Frau Holle Syndrom

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1992

Weiße Entenfedern sind echt was Tolles. So angenehm weich, zart und kuschelig. Vor Allem, sie fliegen und  schweben so elegant durch die Lüfte.
 
Aber eigentlich hatte ich mir darüber noch nie so richtig ernsthaft Gedanken gemacht, - nun denn, heute musste ich beginnen damit- gezwungenermaßen.
 
Gestern war Martin im Krankenhaus, Phymoseop. Es musste unbedingt sein, da sich wachstumsmäßig nichts an der Verengung der Vorhaut geändert hatte, wie wir erhofften.
 
Klar, dass er heute noch nicht so fit war, leichte Schmerzen hatte und nach dem Mittagessen freiwillig zur Mittagsstunde in sein Bett gelegt werden wollte.
 
Da wir heute Handwerker im Haus hatten, packte ich Steffi, um in Ruhe den angefallenen Müll entsorgen zu können, auch in ihr Hochbett, natürlich in der stillen Hoffnung, dass sie vielleicht für zwei Stündchen ihre Äuglein schließt und etwas Ruhe gibt.
 
Martins Pflegebett steht quer an der Wand unterhalb von Steffis Hochbett, zum einen aus Platzgründen und zum Anderen, damit die beiden Mäuse sich immer sehen können, was sie natürlich auch unbedingt und immer so wollen.
 
Dass Steffi mit all ihrer Energie nicht wirklich müde war, wusste ich, aber dass sie wieder einen ihrer überaktiven Anfälle bekommen sollte, konnte ich nicht ahnen.
 
Ich fegte im Keller Bauschutt zusammen und der fiedele Geräuschpegel, der aus dem Kinderzimmer, hinunter zu mir, in den Keller drang, gab mir schon ein wenig zu denken. Vor allem, wenn Martin irgendwelche Jubelschreie von sich gibt, ist es sehr verdächtig.
 
Da sich aber alles recht fröhlich anhörte, freute ich mich darüber im ersten Moment. Nachdem dieser Ausdruck der Freude aber kein Ende nehmen wollte, kam in mir doch etwas Misstrauen auf.
 
Also tapste ich verstaubt die Kellertreppe hinauf, schlich mich ganz leise zur Kinderzimmertür, die nur angelehnt war und öffnete Diese ganz vorsichtig einen winzigen Spalt.
 
Bei dem Anblick, der sich mir nun bot, blieb mir glatt die Luft weg und ich hoffte, was ich da sah, sei bitte nur eine Fatamorgana.
 
Martin lag in seinem Bett, breit grinsend und sah aus wie Bibo the yellow big Bird aus der Sesamstrasse, nur in weiß anstatt, wie das Original in gelb. Steffi saß in Ihrem Hochbett, die Beine gemütlich durch die Gitterstäbe der Sicherheitsabtrennung hängend und ihr sauber abgezogenes Kopfkissen schüttelte sie wie Frau Holle aus der Wolke, nun über Martin aus.
 
„Mimi puck ma“, sagte Steffi ganz stolz und hocherfreut über ihre Heldentat, als sie meiner gewahr wurde.
 
Irgendwie hatte dieses kleine Monster doch tatsächlich eine Nahtstelle an ihrem Kopfkissen geöffnet bekommen- na ja, der Rest ist ja bereits bekannt.
 
Hat schon mal jemand versucht, den Federinhalt eines ganzes Kopfkissen, der ausgeschüttet war, wieder ein zu sammeln?
 
Wie ich diese ganzen Federflusen wieder aus unserer Wohnung raus bekommen soll, war mir schleierhaft. Wäre jetzt schon Advent, würde ich einfach behaupten, das gehöre alles zu unserer diesjährigen Weihnachtsdekoration, aber wir hatten leider mal gerade den 1. August.
 
Martin fand es dann auch sehr witzig, im Bett abgesaugt zu werden, das hatten wir nämlich noch nicht gemacht, bis jetzt. Ich gehe mal davon aus, dass die Firma Vorwerk ihre Produkte auch so nicht direkt darauf produziert hatte, Federn ein zu fangen.
 
Jedenfalls, Martin lachte sich schlapp und Steffi wies mich kichernd auf jedes Federchen hin, das in der Luft herumflog. Sicherlich dachten meine Kinder, ich hätte auch so großen Spaß am Frau Holle Spiel, wie sie.
 
Nach dem ersten Absaugen beförderte ich vorsichtig das ganze Bettzeug hinaus in den Garten, weit weg von der Terrassentür, um es aus zu schütteln. Nun sah unser Garten aus, als hätten wir hier für sämtliche Nachbarn weiße Enten geschlachtet und gerupft.
 
Gipsy, unser Retrievermädchen hatte dann auch noch was von Steffis liebreizender Aktion am Mittag. Da die leichten Federchen so reichlich draußen umher wirbelten, waren sie auch das absolute Superspielzeug des Tages für unsere Hundemaus, die sehr ausdauernd und langte
versuchte, die weißen Dingerchen einzufangen. Und da es reichlich dieser Flugkörper heute gab, hatte Gipsy lange zu tun damit.
 
Steffi bekam dann von mir eine Plastiktüte in die Hand gedrückt und musste wenigstens als kleine Konsequenz für diesen Blödsinn, beim sauber machen mithelfen und von ihr frei gelassene Federn einsammeln. Ihre Tüte wies dann irgendwann 12 Federn auf, von mehreren Tausend, die in die Freiheit entlassen wurden.
 
Mir tat es sehr leid, dass ich keinen Film zu Hause hatte für unseren  Fotoapparat. Ein Schneebild im Sommer, das wäre doch was gewesen.
 
Als wir aus diesem Haus ein paar Jahre später aus zogen, kamen bei dem Räumarbeiten immer mal wieder weiße Federchen zum Vorschein.