Gewitterangst

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1992

In diesem Sommer war sie plötzlich da, einfach so.
 
Vor allem bei Martin, der mit seiner Panik vor Gewitter seine ansonsten gar nicht so zimperliche Schwester Stefanie richtiggehend infiziert hat.
 
In all den Jahren zuvor haben die Kinder jedes Unwetter selig verschlafen, oder - wenn tagsüber mal Blitz und Donner grollten, wurde diese elektrische Entladung am Himmel als selbstverständlich hin genommen, zumindest von meinen Kindern.
 
Bei mir selber war schon, so lange ich mich überhaupt erinnern kann, eine Riesenangst vor jeglichem, auch noch so kleinen Unwettern,  im Bauch.
 
Anscheinend wurde diese Angst von meiner Großmutter an mich weiter gegeben.
 
An meine Oma kann ich mich nur so erinnern, dass sie zumindest, so lange ich auf der Welt bin und mein turbulentes Unwesen in ihrem großmütterlichen Leben trieb, stets immer, ein mit dem Nötigsten bepacktes, Köfferle im Schlafzimmer griffbereit, hinter der Zimmertür stehen hatte.
 
Wenn sich ein Gewitter auch nur, von ganz weit her, in der Ferne ankündigte, egal zu welcher Tageszeit, nahm meine ansonsten ganz vernünftige, resolute Omi, besagtes Köfferle und den Opa , um sich mit Beiden fluchtbereit, für den Fall der Fälle, auf die untere Treppenstufe, direkt neben der Hauseingangstür - das Gewitter sehr genau beobachtend - zu setzen.
 
Meine persönliche, große Angst vor diesem Schauspiel der Natur, wollte ich wirklich nie an meine Kinder weiter geben. Sie sollten nicht in Angst und Schrecken leben müssen. Toll fand ich diese Ängste bei mir ja nun wirklich auch nicht.
 
Bloß - so ganz einfach war das wohl für mich nie, auch bei allergrößter Bemühung klang mein “Brauchst keine Angst zu haben, es ist halt einfach nur ein bisschen laut, mehr nicht“, wohl ziemlich unehrlich und mein stetes Zusammenzucken, bei jedem Blitz und Donner, zeigte wohl mehr als deutlich, dass ich selber wohl die allergrößte Angst vor diesem Naturschauspiel haben musste.
 
Auch habe ich immer strengen Wert darauf gelegt, dass alle Kinder bei Gewitter im Haus sind, nicht ins Wasser gehen und auch nicht telefonieren. Vor Jahren hatte ich es höchstselbigst miterlebt, wie ein Blitz durch ein Telefon in einem Wohnzimmer ankam.
 
Bis, wie gesagt zu diesem Sommer, hatten meine Kinder auch noch keine Angst vor Gewitter geäußert, dafür holen sie jetzt alles tüchtig nach.
 
Mitten im Sommer, in der Nacht zum 25. Juni hatten wir in diesem Jahr das erste, richtig schwere und grauliche Gewitter.
 
Ich stand an der Terrassentür und beobachtete das von allen Seiten, mit Sturm, Blitzen und Donner, wahnsinnig schnell näher kommende Gewitter. Ein Gebet war in meinen Gedanken, dass dieses Unwetter bitte keinen Schaden anrichten sollte.
 
In meinem Bauch war das Angstgefühl mindestens so groß, wie ein Bernhardinerbaby nach der Geburt.
 
Bei dem zweiten, wahnsinnig lauten, lang anhaltenden Donner wachte Martin auf und schrie, so laut, dass auch Steffi aufwachte und mitschrie. Ich stürzte ins Kinderzimmer.
 
Martin war nicht mehr zu beruhigen, auch nicht, als das Gewitter nach einer guten Stunde endlich von dannen zog.
 
Steffi schlief in der Zwischenzeit wieder ein, wachte aber immer wieder kurz auf und weinte.
 
Seitdem hat Martin schon Angst, dass ja eventuell ein Gewitter kommen könnte und da Martins Wortverständnis nicht so sehr weit reicht, ich kann ihm diese Angst einfach nicht nehmen.
 
Zwar hilft es ihm sehr, dass er nie allein ist, rund um die Uhr Menschen für ihn da sind wenn er sie braucht- aber Angst ist nun mal Angst.
 
Da weiß ich leider selber nur all zu gut.
 
Steffi nimmt Martins Angst einfach an und ihr ist ziemlich mulmig. Glücklicherweise reagiert sie nicht so panikartig wie Martin, bei Gewitter.
 
Das Gewitter vom 25. Juni hatte auch noch andere Konsequenzen für uns.
 
Seitdem will Martin nicht mehr alleine einschlafen und der löbliche Feierabend, wenn die lieben Kinderchen alle im Bett sind, zieht sich so ziemlich weit in die Nacht hinein. Ich hoffe sehr, es legt sich wieder.
 
All die Jahre war ich immer so stolz, dass meine Kinder so ein Abendtheater nie veranstaltet haben. Noch ein bisschen erzählen und ein Liedchen singen, ein Gute Nacht Gebet und es war Ruhe, auch wenn sie nicht sofort eingeschlafen sind. Nun im Alter von 8 und 9 Jahren haben wir den Salat.
 
Ich muss auch immer aufpassen, dass ich nicht bei den Kindern einschlafe und das ins Bett gehen verpasse.
 
Jeder Ansatz, das neue Abendritual wieder langsam auslaufen zu lassen, bringt mir nur einen völlig erledigten, weinenden, sich in Angst rein steigernden Martin.
 
Aber ich bleibe am Ball, fünf Minutenweise werde ich versuchen, mich wieder langsam raus zu schleichen, aus diesem Abendprogramm.