Ein menschliches Bedürfnis

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1993

Es war an einem schönen, sonnigen Tag im Mai und wir machten einen Besuch in der Ostseeklinik Damp.
 
Für Alle, die Damp nicht kennen, es ist ein Kurzentrum am Meer. Mit vielen Angeboten und Attraktionen für die Kuris und Patienten der Ostseeklinik.
 
Da wir mit den lebhaften Mäusen Steffi und Martin nicht so sehr lange Krankenbesuche machen können, machten wir einen Spaziergang an der Uferpromenade.
 
Die Kinder hatten schon bald einen Restaurationsbetrieb entdeckt, der auch Pommes rot und Cola im Angebot hatte. Kann man nämlich gut an dem Müll erkennen, der im Umfeld verteilt rum liegt.
 
Natürlich mussten wir dort eine längere Pause einlegen. Es war ziemlich voll, wie fast immer an den Wochenenden in Damp und wir mussten uns an den einzigen, freien Tisch in Nähe der Toiletten setzen.
 
Ich hatte Martin das Essen gegeben und sah, nachdem Martins Teller leer gefuttert war, ein bisschen aus wie ein Ferkel. Überall klebte Ketchup, weil Martin immer so schnell sein Köpfchen zur Seite gedreht hatte, um ja nichts zu verpassen, was hier im Lokal so rundherum passierte.
 
Steffi sah sich zwar auch ständig um, aber merkwürdigerweise, in Gaststätten isst sie immer total anständig und sauber, was sie zu Hause aus irgendeinem Grunde nicht für nötig hält.
 
Jedenfalls musste ich durch besagte Toilettentüre gehen, um die Spuren von Martins Mittagsessen an meinen Händen, Armen und auf der Bluse, zu beseitigen.
 
Martin sah mir lange nach und fragte Steffi „Hiam?“ wo ist Mama hingegangen?
 
Ich war sofort wieder bei meinen Kindern am Tisc zurück und erklärte Martin, dass sich hinter der Tür die Toilette befindet und auch ein Waschbecken zum sauber machen und Hände waschen dort ist. Und mit Steffi ging ich auch gleich noch mal hinter diese Tür, weil sie besser oft zur Toilette geht, bevor ein Missgeschick geschieht. Martin wird uns schon niemand klauen, wir beeilen uns ja auch.
Als Steffimaus und ich  wieder raus , aus der Toilette kamen, nickte Martin uns verständnisvoll zu, er wusste ja jetzt, wozu man durch diese Tür hindurch geht.
 
Natürlich benutzten diese Tür auch noch andere Besucher des Lokals.
Als die Tür wieder auf ging und ein älterer Mann zurück ins Lokal kam, strampelte Martin voller Freude mit den Beinen und brüllte so laut er konnte diesem Herrn entgegen: “AA?“.
 
Peinlich berührt, weil ja nun jeder erahnen konnte was er gemacht hatte,
ging der Herr ohne uns erkennbar zu beachten an seinen Tisch zurück.
 
Wir holten noch etwas zu trinken und mein Bauchweh, dass ich durch einen Lachanfall bekam, wegen Martins kindlich, fragender Vermutung und seiner Direktheit, ließ langsam nach und wir vergasen den Vorfall, aber nicht für lange.
 
Martin behielt von nun an die Toilettentür mit Argusaugen unter ständiger Beobachtung.
 
Hinein gehen in Richtung Sanitärraum, durfte jeder Gast ohne Kommentar, aber wehe, er traute sich wieder heraus zu kommen und die Tür wurde geöffnet von innen.
 
Zwar brüllte Martin nicht mehr so laut, aber es war immer noch ganz schön laut, was er den Toilettenbesuchern entgegen rief.
 
Freundlich hat niemand darauf reagiert und seit diesem Tag, egal wohin es uns zum essen Gehen verschlägt, eine ganz bestimmte Tür erkennt Martin sofort und es ist zur Zeit sein neues Hobby, jeden Menschen, den er erreichen kann, wenn dieser von der Toilette zurück kommt mit einem lauten „AA“, zu beglücken.