Au weia

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1993

Eigentlich hatte ich für diesen Nachmittag schon Pläne gemacht.
 
Und eigentlich dachte ich auch, genau das Richtige für meine 8 jährige Tochter ausgesucht zu haben.
 
Alle Puppenkleider, die wir besitzen, hatte ich am Vormittag gewaschen und getrocknet und mit Steffi zusammen wollte ich die Kleidchen bügeln und den Puppen anziehen.
 
Steffi besitzt 6 Puppen und Martin mehrere Teddys und diverse andere Plüschtiere, die wir des Öfteren an und ausziehen.
 
Noch einmal war das Herbstwetter gnädig mit uns, die Sonne begann zu scheinen als der Nebel sich gelichtet hatte und es war tatsächlich nochmals wunderbar angenehm warm geworden.
 
So schleppte ich den großen Waschkorb voller kleiner Kleidungsstücke, Bügelbrett und Bügeleisen, hinaus auf unsere Terrasse. Schließlich wollte ich jeden Sonnenstrahl genießen dürfen.
 
Steffi und Martin schauen normalerweise immer gerne zu, wenn ich Wäsche bügele und zusammen lege und Martin sagt dann an, wem denn, welches Kleidungsstück gehört. Der kleine Mann ist mir damit immer eine große Hilfe, denn ich kann mir bei den sehr häufig anfallenden Wäschebergen nur schwerlich genau merken, welches Teil auf welchen Stapel gehört.
 
Steffi spielt zurzeit gerne mal Püppi an und ausziehen und sie will mir auch immer helfen, die trockene Wäsche zusammen zu legen. Was sie mit Martins Halstüchern, -die er in reichlicher Zahl täglich benötigt, weil er seinen Speichelfluss nicht kontrollieren kann - dabei fabriziert, ist gar nicht mal so übel. Vor allem, sie hat dazu ihre eigene, einfache Methode entwickelt. Sie schlingt die Tücher irgendwie um ihr kleinen Händchen, wendet das Ganze dann nochmals, und danach kann  ich die Tücher wirklich stapeln.
 
Gegen 14 Uhr kamen meine Mäuse aus der Schule nach Hause und nach dem üblichen Toilettengang und dem notwendigen umziehen- keine Ahnung wie sie sich in der Schule immer so total einsauen können - wollte ich mit den Beiden auf der Terrasse mein Vorhaben beginnen.
 
Aber Pustekuchen, meine Kinder dachten gar nicht daran, sich ausgerechnet heute mit der Wäsche rum zu ärgern.
 
Martin wollte unbedingt in den Hof hinaus geschoben werden und Bruder Ricky dabei zu sehen, wie er sein Auto putzt. Und Steffi düste voller Power überall und nirgends hin, sie wollte einfach nur toben, sich bewegen nach dem langen Schultag.
 
Also begann ich, da nun schon alles auf der Terrasse vorbereitet war, alleine damit, die Puppenkleider zu bügeln.
 
Niemand würdigte mich auch nur eines Blickes. Ich bügelte und bügelte und ab und an warf ich mal einen Blick hinaus in den Hof, ob es noch allen Kindern gut ging.
 
Irgendwann fiel mir dann auf, dass meine Steffimaus sehr intensiv mit unserer grauen, miefenden  Mülltonne beschäftigt war. Da die Tonne erst am Morgen geleert wurde, war es mir egal, es war nichts mehr zum raus holen drin, selbst wenn die Tonne umkippen würde, könnte nicht sehr viel passieren. Höchstens, Steffi steht direkt darunter und holt sich so eine Beule.
 
Steffi tanzte hingebungsvoll um die leere Mülltonne herum, öffnete immer wieder den Deckel, erzählte heftig gestikulierend irgendwelche Geschichten vor der leeren Mülltonne und klappte nach ein paar Minuten, den Deckel immer wieder zu.
 
Meine Bügelaktion dauerte etwa eine Stunde, das Umkleiden der Puppen ca. 20 Minuten.
 
Steffis Spiel mit der Mülltonne wollte nicht enden und irgendwann kam in mir dann doch ein leises Misstrauen auf.
 
Langsam ging ich auf Steffi und die Mülltonne zu um genauer zu beobachten, was denn auf einmal nun so Tolles an unserer grauen, müffelnden Mülltonne zu sehen ist. Vor allem, weil Steffi so lange und intensiv mit dieser Tonne beschäftigt ist.
 
Erneut öffnete Steffi den Mülltonnendeckel und brabbelte, ihre Ärmchen in der Luft herum wirbelnd, etwas in die Tonne hinein.
 
Ich dachte, ein ganz leises Miauen von irgendwoher vernommen zu haben und warf dann vorsichtshalber mal einen Blick in unsere, im Moment so heiß begehrte Mülltonne.
 
Und dann fiel mir echt nichts mehr ein. Tief unten, am Boden der Mülltonne saß Pummelchen, unsere kleinste und dritte Katze und schaute mich verzweifelt, hilflos an.
 
Steffi musste das arme Pummelchen wohl in einem unbeobachteten Augenblick blitzartig in die Mülltonne befördert haben und spielte die ganze Zeit anscheinend Sesamstrasse, indem sie Pummelchen wohl die Rolle von Rumpel oder Oscar zugedacht hatte.
 
Schnell holte ich die kleine Mieze aus ihrem dunklen Gefängnis heraus und hielt meiner Tochter eine tüchtige Standpauke. Allerdings hatte Steffi überhaupt kein schlechtes Gewissen, sie ließ mich schimpfender Weise einfach im Hof stehen und begab sich in den Garten, zu der Sandkiste, in der sie normaler weise immer sehr gerne spielt.
 
Ich ging zu Martin und befragte ihn, ob er denn nicht gesehen hätte, was Steffi mit dem armen Pummelchen angestellt hätte. Sein Blick verriet mir, er hatte es gesehen, musste Steffis Gehabe aber wohl für so lustig empfunden haben, dass er es ausnahmsweise nicht für notwendig erachtete, seine Schwester zu verpetzen.
 
Ricky hatte natürlich nichts von alledem mitbekommen, weil er sein Autoradio mehr als laut spielen ließ und außerdem mit dem Kopf immer von seiner Schwester abgewandt gewerkelt hatte.
 
Und Pummelchen, das arme, liebe Kätzchen war ansonsten so gutmütig, die Kinder konnten leider sehr Vieles mit ihm anstellen, bevor es die Flucht ergriff und heute hatte es nicht mal zum flüchten eine Chance gehabt.