Ausgerastet

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1985

Unsere Steffimaus war gerade drei Monate alt und wir verbrachten unser aller erstes, gemeinsames Wochenende miteinander. Vor wenigen Tagen erst durften wir Steffi, die ein absolutes Wunschkind war, aus einem Säuglingsheim in Helmstedt abholen.
 
Die meiste Zeit, wenn Steffi wach war, schleppte ich sie herum oder saß mit meinem Baby in irgendeiner Ecke, alleine, nur um dieses kleine Wunder immerfort an zu schauen. Als mein Sohn Ricky auf die Welt kam, konnte ich ihn auch nur immer fort anschauen und nahm mir dafür auch oft die Zeit, die ich gar nicht so einfach, wie jetzt, gehabt hätte.
 
Damals lebten wir in Schleswig Holstein, in einem alten, gemütlichen Haus mitten im  Moor.
 
Aber auch, wenn die Lage dieses Hauses sehr weit außerhalb war, gab es hier einige Nachbarn. Eine Familie war erst vor zwei Jahren hier her, in diese Idylle gezogen.
 
Unter anderem hatte diese Familie einen 1 ½ jährigen Sohn, der damals bei allen Nachbarkindern gefürchtet war, weil er ohne jegliche Vorwarnung oder einen erkennbaren Grund, völlig spontan die Kinder anfiel, sie dann biss oder kratzte.
 
Vater und Sohn standen gemeinsam vor der Tür und wollten gerne unser neues Baby anschauen.
 
Obwohl mir nicht 100% wohl war, als ich den kleinen Nachbarn so vor mir sah, bat ich die Beiden trotzdem herein, weil ich nicht unhöflich sein wollte.
 
Um die Tür wieder richtig schließen zu können, die ein wenig klemmte, legte ich Steffi auf einer Spielmatratze ab. Dann erzählte ich ein bisschen, beantwortete Fragen und dachte mir nicht wirklich etwas dabei, als der Nachbarsohn auf die Matratze kletterte, auf der Steffi lag, um ihr in die Augen zu sehen. Schließlich war sein Vater ja dabei und ich konnte wohl davon ausgehen, dass dieser alles im Griff hatte, auch vor dem Hintergrund, da er die grässliche Eigenart seines Sohnemannes nur all zu genau kannte.
 
Plötzlich hieb der Junge seine Fingernägel wie ein wilder Tiger in Steffis Wange, ganz fest und hart. Steffi schrie sofort los vor Schmerz und ich riss sofort dieses kleine Monster schimpfend von meinem armen Kind weg.
 
Vater und Sohn grinsten mich beide an. Steffi blutete an der Wange durch diese Attacke und hatte die erste Verletzung in ihrem neuen zu Hause bekommen. Mir liefen die Tränen wie ein Wasserfall.
 
Dann schnauzte ich, den immer noch grinsenden Vater an. Wie er zulassen könne, dieses gefährliche Monsterkind so nah an einen hilflosen Säugling heran zu lassen ohne auf zu passen und das hätte Steffi auch ein Auge kosten können und dass man für so ein Kind ja wohl einen Waffenschein braucht.
 
Ich solle mich nicht so anstellen, war ja gar nicht böse gemeint und andere Eltern würden nicht so überreagieren wie ich.
 
Was erwartete dieser Mensch eigentlich jetzt von mir? Dass ich seinen explosiven Nachwuchs auch noch lobe, für seine schmerzbringende Handlung?
 
Dann schickte ich die Beiden schnellstens raus, die immer noch am Grinsen waren. Ich konnte den Anblick dieses Kindes einfach nicht mehr ertragen und wollte es auch ganz bestimmt nicht mehr in Steffis Nähe wissen.
 
Der Junge hat sich glücklicher weise im Laufe der Jahre verändert, die Eltern redeten mit mir dafür nur noch das aller notwendigste.
 
Sie nahmen mir meine berechtigte Reaktion sehr übel, fühlten sich beleidigt und gekränkt von mir. Kein Wort der Entschuldigung oder dass es ihnen leid täte, was ihr Junior so anstellt.
 
Mir war es egal. Der Vater ging mir damals mit seinem ewig schulmeisterlichen Gehabe eh tüchtig auf die Nerven. Ständig hielt er über irgendwas Vorträge, wollte bewundert und gelobt werden und merkte gar nicht, dass sich einige Leute über ihn schon lustig machten, wenn er nur in Erscheinung trat.
 
Sicher, er war kein übler Mensch, nur anstrengend und ich war gar nicht traurig über diesen distanzierten Kontakt, weil, noch mal hätte ich diesen Jungen nicht in die Nähe meiner Tochter gelassen.
 
Der Schreck sitzt mir auch heute noch, viele Jahre danach,  im Nacken.