einander wuchsen in Steffis Mund munter vor sich hin und wenn sie gähnte, oder vergnügt lauthals, aus voller Kehle, ihre Eigenkompositionen sang, sah das Innere ihres Mundes aus, wie ein kleiner Reißwolf.
 
Bis heute hatte Steffi noch nie so recht bewusst, unangenehme, medizinische Anwendungen und Behandlungen über sich ergehen lassen müssen. Das übliche Untersuchen bei diversen Arztbesuchen, ließ sie bis jetzt immer problemlos über sich ergehen.
 
Da Steffis Wortverständnis immer noch sehr gering ist und wir ihr somit nicht wirklich erklären konnten, warum, weshalb, wieso, machte sich in meinem Bauch ein sehr unangenehmes Gefühl breit.
 
Meine mütterlichen, ängstlichen Erwartungen sollten sogar noch übertroffen werden.
 
Schon als unser netter Hausarzt die üblichen, notwendigen OP- Vorbereitungen durchführen wollte, wie Blut abnehmen und EKG- weil Steffi mit einem kleinem, sonst eigentlich nicht relevanten Herzfehler geboren wurde, rastete mein Kind total aus.
 
Mit aller Kraft musste eine Arzthelferin Steffis Arm gerade halten, damit unser Doktor Blut abnehmen konnte. Der große Bruder Ricky musste Steffis, sich mit aller Kraft immer wieder aufbäumenden Körper mit seinem Oberkörper auf die Liege drücken und ich lag auf dem anderen Ärmchen und versuchte, den Tränen nahe, Steffis Kopf ruhig zu halten.
 
Wie gerne hätte ich meinem Kind diese grausame Tortour erspart.
 
Steffi schrie, wie sie noch nie in ihrem Leben von inzwischen nun stolzen 8 1/2 Jahre geschrien hatte und in ihrer panischen Angst entwickelte dieses zarte, kleine Mädchen solche enormen Kräfte, dass wir drei Festhalter nach diesen wenigen Minuten, die das Blut abnehmen dauerte, krebsrot im Gesicht waren und ebenso wie Steffi, schweißgebadet.
 
In ihrer verständlichen Not, rief mein Töchterlein laut schreiend nach allen Personen und Tieren, die sie vom Namen her benennen konnte, nach Hilfe.
 
Am intensivsten jedoch, verlangte Steffi nach Gipsy, unsere geliebten Retrieverhündin, die ansonsten immer sofort angelaufen kam, wenn Steffi aus irgendeinem Grund zu weinen anfing.
 
Ich selber kam mir während dieser ganzen Zeit vor, wie ein Kinderschänder.
 
Immer wieder schrie mein Mäuschen.“ Mimi nein, nein,“ und ich, ihre Mimi musste diese, fast einer Vergewaltigung gleich kommenden Aktion, auch noch unterstützen.
 
Nur all zu gut hätte ich mein Kind verstehen können, hätte es mir nach diesem Tag ewiges Misstrauen und Ablehnung entgegen gebracht.
 
Glücklicherweise sah Steffi das anders.
 
Froh, dass dieses Martyrium endlich vorbei war, schlang sie ihre Ärmchen um meinen Hals, nahm im Vorbeigehen noch den Lolly, den ihr die Gattin unseres Doktors entgegen hielt und schnaufte “Raugehn!!“.
 
Ricky hatte seine kleine Schwester während der ganzen Zeit immer wieder ein Eis versprochen, dass er bereits in einer Kühltasche, die für Notfälle immer im Kofferraum unseres Autos stand, versteckt hatte. Und genau das hatte sich Steffi, trotz allen Elends an diesem Abend, doch sehr genau gemerkt.
 
Kaum hatte ich sie auf dem Rücksitz angeschnallt. Verlangte sie sehr energisch „ Eis essen“.
 
Während sie das Eis auf futterte, kamen noch zwei ganz tiefe Seufzer aus ihrem Bäuchlein, aber das Eis schien zu schmecken, trotz Allem.
 
Zu Hause angekommen lief Steffi sofort zu ihrem Bruder Martin hin, der sich die Sesamstrasse ansah, hielt ihm voller Empörung ihren verpflasterten, blutverschmierten Arm hin und sagte vorwurfsvoll „Kuma hier“.
 
Nun wurde sie bedauert und gestreichelt, danach schien es, als hätte sie schon wieder alles vergessen.
 
Anderntags, so stand es in Steffis Schulmitteilungsheft zu lesen, teilte Steffi ihr am vorhergehenden Abend erfahrenes Leid, den Mitschülern und Lehrkräften, unter vorzeigen ihres Ärmchens mit leidvoller Mine im Gesicht, mit. Das arme Kind, es war aber auch zu grausam.
 
Dann stand der Termin zum Zähne ziehen an. In der Nacht davor konnte ich so gut wie gar nicht schlafen. Vor Angst, was an diesem Tag wohl passieren würde, zitterten meine Hände und ich hatte echte Probleme beim Befüllen der Kaffeemaschine an diesem Morgen.
 
Da Steffi nichts von alledem ahnte, was nun auf sie zukommen würde, freute sie sich auch noch ganz süß, dass sie an diesem Tag nicht zur Schule gehen musste, sondern noch eine Stunde, in Mamas Bett hüpfen durfte.
 
Sogar fernsehen wurde ihr schon am frühen Morgen gestattet, damit sie von jeglichem Verlangen nach Essen und Trinken abgelenkt wurde, wegen der auf sie zu kommenden Narkose.
 
Auf der Fahrt nach Rendsburg, der Stadt, in der die Zahnarztpraxis für den Zahnziehtermin liegt, war ich es, die mit den Tränen zu kämpfen hatte.
 
Alle möglichen Gründe, diesen Eingriff doch nicht durchführen zu lassen suchte ich und diese Diskrepanz zwischen Herz und Kopf kämpfte in mir.
 
Natürlich tobte Steffi wieder wie ein Tier in der Schlinge und der junge, wohl noch recht unerfahrene Narkosearzt war kurz davor, die Fassung zu verlieren weil alles Zureden und Schimpfen nicht dazu führte, dass Steffi sich ruhig verhielt um sich die schlafbringende Nadel setzen zu lassen.
 
Beim dritten, hart erkämpften Versuch klappte es dann endlich. Das Narkosemittel begann sehr schnell zu wirken. Steffi sackte in sich zusammen.
 
Aus eigener Narkoseerfahrung, ging ich davon aus, dass Steffi noch hören konnte. Ich sprach noch ein paar Worte zu ihr, sagte ihr, dass wir gleich wieder nach Hause fahren dürfen und dann musste ich an die frische Luft gehen, weil mir übel wurde.
 
Selbstvorwürfe quälten mich, weil ich hier etwas veranlassen musste, vor dem mein Kind solche große Angst hatte und ich war mir nicht mal sicher, ob denn das Zähneziehen wirklich so sinnvoll und Notwendig ist, wie unser lieber Zahnarzt meinte,
 
Wieder im Wartezimmer versuchte ich mich durch blättern in irgendwelchen Gazetten abzulenken, was nicht funktionierte, in meinem Bauch saß die Angst um mein Kind fest.
 
Nach ca. 15 Minuten holte mich eine Arzthelferin, die meinte, ich könne ganz beruhigt sein, es sei alles im grünen Bereich.
 
Steffi hatte es überstanden und nichts deutete auf den ersten Blick darauf hin, dass ihr gerade fünf Milchzähnchen gezogen worden waren.
 
Etwas dösig ließ sie sich von mir auf den Arm nehmen, gab mir ein Küsschen und wie fast immer, wenn es meinem Mäuschen nicht so gut geht, legte sie ihr Köpfchen so auf meine Brust, dass sie meinen Herzschlag hören konnte.
 
Wir mussten, mit der Begründung, es sei nicht gut für die anderen Patienten, die auch alle Angst hätten, dann in einem freien Behandlungszimmer und nicht im Wartezimmer, noch 40 Minuten warten, wegen eventueller Nachblutungen oder Kreislaufproblemen bei Steffi.
 
Steffi hatte anscheinend keine Erinnerung an das was war, keine Schmerzen und blutete auch kaum noch. Bald schon wollte sie spielen und diesen Raum erkunden und der Behandlungsstuhl wurde nach allen Regeln der Kunst zum Tobeobjekt erklärt. Das war mit Sicherheit nicht im Interesse der Praxis, aber uns denn doch egal im Moment. Wir haben ja schließlich nichts kaputt gemacht.
 
Steffis erster Weg zu Hause war wieder ins Schlafzimmer, in Mamas Bett krabbeln, ausruhen, Zeitung ansehen und nach etwa einer Stunde kam sie dann nach unten, zu mir in die Küche.
 
Sie sagte „ Raugehn“, zog Gummistiefel und Jacke an, schnappte sich ein halbes, trockenes Brötchen, rief nach Gipsy und beide tobten dann ganz normal wie immer im Garten, bei warmer, angenehmer Märzsonne.
 
Ich hoffe nur innigst, dass Steffi sich nun nicht ein für alle Mal sperrt, wenn ein Doktor etwas an ihr machen muss. Es war ja auch wirklich herbe für sie.
 
Will ich nun mit meiner Tochter allein, irgendwo hin fahren, sagt sie schon beim Einsteigen ins Auto „ Nee Aua Mimi, nee Aua.“
 
Schlage ich nur annähernd den Weg in Richtung Arztpraxis, zu unserem Hausarzt  ein, wirft Steffi ihre Händchen vor die Augen und beginnt zu weinen.
 
Wenn sie doch nur ein bisschen was vom dem verstehen könnte, was ihr erklärt wird. Wenigstens so, wie sie es versteht, wenn es Pommes, Eis oder die Sesamstrasse gibt.