Glatteis

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1996

Eigentlich war es mir ja schon aufgefallen als ich Steffi und Martin morgens, um sieben raus vor unser Grundstück zum Schulbus brachte. Da es jedoch noch möglich war, ganz normal in Hausschuhen zu laufen, störte es mich nicht weiter, dass es eigentlich schon ziemlich glatt war draußen.
Die nette Busfahrerin meinte, es ließe sich noch gut fahren heute morgen. Also war für mich alles okay und ich dachte nicht an die wetterbedingten Strassenverhältnisse.

Ich selber hatte nicht vor, heute Vormittag irgendwo hin zu fahren. Die üblichen, lästigen hausfraulichen Pflichten nahmen meine Zeit voll und ganz in Anspruch. Mein Stammradiosender spielte lauter durfte Oldie-Musik. Ich drehte das Radio voll auf, schließlich war ich ja alleine im Haus und durfte das auch mal machen, nicht nur immer die Kiddis.

Ein Tässchen Kaffee so gegen zehn Uhr und dann fiel mir ein, dass ich den Inhalt unseres Windeleimers nun endlich vertrauensvoll der Mülltonne überlassen sollte um üble Gerüche im Haus zu vermeiden. So schnappte ich mir dieses grüne Kunstwerk a la Beuys. So rein aus Bequemlichkeit wollte ich den kürzesten Weg zu Mülltonne nehmen- über die Terrasse. Die kleine schräge, von mir selbigst angefertigte Notfallrampe führte direkt von der Terrasse zum Hof und somit geradewegs  zur Mülltonne.

Ich öffnete die Tür zum Hof, machte meinen ersten Schritt zur Rampe hin und dann ging es holterdiepolter und hast du nicht gesehen, völlig ohne jegliches Zutun meinerseits gleitenderweise, sitzend auf meinem Hinterteil direkt vor die Mülltonne. Es muss gut ausgesehen haben, auch wenn ich sowas noch nicht geübt hatte vorher.

Vor lauter Schreck und Geschwindigkeitsrausch ließ ich, so mehr gezwungener maßen, den vollen Windeleimer los. Derselbe wiederum hatte sich wohl auch mächtig erschreckt und flüchtete irgendwie erst mal  nach oben um dann wieder runterzukommen vom Höhenflug. Dabei schlug der Windeleimer wohl so etwas ähnliches wie einen Salto, wobei sich der definitiv nicht recycelbare, duftende Inhalt dieses Behältnisses, großflächig um die von mir bereits sitzend erreichte Mülltonne verteilte. Während dieses Einakters seitens des Mülleimers hatte ich größere Ängstlichkeiten um meinen manchmal doch ganz brauchbaren Kopf.

Aus meinem Munde kam ein lautes „verdammte Scheiße“ um die es hier ja auch in erster Linie ging. Dann sah ich mich vorsichtig um, ob nicht eventuell jemand meiner, manchmal liebreizenden und schadenfrohen Nachbarn, meine einmalige, akrobatische Sondervorstellung gesehen hatte, was mir wohl ausnahmsweise erspart geblieben war.

An der Mülltonne mit der einen Hand und mit der Anderen an einem im Hof geparkten KfZ Hänger, zog ich mich mit schmerzender Wirbelsäule hoch.

Und dann fiel es mir natürlich auf. Zum einen hatte ich es schlichtweg vergessen, dass es heute Morgen schon so glatt war, zum anderen war es mir wohl entgangen, dass bei Minustemperaturen auch noch ein leichter, nebliger Niederschlag für weitere Verbesserung und Intensität der Eisglätte gesorgt hatte. Selbst das stete Warnen vor extremer Straßenglätte im Radio so zwischen den Oldies, war meiner Aufmerksamkeit wohl tatsächlich irgendwie entgangen.

Mich sehr vorsichtig bewegend, sammelte ich die wirklich großzügig verteilten Windeln auf, gleichzeitig mit den grünen Einzelteilen unseres ehemaligen Windeleimers, der seinen Geiersturzflug nämlich nicht überlebt hatte, und nun so nur noch als Puzzle zu verwenden war, was eh nicht so ganz meine Stärke ist, die Kiddis sind im puzzeln immer besser. So landete der zerbrochene Plastikmülleimer mitsamt seinem ehemaligen Inhalt in der, meiner Meinung nach, schadenfroh grinsenden, Mülltonne.

Danach zog ich mich vorsichtig, festgekrallt an der Hauswand, die kleine Eisbahn wieder nach oben zurück in den Schutz der überdachten Terrasse.

Nachmittags bekam Martin Besuch von seinem Schulfreund Bob. Wir saßen alle gemeinsam in der Küche am Esstisch , an den allwöchentlichen Wunschspaghettis mit roter Soße, als ich den Kindern, da wir sowieso gerade über das Wetter sprachen, dann so nebenbei erzählte, was mir heute Vormittag so blitzschnell passiert war,

Und genau an diesem Punkt hat es sich wieder mal bewahrheitet, dass alles Negative auch etwas Positives hat.

Die lieben Kinderchen bekamen, mitfühlend wie sie nun mal sind, bei meiner Erzählung schier unmögliche Lachanfälle. Mein Sohn Martin ganz besonders, ich habe nur darauf gewartet, dass er anfängt zu heulen, weil er es nicht gesehen hat, wie ich auf meinen Allerwertesten gefallen bin.

Meiner Wenigkeit tat zwar immer noch höllisch die Aufprallseite weh = negativ. Die lieben Kinderchen aber hatten tüchtig ihren Spaß daran = positiv.

Als Bobs Mutter dann gegen Abend kam, ihren Sprössling abzuholen verkündet Martin, immer noch glucksend vor lachen „Mama runter aua“. Dabei wies er mit seinem Arm zur Rampe hin.

Bob dolmetschte nun, was Martin aus Mangel an Sprache Bobs Mama, von Martin liebevoll genannt, Amma, nicht mitteilen konnte und wieder passierte etwas positives- ein weiterer Mensch musste lachen über, na Ihr wisst schon..

Ich selber habe dabei auch was gelernt = positiv. Wenn wieder mal auch nur das allergeringste bisschen Glatteis sein könnte, lege ich mich einfach wieder ins Bett und halte mich aus jeglichem Gefahrenbereich fern.