Ja, ist denn heut schon Weihnachten?

Brigitte Betzel-Haarnagel, 11.04

Ist ja auch irgendwie zu verstehen, dass Steffi (19 Jahre, Down Syndrom), etwas durcheinander gekommen ist mit der Regelmäßigkeit unserer Jahresfeste.

Beim Einkaufen, Ende der Sommerferien, standen schließlich schon die ersten Lebkuchen und Adventskalender in den Regalen der Einzelhändler. Bei deren Anblick sah mich Steffi hoch erstaunt an und stellte die Frage an mich:“ Kind kommt?“ Heißt übersetzt, kommt das Christkind jetzt?“

Martin, noch 17 Jahre alt, mehrfach behindert, hört diese Frage und bekommt einen sehr langen Hals. „Ja?“, ertönt dann sein helles Stimmchen. Übersetzt = stimmt das?

Jürgen müsste lachen und stellte die Frage an  unsere leiben Kinder, ob es nicht noch etwas zu warm sei für Weihnachten. Es waren nämlich noch gute 30 Wärmegrade so alles in allem und zumindest hier , in good old Germany, waren 18 Grad an Heiligabend vor vielen Jahren das höchste der Gefühle, und das konnte Steffi nicht wissen, zu dieser Zeit war sie noch gar nicht in Produktion.

Also Steffi war es jedenfalls nicht zu warm und sie begann ihre bescheidenen Wünsche zu formulieren, wohl in der Hoffnung, dass aus diesem ganz normalen Einkaufsnachmittag ein weihnachtlicher Einkaufsbummel würde.

„Ein Buch mal, Video Ernie und Bert und Nudeln“. Na prima, dann wissen wir ja bescheid. Martin krähte noch „ ei Auto“ hinterher, und dann begannen die Probleme erst richtig.

Seit dato vergeht kein Tag, an dem nicht eines der großen Mäuse mindestens zweimal nachfragt, nach dem Kind, vorsichtshalber, damit wir es ja nicht vergessen.

 

Die Erklärungen und Zeitabläufe, die Beschreibung der Temperatur mit Frost und Schnee, das Aufzeigen am Kalender und das anschauen von winterlichen Fotos, alles half uns hierbei  nicht wirklich.

Bei jedem neuen, gemeinsamen Einkauf, stand schon wieder mehr Weihnachtliches in den Regalen und das heiße Wetter spielt nun überhaupt keine Rolle mehr für die Mäuse.

Zumindest Martin weiß wenigstens, dass er etliche Wochen vor Weihnachten Geburtstag feiert, und dass noch nie vor seinem Geburtstag Weihnachten bei uns gefeiert wurde.

Steffi interessiert Martins Geburtstag gerade mal nicht wirklich, Weihnachten ist ihr wichtiger. Insofern verneint sie den Hinweis auf Martins Ehrentag. Na gut, dann mach halt, trotzdem wird Martin am 19.10.04 18 Jahre alt, danach sehen wir weiter mit den Festen.

Obwohl es mich selber annervt, dieses immer früher einsetzende Weihnachtsgetue und der Konsumterror  in den Läden, muss ich doch selber, bezüglich des großen Festes dieses Jahr, ganz spontan und etwas verfrüht mithalten.

Freundin Susanne aus dem Norden verkauft auf Flohmärkten unter anderem auch Weihnachtsdeko. Nussknacker, Räuchermännchen, Engelchen, Schneemännchen usw. Sie bietet mir an, ich solle doch eine Bestellung aufgeben und bekomme günstige Preise. Da ich ja auch immer ein paar Kleinigkeiten als Geschenkle benötige und vor allem, weil ich, obwohl wir dafür hier in unserem kleinen Häusle gar keinen Platz mehr haben, leidenschaftlich Nussknacker sammle, bitte ich dann um einen Karton voll dieser Herrlichkeiten.

Nun begannen im Norden die Herbstferien und Freundin Sandra besucht uns für eine Woche mir ihren drei Kindern und bringt besagten Karton von Freundin Susanne mit.

Sandra fährt immer über Nacht, weil dann weniger Verkehr ist und so sind Alle, inklusive Karton von Freundin Susanne, kurz nach 5 Uhr, am Samstagmorgen hier. Natürlich findet erst mal ein großes Hallo statt, wir haben uns lange nicht gesehen, nur telefoniert und gemailt. Bevor sie unsere leiben Besucher erst mal eine Runde  hinlegen, frühstücken wir noch zusammen und weil nun alle doch sehr neugierig sind, wird der Karton von Susanne im Wohnesszimmer ausgepackt.

Steffi, Martin und Jürgen träumen noch süß, dachte ich, und in kurzer Zeit war unsere Stube ein herrliches Weihnachtszimmer. Auf Tischen und Regalen standen alle Weihnachtsfiguren und eigentlich gefielen sie mir selber alle so gut, dass ich sie am liebsten behalten würde. Nein, ich tue es nicht wirklich, aber die Nussknacker bleiben auf alle Fälle alle hier und werden meiner Sammlung einfügt.

Im Flur sind plötzlich Geräusche zu hören- Jürgen kommt rein in die Stube, wohl durch unsere Jubel und Ohwiesüßrufe aufgeweckt, oder das Getobe der Hunde, die ihren Spass miteinander hatten.

Er weißt uns vorsihtig darauf hin, dass Steffi auch schon wach ist und dies alles, was hier gerade abgeht,  sehr misslich verstehen könnte.

Nach zwei Minuten war nun auch Steffi bei uns  im Zimmer. Strahlend schaut sie mich an und fragt “JA“? ist es endlich soweit? Ich versuche zu erklären warum, weshalb wieso, von Steffi kommt nur noch die Frage wann Ricky (der geliebte, große Bruder, der in Aschau lebt) kommt. Ohne Ricky kein Weihnachten, bis jetzt jedenfalls. Vielleicht hat Ricky ja in diesem Jahr andere Pläne an Weihnachten oder muss sogar arbeiten, er hat doch sein eigenes Leben und wohnt schon lange in den Alpen.

Ricky kommt auch nächste Woche wirklich zu Besuch, aber nicht wegen Weihnachten sondern, weil er uns alle, Sandra und ihre Kinder sehen möchte.

Jürgen lacht“ nun sieh mal zu, wie Du da wieder raus kommst“, und so richtig weiß ich es selber nicht im Moment.

Sandras 3 Kinder suchen sich alle etwas aus von der weihnachtlichen Herrlichkeit, Sandra selber hat sich in ein dickbäuchiges Räuchermännchen verliebt, und der Rest wird nun von mir aufgeteilt und wieder eingepackt. Nur die Nussknacker kommen auf das Nussknackerregal im Treppenhaus, und da werden sie auch stehen bleiben, damit ich mich immer an ihnen erfreuen kann. Einen Tick braucht ja schließlich jeder, oder?

Steffi ist entsetzt. Gerade noch so herrlich weihnachtlich, und nun packt Mama auch schon alles wieder ein. Wie grausam kann doch das Leben sein.

Jürgen kommt mit Martin herunter, (unsere Schlafräume befinden sich im Obergeschoß) der nun auch aufgewacht war und bevor unsere Freunde ein paar Stündchen schlafen gehen, muss er sie erst mal begrüßen und knuddeln.

Natürlich wirft mir auch Martin einen fragenden Blick zu, versteht aber dann meine Erklärungen und außerdem hatte er ja noch keinen Geburtstag. Hab ich wieder ein Glück heute!

Eine Woche später musste der Klempner in unserem  Keller die Heizung warten und eine neu installierte Toilette anschließen. Da er an den Wasserleitungen arbeiten musste, die sich im Heizungsraum befinden, der auch unser Abstellraum ist, musste ich einige Kartons heraus räumen. Natürlich ausgerechnet die Kartons , mit den Weihnachtssachen darin. Sie standen in nächster Nähe zu den Wasserleitungen und mussten erst mal Platz machen.

Steffi will ausgerechnet jetzt eine Flasche Apfelschorle vom Kellervorratsregal nach oben holen, hört mich räumen und kommt zur Kontrolle, sie ist ja gar nicht neugierig,  zu mir. Sie erblickt, natürlich wieder Weihnachtliches, und sagte laut, mit den die Hüften gestemmten Armen“Aha“.

Wieder kam ich in Erklärungsnot, aber es hilft ja nichts. Steffi wird leicht sauer, anscheinend kommt sie sich von mir tüchtig veräppelt vor, vielleicht meint das gute Kind sogar, ich wolle Wiehnachten einfach mal unter den Tisch fallen lassen oder so. Was ja gar nicht meine Absicht war.

Ich höre wie, Steffimaus  zu Martin ins Spielzimmer geht und etwas von „Tannebaum“ von sich gibt. Martin sagt vorsichtig „Nee“, weil, er hatte noch keinen Geburtstag und auf den besteht er dann doch schon.

Nun bekommen wir zu allem Überfluß aber laufenden Meters die Weihnachtskataloge per Post zugesandt, was Steffi und Martin natürlich nicht entgeht, und mir fällt kein Gegenargument für Weihnachtenissesnochnicht mehr ein, außer, dass es immer noch früh ist.

Bei jedem gemeinsamen Einkauf begann nun das gleiche Theater. Steffi will Adventskalender kaufen und Kerzen, dann noch Weihnachtsservierten und bestimmt kann es nun auch nicht mehr lange dauern und sie packt uns einen Truthahn in den Einkaufswagen. Den nennt sie immer „Große Hähnchen“, und so ein Hähnchen würde sie auch glattweg ganz alleine verputzen, wenn wir sie gewähren ließen.

Ich betreue über die Nachbarschaftshilfe einige, ältere Menschen hier im Ort und von einer älteren Dame ist das doch sehr betagte, künstliche Weihnachtsbäumchen , das in ihrem Keller auf einen erneuten Einsatz wartet, im laufe der Jahre total zerbrochen. Liebevoll hat sie an ihr Bäumle immer die aufgehobenen Basteleien ihrer Kinder und Enkelkinder gehängt, aber schon letztes Weihnachten war kaum noch ein heiler Zweig an dem Bäumle, an den man etwas sicher aufhängen kann, daran.

Über Ebay erwerbe ich ein gleichwertiges, identisches Tannenbäumchen, das ich der guten Frau vorm ersten Advent, mit ihrem Weihnachtskarton in die Stube stellen will.

Natürlich ertappt mich Steffi dabei, als ich das Päckchen, das bei uns per Post ankam mit besagtem Ersatzbäumchen öffne, um es zu kontrollieren, wegen der ab zu gebenden Bewertung. Steffi  sagt dieses mal zu dieser Beobachtung kein Wort, sieht mich aber mit bösen, verkniffenen Augen an. Wieder versuche ich zu erklären, Steffi will es gar nicht hören.

Wahrscheinlich denkt sie nun, wir wollen ihr dieses Jahr wirklich Weihnachten vorenthalten, oder klammheimlich, ohne sie, hinter ihrem Rücken feiern.

Es ist ja auch alles nicht wirklich zu verstehen, für ein Menschlein, das Weihnachten feiern einfach über alles liebt.

Nun, Anfang November sind auch endlich die letzen Schaufenster festlich dekoriert, meine bescheidenen Basteleien für den Weihnachtsbasar der Schule liegen fertig gestellt im Keller auf meinem Basteltisch und seit gestern Abend ist in der Nachbarschaft die erste Lichterkette an einem Balkongeländer erleuchtet , sowie zwei funkelnde Sternlein im Fenster des ersten Stockes dieses Hauses.

Leider muss Steffi sich damit abfinden, unsere Lichterketten und Fensterbilder, unser bunt geschmückter Tannenbaum im Vorgarten (er muss leider aus Platzgründen auch dort draußen stehen bleiben) werden allesamt zum 1. Advent bei uns das erste Mal leuchten, vielleicht, wenn ich es schaffe sogar eine Woche vorher.

Ich bin bestimmt kein Weihnachtsmuffel und liebe die Lichtlein in der dunklen Jahreszeit über alles, ich liebe es, anderen Menschen eine kleine Freude zu machen. Aber trotzdem- Weihnachten fängt nicht vor Weihnachten an, auch nicht bei uns.