Ein Vormittag wie fast jeder Andere

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1989

Mein fast vierjähriges Töchterlein Stefanie, mit Down Syndrom, ist eigentlich ständig für irgendwelche Überraschungen gut.

Heute Vormittag zum Beispiel, die supernette Frühförderin Ulrike hatte gerade die Fördereinheit mit Steffi beendet und wollte sich meinem Söhnchen Martin in Sachen Frühförderung zuwenden, trat Steffi in Aktion.
 
Wir erlaubten Steffi, wenn sie Jacke und Gummistiefel anzieht, dass sie  nun alleine in den Garten gehen darf, um zu spielen, damit Martin nicht ständig abgelenkt wird und sich besser konzentrieren kann zur Mitarbeit .
 
Das Angebot - alleine - und ohne jede Aufsicht raus gehen zu dürfen, lies sich das gute Kind nicht zweimal machen. Postwendend, etwas merkwürdig grinsend, verließ mein Kind das Haus durch die Terrassentür in Richtung Garten.
 
Steffi war nicht bewusst, dass wir jeden, ihrer kleinen Schritte durch das Fenster im Spielzimmer beobachten konnten.
 
Sehr eilig hatte Steffimaus es heute, in die Nähe des Planschbeckens zu gelangen. Eigentlich hatte ich ja gehofft, dass sie bei dem kühlen Wetter, des heutigen Tages, in die Sandkiste klettert zum Buddeln. Was sie ansonsten ja auch gerne und stundenlang macht.
 
Heute jedenfalls, bei ca. 8 Grad Außentemperatur, die wir, obwohl Mitte Juli, ertragen müssen, stand mein kleines Monster, mit übereinander verschränkten Armen, und einer absoluten Unschuldsmine vor dem Planschbecken. Aber nur für eine Minute. Dann sah sie sich nach allen Seiten prüfend um - aha, keiner zu sehen, - na gut - und sprang mit komplett allem, was sie am Leibe trug, hinein ins, heute wirklich sehr kühle, Nass.


Gute zehn Minuten störte es Steffi nicht im Geringsten, das es kalt war, und das ihre Klamotten allesamt, nass, schwer und irre kühl sein mussten. Wir warteten ab, weil wir dachten, sie wird schon von alleine kommen und kann sich so eigentlich nicht wirklich wohl fühlen.
 
Dann kam wieder der prüfende Blick in alle Richtungen- immer noch keiner da - na gut.
 
Ganz vorsichtig stieg Steffi nun triefend aus dem gut gefüllten Planschbecken heraus, darauf achtend, keine verräterischen Geräusche zu machen - man kann ja nie wissen. Dann nochmaliges Umsehen um sicher zu gehen, dass sie nicht gesehen wird. Irgendwie weiß sie ja doch, wenn es Müll ist, was sie so macht.
 
Und dann, aha, oh super - ein frischgehobener, großer, Maulwurfshügel in unmittelbarer Nähe des Planschbeckens. Wieder ein prüfendes Umsehen nach allen Seiten - und dann, juppheidi, hinein, nass und kalt wie das gute Kind nun mal war.
 
Nach weiteren zwei Minuten sah das gute Kind original aus, wie ein Erdferkel nach dem Schlammsuhlen in Person, aus dem Neumünsteraner Tierpark- aber sie war glücklich.
 
Wir Großen konnten dieses Glück nicht so ganz nach empfinden, weil uns der kalte Schauer den Rücken herunter lief, aber wir waren ja auch nicht Stefanie.
 
Carsten, unser lieber Zdler hatte großes Glück, dass er gerade auf einem Lehrgang war. Ansonsten teilen wir uns dann immer die Auswirkungen von Steffis Glücksgefühlen, damit wir dann alle etwas davon haben. Glück soll man ja schließlich teilen, nicht wahr?
 
Steffi gibt uns dazu irre oft Gelegenheit.
 
Unsere Badewanne und Waschmaschine sind Dank Steffimaus hoch frequentierte Gegenstände.
 
Ob sie krank wurde durch diese Aktion? Oh nein, im Gegenteil. Anscheinend gerade deshalb ist Steffi wesentlicher seltener krank, wie andere Kinder, sie immunisiert sich wahrscheinlich, so zu sagen, selber auf ihre ganz individuelle Art, glücklich zu sein.