Eine anstrengende Woche

Ricky Reitzig,1997

Jetzt war es soweit.

Mutti trat ihren so lang ersehnten Urlaub, zusammen mit ihrem Lebensgefährten Jürgen, ganz ohne Kinder, an.

Eine ganze Woche war ich nun zusammen, mit einer Familienhelferin der Lebenshilfe Rendsburg (sie war an den Nachmittagen drei Stunden bei uns) - für die Versorgung meiner Geschwister Steffi (Down-Syndrom, geb. 1985) und Martin (mehrfach behindert, geb. 1986) verantwortlich.

Ich hatte meiner Mutter fünf Tage Freizeit zum Geburtstag geschenkt, weil sie wie immer, keine Wünsche hatte, außer, dass ihre Kinder brav sind und gesund bleiben.

Auch wenn diese Aktion schon mehrere Wochen zuvor bis in kleinste Detail besprochen war, ging ich mit sehr gemischten Gefühlen an die Sache heran.

Meiner Mutter gönnte ich von ganzem Herzen diese Auszeit, sehr viel Zeit hat sie nie für sich alleine beansprucht.

Aber, werde ich der Aufgabe gewachsen sein und wie werde ich damit umgehen, keinen Feierabend mehr, so wie ich ihn bisher gewohnt bin, zu haben.

Wird vor allem Martin diese Woche ohne weitere Zwischenfälle, ohne Erkältung und vor allem ohne große Krampfanfälle überstehen?

Meiner Mutter war sicher nicht ganz wohl bei dem Gedanken, die Kleinen für eine ganze Woche aus ihrer beschützenden Obhut zu entlassen.

Sie plante und sprach alles so intensiv durch mit mir, und sie schrieb alles noch mal genauestens auf, als hätte ich Steffi und Martin noch nie in meinem Leben zuvor gesehen. Dabei war ich doch schon zehn Jahre alt, als Steffi im Alter von drei Monaten in unsere Familie kam, und noch ein Jährchen älter, als dann auch Martin, mit 17 Lebensmonaten bei uns einzog

Ich denke, meine Mutter wollte einfach ganz sicher sein können, dass alles reibungslos und gut funktioniert, weil sie in den fünf Tagen nicht rund um die Uhr erreichbar sein wollte.

Da ich zur Zeit meinen Zivildienst in der Kita-Boostedt ableiste, ich bin jetzt 21 Jahre alt, sah der Tagesablauf für die bevorstehende Woche für mich wie folgt, total voll gepackt aus.:

Um 5.00 Uhr aufstehen, sofort ins Badezimmer und dann Frühstück vorbereiten, Katzen füttern, Waschmaschine anstellen.

Dann Steffi und Martin wecken, entwindeln, auf Toilette(nstuhl) setzen, waschen, Zähne putzen, windeln, anziehen. Gemeinsam frühstücken, wobei Martin zu 100% Hilfe braucht, Kinder nach dem Frühstück wieder reinigen, Schultasche packen, anziehen, auf den Schulbus warten, Abschiedsküsschen, winke, winke.

Von Beringstedt nach Boostedt, ca. 40km, in die Kita fahren, um 17.00 Uhr Feierabend, wieder nach Beringstedt fahren, die Familienhelferin, die die Kiddis nach der Schule in Empfang nahm und betreute, ablösen.

Mit meinen Geschwistern spielen, Wäsche aufhängen Abendbrot machen, Kinder auf Toilette setzen, waschen Zähne putzen, Windeln anlegen, anziehen, ins Bettchen bringen, Geschichte erzählen, noch ein bisschen knuddeln, 19.30 Uhr Licht aus, Babyphon einschalten, Gute Nacht, Küsschen, schlaft schön.

Martin möglichst dreimal Nachts umlagern, damit er keine Druckstellen bekommt. Keine Ahnung ob ich nachts noch mal aufwache, ich versuche dran zu denken. Auf gar keinen Fall Martins Medikamente vergessen und immer beim Wickeln seine Problemstellen eincremen.

Nun noch, das Chaos im Haus wieder zu beseitigen, Wäsche abhängen usw. etwas entspannen am TV oder PC, um dann todmüde ins Bett zu fallen.

Am Sonntagmittag traf ich, wie abgemacht in Beringstedt ein. Meine Singlewohnung befindet sich in Neumünster, wegen der guten, verkehrsgünstigen Lage.

Gemeinsames Mittagessen, danach großer Abschied, Mama, Jürgen und Gipsy - unser Hund, hüpften in Jürgens Auto und düsten los. Mamas Auto blieb hier, weil meine alte Schrottkiste keine Garantie für pünktliches ankommen ist.

Dieser Abschied machte meinen Geschwistern gar nichts aus und wir schalteten erst mal die Glotze ein, später legten wir CDs ein, da ich vom Samstagabend auf der Piste, noch ziemlich kaputt war und keinen Bock auf großartige Action hatte. Ich bin ja auch nur für mich alleine verantwortlich.

Beim gemeinsamen Abendbrot und entgegen aller Vorraussagen unserer Mutter, aß Martin nicht nur Toastbrot mit Kürbismarmelade oder Erdnusscreme, sondern er verlangte mit Nachdruck, von allem zu probieren, was ich mir so Leckeres auf meine Toastbrote legte.

Steffi war mit allem zufrieden, was auf den Tisch kam, solange es in reichlicher Menge vorhanden war. Mama nennt meine Schwester immer Vielfraßbaby.

Der Montag begann wenig aufregend und es kam auch nichts Besonderes vor an diesem Tag.

Dienstagmorgen allerdings, hatte ich große Probleme. Das frühe Aufstehen fiel mir schon recht schwer, und ich freute mich schon auf das nächste Wochenende, welches im Moment noch sehr fern lag.

Drei Tassen mit starkem Kaffee, halfen mir dann aber recht bald auf die Beine oder so.

Abends haben wir Drei dann eine zünftige Kissenschlacht veranstaltet. Das heißt, eher Steffi und ich, Martin saß in seinem Rolli und beobachtete das wilde Geschehen mit lautem Gelächter. Er fand es supertoll, wenn ihn dann auch mal ein Kissen traf. Er musste sich so toll schütteln vor Lachen, dass er beinahe aus seinem Rollstuhl gekippt wäre dabei.

Steffi konnte ganz schön hinterhältig sein. Wenn ich nämlich ein Kissen auf Martin warf, stand sie vor mir und schimpfte mich aus, ich solle Martin in Ruhe lassen.

Zielte ich aber mit dem Kissen nach Steffi, zeigte sie auf Martin und wollte, dass ich ihn bewerfe. Also wie nun?

Martin konnte sich kaum einkriegen vor lachen. Es tat mir sehr leid, dass Martin aufgrund seiner Behinderung eine so passive Rolle bei diesem Spiel hatte, aber das empfand wohl nur ich so.

Am Donnerstagmorgen waren Steffi und Martin wohl auch nicht so ganz damit einverstanden, so früh aufstehen zu müssen. Ich bemühte mich, zwei völlig ungenießbare Kinder zu versorgen.

Da ich selber ein ziemlicher Morgenmuffel bin (tut mir leid Mama), war es schon ein Stück harte Arbeit, bei dem Geschreie, Gebocke und Theater der Kleinen, ruhig zu bleiben. Ich hielt aber tapfer durch, und auch dieser Morgen ging vorüber.

Meine physische und psychische Verfassung wurde allerdings auch zunehmend schlechter und ich hatte große Lust, mich wieder ins Bett zu legen, nachdem die Beiden endlich im Schulbus saßen.

Aber mein Pflichtbewusstsein siegte und ich machte mich auf den Weg nach Boostedt, um dort meiner Tätigkeit in der Kita nach zu gehen. Da ich Erzieher bin, wurde ich dort in der Gruppe, hauptsächlich für pädagogische Belange, eingesetzt und weniger als Hausmeister wie eigentlich geplant war.

Ich kann dort also nicht einfach mal so abschalten für ein paar Stunden. Trotzdem macht es mir dort unter normalen Umständen sehr viel Spaß. Nette Kinder und ein nettes Kollegenteam erwarten mich dort schließlich jeden Tag. Hat ja auch nicht Jeder.

Für den Nachmittag hatte ich mir vorgenommen, mit meinen Geschwistern zu einem Restpostenmarkt zu fahren in Beringstedt ,um einige Einkäufe zu tätigen und auch, um mal zu erleben, ob es wirklich so schwierig ist, wie Mutti immer sagt, ohne eine weitere Begleitperson mit den Beiden einkaufen zu gehen, oder ob es eventuell daran liegt, wie man diese Sache angeht. Kann ja auch sein, dass die lieben Kinderchen nur bei Mama Stress machen. Hm?

So betraten wir dann besagten Laden. Ich schob Martin in seinem Rolli, Steffi schlurfte neben uns her.

Dieser Laden ist recht geräumig, ich schätze so 2000qm alles in allem, draußen stehen dann noch einige Marktbeschicker mit ihren Verkaufswagen. Man kann fast alles hier im Dorf bekommen, an den Tagen, an denen dieser Laden geöffnet ist - Donnerstag, Freitag und Samstag.

Gemeinsam liefen wir durch die Bekleidungsabteilung, bis Steffi eine große, blaue Rutsche entdeckte, die als Vorführmodell in einer Ecke des Ladens aufgebaut war. Sie gab mir zu verstehen, dass sie dort gerne spielen möchte. Unter der Auflage, dass sie auf alle Fälle dann auch dort bleiben soll um auf uns zu warten, erlaubte ich es ihr.

Martin und ich gingen nun zu den Lebensmitteln und ich legte ihm so einige Teile auf den Schoß, weil ich keinen Einkaufswagen hinter mir her ziehen mochte.

Unter unserer Beute befand sich auch ein Glas Nutella. Als Martin erkannte, was ich da soeben auf seinem Schoß abgelegt hatte, strahlte er und war wohl der Ansicht, dass dieses Glas Nutella nun seines sein sollte. Das hatte ich natürlich nicht so recht bedacht, als ich es bei ihm ablegte.

Steffi hatte tatsächlich lieb bei der Rutsche auf uns gewartet und so durften sich beide Kinder noch etwas aussuchen.

Martin wählte ein kleines Spielzeugauto, Steffi musste ich dann mühsam überreden, doch lieber ein Comicheft zu nehmen, weil mir der Malkasten, den sie sich ausgesucht hatte, für 20 DM dann doch zu teuer war, und für so eine Ausgabe nicht genügend Geld in meinem Geldbeutel war.

Wir gingen zur Kasse, bezahlten und fuhren nach Hause. Das Gröbste war dann wohl für diesen Tag überstanden, dachte ich mit Stolz erfüllt, da es so gut wie keine Probleme beim Einkaufen gegeben hatte und Steffi im Laden nichts angestellt hatte.

Bei Mutti läuft das wohl irgendwie anders.

Zu Hause spielte Martin mit seinem neuen Autochen und Steffi kritzelte in ihrem Comic herum.

Beim Abendbrot beschäftigte Martin nur eine Sache - Ella (Nutella). Ich erklärte ihm, dass ich dieses Nutella eigentlich für mich gekauft hatte und morgen mit nach Hause, in meine Wohnung nehmen möchte, und dass ich weiß, dass Mama es nicht so toll findet, wenn Martin und Steffi solche Dinge essen, wegen Karies und Verstopfung.

Ich bin schon groß und darf das, weil ich niemanden mehr fragen muss.

Nun war Martin stocksauer und beleidigt. Unter ohrenbetäubendem Geschrei kullerten ihm riesige Krokodilstränen die Wangen herab,

Ständig kam – Ella, Ella, und jedes Mal erklärte ich Martin aufs Neue, was es denn mit dem Glas Nutella auf sich hat.

Ich blieb auch konsequent, aber weil mir mein kleiner Bruder dann doch irgendwie leid tat, versprach ich ihm, beim ins Bett gehen, dass er am nächsten Morgen zum Frühstück ein Stück Toast mit Nutella bekommt und auch eine kleine Scheibe Nutella Brot mit in die Schule, zum Frühstück nehmen, darf.

Dieses Versprechen garantierte mir dann zumindest, dass Martin wenigstens seelenruhig einschlief, und sich wegen einem Glas Nutella nicht in den Schlaf weinte.

Steffi war von der Aktion Nutella ziemlich unbeeindruckt und hielt sich erstaunlicher Weise aus allem raus. Ich nehme an, sie hatte nicht erkannt, was in diesem Glas drin war - mein Glück.

Der folgende Morgen begann für Martin dann wohl wie Geburtstag und Weihnachten zusammen. Schon bei der morgendlichen Umarmung beim Wecken, hauchte mir Martin ein freudiges – Ella - ins Ohr.

Martin hätte locker, wenn ich ihn gelassen hätte, an diesem Morgen das Glas Nutella zweimal weg geputzt.

Nach dem zweiten Nutellatoast bremste ich das Frühstück dann aber ab und entfernte Martins braune Gesichtsmaske mit Feuchttüchern.

Aber jetzt wollte auch Steffi Nutella auf ihr Brot und ließ den, ansonsten von ihr so heiß begehrten Frischkäse, links liegen.

Nun wusste das gute Kind natürlich, was in diesem Glas drin ist, sie kann nämlich ganz gut sehen ansonsten.

Nun ließ ich Martin wissen, dass ich den Rest Nutella aber einpacke und mit nach Hause nehme - das war ein Fehler. Wieder liefen die Tränen und er schrie aus Leibeskräften. Des lieben Friedens willen, gab ich nun auf und vermachte dieses Glas Nutella nun Martin, damit er sich wieder beruhigen konnte. Mama wird nicht so begeistert sein, aber den Kampf überließ ich ihr. Ich besorge mir dann halt – alleine - ein neues Glas Nutella.

Martin hatte diesen Machtkampf mit mir jedenfalls gewonnen.

Am Freitagnachmittag wurde die Wochenendbetreuung von Steffi und Martin dann von einer Freundin meiner Mutter übernommen und ich konnte mich auf den Heimweg machen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich dringend etwas Erholung brauche.

Nebenbei hatte ich dann noch den Schuppen aus geräumt, in dem ich schon, seit ich vierzehn war, an Mofas herumschraubte. Mutti meinte, sie wolle diesen Sondermüll und die Reste aus meiner Werkstattzeit absolut nicht für die Ewigkeit hier behalten, und hatte mir schon ein bisschen angedroht, mir alles zu meiner kleinen Stadtwohnung zu karren. Da ich meine Mutter kenne, wusste ich, es wird höchste Zeit für mich aufzuräumen. Sie hat auch Recht, ich hatte inzwischen auch gar kein rechtes Interesse mehr an Mofas.

Den Rasen hatte ich auch noch irgendwie abgemäht, mit größeren Unterbrechungen.

Ich war doch „ nur“ 5 Tage Morgens, Abends und Nachts für die Betreuung von Steffi und Martin zuständig war, und obwohl wir nicht mal etwas Großes unternommen hatten, war ich fix und fertig. Obwohl ich viele Jahre mit ihnen zusammen gelebt habe und ab und an mal eine Stunde oder Zwei auf meine Geschwister aufgepasst hatte, habe ich eigentlich jetzt erst erfahren, was es für eine große Aufgabe ist, zwei Kinder komplett und ständig zu versorgen, voll und ganz in allen Belangen für sie verantwortlich zu sein. Keinen Feierabend zu haben, wenn eigentlich doch Feierabend ist und Nachts nicht richtig schlafen zu können, weil jederzeit etwas mit Martin sein könnte oder Steffi, wie des Öfteren, um 3 Uhr Morgens einfach ausgeschlafen hat. Das immer für andere da sein müssen, so kurz nach Aufstehen, bin ich auch absolut nicht gewohnt.

Diese Form zu leben ist zwar sehr erfüllend und schön, aber auf der anderen Seite extrem anstrengend und kräftezehrend. Und ich habe nur ein Teilchen von Allem abbekommen.

Ich möchte hiermit meiner Mutter, ihrem Lebensgefährten, der sich ja nun entschlossen, all dies mit zu tragen, und allen Familien, die sich für so ein ganz besonderes Leben entschieden haben, meine Hochachtung aussprechen.

Erkannt habe ich, obwohl ich Mama, Steffi und Martin schon so lange kenne, ich weiß eigentlich so wenig über sie.

Mit achtzehn habe ich meine eigene Wohnung bezogen und bin oft einfach nur so, zu Besuch gekommen, dachte, ich hätte immer alles voll im Blick.

Aber Gelegentliche Besuche reichen wohl doch nicht aus, um alles zu erkennen.

Ich habe gespürt, wie viel mir meine Geschwister bedeuten, wie sehr ich meine Familie liebe und dass ich mir mein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen kann und wünsche.

Allerdings fehlt mir die Kraft und das Durchhaltvermögen, zumindest jetzt, zu dieser Zeit, mich voll und ganz auf solch eine Lebensführung ein zu lassen, weil ich das Gefühl habe, angekettet zu sein.

Vielleicht ändert es sich bei mir, wenn ich noch älter werde und ich beginne mein Leben dann irgendwie, irgendwann doch genau so.