Einpendeln

Brigitte Betzel-Haarnagel, 29.06.02

So langsam pendelt sich einiges ein.
 
Die Kinder werden morgens regelmäßig um 8.05 Uhr vom Fahrdienst abgeholt und sind Mo - Do 15.15 Uhr und Fr. 12.15 Uhr zu Hause.
 
Diese Woche hat Steffi keine Sitzblockaden mehr gemacht und musste auch nicht von den beiden Zdlern hoch oder irgendwohin gezogen werden.
 
Sie muss zwar mindestens zweimal aufgefordert werden, macht aber dann doch was sie soll.
 
Steffis Aufgabe in der neuen Klasse ist jeden Tag Tee für das Frühstück zu sorgen  und den Geschirrwagen fürs Frühstück auffüllen.
 
Sie flucht nach wie vor, es lässt sich allerdings niemand mehr gefallen, wenn sie ihn Arschloch nennt. Sie muss sich dann entschuldigen.
 
Religion haben Steffi und Martins Klasse gemeinsam und im nächsten Jahr kommt Konfirmandenunterricht dazu. Das finde ich besonders toll.
 
Die Klassenräume müssen häufig gewechselt werden, was Steffi ja so gar nicht passt. Speziell Steffi muss mit einer anderen Klasse Frühstücksbrezeln schmieren, die dann verkauft werden.
 
In einer weiteren Klasse wird Steffi für ein Praktikum in der WfB vorbereitet und in noch einer weiteren Klasse nimmt sie am normalen Deutsch und Matheunterricht teil.
 
Am besten gefällt Steffi natürlich das Schwimmbad im Hause. Was nun natürlich dazu führt, dass sie ihr Schwimmzeug jeden Tag zur Schule mitnehmen will und so schon am frühen Morgen tüchtigen Rambazamba hier abhält.
 
 
 
Martin, unser Strahlemann,  fühlt sich wohl und ist zufrieden. Am tollsten findet er, mit den Anderen gemeinsam E - Rolli zu fahren, durch die langen und weiten Gänge der Schule zu heizen. Es gibt hier in der neuen Schule speziellen Rollifahrerunterricht mit Training und allem drum und dran.
 
Diese Woche hatten wir eine Besprechung zu Thema Talker und Martins Lehrerin wird nun regelmäßig Worte aus dem Unterrichtsinhalt Martin zum Talken aufgeben.
 
Demnächst bekommt er noch zusätzliche Extraeinheiten in unterstützter Kommunikation von den PC-Fachkräften an der Schule. Diese Räume liegen im 5. Stock des Internatsgebäudes und wenn man mit dem Fahrstuhl oben angekommen ist, ist es eine Wahnsinnsaussicht rundherum. Findet Martin auch super. Hoffentlich kann er hier auch mithalten und hoffentlich verliert er nicht die Lust am Lernen. Seine Lernbehinderung macht es ihm oft schwer, den nötigen Ehrgeiz zu entwickeln, sein Köpfchen anzustrengen.
 
Hier zu Hause geht es pö a pö weiter und Ende der nächsten Woche sind dann endlich auch die Fensterläden allesamt Enzianblau gestrichen. Dann habe ich auch keine Lust mehrweiterhin den Hausmeister zu machen, zu meinem Tagesprogramm . Haustür und Garagentor hatte ich tatsächlich in den Sommerferien schon fertig gestrichen bekommen.
 
Jürgen hat seine Spielgenehmigung für den Tammer Schachverein 2. Mannschaft bekommen, damit ist er sehr zufrieden. Das Schachspiel gehört nun mal zum Leben meines Mannes.
 
Meine Wenigkeit hat noch immer bis zu 10 Std. täglich irgendetwas am und im Haus zu richten, was besser vor Anbruch des Winters gemacht sein sollte.
 
Morgen kommt Ricky zu Besuch und er streicht netterweise mit Jürgen zusammen nun die Hausfassade ein zweites Mal über, damit das Häusle  auch von außen endlich anständig aussieht.
 
Ende des Monats werden viele kleine Obstbäumchen geliefert und Ziersträucher. Ich werde wieder überall um Ableger betteln, um im nächsten Frühling wenigstens etwas pflanzliches Leben im Garten zu haben. Das ist die Tätigkeit, auf die ich mich am meisten freue. Ich glaube, so ganz ohne Garten wäre ich todunglücklich. Bin ein Leben ohne Garten auch gar nicht mehr gewohnt und habe hier so meinen eigenen, rustikalen Umgang mit Flora und Fauna entwickelt. Diese Art, einen Garten zu bearbeiten passt mit Sicherheit nicht in ein steril gehaltenes unser Dorf soll schöner werden, aber er passt zu meiner Seele und meinem Wohlbefinden und einem kleinen Touch des Gefühls der Freiheit.
 
Die letzten beiden Tage haben Steffi und Martin unsere Videoaufnahmen aus Nortorf angesehen und mir hat es wieder einen Stich ins Herz versetzt. Ich versuche, nicht mehr so oft an früher zu denken, aber es ist noch viel zu nah und zu sehr in mir, in uns.
 
Seit letzten Sonntag schläft Steffi oben in ihrem Schlafzimmer, das nun gerichtet ist. Beide Kinder haben zwar tüchtig gemeckert, aber nun ist es okay. Es war einfach zu kalt auf der Luftmatratze für sie und bevor der Fahrstuhl nicht Angebaut ist, muss Martin unten im Tagesraum, erst mal alleine schlafen. Er ist inzwischen zu schwer, wir können ihn nicht mehr einfach so über die Treppe nach oben tragen. Aber wir haben ja ein Babyphon und können ihn immer hören, sofort bei ihm sein, wenn wir hören, er wird unruhig.
 
Martin schreit noch immer beim Duschen wie am Spieß, aber in der Schule hat er zumindest dann, wenn er von seinem Sportlehrer im Schwimmbecken, auf der Schwimmatte platziert war, damit aufgehört, während er beim Duschen vorher, wie immer seine liebliche Stimme in hohen Tönen erklingen ließ. Er hasst es, geduscht zu werden, das wussten wir ja schon immer, aber deshalb so ein Mordsgeschrei zu veranstalten? Es gehört doch einfach mit dazu.
 
Inzwischen ist auch der Draht zu den Klassenlehrerinnen und Lehrern ganz angenehm und es finden einige Gespräche statt. In keiner Klasse ist es für die Lehrkräfte einfach, alle Aufgaben und die besonderen Bedürfnisse jedes Kindes  unter einen Hut zu bringen, es ist hier in der großen Schule völlig anders als in Nortorf, einer kleinen, sehr überschaubaren Sonderschule. Auch dort war es sicherlich nicht einfach, aber die Behinderungen der Kinder hier sind in den meisten Fällen viel schwerwiegender und ihre Auswirkungen arbeitsintensiver, zusätzlich, zu den Unterrichtseinheiten.
 
Der übliche Elternabend ist hier ein Elternsonntag. Die Eltern der Internatskinder besuchen ihre Kinder an diesem Tag im Internat, die Internatskinder haben an diesem Wochenende ihr Internatswochenende und um 16 Uhr ist dann so was wie Elternabend in den Klassen der Kinder. Dieses mal müssen wir unsere Kinder mit nehmen zu dem Elterngespräch, - es würde sicher zuviel Belastung, sie auch noch mit neuen Kinderbetreuern zu belasten- und uns aufteilen, was ich persönlich nicht so toll finde, weil es schon wichtig ist, beide Klassen voll und ganz zu erleben.
 
Wir sind hier einfach völlige Outsider sollten soviel Infos wie möglich erhaschen.
 
Steffi und Martin können dann in der Zwischenzeit ihr Abendbrot essen und in der Pausenhalle spielen unter Aufsicht.
 
Martin fragt dauernd nach, wann der Weihnachtsmann kommt, weil Umsatzhungrige schon Ende der Sommerferien den ganzen Weihnachtskram in den Verkaufständen anbieten. Es ist auch einfach zu grausam, dann noch drei Monate warten zu müssen. Vor allem, wenn nur ein paar Kilometer von uns entfernt schon das Schneechaos tobte.
 
Mit den Nachbarn hat sich inzwischen noch nichts Neues ergeben, aber ich werde, sofern ich hier etwas Luft habe, auf den Herzlich willkommen Brief von der Pfarrgemeinde reagieren und tatsächlich den Gemeindepastor zu einem Gespräch aufsuchen. Wahrscheinlich geraten wir nur so an Menschen, die offen sind für Neuegezogenen und nicht nur nach dem äußeren Erscheinungsbild gehen.


Bei unserem heutigen Morgenspaziergang kam Steffi tatsächlich die Hälfte der Strecke mit ohne zu maulen. Dann aber entdeckte sie eine Bank am Wegesrand und wollte nicht mehr weiter gehen . Wir sind weitergegangen ohne unsere Quietschmaus, ziemlich weit sogar, Steffi blieb stur sitzen. Erst als Jürgen zurückging um sie zu holen, stand sie auf, als er vor der Bank ankam , auf der sie saß, stand auf und lief freudig auf Martin zu.
 
An Mc. Donalds kamen wir dann doch nicht ohne anzuhalten vorbei. Da Martin ziemlich erkältet ist, wollte ich mich nicht unbedingt in die verräucherten Räumlichkeiten setzen und so erwarb Jürgen für die Kiddis das Übliche Gourmenterlebniss und wir fuhren nach Hause, um unsere Beute dort zu vertilgen.