Die Schule ruft

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1991

Nun ist Martin fast sieben Jahre alt und nach den Sommerferien geht es auch für ihn endlich los mit der Schule.
 
Wir hatten Glück, Martin wird in der gleichen Schule aufgenommen, die auch seine Schwester Stefanie seit einem Jahr besucht.
 
Normalerweise müsste Martin eine Schule für Körperbehinderte besuchen, was sicher auf keinen Fall verkehrt wäre. Gäbe es da nicht die lange Fahrzeit und gute 70km zu unserer Wohnung, und das müsste Martin dann zweimal pro Tag aushalten, egal wie heiß es im Sommer in den Bussen ist und egal, wie viel Schnee und Eis die Fahrzeiten im Winter verlängern.  Außerdem krampft Martin noch recht häufig zur Zeit und wer soll ihm wie, dann helfen während der Fahrt? Leider ist in Schleswig-Holstein nur der Fahrer alleine im Schulbus, keine weitere Person falls irgendetwas passieren würde. Ich halte dies für unverantwortlich, vor allem auch vor dem Hintergrund, dass viele Fahrdienste recht betagte Rentner einsetzen. Wir wissen ja alle wie schnell es uns mit einem Herzinfarkt oder Schlaganfall erwischen kann, oder, wenn einfach nur der Kreislauf versagt.
 
Auf die Schule und den Unterricht freut Martin sich schon tüchtig, soweit er alles verstanden hat, was ihm über die Schule erzählt wurde. Außerdem will er mit Stefanie zusammen los fahren, so wie früher, als sie noch zusammen jeden Morgen gemeinsa zur Kita fahren durften.
 
Nun ist die wunderschöne Zeit in der Kita auch für Martin vorbei. Martin und Steffi besuchten jeweils für vier Jahre eine tolle, integrative Kindertagesstätte. Beide fühlten sich dort sehr wohl und gut aufgehoben.
 
Ganz besonders Martin hängt mit sehr viel Liebe an den anderen Kindern seiner Gespenstergruppe und den Kita  Mitarbeitern.
 
In der Kita hat Martin einen richtigen Freund gefunden, der mit seinen 6 Jahren Martin so gut versteht, wie niemand sonst.
 
Die fast nonverbale Kommunikation zu verstehen, die Martins Sprache ist hat Jo, sein Freund, ganz schnell gelernt, weil er Martin so sehr mag.
 
Jo ist indianischer Abstammung und ich denke, er kann mit seinem Herzen sehen und hören.
 
Beide Jungs gehen zärtlich miteinander um und Jo darf Martin auch maßregeln wegen des Kleckerns beim essen, für das Martin aber so gut wie gar nichts kann.
 
Für Martin ist Jo ein fester Bestandteil seines Lebens. Dass Jo mit Sicherheit schon bald einen Weg ohne Martin einschlagen wird, kann mein kleiner Sohn  sicherlich nicht verstehen. Wir haben es schon so oft erleben müssen und jedes Mal hat es wehgetan.
 
Den beiden Zdlern aus der Kita wird Martin auch sehr nach trauern. Es gab schon dicke Tränen, als Jan, der eine ZDLer, Martin erzählt hat, dass er auf eine ganz andere Schule gehen wird, wie er,  wenn seine Zivildienstzeit vorbei ist.
 
Martin schüttelte sein blondes Köpfchen und sagte energisch „Nein“ dazu. Sein Herz will diese Trennungen nicht zulassen und sein Verstand wird sich vielleicht nie so weit entwickeln können, das alles wirklich verstehen zu können.
 
Martin kann es akzeptieren, wenn jemand mal Urlaub macht oder zu einer Fortbildung geht, aber die Personen müssen wieder kommen, so wie er von der Kitafreizeit aus Dänemark ja auch wieder nach Hause gekommen ist zu seiner Familie.
 
Soweit ist es jedenfalls okay, aber ganz andere Wege gehen, dass dürfen Menschen, die Martin liebt, bitte nicht. Er möchte für immer mit ihnen zusammen bleiben dürfen. Armes Kind.
 
Wie sehr hoffe ich, dass Martin vergisst, in der Schule zu sitzen und auf seine alten Freunde zu warten. Hoffentlich findet er in der Schule genau so schnell liebevollen Anschluss und Sympathien, wie er dies in der Kita erfahren durfte.
 
Nun gehen meine beiden Kleinen zusammen zur Schule und ich kann es immer noch nicht fassen, wie entsetzlich schnell die Jahre vergangen sind.
 
Steffi war drei Monate alt, als sie zu uns kam, Martin 17 Monate und nun sind beide so schnell auf dem Weg zum erwachsen werden.
 
Auch wenn ich ihnen vieles davon gerne erspart hätte, aber sie müssen lernen, dass sich alles ständig verändert und dass es auch weh tun kann, sich selber zu verändern um andere Menschen, die sie lieben, los zu lassen.
 
Martins Schultüte steht auf unserem Wohnzimmerschrank und was Martin dort nicht auspacken wird, sind die Erinnerungen und Ängste in meinem Bauch und Herzen.
 
Dort an der Stelle, wo auch immer die Angst um Ricky und Steffi sitzt. Ich muss lernen, diese Angst etwas zu beherrschen, sonst steht sie mit Sicherheit der Entwicklung meiner Kinder irgendwann im Weg.
 
Aber ist es nicht natürlich, dass Mütter Angst und Sorge um ihre Kinder immer in ihren Herzen tragen? Gehört dieses Gefühl zu dem Gefühl der Liebe, die Mütter für ihre Kinder hegen?
 
Ich habe sie nun mal, diese Angst. Manchmal wächst sie sogar noch ein Stückchen weiter.