Es nimmt kein Ende

Brigitte Betzel-Haarnagel, Mai 2004

Noch läuft das hart erkämpfte Prüfen unseres Antrages auf Unterhaltssicherung für Martin bis zum 21. Lebensjahr beim Kreis, da zeigt auch schon das nächste, völlig unnötige  Problem sein hässliches Gesicht.

Eigentlich hatten wir so geplant, dass Steffi und Martin nach Martins Schulentlassung   in Ruhe eine Werkstatt für Behinderte besuche und das arbeiten dort erlernen, in dieser Zeit dann behutsam mit uns zusammen, eine Einrichtung und Wohngruppe kennen lernen um dann ohne Stress, behutsam  in eine Wohngruppe umziehen zu können.

Für Martin mehrfach behindert, noch 17 Jahre alt und unser lieber Pflegesohn, dürfte das kein großes Problem werden. Aber Stefanie, 18 Jahre Down Syndrom, ist in unsere Familie adoptiert und somit besteht keine Notwendigkeit der Unterbringung in eine Einrichtung.

Ein Mitarbeiter des Landeswohlfahrtsverbandes nahm zuerst einmal fernmündlich Stellung, zu einer, von mir schriftlich gestellten Anfrage.

Er meinte, so eine Unterbringung sei nur möglich, wenn es ganz gravierende Gründe gäbe und die behinderten, jungen Menschen tatsächlich zu Hause nicht mehr ausreichend versorgt und gefördert werden könnten. Ich sei ja noch recht jung,-- danke--, bei einer Bewerbung hatte ich vor noch gar nicht all zu langer Zeit, erfahren dass ich zu alt bin.

Wie man es auch hinbiegt, nach oben oder nach unten, ich bin jetzt stolze 51 Jahre alt und jünger werde ich definitiv nicht. Wie lange ich noch halbwegs gesund oder repariert durch diese Welt marschieren kann, steht in den Sternen.

Und einfach so – weil Eltern nicht mehr wollten. ginge das natürlich nicht mit einer Unterbringung. Außerdem würde da empfindlich genau überprüft und schließlich seien es ja Steuergelder, die müssen natürlich angemessen verwaltet werden.

Hätte ich bei diesem Telefonat Einen auf gehabt, mir wäre glatt der Hut vom Schopfe gerutscht.

Das Thema Steuergelder und deren Einsatz sind für mich sowieso ein heißes Thema und ein absolut rotes Tuch. Aber dazu wollte der Herr natürlich nichts von mir hören.

Ich erbat mir seine ehrenwerten Ausführungen in schriftlicher Form zukommen zu lassen. Zum Einen, weil ich inzwischen schmerzvoll erlebt habe, dass nur schriftlich gesagtes zählen kann (aber nicht muss) und weil ich es für mich einfach sortieren muss, was ich da so am Telefon erfahren durfte.

Aber verstehen muss ich es ja trotzdem nicht, vielleicht kann ich es auch gar nicht wirklich, weil es meinen Horizont für Behördliches einfach übersteigt.

In jeder Einrichtung, die wir im letzten Jahr besichtigten, wurde uns nahe gelegt, einen Umzug der Kinder doch so bald wie möglich ins Auge zu fassen, da es für alle Beteiligten schwieriger wird, je älter die jungen Menschen werden. Die meisten Einrichtungen haben Wartelisten von zwei Jahren und länger im Moment.

Ist mir ja auch alles klar, hatten wir ja auch so gedacht, auch wenn es erst mal tüchtig weh tut. Aber dass es für Töchterchen Steffi erst soweit sein soll, wenn für einen von uns Eltern der Sensemann vor der Tür steht- das ist für mich wahrlich ein erschreckender Gedanke.

Wir wollen ja auch weiterhin Kontakt zu den Kindern halten, für sie da sein, die Betreuung übernehmen. Aber wir brauchen auch endlich mal wieder Zeit für uns, Nächte, in denen wir durchschlafen können, Urlaub ohne schlechtes Gewissen machen dürfen, Zeit über die wir frei entscheiden können.

Krankheiten auskurieren, kenne ich schon gar nicht mehr, weil ich einfach keine Zeit dafür habe.

Das sollte doch in unserem letzten Lebensabschnitt drin sein dürfen. Nun ist doch mehr als Halbzeit, wahrscheinlich sogar schon 2/3 gelaufen.

Außerdem bekommen wir immer öfters mit, wie wohl sich behinderte junge Menschen in Wohngruppen fühlen, sogar Partnerschaften sind dort möglich, Liebe und Glück.

Viele Dinge, die wir ihnen zu Hause als Nureltern gar nicht bieten können.

Nun hoffe ich, dass ich alles nur einfach falsch verstanden habe, aber anscheinend habe ich gerade das  richtig aufgefasst.

Als die schriftlich Antwort kam auf meine Anfrage, hatte ich das Gefühl, der gute Mann ist gar nicht wirklich auf meine Fragen eingegangen, aber er hat bestätigt, so, wie wir ursprünglich die nahe Zukunft der Mäuse  geplant hatten, geht es nicht.

Irgendwie fühle ich mich nun bestraft dafür, ein Kind adoptiert zu haben und fast mein ganzes, bisheriges  Leben auf dieses Kind, ausgerichtet zu haben. All die Jahre habe ich immer versucht, alle Wege so zu begehen, dass sie für die Kinder positiv sind und nun soll ich auf einmal nicht mehr?

Wieder fühle ich mich hilflos, machtlos und Behörden ausgeliefert.

Ich frage mich, in welcher Form muss ich es rechtfertigen, einen Weg zu begehen, der für alle Familienmitglieder ein richtiger Weg ist?

Es ist nicht unsere Anliegen, die Kinder los werden zu wollen, aber es ist Zeit, sich ganz natürlich, langsam voneinander ein Stück weit zu lösen, so wie es mit nichtbehinderten Kindern normalerweise ja auch funktioniert.

Große Angst habe ich davor, der Notfall tritt ein und die Kinder müssen holterdiepolter, ohne jegliche Vorbereitung, quasi zwangsweise  von einem Moment auf den anderen in einer Einrichtung untergebracht werden, die sie nicht selber mit aussuchen konnten und auf die sie  vorbereitet wurden.

Vielleicht ist es zu vermessen, vielleicht wäre es auch zu langweilig- aber kann nicht endlich einmal etwas ohne Stress und Kampf ablaufen, was für uns notwendig ist?