Erlebnispädagogik

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1997

Erst gegen Mittag war ich mit meiner Hausarbeit soweit vorangekommen, endlich einmal wieder einen ausgiebigen Rundgang durch den Garten machen zu können. Bügeln hält ganz schön auf, vor allem, wenn man zwei Wochen nichts getan hat davon.
 
Noch in aller Ruhe, dachte ich mir so, bevor die Kinder aus der Schule wieder nach Hause kommen, wollte ich den Garten auf mich wirken lassen.
 
Das Wochenende war etwas turbulent gelaufen, da es Martin nicht so gut ging und draußen auch dichter Nebel die herrliche Weitsicht verschleierte. Irgendwie fehltemir die Zeit für den ansonsten üblichen Gartenrundgang.
 
Ich bewunderte die bunt und üppig blühenden Kissenastern unter einem Holunderstrauch, meine Augen schweiften nach links. Irgendwie war hier etwas anders als die Tage zuvor. Ich konnte „dieses Anders„ bloß auf den ersten Blick nicht so recht lokalisieren und deuten.
 
Die Hühner freuten sich über Brotreste, die ich in weitem Bogen über den Zaun des Hühnerauslaufes warf. Es ist nicht unbedingt unpraktisch, Resteverwerter als Mitbewohner zu haben.
 
Weiter bewegte ich mich langsam nach links, gen Komposthaufen, auf dem zwei Hühner fröhlich nach Leckereien scharten. Beneidenswert dachte ich so bei mir, habe sonst nichts zu tun, nur ab und an mal ein Ei legen und ansonsten nur nett gackern.
 
Diese Ecke ist es also - aber was ist es ? So einfach aus dem Bauch heraus spürte ich etwas Merkwürdiges und obwohl meine Augen es sahen, kam es immer noch nicht so ganz in meinem Kopf an.
 
Noch zehn Schritte weiter, an den grundstückabgrenzenden Gartenzaun gelangend und dann bekam ich vor Schock regelrecht keine Luft mehr.
 
Direkt neben und hinter dem Komposthaufen hatte ich den Bauschutt, der in den letzten zwei Jahren noch zusätzlich anfiel abgelegt, um ihn irgendwann mal per Container zu entsorgen. Dieser Bauschutt stört dort niemanden, er erfüllt sogar noch eine sinnvolle Aufgabe. Er stützt die
 
 
 
Seitenwände des Komposthaufens. Eine wirklich prima Sache, weil so ganz perfekt ist mir diese Konstruktion aus Resteholz nicht gelungen.
 
Nun lagen, sehr weiträumig verteilt ungefähr ein Kubikmeter dieses Bauschuttes  auf der an unser Gründstück angrenzenden, Koppel. Sie war - landwirtschaftlicherseits - aufs Feinste hin bearbeitet und mit Wintergerste besät.
 
Der Pächter dieser Koppel ist nicht ganz so unkompliziert, wie wir ihn gerne hätten. Dieses ging mir als erstes durch den Kopf. Der zweite Gedanke war, wie kriege ich den Müll am schnellsten wieder zurück auf seinen angestammten Platz am Komposthaufen und wie stelle ich es an, dass mich dabei niemand sieht. Vin meiner Statur her übersieht man mich eigentlich nicht so leicht.
 
Dummerweise ist nämlich genau diese Stelle der Koppel und unseres Grundstückes bestens von der Straße aus einzusehen, selbst in übergeschwindigem Vorbeifahren und hoffentlich hat nicht schon jemand oder ist eventuell mit einem Hubschrauber über Land geflogen. Nebel war natürlich heute auch nicht mehr.
 
Dann sagte eine Stimme in mir: “Wieso denn ich, wieso soll ich das alles wieder aufsammeln ?“.
 
Auf diese Stimme höre ich, beschloss ich und nur nicht aufregen und schön ruhig bleiben und es wird schon nichts passieren und so tun als sei das alles ganz normal, ja.
 
Aus dem Kleiderschrank im Kinderzimmer holte ich eine alte Jogginghose, eine alte Jacke und Gummistiefel. Diese hochwertigen Textilien platzierte ich genau an dem Punkt der Terrasse, den meine Tochter Stefanie (12 Jahre, Down Syndrom) immer als erstes passiert, wenn sie die heimatliche Ranch beim Nachhausekommen lebhaft stürmt.
 
Ganz ruhig, wenn auch irgendwie intern wütend wartete ich dann noch ca. 1 Minute vor dem Haus auf den Schulbus. Noch bevor mein herzallerliebstes Töchterlein aussteigen konnte, teilte ich ihr mit: “Du gehst zur Toilette, ziehst Deine Sachen aus und Hose und Jacke auf der Terrasse an. Dann marschierst Du zum Gartenzaun und holst alle Steine wieder zurück, die Du über den Zaun geworfen hast.“
 
Der Busfahrer meinte „Auhauahaua, gibt das hier Ärger?“ und Stefanie sagte nur - entgegen ihrer sonstigen Ichgehgegenallesanhaltung - “Hmhm.“
 
Martin (11 Jahre, mehrfach behindert) bekam, noch immer hinten im Buss mit seinem Rolli angeschnallt, einen langen Hals.
 
Genau, so sauer wurde noch kein Kind in all den Jahren von mir empfangen, wenn es von irgendwoher wieder nach Hause kam. Das war neu - aber sehr wirkungsvoll wie sich alsbald herausstellen sollte.
 
Steffi ließ sich noch von mir helfen beim Anziehen, dann stapfte sie ohne weitere Aufforderung los, gen Gartenzaun.
 
Martin in seinem Rolli schiebend, lief ich hinter meiner Tochter her. Unterwegs griff ich noch zwei Eimer auf und dann waren wir am Gartenzaun angekommen.
 
Martin lachte und zeigte Stefanie einen berechtigten Vogel. Wir hatten uns schon am Samstag und Sonntagnachmittag etwas darüber gewundert, wieso Stefanie so geräuschlos und nicht zu sehen im Garten spielt. Dieser Teil des Gartens liegt vom Wohnhaus soweit entfernt, dass nur absolut laute Geräusche in Inneren ankommen. Stefanies Spiel „Schmeißweitweg“ machte keine Geräusche, die soweit zu hören waren, da die Steinbrocken nur auf feuchte Erde fielen.
 
Stefanie hat dieses Spiel mit Sicherheit sehr große Freude bereitet, sonst hätte nicht dieser Teil der Koppel wie unser Bauschuttlager höchstpersönlich ausgesehen. dass sie wusste, dass es nicht in Ordnung war, was sie die beiden letzten Tage gemacht hatte, zeigte Stefanie durch ihr Verhalten. Nie und nimmer hätte sie ansonsten meiner Aufforderung ohne Protest folge geleistet.
 
Ich half meiner Tochter über den Zaun zu klettern, gab ihr die beiden Eimer in die Hände und sagte nur immer wieder“ aufsammeln, alles was du dorthin geschmissen hast“.
 
Es war schon verwunderlich, wie das kleine Mädchen die Eimer immer und immer wieder voll sammelte, sie mir mühsam an den Zaun reichte, damit ich den Inhalt wieder seinem eigentlichen Stammplatz zuführen konnte.
 
 
Zwischenzeitlich tat mir Steffi schon richtig leid und ich war kurz davor, schwach zu werden, aber ich weiß ja, wie sich die Sache mit der Konsequenz auswirkt, wenn sie flöten geht.
 
Ganze zwei Stunden haben wir so verbracht, ohne viel miteinander zu kommunizieren.
 
Immerhin, fast alles war wieder aufgesammelt, was meine Tochter  so breitflächig, mit Schwung, und warum auch immer, im Gelände verteilt hatte.
 
Glücklicherweise war ein wunderschöner, sonniger, angenehmer Novembernachmittag. So konnten wir wenigstens bei den Räumungsarbeiten etwas für unser Wohlbefinden tun.
 
Martin fand es auch in Ordnung. Er konnte auf die Straße sehen und die fahrenden Autos bewundern, sich halbtot lachen, wenn Steffi wieder und wieder auf ihr Hinterteil fiel weil sie mit den vollen, schweren Eimern des Öfteren auf dem matschigen Untergrund ins Rutschen kam.
 
Ich nutzte die Zeit zwischen den Eimern um hier und da schon mal vertrocknete Blumen abzuschneiden, die Hühner mit Grünfutter zu versorgen und mir von Martin mitteilen zu lassen, welche Autos denn gerade wieder oben auf der Hauptstraße zu sehen waren.
 
Nun bin ich gespannt, wie lange diese Lektion bei meiner Tochter vorhält. Jedenfalls habe ich gelernt, dass zehn Minuten Stefanie allein im Garten, unter Umständen schon zehn Minuten zu viel sein können.
 
Die von Steffis Füßchen vertrampelten Stellen, die umgeknickten Halme und die restlichen Bröckchen werden wohl hoffentlich bald netterweise von Regen, Eis und Schnee soweit reguliert, dass keine Regressansprüche an uns gestellt werden müssen. Keine Ahnung, wie sich unsere Haftpflichtversicherung bei solchen Manöverschäden verhält mit einer Regulierung.
 
Steffi sah nach der Aktion aus wie ein doppelt eingeschweintes Erdferkel und sie war - welch Wunder - aber immerhin zu müde, um an diesem Tag noch irgendwelchen Blödsinn anzustellen.
 
Das wiederum war beruhigend für mich, da schmeckte mir die Tasse Kaffee doch gleich doppelt so gut, obwohl – wir sollen ja nicht soviel davon trinken aus medizinischer Sicht. Still und müde war Steffi, aber nicht zu müde, um noch ein paar Kekse mit zu futtern.