Gespräch mit Nachklang

Brigitte Betzel-Haarnagel (1997)

Es war mal wieder nötig für mich, einen Augenarzt aufzusuchen. Schon seit geraumer Zeit fiel es mir auf, dass ich wohl so langsam, mit zunehmendem Alter weitsichtig werde.

Da in Schleswig Holstein inzwischen die Sommerferien begonnen hatten, musste ich Steffi ( 12 Jahre Down Syndrom und Martin 11 Jahre, mehrfach behindert ) mitnehmen.

Mein Augenarzttermin in Rendsburg wurde zu einem Ausflug bestimmt. Da wir sehr ländlich leben, müssen wir für alles und jedes größere Fahrzeiten in Kauf nehmen und es ist immer sinnvoll, so mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

Die Kinder wollten unbedingt essen gehen, natürlich nur in einem der einschlägigen Fastfoodrestaurants mit dem großen MC am Anfang.

Ich wollte noch Besorgungen in einem Kaufhaus machen und das Versprechen, noch ein Eis essen zu gehen musste auf alle Fälle auch noch vor meinem Augenarzttermin am Nachmittag eingelöst werden.

Martin geht sehr gerne in der Stadt bummeln und es würde ihm auch nichts ausmachen, hätten wir hier in Rendsburg jeden Tag etwas zu erledigen.

Steffi dagegen ist sehr schnell genervt bei solchen Aktivitäten, die ihren Freiheitsdrang einschränken. Ich muss sie des Öfteren an die Hand nehmen und festhalten, da sie immer irgendwie losrennt und ohne jegliche Orientierung. Das gibt dann Geschimpfe und Geweine und nur besagtes Essen gehen, beruhigt mein Tochter dann erst mal wieder für ein Weilchen.

Als letzte Station vor meinem Arzttermin gingen wir nun endlich einen kleinen, wohl griechischen Eissalon aufsuchen in der Rendsburger Fußgängerzone.

Die Atmosphäre wirkte sehr angenehm auf mich, das Personal war freundlich und fröhlich. Wir beschlossen, dort unser Eis zu kaufen.

An einem, der beiden weißen Stehtischen vor dem Eissalon platzierte ich Martin mit seinem Rollstuhl. Steffi ging mit mir in den Eissalon um auszusuchen.

Beim Betreten des Eissalons schon fiel mir ein älterer Herr, so ca. 70 Jahre alt auf, der Martin richtiggehend anstarrte, allerdings mit sehr freundlicher Ausstrahlung.

Steffi suchte sich drei Fruchteiskugeln aus, für Martin und mich Nuss und Vanilleeis. Da Martin nur sehr langsam essen kann, teilten wir uns an diesem Tag ein Eis, das wir abwechselnd zu uns nahmen.

Ein Haps für Martin, ein Haps für mich.

Der ältere Herr trat aus dem Eislokal und kam auf uns zu.

Er unterhielt sich mit Martin über das leckere Eis, strich Steffi, die sich inzwischen einfach unter den Tisch gesetzt hatte, über ihren Blondschopf und dann erzählte er.

Seine Schwester, 70 Jahre alt, hätte auch einen Jungen, genauso wie Martin. Nun sei der Junge fast 50 Jahre alt und seine Schwester könne nicht mehr.

Er erzählte, wie wenig Hilfe es in früheren Zeiten für Eltern solcher schwerstbehinderten Kinder gab und wie lieb die ganze Familie den Jungen hatte. Jeder hat mit angefasst, das Haus umgebaut, der Mutter zu Erholungszeiten verholfen, immer wurde alles
gemeinsam getragen in der Familie.  Und nun sind sie alle zu alt.

Eine traurige Stimmung kam auf. Das Eingestehen der Kraftlosigkeit tat weh. Ich konnte es deutlich spüren, auch die Liebe, die aus diesen Worten des alten Mannes  sprach, der Zusammenhalt einer Familie, das Annehmen ihres Kindes in seinem Anderssein liebevoll in ihrer Gemeinschaft.

Der Mann fragte mich, wie es uns ergeht, wer uns hilft und wer für uns da ist.

Ich musste erst einmal schlucken.

Mein Vater hatte sich von uns distanziert, weil er meine beiden Mäuse nicht ertragen kann und will.

Gerade erst vor kurzem, wurde Martins Zimmer und sein Badezimmer fertig. Fast drei Jahre lang habe ich ausschließlich an diesem Ausbau gearbeitet. Kaum Freizeit, jeder Pfennig landete im Baumarkt.

Die Scheidung war auch noch nicht so lange her.

Nun, eine neue Beziehung, sich langsam entwickelnd und einfügend, die ich auf keinen Fall überfordern will.

In den letzten Jahren hatte ich nur zweimal ein Wochenende ganz für mich alleine.

Wir sprachen darüber, mein Gesprächspartner verstand jedes Wort, wusste zu allem etwas zu sagen.

Es gäbe so viele arbeitslose Handwerker, die hätten doch die schwere Arbeit umsonst für mich tun können, wieso das immer noch nicht geregelt werden könne.

Alle jungen Menschen sollten verpflichtet werden, ein Jahr eine Familie mit Pflegefällen umsonst zu begleiten.

Und dann wünschte er mir, dass ich die Liebe, die ich meinen Kindern gebe nun in meiner neuen, jungen Partnerschaft zurückbekomme.

Ich konnte dem alten Mann meine positive Empfindung, meine Hoffnung und meinen Glauben für diese Partnerschaft erklären und mich für seine guten Wünsche bedanken.

Gerade durch das Leben mit meinen Kindern, den Herausforderungen die es mit sich bringt, bin ich gewachsen.

Der nützliche Teil, dass ich inzwischen gute, fundierte handwerkliche Fähigkeiten besitze, ist nur ein positiver Nebeneffekt.

Ich habe gelernt zu fühlen, was ich will und was ich brauche, ich habe gelernt nein, zu sagen und um Hilfe zu bitten und egal, wie es so manches Mal aussah - ich möchte keine Minute von meinen Leben missen.