Ausbüxt - oder ein schöner Tag im Januar

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1997

Meine Tochter Stefanie (11 Jahre, Down Syndrom) durchlebt zurzeit eine recht eigenwillige Phase.

Das heißt, eigentlich durchlebe ich diese Phase, beziehungsweise deren direkten Auswirkungen und Ergebnisse, eigentlich.

Jedenfalls, Steffi hat ein waches Köpfchen, was Spontanität und Planung anbelangt. Spontan ist sie ja schon immer und das Planen geht folgendermaßen:

Aha, Mama hat hinten keine Augen. Länger beschäftigt scheint sie auch zu sein. Hören kann sie wohl auch nicht so gut im Moment, der Akkuschrauber, mit dem sie Profilholz anschraubt ist Gott sei Dank ziemlich laut.

Und dann schleicht Steffi, die ansonsten immer Geräusche im Übermaße produziert, also sie schleicht vorsichtig und langsam, völlig lautlos in Richtung Nachbars kaputten Gartenzaun. Ebenso völlig lautlos, gelingt es Steffi, die nur mit der Hand zu winken braucht, die drei Hunde an den Zaun zu locken.

Fast ein Phänomen, aber die Hunde reagieren auf Steffi beim allerleisesten Anzeichen einer Regung, während ich mir teilweise die Kehle aus dem Hals brüllen kann um die Hunde zu rufen.

Nun denn. Steffi hebt den Zaun hoch, die Hunde robben darunter durch. Durch Nachbars Garten ist es nämlich total einfach, durch eine lockere Hecke in die Freiheit zu gelangen. Die nächstliegende Freiheit ist eine riesengroße, verbotene Koppel, die an die Grundstücke unserer Straße angrenzt.

Steffis Weg in die Freiheit ist noch einfacher. Sie klettert, auch verbotenerweise natürlich, gleich direkt über den Zaun zur Koppel hin, ohne Umwege. Hat Steffi ja auch gar nicht nötig. Verboten ist es sowieso, also los, wenn Mama schon nicht aufpassen kann.

Mama - also ich - werde aufmerksam dass irgendwas nicht stimmen kann durch eine seltene, merkwürdige Ruhe um mich herum, als ich den Akkuschrauber mal wieder aus der Hand lege.

Martin (10 Jahre, mehrfach behindert) steht in seinem Rollstuhl neben mir im Anbau und erzählt mir kopfschüttelnd: "Wauwau, An, alle." Heißt übersetzt: Die Hunde und Stefanie sind weg. Martins Sprachzentrum ist auf dem CT ein schwarzer Fleck und wir haben es leider nicht mehr geschafft, dieses Areal seines Gehirns um zu programmieren. Aber denken kann er, ziemlich schnell sogar, und seine emotionale Intelligenz ist absolut im grünen Bereich.

Wohin die vier Wühlmäuse verschwunden sind, kann ich mir schon denken, und mein lieber Martin zeigt es mir dann bestätigend - auf die verbotene Koppel natürlich.

Ich schiebe Martin schnell an den Zaun, damit er uns zusehen kann und nun klettere ich selber über den verbotenen Zaun. Voller Panik, der Bauer könnte uns erwischen - er mag so was nämlich nicht - oder einer der Herren Jäger, die mir immer wieder vorhalten, meine Hunde würden ohne Leine rumlaufen und irgendwann würden sie abgeschossen.

Meine Hunde laufen aber nur ohne Leine, wenn meine Tochter sie und sich selber in die Freiheit entlässt. Ob ich nicht doch besser einfach alle zusammen anleine?

Also, ich klettere über den Zaun und stecke erstmal bis zum Knöchel im Schlamm fest. Ausgerechnet heute ist nämlich das Wetter sehr schön und warm und selbstverständlich muss es auch anfangen zu tauen.

Natürlich bin ich hellauf begeistert. Vor allem sehe ich, meine Tochter und die Hunde sind schon so weit weg, dass sie mich gar nicht mehr hören können. Es ist auch ziemlich windig und geräuschvoll, so dass meine Rufe und Pfiffe richtig gehend abprallen an den Luftbewegungen und zurück kommen.

Wieso bleiben die Vier denn nicht auch im Schlamm stecken und wieso eigentlich können sie sich so flink fortbewegen?

Der dichte Knick mit eingearbeitetem Stacheldraht, hat weder Kind noch Hunde davon abgehalten, von der einen, verbotenen Koppel, auf eine ziemlich weit entfernt liegende Pferdekoppel zu gelangen. Für mich gibt es allerdings keine Chance hinterher zu klettern. Irgendwie bin ich wohl doch zu groß und breit für solche Abendteueraktionen.
Ich kenne die Pferde nicht und bete.

Steffi geht völlig unbefangen, auch noch von hinten an alle Tiere, klopft ihnen freundschaftlich auf die Schinken, die Hunde springen unter den Pferdeleibern durch und Gott sei Dank, keines der Tiere schlägt aus oder reagiert erschreckt. Kann aber auch sein, dass hier gerade alle Schutzengel des Dorfes an den Halftern hängen, damit die großen Tiere sich nicht bewegen können - aus Sicherheitsgründen.

Wie lange die majestätischen Tiere sich wohl diesen Besuch so gefallen lassen, geht es mir durch den Kopf, immer noch eine passende Lücke im Zaun suchend.

Steffi hat sogar einen Weg gefunden das mitlaufende Fohlen in ein Spiel ein zu beziehen. Von weitem sieht alles so selbstverständlich aus, so ungefährlich harmonisch. So, als ob die Pferde meine Tochter und die Hundchen schon lange kennen und gut Freund mit ihnen sind.

Am Knick stehend, Stiefel und Hosenbeinbund schlammtriefend, rufe und pfeife ich nach dieser Meute, aber es kommt keine Reaktion.

Keines, auch nur winzigen Blickes werde ich gewürdigt, kein bisschen. Eigentlich bin ich hier völlig überflüssig. Es will mich hier keiner, vermisst werde ich nicht, und gebraucht werde ich hier und jetzt schon gar nicht. Irgendwie komme ich mir sehr störend vor.

Es dauerte eine gute Stunde, bis die Hunde die Nase voll hatten und endlich wieder die Richtung zum dem Knick einschlugen, durch den alle raus gekommen sind indie weite Welt. Maulend trabt Steffi hinter den Hunden her. Es passt ihr anscheinend nicht, dass sie das schöne Spiel der Freiheit nun beenden soll.

Ach wie lieb sich die Hunde freuen, mich zu sehen. Also ist meine Anwesenheit doch noch zu etwas gut. Schlammgetränkte Hundepfoten springen an mir hoch.

Steffi versucht, die Hunde wieder auf die Pferdekoppel zu locken. Die Hunde wollen aber lieber ein anderes, verbotenes Spiel spielen - alle Nachbarn besuchen. Nun können sie nämlich von der Rückseite der Grundstücke, die an der Koppel liegen, einfach so in die meist offenen Gärten springen. Es gibt hier nicht so viele Nachbarn die sich darüber freuen, wenn meine Hunde und Kinder sie besuchen kommen - ich kann es manchmal sogar ein bisschen verstehen.

Endlich klettert Steffi, sehr geschickt, ohne hängen zu bleiben oder sich zu verletzen, über den Stacheldrahtzaun zurück in Richtung Heimat.

Bevor ich etwas sagen kann, teilt sie mir schnippisch mit: "La mi in Ruhe."

Na gut, dann meckere ich eben nicht. Kommt ja sowieso nicht an.

Nach weiteren gut zwanzig, schlammigen Minuten klettern wir alle über und unter Nachbars Gartenzaun um dann über und wieder unter unserem Gartenzaun in unseren Garten zu gelangen. Wieder einmal nehme ich mir vor, diesen Teil des Zaunes endlich irgendwie zu reparieren.

Martin schaut uns alle ganz vorwurfsvoll an. Es hat ihm berechtigterweise zu lange gedauert und ich muss ihm erst mal so einiges erklären, was hätte passieren können und dass das alles so nicht ganz in Ordnung war. Ich konnte ihn ja nicht mitnehmen auf dieser Tour in seinem Rollstuhl. Er konnte uns nur von weitem beobachten und auf uns warten.

Außer einigen, schlammigen Hunden und Bekleidungsteilen war von der ganzen Aufregungen nichts mehr zu sehen.

Ich allerdings denke, den einen Welpen, der hier auf dem Grundstück und wenn Steffi nicht da ist, schon sehr folgsam ist, doch noch zu verkaufen. Die andere Seite der verbotenen Koppel führt nämlich direkt zur Straße und ich bin mir nicht sicher, ob Steffi nicht demnächst ihre Wanderungen in noch gefährlichere Gefilde ausdehnt. Sie kann keinerlei Gefahr einschätzen.

So schrecklich flink, wie all meine Lieben sein können, ist es mir mit Sicherheit irgendwann so nicht mehr möglich, Schlimmes zu verhindern.

Entsprechenden Respekt vor Verkehr und Straßen ist trotz allem Trainings irgendwie nicht in die kleinen Dickköpfle rein zu bekommen.

Ob neue Zäune verhindernd wirken, wage ich irgendwie auch anzuzweifeln, weil erfahrungsgemäß, wenn Steffi einen Willen hat, findet sie immer einen Weg.