Die neue Puppe

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1993

Fast ganze drei Monate habe ich mit mir gekämpft. Jedes Mal, wenn ich in die Spielwarenabteilung dieses Ladens kam, musste ich unbedingt diese wunderschöne Puppe auf den Arm nehmen.
 
Ihr Gesichtchen sieht so ganz anders aus, wie die Puppengesichter üblicherweise aussehen. Diese Puppe ist auch kein deutsches, blondes Fräuleinwunder.
 
Große, offene, wunderbare, braune Augen, ein etwas melancholischer Blick, aber nicht maskenhaft. Schwarzes, etwas zerzaustes Haar im angedeuteten Pagenschnitt, die Hautfarbe bewegt sich zwischen rosa und weiß. Die Größe entspricht der, eines ganz kleinen, neugeborenen Säuglings. Alles in Allem sieht diese Puppe wirklich mehr wie ein Kindchen aus, nicht so sehr wie eine Puppe.
 
Mir gefiel diese Puppe so sehr, dass ich einfach davon ausging, dass sie meiner kleinen, 7jährigen Tochter Stefanie auch gefallen muss.
 
Letzten Freitag jedenfalls saß diese Puppe dann in meinem Einkaufswagen. Sehr dekorativ, ganz oben auf meinen anderen Einkäufen. Im Auto, als ich meine erworbenen Einkäufe einlud, setzte ich diese Puppe sogar auf den Beifahrersitz und stopfte sie nicht, wie alle anderen Einkäufe  in Kartons und Einkaufstaschen.
 
In mir kam schon eine kurze Überlegung auf, ob ich denn noch ganz dicht bin, mit 40 Jahren mein Herz an eine Puppe zu verlieren. Kann auch sein, dass tief in mir der Wunsch nach noch einem Kind schlummerte und aus Vernunftgründen nicht zum tragen kam. Steffi und Martin kosten schon meine ganze, mir mögliche Kraft. Auch wenn es in meinem Herzen anders aussieht und dort noch viele Zimmerchen frei sind.
 
Vielleicht war es ja doch etwas anderes. Zu Hause angekommen musste ich über mein Verhalten selber lachen betreffs dieser Puppe. Irgendwie kam da wohl doch klammheimlich, das kleine Mädchen, dass ich ja auch einmal war, zum Vorschein und dieses kleine Mädchen liebte Puppen nun mal über alles.
 
Jedenfalls war diese Puppe nun endlich, endlich hier bei uns zu Hause und ich stellte mir die Frage, wieso ich denn so lange mit dem Kauf gewartet hatte, wo es mir doch so schwer fiel, wochenlang der Versuchung, diese Puppe  zu kaufen, zu widerstehen und so teuer war sie ja nun wirklich nicht.
 
Ich hoffte, dass auch Steffi meine Lieblingspuppe in ihre puppenmütterlichen Arme nehmen würde, wenn sie aus der Kita nach Hause kommt.
 
Aber ich sollte mich tüchtig irren.
 
Steffi sah diese Puppe entrüstet an und wollte sie nicht einmal anfassen. “Nei, mag i niet“ sagte sie mir jedes Mal, wenn ich wieder versuchte, ihr diese Puppe näher zu bringen. Steffis Nein wurde auch ein jedes Mal lauter und deutlicher.
 
Ich setzte die Puppe auf Steffis Bett, Steffi warf sie ihm hohen Bogen wieder herunter.
 
Der Versuch, die Puppe in Steffis lila Puppenwiege zu legen, brachte das gleiche Ergebnis.
 
Dann hielt ich die Puppe vor Martins 6jähriges Nässchen und fragte ihn, ob ihm diese Puppe eventuell gefällt. Ich bekam ein kopfschüttelndes, grinsendes „Nee“ von meinem Söhnchen, der ansonsten schon gerne mal ganz liebevoll mit Puppen spielt.
 
Drei Tage lang versuchte ich immer wieder Steffi diese Puppe irgendwie unter zu jubeln, sie wollte leider einfach nichts von ihr wissen.
 
Am Samstag besuchte uns Carsten, unser geliebter, früherer ZDLer mit seiner Freundin.
 
Ich führte den Beiden die Puppe vor und sie waren genau so begeistert von ihr, wie ich. Also konnte ich doch gar nicht so ganz verkehrt liegen, dachte ich so bei mir.
 
Steffi jedenfalls warf die arme Puppe immer weiter weg, wenn sie sie in ihren räumlichen Bereichen entdeckte.
 
Nun sitzt die Puppe im Wohnzimmer auf dem Sofa und ich versuche heraus zu finden, was meine Kinder so abstoßend an ihr finden.
 
Steffis derzeit amtierende Lieblingspuppe, ist eine alte, haarlose Babypuppe mit Stoffkörper und Plastikarmen und Beinen. Ziemlich lädiert inzwischen und meistens nackidei. Aber ausgerechnet diese Puppe schleppt Steffi zur Zeit oft mit sich herum und nennt sie zärtlich „Baby“. Naja, ein so riesengroßer Puppenfan ist Steffi eigentlich nie wirklich gewesen, mehr ein Sandkasten und Wassermonster.
 
Vielleicht sieht meine Puppe ja nicht genug nach einem Baby aus, vielleicht hat sie zu viele, dunkle Haare, vielleicht wirkt ihr Gesicht nicht wie eine aufgemalte Maske. Woran kann es denn nur liegen?
 
Am Nachmittag des nächsten Tages, das Wetter war spitzenmäßig, waren alle angrenzenden Nachbarsfamilien komplett in ihren Gärten und wir allesamt in Unserem.
 
Meine Lieblingsnachbarin hatte wohl bei diesem herrlichen Wetter die Frühjahrsputzmussseinwut gepackt und auch das Zimmer der beiden Jüngsten musste dran glauben.
 
Timo, der zwölfjährige Nachbarjunge kam an den Zaun gelaufen und rief nach Steffi, mit einem fragenden Blick auf mich gerichtet, ob er Steffi das, was er auf dem Arm hielt, schenken dürfte. Seine Mutter meinte, das Ding nähme viel zu viel Platz weg und wir hätten ja ein bisschen mehr davon, weil bei uns nicht ganz so viele Kinder wohnen.
 
Sofort rannte Steffi auf Timo zu, ihre Ärmchen streckten sich im entgegen und sie freute sich tüchtig über das tolle Geschenk.
 
Glücklich und liebevoll drückte sie Dumbo, einen eigentlich grässlichen Jahrmarktslosbudenelefanten, der etwa 50cm groß und breit ist, an ihr Herz.
 
„Mami puck ma da, Babytärätärä“. Benjamin Blümchen lässt grüßen.
 
Wie schon so oft sah ich mein Töchterchen fassungslos an. Hätte sie dieses Riesenkuschelmonster mit den aufgeklebten Plastikaugen so abgelehnt und behandelt, wie meine Puppe, das hätte ich jederzeit verstanden.
 
Liebevoll legte Steffi diesen Dumbo in ihr Bett. Dasselbe Bett, aus dem noch vor kurzem eine wunderschöne Puppe in hohem Bogen raus flog.
 
Abends wagte ich dann nochmals einen Versuch, Steffi meine Puppe nahe zu bringen und setzte sie vorsichtig auf die Bettkante.
 
„Nein, hör auf“, schrie mein Kind mich energisch und laut an, und wupps, hast du nicht gesehen, lag die Puppe wieder auf dem Fußboden. Dieser Dumbo aber, wurde von Steffi herzlich in die Arme genommen und sein graurosafarbener Rüssel bekam ganz viele Bussis.
 
Ein paar Tage später machten wir alle zusammen in Kiel einen kleinen Einlaufsbummel und ich erwischte mich schon wieder bei diversen Merkwürdigkeiten.
 
Hielt ich doch tatsächlich in der Spielwarenabteilung eines Kaufhauses eine Packung mit Puppenpampers, Töpfchen, Fläschchen usw. in der Hand und überlegt ernsthaft, ob ich diese Dinge nicht für meine Puppe erwerben sollte.
 
Ich befragte Steffi, ob wir das vielleicht für die neue Puppe kaufen sollte, die so alleine, zu Hause, auf unserem Sofa sitzt.
 
Steffis Kommentar war kurz, aber viel sagend. „Oh Mann“, und dabei schüttelte sie ihr blondes Köpfchen und schlug sich mit der rechten Hand vor die Stirn.
 
Jaja, schon gut, ich finde mich halt damit ab, dass diese bedauernswerte, hübsche Puppe nicht in unsere Patchworkfamilie integriert wird. Vielleicht sollte ich schnellstens eine liebevolle, kleine Puppenmutter für sie suchen, damit sie endlich zu ihrem Recht kommt.