Den Faden wieder aufnehmen

Brigitte Betzel-Haarnagel, August 1998

In diesem Sommer habe ich das stattliche Alter von 45 Jahren erreicht. Bemerkenswert schnell gingen die Jahre leider vorüber. Noch immer sehe und spüre ich meinen neugeborenen Sohn Ricky, der shcon lange erwachsen ist, als so winzig kleines Baby und meine Adoptivtochter Stefanie (Down Syndrom) inzwischen 13 Jahre alt, als ganz kleines Baby in meinen Armen liegen. Es ist alles noch so nah, gar nicht so, als sei es schon 13 Jahre alt, dieses Gefühl.

Steffi war noch nicht ganz zwei Jahre alt, als mein Pflegesohn Martin (schwerst mehrfach behindert) heute 11 ¾ Jahre alt, im Alter von 17 Monaten von seinen früheren Pflegeeltern an unsere Familie übergeben wurde. Wie hart mussten wir alle daran arbeiten, dass Martin sich öffnen konnte, für seine Entwicklung.

Einige Jahre zuvor betreute ich, bis die beiden Mäuse in mein Leben traten, behinderte Kinder in Kurzzeitpflege bei Krankheit oder Urlaub der Eltern, oder auch schon mal aus sozialen Problemen der Eltern.

Es waren anstrengende Jahre der Freude über Erfolge und anstrengende Jahre in Angst um diese jungen, unerfahrenen, allzu wertvollen Leben.

Persönliche Tiefschläge und Trauerfälle, phasenweise der pure Kampf um ein Dach über dem Kopf kamen dazu, was mehr als alles Andere an meinen Kräften zehrte.

Steffi konnte mit ihren oft koboldhaften Aktivitäten am Stück drei Erwachsene auf Trab halten. Gleichzeitig war sie die reizende Zärtlichkeit in Person.

Martins Gesundheitszustand brachte uns des Öfteren sehr nah an die Grenze des Lichtes einer anderen Welt.
Noch heute spüre ich meine Angst, höre meine Gebete und spüre meine Gedanken und Diskussionen mit mir selber.

Wer gab mir überhaupt das Recht, Martins Seele nicht weiter reisen zu lassen aus einem Körper, der ihm fast alle Selbstständigkeit nimmt? Warum lasse ich es nicht einfach geschehen? Weil ich es noch nicht will, weil ich mein Kind bei mir behalten möchte?

Die Stimme des Neuropädiaters hämmerte mir laut und unbarmherzig entgegen, dass so ein Menschlein irgendwann stirbt, wenn die Hilfe nicht rechtzeitig gegeben werden kann und dann sei es niemandes Schuld.

In mir schrie alles- aber noch nicht jetzt, es hat doch noch gar nicht richtig angefangen mit seinem Hier sein.

Heute will Martin unbedingt hier bleiben - er hat die Nähe des Todes sehr wohl gespürt. Er will noch nicht in den Himmel um ein Engel zu werden wie einige unserer lieben Freunde und Bekannten diesen Weg schon eigenschlagen haben.

Martin lebt sehr gerne- mit einem wachen Geist und einem so riesengroßen Herzen voller Gefühl für alle Lebewesen seines Planeten. Martin spürt viel mehr, als wir mit bloßem Auge sehen können.

Mein eigener Sohn, inzwischen 22Jahre alt, Sternzeichen Löwe mit dementsprechenden Verhalten in unserem Zusammenleben hat sich schon früh abgenabelt. Seit 3 1/ 2 Jahren steht er auf eigenen Füssen, wurde Erzieher und lebt sein Leben schon recht intensiv. Wie oft hatte ich Angst um ihn, wenn ich mit bekommen musste, wer denn so alles seine Freunde sind. Ich denke, er hat den richtigen Weg eingeschlagen nach dem er verstanden hat, was falsch laufen kann. Alle Kinder füllten mein Leben so völlig und intensiv aus. Sogar so weit, dass ich teilweise selber gar nicht mehr da war und erst wieder lernen musste, mit Hilfe von außen, auch für mich etwas zu tun.

Auch in all der Anstrengung und Verantwortung mit und für meine Kindern.

Mit Sicherheit war ich nicht unbedingt immer die beste Mutter - wer ist schon perfekt? habe ich immer versucht, zuerst nach den Bedürfnissen meiner Kinder zu leben und zu handeln, so gut ich es in den jeweiligen Situationen eben konnte.

Der Dank, der mir in überreichlichem Maße zuteil wird, ist die Liebe meiner Kinder, ihre Fröhlichkeit, ihr Zutrauen und keinerlei Aggressionen. Sie bereichern mein Leben mit ihrem Anderssein auf eine wunderschöne, wohltuende Art und Weise. Auch wenn so manches Mal ein Dickköpfle seinen Schabernack treiben muss.

Traurig macht mich, dass der Freundeskreis der Beiden immer kleiner wird, da sich fast alle früheren Spielkameraden weit von ihnen weg entwickeln. Sicher versuche ich, so gut es geht durch Außenkontakte, etwas dieses Defizit aufzufangen.

Doch muss ich spüren, das zu Hause alleine genügt ihnen so, wie es ist, nicht mehr.

Die Zeit scheint sich anzubahnen, langsam und behutsam die weitere Zukunft zum Erwachsenwerden hin zu planen und Möglichkeiten kennen zu lernen, allen Bedürfnissen von Steffi und Martin gerecht zu können in der Zukunft, für ihr weiteres Leben.

Für meine Kinder sind wir hier zu Hause zu wenige Personen. Es wird langweilig für sie, unausfüllend. Weitere Pflegekinder, die von der Grund und Gemütsstruktur, der Gesamtentwicklung zu ihnen passen würden, wird es aus Altersgründen nicht mehr geben, auch wenn es mit Sicherheit eine Bereicherung wäre. Wir können es auch nicht leisten, ständig quer durch Deutschland zu fahren um Kontakte anzubahnen, aus denen dann doch nichts werden kann. Ein weiterer Knackpunkt ist, dass wir es finanziell nicht schaffen, einfach auf gut Glück das Haus weiter auszubauen.
Ich bin schon heilfroh, dass Martin seit zwei Jahren sein großes, eigenes Zimmer und sein eigenes, passendes Badezimmer hat. Alleine diese Räume fertig zu stellen ging schon reichlich über die möglichen, vorhandenen Kapazitäten an Kraft und Geld.

 

Ich fange also an, mein Leben neu zu strukturieren. Muss es wieder neu aufbauen, teilweise, langsam, Stück für Stück.

Jürgen war so mutig, nach längerfristigem Ausprobieren hat er in diesem Jahr eine komplette Familie geheiratet und wir haben die juristischen Beratungen nun immer umsonst.

Es ist so schön zu spüren, dass wir alle so geliebt werden wie wir sind. Jürgen lässt uns einfach so sein- ohne Änderungswünsche.

Seit April dieses Jahres arbeite ich teilzeitig mit geteiltem Dienst, in der Früh und Spätschicht unserer Pflegestation als Hauspflegerin.

Es ist die einzige Möglichkeit hier auf dem platten Lande berufstätig zu sein, die mir trotzdem genug Raum und Zeit lässt, meinen Kindern weiterhin in jeder Hinsicht all das zukommen zu lassen, was sie brauchen, alle Zeiten ihrer Anwesenheit zu Hause abzudecken.

So gut er es kann hält mir mein lieber Mann für den nötigen Wochenend- und Spätdienst, die dazugehörenden, nötigen Fortbildungen, Dienstbesprechungen, den Rücken frei, so dass ich ohne Angst und ein schlechtes Gewissen aus dem Haus gehen kann. Auch sind unsere Urlaubszeiten nicht mehr ganz identisch.

Eine stundenweise einspringende ganz liebe Kinderbetreuung des DRK ,die mein Mann und ich uns einfach leisten, um auch einmal etwas alleine unternehmen zu können kommt einige Male im Monat zu uns ins Haus.

Eine Fachkraft mit dem nötigen Know How und sehr viel Liebe für die Kiddis im Herzen ,fast schon ein fester Bestandteil in unserem Leben. Sie kommt gerne in unseren Haushalt.

Diesen angenehmen Umstand geregelt zu bekommen war ein langwieriger, mühsamer Prozess.

So wie es nun ist, tut es uns allen gut.

Ab September will ich mit sehr viel Lust und Interesse beginnen berufsbegleitend die Altenpflegeausbildung für drei Jahre zu machen ,um dann auch weiterhin, hier in unserer Wohngegend berufstätig sein zu können, in einem Berufsfeld, das ganz gar meinen Wünschen und Fähigkeiten entspricht. Eine Tätigkeit, bei der ich einfach so sein darf, wie ich bin.

Das alles bringt auch noch mit sich, dass ich vieles lernen werde, was ich zukünftig bei der - wenn auch irgendwann nur noch Wochenendpflege oder Ferienpflege meiner Kinder- wissen und können muss. Auch sie werden älter und Martins Pflegeversorgung wird mit jedem Jahr komplizierter, da er nicht in der Lage ist, dabei mithelfen zu können.

Wir haben hoffentlich noch ein paar Jahre Zeit alles in die hoffentlich richtigen Bahnen zu lenken. Es wird kein Abschied werden, nur ein Abnabeln.

Steffi und Martin werden immer ein zu Hause haben und wir werden mit Sicherheit nicht aufhören, ihre Eltern zu sein und weiterhin für sie zu sorgen.

Es muss halt alles nur geplanter und behüteter von statten gehen, wie bei Kindern, die in der Lage sind, wie mein Großer Ricky, ihren eigenen Weg alleine zu gehen.