Kauderwelsch

Brigitte Betzel-Haarnagel, April 2005

Eigentlich war es schon lange überfällig, dass wir für Steffi (20 Jahre, Down-Syndrom) ein neues Bett anschaffen müssen.
 
Nach zwei Umzügen und mehrmaligem hin und her räumen hatte das alte Bett seine besten Zeiten gesehen.
 
Außerdem ist Steffi in den letzten Jahren um einiges ruhiger geworden.
 
Sie benutzt ihre Schlafstelle nicht mehr als Trampolin und sie schmeißt sich auch nicht mehr abends mit voller Wucht in ihr Bett hinein. Das hatte sich oft so angehört, als sei ein Abbruchunternehmen über unseren Köpfen im Einsatz.
 
Wir können es also ruhig wagen zu investieren.
 
Jürgen und ich fanden dann auch tatsächlich die Zeit, einen Möbelmarkt aufzusuchen. Beide halten wir es in solchen Gebäuden nicht lange aus. Mir wird meist übel in dieser chemieüberfluteten Luft und Jürgen bekommt meist ziemlich schnell Kopfschmerzen.
 
Aber, es musste ja sein und nach einer Stunde wurden wir auch fündig.
 
Das Aufbauen ging auch ruckzuck, da das Bett nur aus drei Teilen bestand. Vor dem Aufbau von Möbelteilen graut uns auch immer tüchtig, weil eigentlich nie etwas wirklich klappt auf Anhieb, und meist Kleinteile über oder zuwenig mit dabei sind.
 
Aber Steffis neues Bett war kein Problem. Es fügte sich in seinem grauen Metalldesign gut in das winzige Schlafzimmerle ein, so als hätte es schon immer da gestanden.
 
Unsere Schlafräume befinden sich im Obergeschoss, Wohnzimmer und Tagesraum der Kiddis im Erdgeschoß.
 
Ich nutzte die Gunst der Stunde, und bezog Steffis Bett auch gleich frisch, mit blaugemusterter Bettwäsche.
 
Ein neues Kopfkissen hatten wir auch noch für Steffi erworben, vielleicht mag sie es ja leiden und besteht nicht mehr weiter auf ihr kleines Lieblingskissen.
 
Gespannt waren wir, ob Töchterlein die kleine Veränderung gleich bemerkt.
 
Kurz vor 20 Uhr stapfte Steffi dann die Holztreppe nach oben.
Martin hatten wir schon ins Bett gebracht und versorgt, und es hörte sich so an, durch das Babyphon, als sei er schon eingeschlafen.
 
Steffi braucht immer seeehr laaange im Badezimmer, bis sie dann richtig bettfertig ist, da geht nichts ruckizucki. Den Schlafanzug hatte ich für Steffi schon ins Bad gelegt und die Zahnbürste wartete auch auf ihren Einsatz.
 
So nach einer guten halben Stunde konnten wir hören, Steffi verlässt das Badezimmer.
 
Sie ging an Martins Bett, um ihm gute Nacht zu sagen, “slaf gut Baggi, träume süß“ bekam ihn aber nicht mehr wach an diesem Abend.
 
Anschließend schaltete Steffi Licht in ihrem Zimmerle an und ein lautes „Oh“ war unten zu hören.
 
Dann waren ihre Schritte auf der Holztreppe nach unten zu vernehmen.
Dieses Mal vorsichtig und leise, im für Steffi üblichen Nachstellschritt.
 
Jeden Abend kommt Steffi vor dem zu Bett gehen noch mal nach unten, um uns gute Nacht zu sagen, sich dieses Mal mit einer Mentholsalbe Brust und Rücken eincremen zu lassen und um überhaupt noch mal zu kontrollieren, was wir denn noch so alles machen, am heiligen Feierabend.
 
Ich ging von der Küche, in der ich mit den Frühstücksvorbereitungen beschäftigt war, in den Flur und auf Steffi zu.
 
Sie strahlte förmlich, hatte also doch das neue Bett bemerkt und vor lauter Freude und Aufgeregtsein sagte sie dann:
„Ist der Blau der neu der släf?“
 
Sie hatte alles, was sie sagen wollte zusammengepackt in eine Art Stenosprache.
 
Ist das Kissen neu und das Bett frisch bezogen mit blauer Bettwäsche und ist das Bett neu?
 
Toll, wie sie solche Sachen für sich regelt.
 
Als ich ihr dann erzählte, dass Papa und ich das Bett zusammen eingekauft haben, ging sie zu Jürgen, lächelte ihn ganz lieb an und sagte zuckersüß: „Danke Papa, der släf.“
 
Dann gute Nacht mein Kind, schlaf gut, in Deinem neuen, frisch bezogenen Bettchen.
 
Ich hab Dich lieb.