Großer Umzug

Die erwachsenen Kinder leben nun in einer Wohngruppe

Brigitte Betzel-Haarnagel (September 2006)

So manches Mal kam ich mir vor wie ein fieser Verräter. Da stand ich mit den Kindern in ihren Zimmern, wir packen gemeinsam Ihre Sachen ein und ich weiß genau, sie denken, es ist nur für ein Schlafwochenende, eine Klassenfahrt oder so. Sie konnten es nicht so wirklich verstehen, trotz all unserer Bemühungen ihnen vorsichtig und schonend und behutsam bei zu bringen, was es bedeutet endgültig  aus zu ziehen, weg von den Eltern, der gewohnten Familiensituation. Klar, sie freuten sich auf das Ereignis was nun kommen würde und wunderten sich, warum so Vieles eingepackt werden musste dieses Mal.
 
Einen Schreibtisch, Regal, Sessel, Fernseher, Radio und Bettzeug mussten sie auch noch nie mitnehmen. Ebenso Gardinen und Stangen. Dafür gab es  fragende, unsichere und verwunderte Blicke neben mir, von meinen jüngsten Kindern.
 
Und in meinem Bauch und Herzen lag ein Stein, oder viele Steine - keine Ahnung - jedenfalls fühlte sich alles sehr, sehr schwer an und so ist es zur Zit  immer noch. Der dunkle Kloß ist geblieben und weist mich ständig darauf hin, dass irgend etwas mit den beiden Mäusen nicht in Ordnung sein könnte.
 
Mir ist schwindelig, übel, der Magen ist wie zugeschnürt, ich finde kaum Schlaf und ständig kommen mir die Tränen. Etwas, was ich von mir gar nicht kenne in dieser Form. Wir haben doch schon so vieles durch gestanden, so viele Probleme gelöst in unserem gemeinsamen Leben.
 
Martin hatte zur Schulentlassfeier einen supertollen Anhänger mit Anhängerkupplung geschenkt bekommen für seinen E-Rolli. Ein netter Hausmeister der Schule hat ihn für Martin, nach Maß, aus Tischlerplatte liebevoll gebaut, einfach so. Das schönste Geschenk für Martin überhaupt. Wir wollten eigentlich schon einen Fahrradanhänger kaufen und passend umbauen, aber so ist es einfach viel besser für Martins kleines Logistikunternehmen, dass er mit seinem Elektrischen Rollstuhl betreibt.
 
Welch liebevolle Geste von Martins Lehrerin, an so etwas Tolles als Abschiedsgeschenk der Schule zu denken und es zu ermöglichen, ganz heimlich und leise.

 

Bei der Abschlußfeier, als der Rektor die Zeugnisse und Abschiedsgeschenke an die Entlassschüler verteilte, sprach er Martin an, als er an die Reihe kam: " Martin, kannst Du einen Anhänger gebrauchen"? Und Martins Augen strahlten überglücklich dazu.


  Nach dem Umzug in die Einrichtung könnte Martin immer und überall hin fahren mit seinem E-Rolli. Wenn er gut hinein gesetzt wird, hat Martin so, wirklich Freiheit, Mobilität ohne Ende. Ich bete darum, der E-Rolli möge nie wieder kaputt gehen und seine Betreuer verstehen es hoffentlich wirklich, Martin  richtig, und gerade im Rolli zu platzieren, sonst ist mein Kind aufgeschmissen und seine zarte Wirbelsäule und sein Sitzbereich wird leiden.
 
Naja, da wäre dann noch die Sache mit der Aufmerksamkeit und Zielsicherheit meines Sohnes, Türöffnungen sind dummerweise überall begrenzt und Manche auch echt knapp bemessen. In der Einrichtung ist überall an Wänden und Türzargen, zu erkennen, dass dort Rollstuhlfahrer leben und sich bewegen. Anscheinend ist es mit der Zielsicherheit, dem Fahren auf engstem Raum ein generelles Problem.
 
Nach einem Gespräch mit Herrn Roos BVB und seiner Erfahrung, bekommen wir nun vielleicht das Problem mit dem leidigen Speicheln in den Griff. Martin muss während der Arbeit einfach einen Tropfenfänger tragen und schon kommt nichts Feuchtes mehr auf seine Arbeitsmaterialien, wenn das Teil richtig unter seinem Kinn sitzt.


Hoffentlich ziehen die Mitarbeiter der WfB richtig mit, auch wenn es so das erste Mal dort ist und vollkommen unbekannt. Dann könnte Martin auch sicher nach der Probezeit von 3 Monaten, die er gesondert, unter Vorbehalt eingeräumt bekommen hat durch den zuständigen Mitarbeiter des  Arbeitsamtes bleiben. Er möchte es so gerne arbeiten dürfen und es täte mir so leid, wenn es nicht klappen würde. Es würde sicher nur an dem Speicheln scheitern. Ansonsten kann er mit seiner linken Hand, wenn sein Arbeitsplatz passend eingerichtet ist, schon so Einiges bewältigen. Jedenfalls kam er immer sehr begeistert von seinen Praktikumstagen nach Hause und hat uns immer wieder erzählt, er möchte arbeiten gehen, und das sogar mit dem Talker, dessen Benutzung er ansonsten lieber vermeidet. Er hat diesen hilfreichen Computer leider nie so richtig angenommen, wird aber sicherlich immer auf den Talker angewiesen sein.
 
Einige Mitarbeiterinnen der Wohngruppe wurden von mir bereits informiert darüber. Martin kann sich nämlich mit seinem Talker schon recht gut mitteilen, wenn es sein muss. Leider werden wir es nie erreichen, dass alle Mitarbeiter zu 100% über alle Details informiert sind und daran mit arbeiten. Wie fast überall sieht auch dort die personelle Besetzung recht knapp aus. Gespart wird dort, wo schon eh fast nichts mehr ist und leider ganz extrem im Pflegebreich.
 
Außerdem bin ich schon lange der Meinung, dass jeder Mensch, auch mit Handicap, wenn er auf dem richtigen Arbeitsplatz sitzt, 100% Leistung erbringen kann. Das wäre durchaus auch auf dem ersten Arbeitsmarkt umsetzbar. Okay, ist jetzt gerade ein anderes Thema, sorry.
 
Der Tropfenfänger sieht zwar nicht toll aus, eher wie ein Riesenmundschutz in etwa. Wir haben mit Gardinenklemmen und einem Gummiband, eine kleine, ovale Auflage, mit einem stets zu wechselnden, weißen Waschlappen konstruiert, und Martin musste zu Hause üben diesen Speichelschutz zu tolerieren. Dieses Teil, Martins ganz persönliches Hilfsmittel, hat eine hohe Wirkung, es bleibt eigentlich wirklich alles absolut trocken, wenn es richtig sitzt.
 
Steffis größtes Problem beim Packen war, dass sie ihre Videosammlung nicht komplett mit bekommt. Meine Zweifel, ob alle die Dinge, die meine Kiddis mitnehmen wollen, die ihnen durchaus auch wichtig sind, wirklich in die Zimmer passen, war gar nicht so unberechtigt. Nun ja, wir werden es so nach und nach schon anpassen können, vielleicht wird das Eine oder Andere ja auf einmal gar nicht mehr gebraucht, weil andere Dinge möglicherweise plötzlich wichtig geworden sind.
 
Aber wir werden zu sehen, dass wir so und nach, die neuen Zimmer so einrichten können, dass die Mäuse zufrieden sind und in ihnen das Gefühl entstehen kann, auch in der Einrichtung, zu Hause zu sein. Das wäre so wünschenswert und würde mich auch erheblich beruhigen und entlasten.
 
Als Steffi und Martin mit uns so und nach ihre Sachen in die neuen Zimmer gebracht hatten und wir die Grundform ihrer gewohnten Einrichtungsanordnung wieder so in etwa hin bekommen hatten, war die Welt so, auf den ersten Blick für sie wohl in Ordnung.
 
Steffi begann ziemlich bald an ihrem Schreibtisch Platz zu nehmen und zu malen und als Jürgen versuchte, den neuen TV einzustellen, kam der Ichfühlmichwohlblick in Steffis Gesicht. Das ist ja nun was ganz Besonderes, ein Fernseher in Bettnähe. Zu Hause waren die Räumlichkeiten anders aufgeteilt. In den Schlafzimmern der Kinder stand kein Fernseher, da sollte dann auch wirklich nur geschlafen werden. Das sind nun Kompromisse, die wir mit uns selber schließen müssen.
 
Dafür hat Steffi schon am Tag, der eigentlich ersten Übernachtung, ab Mittag die Arbeit boykottiert. Sie ist nach der Mittagspause einfach nicht wieder zur Werkstatt zurückgegangen. Jürgen und ich kamen kurz nach 16.30 Uhr in der Wohngruppe an und wir wurden sofort über das Problemchen informiert. Steffi saß im Gruppenraum, auf dem roten Sofa und schaute mehr unter sich, als uns an. Wir hatten die Hunde dabei und Steffi wollte mit uns spazieren gehen, freiwillig und das heißt schon was. Zu solchen Familienunternehmungen hat sie schon seit längerem  keine rechte Lust mehr. Ich hoffte, dass der nächste Tag besser wird.
 
Beim Duschen, vor dem ins Bett gehen, sah sie mich traurig an und sagte „Nach Hause gehen“. Ich kam mir so unheimlich link dabei vor und in mir rasten die Gedanken, was ich um Himmels Willen meinen geliebten Kindern hier gerade antue, mit diesem Umzug. Vielleicht hätten wir es ja doch noch ein paar Jahre gut geregelt bekommen zu Hause.
 
Am ersten Morgen war meine Tochter kaum wach zu bekommen. Nicht von der Betreuerin um 6 Uhr und nur sehr schwer von mir um 6.30 Uhr. Sie wollte wohl die Elternfreie Zeit abends nutzen um fern zu sehen, ohne Ende, oder es war einfach die nervliche Belastung, der neue Stress des Tages.
 
Unter Steffis Kinn ist eine vernarbte Stelle, die von einem Sturz von einem Pony stammt, als sie noch recht klein war. Ist mein Kind so richtig angespannt, kratzt sie sich diese Stelle immer wieder auf, so auch jetzt, aber es wundert mich nicht wirklich. Es ist ihr Ventil Spannung abzubauen.
 
Von den Betreuerinnen lässt sie sich noch nicht wirklich etwas sagen. Alles ist noch so neu und fremd. Aber es wird sicher werden, hoffe ich jedenfalls mal ganz optimistisch.
 
Ich musste Steffi an diesem Morgen mit aller, körperlicher Kraft auf die Bettkante setzen und sie hoch ziehen und zum Bad schieben.
 
Martin wuselte mit seinem E-Rolli permanent vor unseren Füßen und im Weg herum, so dass wir ihn mal kurzfristig ausstöpseln mussten.
 
Auch er weinte protestierend, als ich ihn beim Einräumen, auf sein neues Bett legen musste, um ihn zu wickeln und als wir ihn dann am ersten Abend fertig machten, zum Schlafen.
 
Aber immerhin, dieses Kind hat durchgeschlafen und sogar schon eine Einladung ins Nachbarzimmer bekommen zum Autorennen schauen. Die Formel 1 Fans erkennen sich also. Und knuddeln und flirten mit jungen, hübschen Betreuerinnen geht auch schon. Das ist mein Martin, wie er leibt und lebt.
 
Und trotzdem hämmert es in meinem Kopf, immer wieder, ob es jetzt schon die richtige Zeit war, die Mäuse aus zu siedeln.
 
Warum muss Alles so kompliziert sein und warum muss ich es jetzt schon tun? Könnte ich nicht vielleicht doch noch ein paar Jahre warten? Aber später wäre es doch sicher noch schwieriger für uns Alle. Haben die erwachsenen Kinder nicht einfach ein Recht darauf, sich weg vom Elterhaus entwickeln zu können?
 
Wie hat Steffi sich am dritten Abend gefreut, als wir kamen. Sie stand wohl schon eine Weile am Parkplatz und wartete auf uns. Ich hatte mir doch mal geschworen, diese Kinder nie alleine zu lassen. Und was habe ich jetzt getan? Nach über 21 Jahren?
 
Dieser Faden, so oft Dinge tun zu müssen, die ich gar nicht wirklich tun will, zieht sich durch mein Leben. Fremdbestimmt hämmert es in meinem Kopf. Fremdbestimmt, für mich und für die Kinder. Verwaltet werden, immer wieder verwaltet werden.
 
Herz und Verstand kämpfen miteinander und ich bin traurig, weil ich etwas tun muss, zu dem mein Herz noch gar nicht bereit ist.
 
Und eigentlich wurden meine Kinder gar nicht so wirklich gefragt, ob sie es denn überhaupt wollen, ausziehen von zu Hause. Wieder dieses Fremdbestimmt. Entscheidungen treffen, über ihre lieben Köpfe hinweg.
 
Da stand die Alternative im Raum für Martin, Betreuungsgruppe und sanitäre Versorgung, oder Versuch mit der WfB und keine Versorgung, nur wenn er auch dort in einer Wohngruppe lebt, ist es möglich. Wir mussten wählen, abwägen, entscheiden, was ist jetzt wirklich das Beste?
 
Jedenfalls ist das Areal der Einrichtung übersichtlich, die Räumlichkeiten werden sicher auch bald, voll und ganz erschlossen sein von meinen Kleinen und ich für mein Teil, könnte mich dort schon wohl fühlen.
 
Ich könnte mir auch sehr gut vorstellen, dort, in einer Wohngruppe oder als Nachtwache zu arbeiten, insofern ist mir die Einrichtung wirklich nicht unangenehm. Okay, zuwenig Personal und dementsprechend zu wenig Zeit für das Zwischenmenschliche. Da haben wir aber im Laufe der letzten Jahre wirklich andere Dinge gesehen.
 
Vor ein paar Monaten, sagte die Mutter eines jungen Bewohners zu mir, diese Einrichtung sei das kleinere Übel, alles Andere sei für sie nicht in Frage gekommen. Und ihre Gründe konnte ich nur all zu gut verstehen.
 
Schade eigentlich, dass dort zur Zeit niemand eingestellt wird. Hoffe, ich finde auch so noch einen netten Job. Auch wenn ich schon so oft erlebt habe, heut zu Tage mit 53, keine Chance, nutze sie. Und dabei sollen wir inzwischen bis 67 arbeiten. Wie passt das wohl noch zusammen?


Seit vier Jahren versuche ich immer wieder, meine Bewerbungen unter zu bringen, reagiere auf jedes Inserat, bewerbe mich auch so, auf gut Glück. Oft kommen nicht mal die Unterlagen zurück, auch nicht, wenn ein Freiumschlag von mir beigefügt wurde. Ach, schon wieder in ein anderes Thema gerutscht, tut mir leid. Es gehört halt so Vieles zusammen in unserem gemeinsamen Leben.
 
Für alle Fälle, falls ein absoluter Notfall eintreten sollte, und es müsste Jemand bei den Kiddis ständig anwesend sein, wegen Magen Darm Infekt oder ähnlichen, unangenehmen Krankheiten, bei denen sie sehr hilflos und vor Allem Nachts, aufgeschmissen wären, haben wir noch eine einfache Klappmatratze gekauft. Solange wir es noch können, werden wir in solchen Situationen selbstverständlich auch Nachts da sein. Die Nachtwache hat alle Bewohner zu versorgen, und da könnte es dann kritisch werden. Besonders um Martin hätte ich große Angst, dass er, wenn er erbrechen muss, ersticken könnte, wenn er liegt und nicht gleich gehandelt wird.
 
Einen ganzen Monat haben wir uns Zeit gelassen, zu räumen, auszusortieren, zu packen, zu planen, zu reden. Sind immer mal wieder kurz zur Einrichtung gefahren, rein schauen. Wir haben unseren Kindern die ganzen Vorteile aufgezählt, die sie durch den Umzug haben, in der Hoffnung, sie verstehen diese Worte und diese Vorbereitung hat etwas gebracht.
 
Aber je näher der Tag kam, umso schlechter ging es mir. Immer wieder zweifelnd, ob es wirklich das Richtige für die Beiden ist, ob es ihnen dort gut gehen kann, ob sie mit den ganzen Menschen klar kommen können, die so unterschiedlich sind, wie überall, und nicht Alle nur nett, ehrlich und unkompliziert, ob der jetzige Zeitpunkt nicht doch noch zu früh sein könnte.
 
Das Schönste für mich wäre, wenn meine Kinder mir ganz schnell sagen würden, dass sie dort bleiben wollen, nicht wieder nach Hause kommen wollen, nur zu Besuch. Dann wüsste ich es geht ihnen gut. Nach den ersten Erfahrungen wird es noch ein rechtes Stück Weg sein, bis dorthin, zumindest für Steffi. Sie kann nicht so unbedarft auf Andere zugehen, die Menschen müssen auf sie zu gehen, und vor allem, freundlich und humorvoll sein, lachen können. Martin hatte es schon immer leichter, mit seiner offenen, lieben Art, die sofort auf Anhieb Herzen erweichen kann.
 
Es sind nur 6 Kilometer, aber es geht mir jetzt wieder so, als meine beste Freundin mir vor vielen Jahren sagte, dass sie nach Amerika geht. Damals hatte ich auch das Gefühl, amputiert zu sein, ein Teil von mir hat einfach plötzlich gefehlt. Damals hat es auch lange gedauert, bis es nicht mehr weh getan hat.
 
Als Ricky, mein lieber Großer, vor Jahren in Alpen gezogen ist, so weit weg aus der Region, das war auch hart für mich. Immer der Gedanke im Kopf, wenn mal irgendwas sein sollte, mein Sohn mich wirklich brauchen sollte, es aufgrund der Entfernung nicht möglich ist, mal eben schnell vorbei zu schauen. Damals waren es 11 Autostunden, heute sind es immer noch 3 ½ bei guten Strassenverhältnissen, wir sind ja inzwischen auch in den Süden verzogen, unfreiwillig zwar, beruflich bedingt durch Jürgens Arbeitsplatz, aber es ist trotzdem noch sehr weit weg, für Notfälle.
 
Jede Veränderung bedeutet auch, dass sie weh tun kann, ich weiß es ja nur zu gut. So oft mussten wir schon Veränderungen erleben und auch aushalten.
 
Nun sind es aber meine Kleinen die gehen und wir sind zu alt, um noch einmal einem Kind ein zu Hause geben zu können. Wir würden es sicher nicht mehr lange genug begleiten können, unsere Zeit hier auf der Erde läuft so langsam ab und es gibt keine Garantie auf noch mal gute 20 Jahre und die Kraft, Allem gerecht werden zu können. Auch wenn das Herz etwas ganz Anderes sagt und es immer noch, sehr viele besondere Kindchen gibt, für die ein liebevolles zu Hause das Allerbeste wäre, zumindest bis zum Schulende.
 
Der Umzug selber fand über mehrere Tage verteilt statt und war stressig, anstrengend und arbeitsintensiv, wie wohl jeder Umzug. Und auch bei diesem Umzug hatte natürlich nicht alles geklappt. Wäre ja auch zu schön gewesen.
 
Die Kinder sollten diesen Wechsel bewusst erleben und auch mit ausführen. Die Zimmer in der Einrichtung standen schon leer. Die großen Teile brachten wir Eltern abends alleine hin weil sonst für die Kinder kein Platz mehr im Auto gewesen wäre, den ganzen großen Rest, haben wir gemeinsam bewegt. Immer wieder sind wir bepackt los gefahren, und jedes Mal schien es wirklich okay zu sein, für meine großen, erwachsenen Mäuse, die doch immer Kinder bleiben werden in ihrer Seele. Martin wird auch noch mit 80 Jahren mit Autos spielen wollen und Steffi wird dann auch Malbücher ausmalen wollen, oder Häuser mit rauchendem Schornstein auf Zeichenblöcke zeichnen.
 
Ich wollte auf alle Fälle erreichen, dass die beiden jungen Menschen, das Gefühl haben, alles selber geregelt zu haben und vor Allem, dass es von unserer Seite aus völlig okay ist, dass sie in einen neuen Lebensabschnitt hinüber gehen, weg von uns, sich abnabeln können von den Eltern.
 
Aber das hat Anfangs nicht so ganz geklappt. Und trotzdem, es hätte alles schlimmer kommen können. Wir hatten schon Glück bis jetzt jedenfalls , das die Dinge die  nicht so toll liefen, eigentlich harmlos waren.
 
Ein Zimmer mit Tür zur Terrasse hat jedes Kind und zum nächsten Frühling werden wir Ihnen ein Tischlein für draußen und ein Bank schenken.
 
Dann können und dürfen wir sie auch mit den Hunden, die schon jetzt Freude bei einigen Bewohnern ausgelöst haben, besuchen und gemütlich gemeinsam ein Stündchen vor dem Zimmer sitzen und einige, der anderen Bewohner besuchen sich vielleicht auch gegenseitig.
 
Zwei nette Bewohner der Wohngruppe  haben wir bereits kennen gelernt, und ich hoffe sehr, sie nehmen sich meiner Kinder an, als Pate und Schutzengel in der neuen Welt.
 
Steffi und Martin sind die jüngsten Bewohner in der Gruppe 5, hoffentlich sind sie nicht zu laut und lebhaft für die anderen Bewohner. Oder, sie bringen vielleicht etwas Leben und Freude in die Gruppe. So hoffe ich jedenfalls.
 
Immer war ich so stolz darauf, dass meine Kinder so freundlich und offen sind, dass sie nach ihren Möglichkeiten eine individuelle Selbstständigkeit entwickelt haben und dass sie nein sagen können, wenn sie etwas nicht wollen, sich trauen ihren Willen kund zu tun und sich nicht einfach nur verwalten lassen, trotz ihrer schweren Behinderungen.
 
In der Einrichtung werden sie viele Kompromisse schließen müssen. Sie sind nicht alleine dort und müssen warten lernen und sich in einen völlig neuen Tagesablauf einfügen, der nicht immer so sein wird, wie sie es gewohnt sind oder gerne hätten. Die ganzen neuen Eindrücke, Menschen, Vorschriften und Zeitpläne, es ist alles so ganz anders wie zu Hause.
 
Nun wünsche ich mir, dass die Neugierde auf alles Neue einem aufkommenden Gefühl des Heimwehs und der Trauer überwiegt und meine Kinder jeden Tag , wie ich es von Ihnen kenne, mit guter Laune und Freude auf das Neue, beginnen. Dass sie sich für die Nacht zur Ruhe begeben können, mit dem Vertrauen, dass sie beschützt und behütet sind, mit dem Gefühl der Geborgenheit , wie es in der Familie auch gegeben war.
 
Die Anfangsschwierigkeiten müssen wir bewältigen und bearbeiten und ich hoffe sehr, sie sind bald Schnee von gestern und ausgestanden.
 
Darauf hin zu arbeiten sind nun unsere nächsten Ziele. Meine Kinder sollen leben lernen ohne mich und ohne das Elterhaus, und wenn sie so bleiben, wie sie jetzt sind, stehen die Chancen schon sehr gut, auch für Steffi, die wohl nur ein paar Wochen länger braucht und jetzt noch ein jedes Mal darum bittet, mit nach Hause genommen zu werden.
 
Eigentlich kann sich jeder Mensch, der die Sympathien meiner Kinder bekommt, sehr glücklich schätzen. Wer sich einmal einen Platz in ihrem reinen Herzen erobert  hat, lebt dort für immer und wird nie wieder vergessen.
 
Unsere geliebte Kinderfrau Rosi und inzwischen eine sehr  gute und liebe Freundin von uns Aalen, aus Schleswig Holstein, kam noch einmal zu Besuch, zu uns nach Hause, um Steffi und Martin in ihrem alten Heim zu verabschieden um sie, bei einem nächsten Besuch, in der neuen Lebenssituation begrüßen zu können.
 
Rosi wohnt auch, von Anfang an, in den Herzen meiner Kinder und ein bisschen liebevoller Kontakt wird auch hier für immer bleiben.
 
Rosi musste weinen, auch trauern, als wir mit ihr in der Einrichtung waren, um Ihr zu zeigen, wo es nun weiter geht für Steffi und Martin.
 
Auch Rosi trägt meine Steine im Bauch, wir haben uns schon von Anfang an sehr gut verstanden, sie hat meine Kinder sehr lieb, auch wenn für Rosi der Weg zu uns rein beruflich begann. Wir wurden sehr schnell gute Freunde und hätten uns ohne Steffi und Martin wahrscheinlich nie kennen gelernt. Solche wertvollen Geschenke kamen am Rande der Begleitung zu uns, auch Freunde, die wir durch die Schulzeit der Kinder kennen gelernt haben. Bleibende, liebe, lebendige Erinnerungen und Kontakte.
 
Einige Freizeitangebote der Ludwigsburger Lebenshilfe werden auch sicher parallel weiter besucht von Steffi und Martin, so dass nicht komplett alles anders wird, und damit Steffi und Martin ihre dortigen Freundschaften weiter pflegen können. Wir werden an den Wochenendterminen der Fahrdienst sein müssen, so wie immer, und das tun wir gerne solange wir es noch können.
 
Und dann bin ich gespannt, wie wir die Tage zwischen den Jahren gemeinsam verleben werden, was sich verändert hat in der Zwischenzeit bei uns allen. Wie die Rückkehr ausfallen wird, nach dem Heimaturlaub. Um besonders Steffi nicht zu verwirren, werden wir zwar an den Wochenenden, einige Dinge gemeinsam unternehmen, da von der Einrichtung leider nichts angeboten wird, aber vorsichtshalber nicht zu uns nach Hause fahren. Geht es im Dezember gut, können wir planen, wie wir es im nächsten Jahr halten werden, ob die beiden Geschwister , wenn sie wollen, die Wochenenden dann wieder nach Hause kommen werden.
 
Jürgen und ich haben nun so Einiges vor, was wir ohne Kinder unternehmen wollen, Besuche bei lieben Verwandten und Freunden, in deren Wohnraum wir mit Martins Rollstuhl nicht hinein kommen können. Wieder mal ausgiebig auf holprigen Waldwegen wandern, und viele Sehenswürdigkeiten des Ländles erkunden, die für Rollstuhlfahrer nicht geeignet sind.
 
Wir dürfen unser Leben wieder neu sortieren, bald auch wieder Zeiten, nur für uns alleine verplanen, wenn wir nicht mehr damit rechnen müssen, dass wir spontan erreichbar sein müssen für die Mitarbeiter der Einrichtung.
 
Aber genießen kann ich all Das nur, wenn ich weiß, meinen Kindern geht es gut. Ich kann sie los lassen, aber dazu muss ich die Gewissheit haben, dass sie glücklich sind.
 
Bei der Taufe und bei der Konfirmation meiner drei Kinder, habe ich mir für alle drei Kinder den Psalm 23 erbeten, den ich nun auch wieder, für den neuen Lebensabschnitt meiner lieben Kinder lesen will:
 
          Der Herr ist mein Hirte
          mir wird nichts mangeln
          Er weidet mich auf einer grünen Aue
          und führet mich zum frischen Wasser
          Er erquicket meine Seele
          und führet mich auf der rechten Strasse
          um seines Namens Willen
          und ob ich schon wanderte im finsteren Tal
          fürchte ich kein Unglück
          denn Du bist bei mir
          Dein Stecken und Stab trösten mich
          Du bereitest mir einen Tisch
          im Angesicht meiner Feinde
          Du salbest mein Haupt mit Öl
          und schenkest mir voll ein
          Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen
          und ich werde bleiben
          im Hause des Herrn immerdar.

         

          Übersetzung nach Martin Luther