Feelings

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1995

Martin ist von Geburt an schwerst mehrfach behindert. Von dieser unabänderlichen Tatsache beißt keine Maus auch je nur einen Faden ab.

Im Alter von 17 Monaten wurde Martin von seinen ehemaligen Pflegeeltern zu uns gebracht. Sie warfen das Handtuch, als sie die Prognose für Martins weitere Entwicklung nach mehreren, plötzlich auf tretenden, großen Krampfanfällen erfuhren.

Inzwischen konnte Martin seinen neunten Geburtstag feiern. Wir alle, nebst Freunden, Nachbarn, ZDLern, Erzieher der Kita, Frühförderinnen und Lehrkräften, sowie begleitende, therapeutisch mit Martin arbeitende Fachleute haben eine Menge mit Martin erlebt und für ihn gekämpft auf vielfältige Art und Weise.

Leider, noch immer, dringen, meist von völlig unbekannten Personen, auf die wir rein zufällig, irgendwo, treffen, mitleidige Worte zu uns wie- ach das arme Kind, hat doch so gar nichts von Leben, oder- sie arme Mutter hat das Schicksal aber schwer geschlagen.

Neulich im Supermarkt wollte uns doch eine Kundin unbedingt an der Kasse den Vortritt lassen- wegen dem armen Kind, wie sie sagte.

Nehmen diese Leute denn so gar nicht Martins wirkliches Wesen wahr?

Martins Leben ist mit Freuden und dem sich Freuenkönnen doch so wunderbar ausgefüllt.

Selten lerne ich Menschen kennen, die sich so spontan und ehrlich, mit reinem Herzen über sowenig freuen können und glücklich sein können, auf so bescheidene Art und Weise, wie mein kleiner Sohn dies kann.

Martin ist das freundlichste Kind, das mir bis heute je begegnet ist. Immer ist er an seinen Mitmenschen interessiert. Stets versucht er immer wieder aufs Neue, mit seinen individuellen Möglichkeiten, mit den noch so sauertöpfisch drein schauenden Menschen Kontakt auf zu bauen und sie, in seine spezielle Art zu kommunizieren, mit ein zu beziehen.

Dazu muss er sich mächtig anstrengen um wahrgenommen zu werden, da sein Sprachzentrum im Gehirn wenig aktiv ist. Seine körperlichen Defizite sind erheblich, man traut ihm auf den ersten Blick nicht sehr viel zu. Nimmt in erster Linie nur seinen Rollstuhl wahr.

Rein verbal kann Martin zurzeit nur dreizehn Worte verständlich aussprechen, alles Andere, was von ihm kommt, ist eine wunderbare, rein nonverbale Kommunikationsform.

Kein Problem für Menschen, die mit ihrem Herzen zu sehen gelernt haben und Die, durch genaues Hinschauen, Signale aufnehmen können.

Glücklicherweise begegnen uns in letzter Zeit ab und an Menschen, die dies können und auch auf Martins Äußerungen und Signale reagieren. Leider existieren aber viel mehr Menschen, die diese Gabe nicht haben und anscheinend auch nicht haben wollen.

Martin jedenfalls macht es niemandem schwer und kann geduldig warten.

Er freut sich wahnsinnig, wenn jemand sein fröhliches, freundliches, zauberhaftes Lächeln erwidert oder seine liebevolle, sanfte Berührung wahrnimmt.

In diesem Sommer düste Martin lustig, voller überschäumender Lebensfreude, total übermütig mit seinem E-Rolli im Büsumer Watt um her. Ist doch die räumliche Freiheit hier so riesengroß, dass Klima so heilsam, manche Menschen so gut gelaunt und  ein bisschen aufmerksamer.

Ein Mann sprach uns direkt an, er habe noch nie ein Kind gesehen, das so herzlich lachen und strahlen kann. Kann ich nur bestätigen, ich denke auch, Martin ist ein kleiner Strahl unserer Sonne, für Ecken, in die sie nicht selber hin strahlen kann.

Hier im Dorf, in unserer Strasse hat Martin ein eigenes Transportunternehmen. Im Sommer zieht er ein kleines Wägele, im Winter, bei Schnee, bis zu zwei Schlitten, hinten, an Martins E-Rolli gut fest gemacht. Wie gerne fährt seine Steffischwester, Nachbar Tommy, oder die kleine Steffi von der Hauptstraße mit ihm mit, die Straße hinauf und wieder hinunter, stundenlang, voller ehrlicher, herzlicher Freude und lautem Jubel.

 

Martintransport ist hier wirklich ein sehr gefragtes Unternehmen in der Szene.

Es ist alles so herrlich zu beobachten und, ich gebe zu, zu Mitmachen animierend. Wer mich persönlich kennt, und weiß wie ich aussehe, -ich  bin für mein Gewicht leider ungefähr einen Meter zu klein geraten, wird es kaum glauben können, aber Schnur, Schlitten und Rollstuhl schaffen es, auf dem glatten Schnee, sogar mich, genauso, wie die Kinder, die Straße sicher hinauf und hinunter zu bringen. Ist ja auch kein Wunder- bei dem Chauffeur.

Nun haben wir erst November, aber Martin und ich, und Alle, die Martin in seinem unwiderstehlichen Bann gezogen hat, wir Alle wissen, was wir uns zu Weihnachten ganz doll wünschen.

Dass Martins Rollstuhl nicht zur Reparatur muss, ganz, ganz viel Schnee und am allermeisten, dass Freundin Bettinas zweites Kindchen, das Ende Dezember auf die Welt kommen soll, sich beeilt, damit Martintransports auch den Kinderwagen , die Straße hinauf und hinunter ziehen kann.

Das Baby kennt Martin schon lange, die Beiden haben sich durch Bettinas Babybauch schon oft Hallo gesagt und alle Fünf gegeben.