Hygienekurs

Brigitte Betzel-Haarnagel, 2004

Nee, nee, nee und nochmals nee.

Auch wenn es inzwischen schon über zwei Jahre her ist, kann ich mich heute noch darüber wundern und tüchtig den Kopf schütteln.

Wer so was nicht selber erlebt hat, kann wahrscheinlich gar nicht so richtig darüber lachen, weil das Erlebnis der Situationskomik fehlt. Aber – ich bin bemüht, alles genauso zu erläutern, wie es sich nun mal zugetragen hat.

Steffi (damals 16, Down Syndrom) sollte zusammen mit ihrer damaligen Schulklasse verschiedene Kurzpraktiken zum fest stellen der  Berufseignung  in unterschiedlichen WfBs und Behinderteneinrichtungen machen. Jedes Kind sollte möglichst seinen Neigungen entsprechend diesbezüglich untergebracht werden, wer es kopfmäßig verstehen konnte, hatte natürlich auch Mitspracherecht betreffs des Pratikumsplatzes.

Steffis Lehrerin teilte mir mit, dass meine Tochter sich zuerst in der Küche einer Behinderteneinrichtung umsehen möchte.

Konnte ich gut nachvollziehen. Steffi hält sich gerne in der Küche auf, erinnert ja auch alles immer fein an lecker Mittagsessen, möglichst mit Nudeln. War also klar und gebongt.

Nun kommt es. Ehrlich.

Die Einrichtung darf niemanden in ihrer Küche werkeln oder was auch immer lassen, wenn die Person, also nun Steffi, keinen Gesundheitspass besitzt. War soweit auch noch nachvollziehbar, jedenfalls für mich.

Die Lehrerin bat mich, beim zuständigen Gesundheitsamt vorstellig zu werden, in Sachen Gesundheitspass.

Da ich selber schon viele Jahre im Besitze eines solchen Passes bin, ging ich davon aus, dass noch immer- was ja auch sinnvoll erscheint- eine Röntgenaufnahme der Lunge gemacht wird und eine Stuhlprobe im Röhrchen an ein Labor geschickt wird. Dafür wollte ich einen Termin für Steffi haben.

Ja so einfach ginge das heute ja nicht mehr, ließ mich eine weibliche Stimme am anderen Ende der Telefonleitung wissen.

Diese Untersuchungen würden schon lange nicht mehr gemacht, heute müsse die Person, die solch einen Gesundheitspass benötigt, an einem Hygieneseminar teilnehmen.

Die gute Frau nannte drei Termine, einen durfte ich mir aussuchen.

Nun versuchte ich zu erklären, dass es sich hier um ein geistig behindertes junges Fräulein handelt, dass solch einem Vortrag aus mangelndem Wortverständnis sicher gar nicht folgen kann, da es ja für den geistig normal entwickelten Menschen ausgearbeitet wurde. Ich wollte Alternativen wissen, oder eine Möglichkeit, dieses Seminar zu umgehen.

Wer Steffi kennt, kann sich sicherlich nicht vorstellen, dass das gute Kind auch nur irgendetwas für sich mit nach Hause nehmen kann von solch einem Vortrag.

Ergebnis der Diskussion- entweder Steffi nimmt an dem Seminar teil, oder es gibt kein Zertifikat. Bum aus- Ende Gelände.

Nun wurde die Lehrerin von mir unterrichtet, damit sie wiederum die Einrichtung unterrichten kann, damit die uns was Sinnvolles empfehlen kann, das Hygieneseminar zu umgehen und trotzdem das Praktikum in der Küche genehmigt zu bekommen.

Die Lehrerin ist eine tolle Frau, die in all den Jahren mit ihrem Team wahnsinnig viel für meine Tochter und alle Mitschüler erreicht und geleistet hat. Sie hat mich verstanden und kennt ja auch mein Kind nur all zu gut.

Die Einrichtung konnte allerdings keine Ausnahme machen, weil Vorschrift ist Vorschrift und Gesetz ist Gesetz, schietegal ob für den Einzelnen sinnvoll und möglich oder nicht.

Auch das noch, wir müssen mit Steffi das ehrenwerte Hygieneseminar des Gesundheitsamtes (ich sag jetzt mal nicht wo), tatsächlich besuchen.

Jürgen nahm Urlaub, die Kiddis hatten einen beweglichen Ferientag – also - fuhren wir alle zusammen zum Gesundheitsamt. Gemeinsam sind wir nämlich stark. Und außerdem wollten wir uns den Film, der nun kam rein ziehen.

Wir kamen eine Viertelstunde vor Beginn am Gesundheitsamt an, und nahmen auf einer Bank, in der Nähe des Seminarraumes erst mal Platz um zu schauen, was vor der Tür so alles passieren wird und wer noch so alles hinein geht.

Es war gut was los und ziemlich kurz nach unserer Ankunft fiel uns ein älteres, männliches Wesen auf, das schnellen Schritten mit weit offenem Hosentürle
dort über den Gang stolzierte. Jürgen und ich mussten grinsen, aber na gut, kann ja jedem mal passieren.

Dann wurden alle Teilnehmer in den Raum gerufen von der Dame, die wohl für den Vortrag dieses Seminars geschult wurde. Wir gingen natürlich im Viererpack mit in den Raum, weil wir Steffi wirklich nicht alleine lassen wollten unter so vielen fremden Menschen, bei einer Sache, die sie gar nicht verstehen kann.

Ich erlaubte mir erneut die Frage, ob Steffi wirklich teilnehmen muss, aber man hatte kein Erbarmen mit ihr.

Nun wurden Folien an die Wand geworfen und diese dann so quasi vorgelesen und erläutert. Von wegen immer Hände waschen, nicht mit offenen Wunden oder Durchfall zur Arbeit mit Lebensmitteln kommen, Haare zusammen binden, auf Salmonellen wurde kurz eingegangen, bzw. abgelesen von der Folie und so ging es fast zwei Stunden mit kurzer Pause.

Einige Teilnehmer raunten- was soll der Scheiß denn- und raus geschmissenes Geld und Zeit, und ein junges Paar, dass wohl gerade dabei war, einen Imbiss zu eröffnen, musste sogar zwei Tage später noch mal solch ein ehrenwertes Seminar aufsuchen, extra für Arbeitgeber. Inhalt, der Gleiche, nur noch zwei Sätze mehr, weil Gesagtes ja nun auch an Mitarbeiter, die aber auch solch ein Seminar besuchen müssen, weiter gegeben werden muss. Uff, welche hohe Leistung liebes Gesundheitsamt.

Mal abgesehen davon , dass ich noch nie ein so langweilig, ermüdendes, doch angeblich so wichtiges, vorgetragenes Seminar erlebt hatte, Steffi legte ihren Kopf auf den Tisch, streckte ihre Arme weit von sich über die Tischplatte und sah den Rest ihrer Familie sehr fragend an. In der Tat hat sie nichts, aber auch gar nichts von dem verstanden, was hier abging.

Als dann endlich, Gott sei Dank das Seminar zu Ende kam, konnte ich es mir nicht verkneifen, die vortragende Dame nochmals zu fragen, ob sie denkt, dass dieses junge Fräulein hier nun etwas gelernt hätte.

Na ja, jedenfalls war sie anwesend und alle Seminarteilnehmer warteten nun auf den Herrn Doktor, der die vorbereiteten Gesundheitszeugnisse, ohne jegliche Untersuchung, ob der zukünftige Inhaber des Gesundheitspasses, denn auch wirklich gesund ist, unterschreiben sollte.

Nach einem kurzen Augenblick wurde die Tür schwungvoll geöffnet, es trat in den Raum- der Mensch mit dem Hosentürle, dieses Mal mit einem weißen Kittel darüber.

Kommentarlos bekam Steffi ihren Gesundheitspass in die Hand gedrückt, das war es dann.

Nicht nur wir standen fassungslos vor der Tür. Steffi jedenfalls hatte soeben die Legitimation erworben, eine Woche Praktikum in der Küche einer Behinderteneinrichtung machen zu dürfen.

Einen wirklichen Sinn, außer dem Unsinn ihrer Teilnahme, haben wir bis heute nicht wirklich erkannt.

Was uns noch mitgeteilt wurde, war die Tatsache, dass dieser Gesundheitspass nur für eine kurze Zeit gilt, weil er abhängig davon ist, dass der Besitzer regelmäßig an Fortbildungen teil nimmt.

Wahrscheinlich haben wir bald wieder das gleiche Problem, bloß dieses Mal in einem anderen Bundesland, weil wir umziehen müssen - wir freuen uns jetzt schon drauf.