Hilfe, Hilfe - sie hat gebohrt

Brigitte Betzel-Haarnagel, 2003

Eigentlich und überhaupt war Steffi (18 Jahre, Down Syndrom) nie so empfindlich, wenn sie mal eine Spritze/Impfung  bekam oder Blut bei ihr abgenommen werden musste. Beim Zahnarzt ging sie ganz lieb, schon  seit sie 8 Jahre alt war - alleine, ohne Mama - vertrauensvoll mit der Sprechstundenhilfe ins Behandlungszimmer, setzte sich anständig auf den Behandlungsstuhl und ließ das Nachsehen und Zahnstein entfernen ohne Murren über sich ergehen. Ich war richtig stolz darauf , dass wenigstens Steffi so unkompliziert in diesen Angelegenheiten war. Martin (17 Jahre, mehrfach behindert) schreit noch immer wie am Spieß, wenn nur irgendetwas danach aussieht, als könnte es eine orthopädische oder medizinische Anwendung sein oder jemand macht etwas an seinem Kopf. Blut abnehmen am Arm geht inzwischen, da ist Martin aber auch wirklich ohne Ende notgezwungenermaßen mit gequält worden, aber alles andere ergibt ein anstrengendes, lautstarkes Brüllen, bis fast zur Ohnmacht.

Wir können Martin  nicht helfen dabei , es ist, als sei es ein Automatismus in seiner Gefühlswelt. Mit nichts ist er zu beruhigen in solchen Momenten.

So auch bei den jährlichen, zahnärztlichen Kontrolluntersuchungen. Glücklicherweise konnten wir durch stetes, richtiges  Zähneputzen, kontrollierte Zuteilung von Naschis und, regelmäßig einmal pro Woche Elmex Gelee, wenigstens ihm eine Zahnbehandlung bis lang ersparen. Lediglich das Zahnfleisch war ab und an sehr angegriffen, was wohl auch eine Nebenwirkung der Medikamente zu sein scheint, die er als Epileptiker einnehmen muss. Zahnstein entfernen lässt Martin, nur unter großem, lautstarkem Protest zu, und auch nur mit einer Kürette über sich ergehen, nie mit Motorgeräusch, auch wenn dies schneller und effektiver funktionieren würde. Aber gut, wer mag solche Handlungen schon, wirklich über sich ergehen lassen,  oder?

Bisher drei Zahnärzte haben wir kennen gelernt. Alle haben sich wirklich sehr große Mühe gegeben auf meine besonderen  Kinder einzugehen und kleine Scherze mit ihnen gemacht, während der Untersuchungen und Behandlungen. Erklärungen ob der Notwendigkeit einer Behandlung hat keines der Kinder interessiert. Verstehen können sie es auch nicht wirklich. Eher galt das Interesse den  kleinen Geschenken, die es für den Nachhauseweg gab und als Belohnung für großer Tapferkeit im Behandlungszimmer.

Für Martin war es immer äußerst unangenehm und für Steffi war es gut zu ertragen.

Erst als Steffi 18 Jahre alt war, kam ganz unverhofft das erste kariogene Loch in einem ihrer Zähnchen, das plombiert werden musste.

Nach unserem Umzug nach Süddeutschland hatten wir uns wieder eine neue, zahnärztliche Betreuung suchen müssen, was in Baden Württemberg, zumindest in unserem Wohnbereich meist daran scheiterte, dass es nicht möglich war, mit einem Rollstuhl in die Praxis zu gelangen. Martin ist inzwischen 17 Jahre alt und wir können ihn nicht mehr einfach so schleppen, jedenfalls keine Etagentreppen hoch und runter.

Kann auch gut sein, dass unsere elterliche  Kraft nach gelassen hat im Laufe der Jahre, wir sind jedenfalls auf Möglichkeiten im Erdgeschoss oder mit einem Fahrstuhl erreichbare Praxisräume angewiesen.

Glücklicherweise hatte in einem anderen Teil von Tamm eine junge Zahnärztin eine Praxis in einem ehemaligen Laden eröffnet, zu ebener Erde.

Zufällig erfuhren wir von ihr, als wir alle Leute ansprachen und nach ebenerdigen Zahnärzten befragten, mit denen wir zu tun hatten. Der Mann, von dem wir unsere  neuen Fenster erworben  hatten, wusste von ihr.

Dort lief bei unserem ersten Besuch, alles wie gewohnt. Martin brüllte und Steffi ließ sich ganz lieb den Zahnstein entfernen.

Steffi und ich bekamen einen neuen Termin weil wir jeweils ein Loch in einem Zahn hatten, Martin für eine kleine Zahnfleischbehandlung.

Ich hatte keine Ahnung, wie Steffi sich verhalten würde, wenn es nun so richtig ernst werden sollte. Da sie bislang immer alles problemlos über sich ergehen ließ, besprachen wir mit Frau Dr. Kun, dass sie einfach ihr Glück versuchen soll. Wenn Steffi sich wehren sollte, dann müssen wir halt in die Zahnklinik und unsere Maus unter Narkose behandeln lassen.

Jürgen meinte, Steffi würde abends beim Zähneputzen schummeln inzwischen und hätte ihr Loch, wegen mangelnder Kontrolle. Kann echt gut sein, ich hatte ihr vertraut und gehofft, dass sie, seit sie 16 Jahre alt war, ohne mein hinter ihr stehen ihre Zähne korrekt putzt. Geübt hatten wir sdas Zähneputzen schließlich seit sie zwei Jahre alt war. Auch in der Kita und in der Schule gehörte Zähneputzen ganz regelmäßig zum Tagesablauf.

Wir kamen zu unserem Termin in die Praxis und Steffi wurde sofort ins Behandlungszimmer gerufen.

Ich hatte einen überdicken Kloß im Bauch und betete, dass alles glatt gehen sollte.

Nach fünf Minuten kam die Sprechstundenhilfe zu uns, um uns mit zu teilen, dass Steffi keine Miene verzieht und keinen Ton von sich gibt. Nicht bei der Betäubungsspritze und nicht beim Bohren.

Uff, erleichtert, Gott sei Dank, mir ging sofort besser in der Magengegend.

Nach zehn Minuten kam das gute Kind wieder zurück zu uns ins Wartezimmer, ganz böse guckend, sich die Wange haltend warf sie sich auf einen Stuhl. Dann fing sie an zu weinen, hatte sich wohl inzwischen tüchtig in die betäubte Wange gebissen und blutete fürchterlich aus dem Mund. Niemand durfte sie anfassen oder ansprechen.

Ich gab ihr eines, von Martins großen Tüchern, die wir ihm immer umbinden müssen wegen des unkontrollierten Speichelflusses, damit Steffi sich den Mund zu halten konnte, weil sie inzwischen aussah, als wäre sie im Schlachthof abgehauen.

Steffi wollte das Tuch nicht und Jürgen hatte seine liebe Mühe mit dem Blut abwischen und versuchen Steffi  zu trösten, während ich nun mit Martin und mit mir selber im Behandlungsraum war.

Die anderen Patienten auf den Stühlen im Wartebereich sahen etwas verstört  aus, Steffi war auf alle Böse und Jürgen wollte nach Hause.

Nach einer viertel Stunde konnten wir dann endlich gemeinsam aufbrechen. Wahrscheinlich haben einige Menschen nach unserem Verschwinden aus der Praxis aufgeatmet, konnte ich mir jedenfalls sehr gut vorstellen nach der Showeinlage.

Steffi sah mich auf der Straße an und sagte “jetzt bin i krank“.

Sie litt wohl mehr unter der Betäubung im Mundbereich als unter der Zahnbehandlung an für sich.

Das Bluten hörte nach etwa 40 Minuten endlich auf, die bösen Blicke blieben, begleitet von übelster Laune.

Vorsichtshalber schrieb ich für die Schule ins Mitteilungsheft, welch schreckliches Erlebnis das arme Kind gestern Nachmittag hatte, damit nicht irgend jemand meint, wir würden Steffi misshandeln zu Hause.

Prompt hatte sie auch der Lehrerin  in der Schule erzählt, dass sie krank sei, Aua habe und damit begründete sie dann, dass sie an diesem Tag nichts mehr tun wolle. Logisch, wer krank ist, muss sich schonen-nicht wahr? Hat doch gut aufgepasst mein Töchterlein.

Glücklicherweise war die damalige Lehrerin nicht so leicht beeinflussbar und Steffi musste ihre Aufgaben erledigen, auch mit dem schrecklichen Aua.

Frau Binzinger, Steffis damalige Lehrerin  erzählte ihr, dass man nicht krank ist, bloß weil man beim Zahnarzt mal ein bisschen gebohrt bekommen hat.

Wetten, Steffi hat der Lehrerin  nicht geglaubt?

Zwei Wochen hat Steffi dann noch gelitten, danach war das Aua wieder gut.

Nach fünf Monaten stand der nächste zahnärztliche Kontrollbesuch an und ich hatte schon so meine Bedenken, ob Steffi überhaupt wieder, so unbefangen wie immer, freiwillig ins Behandlungszimmer gehen würde.

Tat sie dann aber, ohne Kommentar. Als sie wieder zu uns in Wartezimmer kam, strahlte sie und sagte „aua nee“.

Auch wenn sie es nicht verstehen kann, warum man ihr eine Zahnbehandlung  verpassen  musste, ich bin nun doch guter Hoffnung, dass es bei einem eventuellen, nächsten Mal etwas milder abläuft.

 

Wir müssen ja schließlich alles erst ein paar Mal üben, bevor wir es richtig können.