Auto ang!

Jan Bey, 1993

Um Martin kümmerte ich mich während meines Zivildienstes in der Kita Nortorf. Der reizende junge Mann war mein Bezugskind.
 
Er ist ein sechs Jahre junger, notorischer Autofreak. Mit seiner unglaublich fröhlichen, offenen Art macht er es Jedem leicht, Kontakt zu ihm auf zu nehmen.
 
Martin sagt „Auto“, grinst dabei, und man weiß, ohne pädagogische Vorkenntnisse zu haben, was jetzt zu tun ist. Aus der Autokiste holt man das gewünschte und über alles geliebte Spielzeug und hofft, Martin damit beglücken zu können. Ein ausgiebiges Spiel folgt, das trotz weniger Worte sehr intensiv ist.
 
Ein schwer zu beschreibendes Kommunikationsschema entwickelt sich zwischen uns. Martin konnte mir trotz seiner schweren Behinderung seine Wünsche und Abneigungen immer verdeutlichen, und oft spürte ich seinen eisernen Willen. Diese Erfahrungen haben die anderen Erwachsenen, die mit Martin arbeiten auch gemacht. Wichtiger ist: in unserer Gruppe, den Gespenstern, haben viele Kinder einen solchen Draht zu Martin, dass er ein gleichwertiger Partner mittendrin und manchmal auch Mittelpunkt der Gruppe ist.
 
Auch nach Ende meines Zivildienstes hatte ich weiterhin  Kontakt zu Martin  meinen ehemaligen Bezugskind.
 
In einem FSJ überbrücke ich die Zeit bis zum Studium. Wenn ich zurückblicke, kommen mir die anfänglichen Überlegungen wieder in den Sinn:
 
Wie bekomme ich Kontakt zu allen Kindern? Was kann ich dazu tun? Helfen mir die Kinder dabei?
 
Kann ich mit behinderten Kindern umgehen? Gelingt es mir, verständnis- und liebevoll zu sein, und kann man das unentwegt?
 
Fällt es mir schwer, Windeln zu wechseln, Nasen zu putzen und mich vom Kleckern beim Essen nicht stören zu lassen?
 
Diese Fragen unterschiedlicher Gewichtigkeit sind im Dienst schnell beantwortet worden. Die Kontaktfähigkeit und die Offenheit der Kinder erleichterten den vermeintlich schweren Start. Meine Zuwendungsbereitschaft half, von Ihnen einbezogen und angenommen zu werden. Die in zwanzig Jahren erlernten Sauberkeits- und Hygienestandards zu relativieren und Widerwillen abzubauen, fiel dann nicht mehr schwer.
 
Martin beherrscht nur wenige Wörter. Ich hörte schon am Anfang meines Dienstes, dass er meine Kollegin Hella mit Namen rufen konnte. Ein bisschen neidisch steckte ich mir das Langzeitziel, ihm auch meinen Namen beizubringen, was aber kaum realistisch zu sein schien.
 
Wir haben viel zusammen erlebt. Ob Martin Spaß hatte, am gemeinsamen Fahrradfahren? Ob er gerne Türme mit mir baute und sie einstürzen ließ? Ob er sich über die Autos freute, die ich ihm immer brachte? Ob er Freude am gemeinsamen Puzzlespiel fand? Wie hat ihm wohl das Bällebad gefallen? Habe ich seine Signale richtig gedeutet? Könnte es sein, dass er mir manchmal Dankbarkeit signalisiert? Ich kann das nicht mit Gewissheit beantworten. Stolz bin ich aber auf ein Erlebnis in den Herbstferien.
 
Ich betreute Martin in seinem zu Hause. Brigitte, Martins Pflegemutter fragte mich, ob ich schon bemerkt hätte, dass er versuche, meinen Namen auszusprechen. Ich konnte es zuerst nicht glauben. Ein klares und deutliches „Ang“ war aus seinem Mund zu hören, seine Version meines Namens „Jan“ sicherlich ein großer Lernfortschritt.
 
Ich habe es auch als ein Zeichen seiner Dankbarkeit interpretiert und glaube, dass Martin den ständigen Kontakt mit mir wahr nimmt und spürt, dass ich mit dem Herzen dabei bin.