First Love

Brigitte Betzel-Haarnagel, August 2004

„Wir feiern Steffis Geburtstag am Freitag, zusammen mit dem Geburtstag von Branimir, einer Nachbarklasse und Steffi hat Lukas eingeladen, ihren Freund.“

So stand es eine Woche vor Steffis 19. Geburtstag, auf den sie schon ein ganzes Jahr lang hin fieberte und täglich danach fragte, wann es denn endlich soweit ist, im Mitteilungsheft der Schule.

Ab und an erwähnte Steffi den Namen Lukas zu Hause und immer ging ich davon aus, es sei NUR ein Mitschüler aus einer anderen Klasse.

Martin teilte mir zwar irgendetwas von Küsschen geben  mit, aber die verteilen meine beiden Kinder des Öfteren recht großzügig in die Menge.

Am Abend der schulischen Geburtstagsfeier, zu der meine Steffimaus Kuchen und Kakao und kleine Präsente für die Gäste mitnahm, waren einige Fotos der langersehnten Feier in meinen Emailposteingang.

Ein netter Fachlehrer der Kinder, der es versteht, dass ich mich über solchen Einblick in den schulischen Alltag meiner Mäuse, den ich so nie bekommen könnte, sehr freue, hatte an uns gedacht und diese reizenden Fotos zugemailt.

Und da sah ich Lukas dann zum ersten Mal. Ein hübscher junger Mann mit Down Syndrom und Brille, meine Steffi sehr vertraut  im Arm haltend, und Steffi strahlte wie eine Sonnenblume und darüber hinaus.

Große Fragezeichen tanzten vor mir herum und ich bat im Mitteilungsheft um die Anschrift von Lukas. Schließlich begannen in ein paar Tagen die großen Ferien und ich wollte gerne versuchen, ob sich nicht eventuell ein Treffen , zwischen diesem Pärchen ermöglichen lässt.

Zwischen Steffi und Lukas liegen ca. 60 km. Ich schrieb Lukas einen Brief und fragte höflich an, ob er uns mit seiner Familie oder wir ihn in den Ferien nicht besuchen können.

Da ich ansonsten gar nichts über Lukas wusste, außer, was auf dem Foto zu sehen war, er hat das Down Syndrom und kann herrlich lachen, konnte ich auch nicht erahnen wie seine Eltern auf mein Anliegen reagieren würden.

Vor einigen Jahren , als wir noch in Schleswig Holstein leben durften, hatten wir es leider schon erleben müssen, dass die Mutter eines jungen Mannes   mit Down Syndrom, mit dem Steffi sich sehr gut verstand, ihren Sohn, egal wo wir uns trafen, von uns und Steffi entfernt hat. Auf ein Gespräch diesbezüglich ließ sie sich leider nicht ein. Auch dieser junge Mann hat wie Steffi, das Down Syndrom und war ein lsutiger Zeitgenosse. Für die beiden jungen Menschen tat es mir sehr leid, sie hatten so viel Spaß miteinander, wenn sie sich sahen. Spürbar stimmte dort die Chemie, sie wären ein schönes Paar geworden.

Als ich Steffi erklärte, dass ich versuchen will, dass sie und Lukas sich in den Ferien mal treffen könnten, war sie hocherfreut. Das tolle Foto mit den Beiden haben wir umgehend an unserer Fototür zum Spielzimmer aufgehängt.

In der dritten Ferienwoche kam dann der ersehnte Anruf. Es schien für Lukas Eltern kein Problem dar zu stellen, und so besuchten sie uns mit Hund gleich am nächsten Sonntag zum Kaffee.

Lukas hatte dann stolz ein hübsches Blumensträußchen für Steffi und seine Eltern Eines für mich überreicht.

Es war ein Freude, die beiden jungen Menschen  zusammen anzuschauen. Lukas ist zwar erst 15 Jahre alt, aber was bedeutet das schon in Herzensachen.

Nach dem Kaffeetrinken verschwanden unsere drei Jugendlichen in den Garten, machten Seifenblasen und alberten herum miteinander. Sie brauchten uns Erwachsene nicht in diesem Moment.

Die Hunde spielten herrlich miteinander und wir Eltern konnten uns unterhalten. Es interessierte mich doch  brennend, wie denn Steffi und Lukas zusammen gefunden hatten.

Lukas Eltern wussten von Lukas  Lehrer, dass die Beiden das ganz alleine gemacht hatten, ohne zutun eines Erwachsenen. Ihre Klassen sind im gleichen Stichgang der Schule untergebracht und Lukas besucht wohl Schule und Internat seit ca. 2 Jahren. Solange besuchen Steffi und Martin auch diese Schule als externe Schüler.

Auf alle Fälle ist wohl allseits aufgefallen, dass Lukas, wenn er mitbekommt. dass Steffi Ärger bekommt weil sie mal wieder bockt oder einer Aufforderung der Lehrkräfte nicht nachkommt, sofort bei ihr ist um sie zu unterstützen. Steffi bekommt wohl immer noch oft Ärger, weil sie nicht alles mit sich machen lässt und halt so ihren eigenen Kopf hat. Natürlich ganz besonders in der Schule. Von Anfang an war sie nicht so glücklich in der neuen Schule und der Lebessituation nach unserem Umzug vom schönen Norden in dden Süden. Ich konnte meine Tochter  sogar sehr gut verstehen. Alles war neu, riesig, unüberschaubar und fremd, dann ein vollkommen unbekannter Dialekt mit fremder Lautmelodie und außer Martin , uns Eltern und den Katzen und Hunden niemand da, den sie jemals zuvor gesehen hat.

Mir erging es ja ähnlich, auch ich wäre am liebsten sofort wieder zurück in die alte, vertraute und geliebte  Heimat gegangen. Während ich still vor mich hinweinte, begann Steffi wieder zu motzen, rebellieren  und sich zu verweigern.

Aber das war vor zwei Jahren. Nun ist wohl Lukas da und einer der guten Gründe, warum Steffi wieder gerne in die Schule geht.

Nun hat Steffi nur noch ein Jahr Schule vor sich , und ich hatte schon bedenken, wie es wohl für Lukas sein wird, wenn seine Freundin nicht mehr diese Schule besucht und sie sich nicht mehr regelmäßig sehen können.

Seine Mutter meinte, wir werden sehen, das Leben bedeutet halt Veränderung. Schon okay so, aber muss es denn immer weh tun, wenn sich etwas verändern muss?

Sicher lernen die junge Menschen wieder andere Menschen kennen, aber genauso gut hätte ihr liebevoller Kontakt, ihre nette Beziehung auch von Dauer sein können für ihre zarten Gefühle.

Nächste Woche fängt die Schule wieder an und dann dürfen wir irgendwann einen Gegenbesuch bei Lukas machen. Vorher hatte es seinen Eltern zeitlich nicht mehr gepasst.

Ich wünsche mir so sehr für meine Kinder, dass sie glücklich werden dürfen, auch  in einer Beziehung und hoffe, ihr Lebensweg meint es gut mit ihnen.