Im Wartezimmer 1987

Traurige Erinnerung

Sehr, sehr oft musste ich, über mehrere Jahre ,mit meinem jüngsten Sohn Martin unseren netten Landarzt konsultieren.

 

Alle drei Wochen musste zum Leidwesen meines Söhnchens ein großes Blutbild erstellt werden um den Medikamentenspiegel des Orfiril zu kontrollieren und ob die Leber mit diesem Medikament klar kommt. Immer wieder hatte Martin panische Angst vor der Blutabnahme und schrie ganz entsetzlich im Behandlungsraum zum Leidwesen der blut abnehmenden Arzthelferin , Martin konnte nicht wirklich etwas für dieses Verhalten, es war ein Automatismus in ihm, der diese Panik verursachte und für ihn war es ein jedes Mal eine große Qual . Die Leberwerte mussten ganz exact kontrolliert werden. Erst vor kurzem wurde Martin auf Orfiril umgestellt. Dieses Medikament hatte endlich geholfen, die ständigen Anfälle bei meinem kleinen Kind zu reduzieren.

 

Die Anfälle, die Martin trotzdem regelmäßig bekam, waren immer noch schlimm genug. Vor Allem, wenn Martin einen Infekt mit erhöhter Temperatur hatte, war das reinste Tropengewitter in seinem kleinen Köpfchen.

 

Da der Laborfahrdienst schon um 10 Uhr Vormittags die Tasche mit den Blutproben aus der Praxis abholte, mussten wir auch jedes Mal früh genug in der Praxis sein.

 

Fast jedes Mal saß genau zu dieser Zeit, auch eine alte Frau im Wartezimmer des Arztes, die uns förmlich mit ihren Augen verschlang.

 

Ich sah sie regelmäßig freundlich an und grüßte sie, Martin lächelte und sagte „Hi" zu der alten Frau.

 

Da Martin ein hübscher, ansprechender Junge ist, der von sich aus immer wieder , mit den wartenden Patienten versuchte, Kontakt auf zu nehmen, dachte ich mir nicht so sehr viel dabei, von dieser Frau beobachtet zu werden. Ihre Blicke waren ja auch in keinster Art und Weise unangenehm, halt nur auffällig.

 

Es dauerte fast ein ganzes Jahr, bis diese alte Frau uns endlich ansprach, obwohl sie Martin, wenn wir uns im Warteraum der Praxis trafen, nie aus ihren Augen ließ.

 

An einem Montagmorgen, als wir wieder zum Blut abnehmen in die Praxis kommen mussten, ging es Martin sehr schlecht. Schon früh am Morgen hatte er über 39 Grad Fieber, konnte sich kaum sitzend auf meinem Schoß halten und seine Gesichtsfarbe war fast weiß.

 

So war er nicht in der Lage, wie ansonsten, Kontakt mit den anderen Patienten auf zu nehmen. Er sah nur auf seine, von uns mitgebrachte alte, ziemlich zerrupfte Autozeitung, ohne den Versuch zu unternehmen,selber darin zu blättern, was er sonst immer gerne machte.

 

Wir saßen bestimmt schon eine halbe Stunde so da und ich hoffte nur, dass man uns endlich dran nehmen würde, damit ich wieder zurück fahren konnte , um Martin zu Hause schnell wieder in sein Bettchen legen zu können. Er war einfach nur schlapp und total erledigt.

 

„ Ich hatte auch so ein Kindchen" sprach mich nun auf einmal die alte Frau zu meinem Erstaunen ganz direkt an.

 

Mir fiel auf, dass ihre weißen Haare, kunstvoll zu einem Dutt am Hinterkopf zusammen getdüdelt waren, bis auf ein paar Strähnen, die sie wohl nicht erwischt hatte beim frisieren am Morgen. Diese Strähnen hingen ihr lustig in das faltige, aber freundliche Gesicht.

 

Ihre Kleidung war alt und aufgetragen, braune, dicke Wollstrümpfe schlugen Falten, die an ihren Knöcheln, die unter dem alten Rock hervor lugten, zu sehen waren.

 

„ Ja, ich hatte auch so ein Kindchen. Fast wie Ihres, ein hübsches Mädchen. Ganz sanft war sie und ich habe sie sehr geliebt. Mein Gott, was habe ich sie geliebt." Bei diesen Worten füllten sich die braunen Augen der alten Frau mit Tränen und sie begann, mir sehr leid zu tun.

 

Deshalb sah sie uns immer so intensiv an. Sie dachte an ihr eigenes, behindertes Kind Das war also der Grund für die unentwegten Blicke auf Martin und mich.

 

„ Den ganzen Krieg über habe ich sie mit mir rum geschleppt, wir hatten ja damals nichts, nur einen alten, rappeligen Kinderwagen.

 

Immer hatte ich solche Angst, dass meinem Kind etwas passieren könnte, hatte Angst, dass nicht genug zum essen da ist.

 

Essen, kann ihr Kind essen? Meine Kleine konnte nur ihre Buttel trinken, sie konnte nicht kauen, obwohl sie so schöne Zähne hatte."

 

Traurig antwortete ich der alten Frau, dass es mit leid sehr täte, dass sie eine so schwere Zeit erleben musste, obwohl sie es , glaube ich , gar nicht hören wollte. Sie ließ ihr sicher, sehr leidvolles Leben gerade Revue passieren .

 

„Ja, Martin kann essen, es sieht zwar nicht so schön aus und alles kauen kann er auch nicht, aber, er kann essen."

 

„ Den ganzen Krieg über habe ich sie mit mir rumgeschleppt und habe sie so lieb gehabt. Manches mal denke ich, dass sie immer noch da ist und auf mich wartet, in ihrem Bett liegend.

 

15 Jahre ist sie alt geworden, nur 15 Jahre, dann ist sie sehr krank geworden und sehr schnell verstorben. Einfach so, von heute auf morgen.

 

Und ich habe sie immer mit mir rum geschleppt, sie war groß und dünn. Ich konnte sie nur noch rum schleppen."

 

Die Tränen liefen über ihr Gesicht und ich hatte einen dicken Kloß im Hals. Ganz fest hielt ich mein kleines, krankes Kind im Arm, das ich auf keinen Fall so früh verlieren wollte.

 

Immer habe ich mir vorgestellt, dass es auf alle Fälle besser ist, wenn meine Kinder vor mir sterben. Dann, wenn ich nicht mehr auf sie auf passen kann, wenn ich sie nicht mehr beschützen kann, nicht mehr dafür sorgen kann, dass es ihnen gut geht.

 

Die alte Frau und ich sahen uns nur an, ich hatte verstanden und es tat mir leid, dass ich sie nicht schon früher angesprochen hatte, von mir aus auf sie zugegangen bin.

 

Jedes Mal, wenn wir uns hier trafen, sah sie auch ihr Kind in meinem Kind.

 

Einige, der wartenden Patienten sahen nun auf Martin. Sie hatten es sicher gar nicht wahr genommen, dass er so schwer behindert ist. Er war ja noch so klein und knuffig, damals. Aber sie machten sich sicherlich betroffen Gedanken, zu den Worten der alten Frau, das war an der Stimmung, die nun in diesem Raum lag zu spüren.

 

Niemand hat etwas gesagt, die Gespräche im Wartezimmer waren verstummt. Ein betretendes Schweigen.

 

Die alte Frau wischte sich mit einem alten, karierten Stofftaschentuch, das sie aus ihrer verbeulten Manteltasche zerrte, die Tränen aus dem Gesicht.

 

Dann wurde sie auf gerufen in das Behandlungszimmer. Es fiel ihr sichtlich schwer , aus dem tiefen Stuhl des Wartezimmers auf zu stehen. Ihre Beine waren irgendwie verformt, fast O-förmig. Ihr Rücken war sehr nach vorne gebeugt.

 

Langsam ging sie in einen, der Behandlungsräume.

 

Ich dachte, wäre ihr Kind noch bei ihr, wäre ihr Rücken dann gerade geblieben? Wäre es ihr leichter gefallen, weiter ihr Kind als diese tiefe Trauer um ihr Kind zu tragen?

 

Nachdem die alte Frau fertig war beim Doktor, wurden wir auf gerufen.

 

Wir mussten an einander vorbei gehen in einem engen Gang der Praxis, und noch bevor wir auf einer Augenhöhe waren, wusste ich, sie würde es tun.

 

Mit zitternden Händen streichelte sie Martins, heißes Köpfchen, heraus aus der Liebe, die sie noch immer für ihre Tochter im Herzen trug.

 

Unsere Augen trafen sich und ihr Blick sagte mir, sei dankbar, dass du dein Kind hast.

 

In der Tür seines Behandlungsraumes stand unser Doktor, er beobachtete diese Szene.

 

Auch er sah mich nur an, wir sprachen nicht darüber, aber das war auch nicht nötig. Der Zauber dieses Momentes war einfach da und wirkte in uns.

 

Martins Anwesenheit hatte diese alte Mutter zurück geführt, in eine Zeit, die vergangen und trotzdem immer da ist.

 

Noch einige Male trafen wir die alte Frau. Sie sah uns nur an und nickte, ihr Blick sagte, Ihr wisst es ja.

 

Und Martin, der hatte sehr wohl gespürt, dass diese alte Frau sehr, sehr traurig war. Er sah sie ein jedes mal an wenn wir uns im Wartezimmer wieder begegneten und nickte ihr freundlich zu, irgendwie hatte auch der kleine Martin etwas verstanden, wenn auch auf einer anderen Ebene.

 

 

 

 

Sehr, sehr oft musste ich, über mehrere Jahre ,mit meinem jüngsten Sohn Martin unseren netten Landarzt konsultieren.

 

Alle drei Wochen musste zum Leidwesen meines Söhnchens ein großes Blutbild erstellt werden um den Medikamentenspiegel des Orfiril zu kontrollieren und ob die Leber mit diesem Medikament klar kommt. Immer wieder hatte Martin panische Angst vor der Blutabnahme und schrie ganz entsetzlich im Behandlungsraum zum Leidwesen der blut abnehmenden Arzthelferin , Martin konnte nicht wirklich etwas für dieses Verhalten, es war ein Automatismus in ihm, der diese Panik verursachte und für ihn war es ein jedes Mal eine große Qual . Die Leberwerte mussten ganz exact kontrolliert werden. Erst vor kurzem wurde Martin auf Orfiril umgestellt. Dieses Medikament hatte endlich geholfen, die ständigen Anfälle bei meinem kleinen Kind zu reduzieren.

 

Die Anfälle, die Martin trotzdem regelmäßig bekam, waren immer noch schlimm genug. Vor Allem, wenn Martin einen Infekt mit erhöhter Temperatur hatte, war das reinste Tropengewitter in seinem kleinen Köpfchen.

 

Da der Laborfahrdienst schon um 10 Uhr Vormittags die Tasche mit den Blutproben aus der Praxis abholte, mussten wir auch jedes Mal früh genug in der Praxis sein.

 

Fast jedes Mal saß genau zu dieser Zeit, auch eine alte Frau im Wartezimmer des Arztes, die uns förmlich mit ihren Augen verschlang.

 

Ich sah sie regelmäßig freundlich an und grüßte sie, Martin lächelte und sagte „Hi" zu der alten Frau.

 

Da Martin ein hübscher, ansprechender Junge ist, der von sich aus immer wieder , mit den wartenden Patienten versuchte, Kontakt auf zu nehmen, dachte ich mir nicht so sehr viel dabei, von dieser Frau beobachtet zu werden. Ihre Blicke waren ja auch in keinster Art und Weise unangenehm, halt nur auffällig.

 

Es dauerte fast ein ganzes Jahr, bis diese alte Frau uns endlich ansprach, obwohl sie Martin, wenn wir uns im Warteraum der Praxis trafen, nie aus ihren Augen ließ.

 

An einem Montagmorgen, als wir wieder zum Blut abnehmen in die Praxis kommen mussten, ging es Martin sehr schlecht. Schon früh am Morgen hatte er über 39 Grad Fieber, konnte sich kaum sitzend auf meinem Schoß halten und seine Gesichtsfarbe war fast weiß.

 

So war er nicht in der Lage, wie ansonsten, Kontakt mit den anderen Patienten auf zu nehmen. Er sah nur auf seine, von uns mitgebrachte alte, ziemlich zerrupfte Autozeitung, ohne den Versuch zu unternehmen,selber darin zu blättern, was er sonst immer gerne machte.

 

Wir saßen bestimmt schon eine halbe Stunde so da und ich hoffte nur, dass man uns endlich dran nehmen würde, damit ich wieder zurück fahren konnte , um Martin zu Hause schnell wieder in sein Bettchen legen zu können. Er war einfach nur schlapp und total erledigt.

 

„ Ich hatte auch so ein Kindchen" sprach mich nun auf einmal die alte Frau zu meinem Erstaunen ganz direkt an.

 

Mir fiel auf, dass ihre weißen Haare, kunstvoll zu einem Dutt am Hinterkopf zusammen getdüdelt waren, bis auf ein paar Strähnen, die sie wohl nicht erwischt hatte beim frisieren am Morgen. Diese Strähnen hingen ihr lustig in das faltige, aber freundliche Gesicht.

 

Ihre Kleidung war alt und aufgetragen, braune, dicke Wollstrümpfe schlugen Falten, die an ihren Knöcheln, die unter dem alten Rock hervor lugten, zu sehen waren.

 

„ Ja, ich hatte auch so ein Kindchen. Fast wie Ihres, ein hübsches Mädchen. Ganz sanft war sie und ich habe sie sehr geliebt. Mein Gott, was habe ich sie geliebt." Bei diesen Worten füllten sich die braunen Augen der alten Frau mit Tränen und sie begann, mir sehr leid zu tun.

 

Deshalb sah sie uns immer so intensiv an. Sie dachte an ihr eigenes, behindertes Kind Das war also der Grund für die unentwegten Blicke auf Martin und mich.

 

„ Den ganzen Krieg über habe ich sie mit mir rum geschleppt, wir hatten ja damals nichts, nur einen alten, rappeligen Kinderwagen.

 

Immer hatte ich solche Angst, dass meinem Kind etwas passieren könnte, hatte Angst, dass nicht genug zum essen da ist.

 

Essen, kann ihr Kind essen? Meine Kleine konnte nur ihre Buttel trinken, sie konnte nicht kauen, obwohl sie so schöne Zähne hatte."

 

Traurig antwortete ich der alten Frau, dass es mit leid sehr täte, dass sie eine so schwere Zeit erleben musste, obwohl sie es , glaube ich , gar nicht hören wollte. Sie ließ ihr sicher, sehr leidvolles Leben gerade Revue passieren .

 

„Ja, Martin kann essen, es sieht zwar nicht so schön aus und alles kauen kann er auch nicht, aber, er kann essen."

 

„ Den ganzen Krieg über habe ich sie mit mir rumgeschleppt und habe sie so lieb gehabt. Manches mal denke ich, dass sie immer noch da ist und auf mich wartet, in ihrem Bett liegend.

 

15 Jahre ist sie alt geworden, nur 15 Jahre, dann ist sie sehr krank geworden und sehr schnell verstorben. Einfach so, von heute auf morgen.

 

Und ich habe sie immer mit mir rum geschleppt, sie war groß und dünn. Ich konnte sie nur noch rum schleppen."

 

Die Tränen liefen über ihr Gesicht und ich hatte einen dicken Kloß im Hals. Ganz fest hielt ich mein kleines, krankes Kind im Arm, das ich auf keinen Fall so früh verlieren wollte.

 

Immer habe ich mir vorgestellt, dass es auf alle Fälle besser ist, wenn meine Kinder vor mir sterben. Dann, wenn ich nicht mehr auf sie auf passen kann, wenn ich sie nicht mehr beschützen kann, nicht mehr dafür sorgen kann, dass es ihnen gut geht.

 

Die alte Frau und ich sahen uns nur an, ich hatte verstanden und es tat mir leid, dass ich sie nicht schon früher angesprochen hatte, von mir aus auf sie zugegangen bin.

 

Jedes Mal, wenn wir uns hier trafen, sah sie auch ihr Kind in meinem Kind.

 

Einige, der wartenden Patienten sahen nun auf Martin. Sie hatten es sicher gar nicht wahr genommen, dass er so schwer behindert ist. Er war ja noch so klein und knuffig, damals. Aber sie machten sich sicherlich betroffen Gedanken, zu den Worten der alten Frau, das war an der Stimmung, die nun in diesem Raum lag zu spüren.

 

Niemand hat etwas gesagt, die Gespräche im Wartezimmer waren verstummt. Ein betretendes Schweigen.

 

Die alte Frau wischte sich mit einem alten, karierten Stofftaschentuch, das sie aus ihrer verbeulten Manteltasche zerrte, die Tränen aus dem Gesicht.

 

Dann wurde sie auf gerufen in das Behandlungszimmer. Es fiel ihr sichtlich schwer , aus dem tiefen Stuhl des Wartezimmers auf zu stehen. Ihre Beine waren irgendwie verformt, fast O-förmig. Ihr Rücken war sehr nach vorne gebeugt.

 

Langsam ging sie in einen, der Behandlungsräume.

 

Ich dachte, wäre ihr Kind noch bei ihr, wäre ihr Rücken dann gerade geblieben? Wäre es ihr leichter gefallen, weiter ihr Kind als diese tiefe Trauer um ihr Kind zu tragen?

 

Nachdem die alte Frau fertig war beim Doktor, wurden wir auf gerufen.

 

Wir mussten an einander vorbei gehen in einem engen Gang der Praxis, und noch bevor wir auf einer Augenhöhe waren, wusste ich, sie würde es tun.

 

Mit zitternden Händen streichelte sie Martins, heißes Köpfchen, heraus aus der Liebe, die sie noch immer für ihre Tochter im Herzen trug.

 

Unsere Augen trafen sich und ihr Blick sagte mir, sei dankbar, dass du dein Kind hast.

 

In der Tür seines Behandlungsraumes stand unser Doktor, er beobachtete diese Szene.

 

Auch er sah mich nur an, wir sprachen nicht darüber, aber das war auch nicht nötig. Der Zauber dieses Momentes war einfach da und wirkte in uns.

 

Martins Anwesenheit hatte diese alte Mutter zurück geführt, in eine Zeit, die vergangen und trotzdem immer da ist.

 

Noch einige Male trafen wir die alte Frau. Sie sah uns nur an und nickte, ihr Blick sagte, Ihr wisst es ja.

 

Und Martin, der hatte sehr wohl gespürt, dass diese alte Frau sehr, sehr traurig war. Er sah sie ein jedes mal an wenn wir uns im Wartezimmer wieder begegneten und nickte ihr freundlich zu, irgendwie hatte auch der kleine Martin etwas verstanden, wenn auch auf einer anderen Ebene.


Sehr, sehr oft musste ich, über mehrere Jahre ,mit meinem jüngsten Sohn Martin unseren netten Landarzt konsultieren.

 

Alle drei Wochen musste zum Leidwesen meines Söhnchens ein großes Blutbild erstellt werden um den Medikamentenspiegel des Orfiril zu kontrollieren und ob die Leber mit diesem Medikament klar kommt. Immer wieder hatte Martin panische Angst vor der Blutabnahme und schrie ganz entsetzlich im Behandlungsraum zum Leidwesen der blut abnehmenden Arzthelferin , Martin konnte nicht wirklich etwas für dieses Verhalten, es war ein Automatismus in ihm, der diese Panik verursachte und für ihn war es ein jedes Mal eine große Qual . Die Leberwerte mussten ganz exact kontrolliert werden. Erst vor kurzem wurde Martin auf Orfiril umgestellt. Dieses Medikament hatte endlich geholfen, die ständigen Anfälle bei meinem kleinen Kind zu reduzieren.

 

Die Anfälle, die Martin trotzdem regelmäßig bekam, waren immer noch schlimm genug. Vor Allem, wenn Martin einen Infekt mit erhöhter Temperatur hatte, war das reinste Tropengewitter in seinem kleinen Köpfchen.

 

Da der Laborfahrdienst schon um 10 Uhr Vormittags die Tasche mit den Blutproben aus der Praxis abholte, mussten wir auch jedes Mal früh genug in der Praxis sein.

 

Fast jedes Mal saß genau zu dieser Zeit, auch eine alte Frau im Wartezimmer des Arztes, die uns förmlich mit ihren Augen verschlang.

 

Ich sah sie regelmäßig freundlich an und grüßte sie, Martin lächelte und sagte „Hi" zu der alten Frau.

 

Da Martin ein hübscher, ansprechender Junge ist, der von sich aus immer wieder , mit den wartenden Patienten versuchte, Kontakt auf zu nehmen, dachte ich mir nicht so sehr viel dabei, von dieser Frau beobachtet zu werden. Ihre Blicke waren ja auch in keinster Art und Weise unangenehm, halt nur auffällig.

 

Es dauerte fast ein ganzes Jahr, bis diese alte Frau uns endlich ansprach, obwohl sie Martin, wenn wir uns im Warteraum der Praxis trafen, nie aus ihren Augen ließ.

 

An einem Montagmorgen, als wir wieder zum Blut abnehmen in die Praxis kommen mussten, ging es Martin sehr schlecht. Schon früh am Morgen hatte er über 39 Grad Fieber, konnte sich kaum sitzend auf meinem Schoß halten und seine Gesichtsfarbe war fast weiß.

 

So war er nicht in der Lage, wie ansonsten, Kontakt mit den anderen Patienten auf zu nehmen. Er sah nur auf seine, von uns mitgebrachte alte, ziemlich zerrupfte Autozeitung, ohne den Versuch zu unternehmen,selber darin zu blättern, was er sonst immer gerne machte.

 

Wir saßen bestimmt schon eine halbe Stunde so da und ich hoffte nur, dass man uns endlich dran nehmen würde, damit ich wieder zurück fahren konnte , um Martin zu Hause schnell wieder in sein Bettchen legen zu können. Er war einfach nur schlapp und total erledigt.

 

„ Ich hatte auch so ein Kindchen" sprach mich nun auf einmal die alte Frau zu meinem Erstaunen ganz direkt an.

 

Mir fiel auf, dass ihre weißen Haare, kunstvoll zu einem Dutt am Hinterkopf zusammen getdüdelt waren, bis auf ein paar Strähnen, die sie wohl nicht erwischt hatte beim frisieren am Morgen. Diese Strähnen hingen ihr lustig in das faltige, aber freundliche Gesicht.

 

Ihre Kleidung war alt und aufgetragen, braune, dicke Wollstrümpfe schlugen Falten, die an ihren Knöcheln, die unter dem alten Rock hervor lugten, zu sehen waren.

 

„ Ja, ich hatte auch so ein Kindchen. Fast wie Ihres, ein hübsches Mädchen. Ganz sanft war sie und ich habe sie sehr geliebt. Mein Gott, was habe ich sie geliebt." Bei diesen Worten füllten sich die braunen Augen der alten Frau mit Tränen und sie begann, mir sehr leid zu tun.

 

Deshalb sah sie uns immer so intensiv an. Sie dachte an ihr eigenes, behindertes Kind Das war also der Grund für die unentwegten Blicke auf Martin und mich.

 

„ Den ganzen Krieg über habe ich sie mit mir rum geschleppt, wir hatten ja damals nichts, nur einen alten, rappeligen Kinderwagen.

 

Immer hatte ich solche Angst, dass meinem Kind etwas passieren könnte, hatte Angst, dass nicht genug zum essen da ist.

 

Essen, kann ihr Kind essen? Meine Kleine konnte nur ihre Buttel trinken, sie konnte nicht kauen, obwohl sie so schöne Zähne hatte."

 

Traurig antwortete ich der alten Frau, dass es mit leid sehr täte, dass sie eine so schwere Zeit erleben musste, obwohl sie es , glaube ich , gar nicht hören wollte. Sie ließ ihr sicher, sehr leidvolles Leben gerade Revue passieren .

 

„Ja, Martin kann essen, es sieht zwar nicht so schön aus und alles kauen kann er auch nicht, aber, er kann essen."

 

„ Den ganzen Krieg über habe ich sie mit mir rumgeschleppt und habe sie so lieb gehabt. Manches mal denke ich, dass sie immer noch da ist und auf mich wartet, in ihrem Bett liegend.

 

15 Jahre ist sie alt geworden, nur 15 Jahre, dann ist sie sehr krank geworden und sehr schnell verstorben. Einfach so, von heute auf morgen.

 

Und ich habe sie immer mit mir rum geschleppt, sie war groß und dünn. Ich konnte sie nur noch rum schleppen."

 

Die Tränen liefen über ihr Gesicht und ich hatte einen dicken Kloß im Hals. Ganz fest hielt ich mein kleines, krankes Kind im Arm, das ich auf keinen Fall so früh verlieren wollte.

 

Immer habe ich mir vorgestellt, dass es auf alle Fälle besser ist, wenn meine Kinder vor mir sterben. Dann, wenn ich nicht mehr auf sie auf passen kann, wenn ich sie nicht mehr beschützen kann, nicht mehr dafür sorgen kann, dass es ihnen gut geht.

 

Die alte Frau und ich sahen uns nur an, ich hatte verstanden und es tat mir leid, dass ich sie nicht schon früher angesprochen hatte, von mir aus auf sie zugegangen bin.

 

Jedes Mal, wenn wir uns hier trafen, sah sie auch ihr Kind in meinem Kind.

 

Einige, der wartenden Patienten sahen nun auf Martin. Sie hatten es sicher gar nicht wahr genommen, dass er so schwer behindert ist. Er war ja noch so klein und knuffig, damals. Aber sie machten sich sicherlich betroffen Gedanken, zu den Worten der alten Frau, das war an der Stimmung, die nun in diesem Raum lag zu spüren.

 

Niemand hat etwas gesagt, die Gespräche im Wartezimmer waren verstummt. Ein betretendes Schweigen.

 

Die alte Frau wischte sich mit einem alten, karierten Stofftaschentuch, das sie aus ihrer verbeulten Manteltasche zerrte, die Tränen aus dem Gesicht.

 

Dann wurde sie auf gerufen in das Behandlungszimmer. Es fiel ihr sichtlich schwer , aus dem tiefen Stuhl des Wartezimmers auf zu stehen. Ihre Beine waren irgendwie verformt, fast O-förmig. Ihr Rücken war sehr nach vorne gebeugt.

 

Langsam ging sie in einen, der Behandlungsräume.

 

Ich dachte, wäre ihr Kind noch bei ihr, wäre ihr Rücken dann gerade geblieben? Wäre es ihr leichter gefallen, weiter ihr Kind als diese tiefe Trauer um ihr Kind zu tragen?

 

Nachdem die alte Frau fertig war beim Doktor, wurden wir auf gerufen.

 

Wir mussten an einander vorbei gehen in einem engen Gang der Praxis, und noch bevor wir auf einer Augenhöhe waren, wusste ich, sie würde es tun.

 

Mit zitternden Händen streichelte sie Martins, heißes Köpfchen, heraus aus der Liebe, die sie noch immer für ihre Tochter im Herzen trug.

 

Unsere Augen trafen sich und ihr Blick sagte mir, sei dankbar, dass du dein Kind hast.

 

In der Tür seines Behandlungsraumes stand unser Doktor, er beobachtete diese Szene.

 

Auch er sah mich nur an, wir sprachen nicht darüber, aber das war auch nicht nötig. Der Zauber dieses Momentes war einfach da und wirkte in uns.

 

Martins Anwesenheit hatte diese alte Mutter zurück geführt, in eine Zeit, die vergangen und trotzdem immer da ist.

 

Noch einige Male trafen wir die alte Frau. Sie sah uns nur an und nickte, ihr Blick sagte, Ihr wisst es ja.

 

Und Martin, der hatte sehr wohl gespürt, dass diese alte Frau sehr, sehr traurig war. Er sah sie ein jedes mal an wenn wir uns im Wartezimmer wieder begegneten und nickte ihr freundlich zu, irgendwie hatte auch der kleine Martin etwas verstanden, wenn auch auf einer anderen Ebene.