Konfistress

Brigitte Betzel-Haarnagel, Mai 2004

Irgendwie dachte ich, dass es an der Zeit sein könnte, Steffi und Martin nun endlich konfirmieren zu lassen. Ich wollte eigentlich damit warten, bis die beiden jungen Menschen vielleicht doch verstehen können in ihrer Entwicklung, was es bedeutet getauft und konfirmiert zu sein, zu einer kirchlichen Gemeinde zu gehören.

Aufgrund ihrer Entwicklung wird es aber so  nie wirklich möglich sein können. Das mussten wir uns nun alle eingestehen.

Auf jeden Fall sollten Steffi (18 Jahre, Down Syndrom) und Martin (17 Jahre alt, mehrfach behindert) ihren ganz besonderen Tag erleben dürfen, wie alle evangelischen Jugendlichen. Erleben als etwas Schönes, Angenehmes, mit einer kleinen, überschaubaren Feier und natürlich auch mit Geschenken. Nicht so große , teure Geschenke, wie die Kids sie heute üblicherweise erwarten zu solch einem einmaligen Anlass, aber mit Geschenken, die den beiden Konfirmanden Freude machen sollten.

Prinzipiell sind meine Kinder eh recht bescheiden und können sich von Herzen über Dinge freuen, die für andere Menschen wenig bedeuten oder einfach nur selbstverständlich sind.

Gerade als ich überlegte, unseren Gemeindepfarrer damit zu beglücken, wurde das Thema in der Schule, die die beiden Mäuse besuchen, aufgenommen.

Der Religionslehrer und der Pfarrer, der am Ort der Schule amtiert, gaben von nun an einmal in der Woche Konfirmandenunterricht in der Schule und bereiteten die jungen Menschen mit besonderen Bedürfnissen- 8 an der Zahl , auf die Konfirmation , und der gleichzeitigen Taufe einer Konfirmandin vor. Mit Unterrichtsinhalten, die wohl die meisten, der Konfirmanden etwas , oder ganz , nachvollziehen konnten.

So wie ich den Religionslehrer und den Pfarrer nach einem Kennenlernen in der Schule und nach zwei Telefonaten einschätzte, musste es ein behutsamer, liebevoller Unterricht werden, für unsere Jugendlichen, mit ganz besonderen, unterschiedlichen Bedürfnissen und Entwicklungsbildern.

Es wurde erzählt und viel gemalt, von Noah, der Arche und dem Regenbogen, die Kinder brachten viele Bilder nach Hause und signalisierten mir, dass sie den Konfirmandenunterricht mochten. Und plötzlich war es dann soweit.
Wie im Flug erschien es mir, waren fast 9 Monate vergangen. Ich stelle fest, je älter ich werde, umso schneller läuft, nach meinem Empfinden, die kostbare Zeit davon.

Noch eine Elternbesprechung 4 Wochen vor Termin und dann kam in mir die Hektik auf.

Was, wenn Steffi, wie so oft, wenn sie zu etwas keine Lust hat, in vollbesetzter Kirche einen Bockanfall bekommt? Wenn sie rum motzt und schreit und weint, wenn sie sich wütend auf den Boden schmeißt?

Was, wenn sie, wie üblich, andauernd zur Toilette gehen muss?

Was, wenn Martins Windel nicht so lange dicht hält und er seinen Anzug total voll gesabbert hat?

Martin hat oft Schmerzen in Hüfte und Knie, wenn er zu lange in gleicher Körperhaltung sitzt. Er kann dann entsetzlich laut schreien und weinen und es dauert lange, bis er sich wieder beruhigt.

Wie sieht es aus, wenn ihm alles zu langweilig wird und er einfach in seinem Rollstuhl einschläft, den Kopf nach unten hängend?

Was, wenn meine geliebten Kinder über irgendetwas oder irgendwen einen Lachanfall bekommen, der schon mal ohne Unterbrechung bis zu einer guten, halben Stunde anhalten kann? Solche Heiterkeitsanfälle bekommen meine beiden Mäuse nämlich des Öfteren und wenn sie so tüchtig am Lachen und Glucksen sind, ist dieser Anfall nur schwer zu unterbrechen.

Wie groß wollen wir die Feier der Kinder eigentlich machen? Es sollte nur in einem Rahmen sein, den sie überschauen, aufnehmen können, mit Menschen, die sie kennen und mögen.

Und dann hatte ich ernsthaft überlegt, ob es nicht einfach nur fair wäre und ein Anlass, endlich mit Martins leiblicher Mutter Kontakt auf zu nehmen, die sich in den ganzen 17 Jahre nicht ein einziges Mal bei uns oder dem Jugendamt gemeldet hat.

Ich kann es mir immer noch nicht vorstellen, dass eine Mutter, die ihr Kind weg gegeben hat, aus welhen Gründen auch immer, nicht doch ständig an dieses Kind denkt, dass in ihr gewachsen ist und ein Teil von ihr ist.

Aber welches Recht hatte ich, so plötzlich in ihr Leben einzudringen und vielleicht sogar alte Wunden wieder auf zu reißen? Möglicherweise kann sie es gar nicht ertragen, mit diesem Teil Ihres Lebens konfrontiert zu werden.

Sehr viel ist mir nicht bekannt über diese Frau, aber ich bin auch eine Frau und Mutter und Höhen und Tiefen gab es auch in meinen 51 Lebensjahren reichlich, so dass ich sicher verstehen könnte und will.

Ich sprach mit meinen Freundinnen darüber die allesamt der Meinung waren, ich solle es lieber lassen. Mein Mann stand der Sache auch recht skeptisch gegenüber, eben weil sich diese Frau noch nie von sich aus gemeldet hat. Weder bei uns noch bei den Jugendämtern, die mit Martins Vermittlung zu tun hatten.

Goethe schwirrte mir zwischenzeitlich im Kopf herum mit den Worten“ die Geister die ich rief, werde ich nicht mehr los.“ Eine Freundin meinte, es könnte ja auch passieren, dass sich diese Frau dann an uns klammert und wir zusehen könnten, wie wir sie wieder los werden und auf gesunde Distanz bringen.

Bis zum letzten Moment habe ich noch überlegt, ob ich den Kontakt aufnehmen soll.

Dann bekam ich doch kalte Füße und dachte mir, sie weiß ja wo wir wohnen, sie hat Kopien der Hilfeplangespräche jedes Jahr zugeschickt bekommen, sie könnte sich, wenn sie wollte jederzeit melden. Aber, wenn sie sich vielleicht nicht traut?

Ich bin immer noch im Zwiespalt mit mir selber, vor allem, weil ich denke, diese Frau liegt auch irgendwann auf dem Sterbebett und dann fehlt das Bild eines Kindes, dass von ihr geboren wurde. Das würde ich ihr gerne geben und ermöglichen, aber nun traue ich mich noch nicht.

Wir wissen immer erst hinterher, ob das, was wir getan haben, richtig war.

Wieder vergingen die Tage bis zum Sonntag der Konfirmation wahnsinnig schnell.

Jürgen und ich entschieden uns, nach der Kirche mit unserer kleinen Gesellschaft in einem Nachbarort, eine kleine, einfache Pizzeria zum Essen auf zu suchen. Dort würden wir sicher nicht so sehr auffallen und wir können uns alle benehmen wie immer. Wir kleckern nämlich regelmäßig beim Essen, oder es fällt ein Glas um oder ein halber Tellerinhalt landet auf dem Fußboden und Martin kann nichts dafür, dass ihm oft etwas aus dem Mund fällt oder läuft.

Natürlich haben wir beide dort sozusagen ein Probeessen gehabt, um sicher zu gehen, dass die Atmosphäre dort die Richtige für uns ist.

Natürlich hätte ich ein Essen zu Hause vorbereiten können, aber alleine die Tatsache, dass Jürgen keine grüne Gurken , Fisch und Pilze isst, Ricky keine Eier und Fleisch, Bärbel nichts mit Obst, der große Martin keine Zwiebeln, Porree und Knoblauch und schon gar nicht, was er nicht kennt futtert, (er ist Landwirt von Beruf) Anna sich nur vegetarisch ernährt, Stefanie nur Nudelgerichte möchte, Martin ein Wiener Schnitzel mit Pommes wünscht und ich auf keinen Fall Innereien esse und viele Kohlenhydrate, ließen zumindest für mich die Pizzeria, mit großzügiger Speisekarte als Rettung erscheinen.

Die Überlegung eine Bekannte, deren beide Kinder an Zöliakie erkrankt sind einzuladen, verwarf ich, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass sich ihre sehr lebhaften Mädchen bei dem langen Gottesdienst wohl fühlen würden. Hier hätten wir dann noch das nächste Problem in Sachen Futter gehabt.

Es wäre mir einfach zuviel gewesen, alles auf einen Nenner zu bringen, weil ich viel zu viele Kriterien hätte berücksichtigen müssen, obwohl wir nur 8 Personen waren.

Dann kam das Thema der Garderobe. Die Kinder und ich sehen in feinen Sachen irgendwie nicht so ganz passend aus, finde ich. Jürgen trägt ja täglich sein Beamtenkostüm, zu ihm passt es auch, das war also kein Thema. Für Martin bekamen wir über Ebay einen nur 1x getragenen Smoking für Rollstuhlfahrer und noch zwei Rollifahrerjacketts. Zwar war alles auch gebraucht noch sündhaft teuer, aber die Sachen passen Martin und er sieht nett darin aus. Kann er ja zu den nächsten Festivitäten wieder tragen, wenn er nicht so schnell raus wächst.

Steffi ist ein Jeans und T-Shirt Typ, und alles was wir im Hause hatten und was wir erwarben an halbwegs feierlichen Textilien, sie sah eher schlampig aus im feinen Zwirn, und so gar nicht festlich.

Am Samstag vor der Konfirmation konnte ich bei erneutem, verzweifeltem Versuch, für Steffi etwas Feines zu erwerben, endlich eine dünne, schwarze Stoffhose und eine von der Form her passende, schwarze Bluse erwerben. Es war auch höchste Eisenbahn und ein Stein fiel mir vom Herzen.

Steffi sollte doch auch angemessen gekleidet sein und nett aussehen, schließlich machen Kleider ja Leute und dieser Festtag findet keine Wiederholung.

Der Sonntagmorgen bestand bei mir nur aus Bauchweh und Stress und ich hatte das dumpfe Gefühl in der Magengegend, diesen Tag nicht heil zu überstehen.

Die Kinder waren ganz ruhig, eigentlich ruhiger als sonst und es gab nicht wirklich einen Grund an diesem Morgen gestresst zu sein.

Kirsch, Nuss und Käsekuchen hatte ich am Vortag gebacken, den Kaffeetisch sofort nach dem Frühstück schon festlich auf gedeckt, die Geschenke lagen mit einer blauen Tischdecke abgedeckt auf dem Wohnzimmertisch, Katzen und Hund waren gefüttert, unsere nette Postbotin wollte sich ab 10 Uhr um das Hundchen kümmern, ich mag Nono nicht solange alleine lassen, es war also alles klar.

Weder Steffi und Martin hatten sich nochmals eingesaut, Jürgen und Ricky standen fesch aussehend im Anzug bereit und ich mehr im Freizeitlook, weil ich einfach nichts Passendes gefunden hatte - aber wir waren pünktlich fertig.

Eine Stunde, bevor der Gottesdienst begann, sollten wir zwecks Fototermin und Kamera einstellen, in der Kirche sein.

Alle Konfirmanden sahen wirklich top aus, fast wie aus einer Modezeitschrift. Zwar trugen nicht alle jungen Menschen dunkle Kleidung, aber es war ein sehr feierlicher, harmonischer Anblick.

Alles in allem war es so für die Kiddis schon ein bisserl lang von der Zeit her. Ab und an gähnte jedes Kind mal vor sich hin, was ich sehr gut verstehen konnte. Nur ruhig da zu sitzen ist wirklich eine anstrengende Sache. Habe ich ja auch Probleme damit, kenne ich also.

Bärbel, Anna, Martin kamen, und setzten sich zu uns, auf die für uns reservierte Bank in der ersten Reihe. Sie wollten den Ehrentag von Steffi und Martin mit uns verbringen, den Konfirmationsgottesdienst mit uns feiern.

Deutlich zu spüren war der wirklich gute Draht des Pfarrers zu den Jugendlichen. Steffi, die ansonsten wirklich Rambazamba machen kann, ließ sich von ihm leiten und war fast die ganze Zeit guter Dinge. Das heißt, wir sind sicherlich nicht sehr negativ aufgefallen in der Kirche.

So ca. alle 10 Minuten warf Steffi Kusshändchen der Gemeinde entgegen, in die vollbesetzte Kirche, so als Grüße sie ihr Publikum. Dies war eine witzige Einlage und nur all zu gerne hätte ich gewusst, was diesbezüglich in Steffis Köpfchen vorging.

Der Gottesdienst, die einstudierten Tänze, die Konfirmation und das Abendmahl liefen völlig harmonisch ab.

Ich hatte für meine Kinder den Psalm 23 als Konfirmationsspruch ausgesucht, Worte, an denen auch ich mich ein Leben lang schon fest halte. Der Herr ist Dein Hirte, Dir wird nichts mangeln- das ist es, was ich auch für meine Kinder wünsche.

Bloß ,als ein Konfirmand, der aus einer sehr musikalischen Familie kommt, die Organistin auf seinem Schlagzeug zu einem Musikstück begleiten durfte, war Steffi fast den Tränen nahe und senkte tief ihren Kopf.

In den Räumen der Lebenshilfe setzt Steffi sich sehr gerne seit einiger Zeit an das Schlagzeug der Musikgruppe, wenn es nicht gerade gebraucht wird und wir hatten schon überlegt, ob wir ihr nicht endlich ein kleines Schlagzeug zum Geburtstag schenken sollen, haben dann aber aus Angst vor den Reaktionen der Nachbarn doch lieber was anderes gekauft.

Man kann an dem Instrument leider keinen Ton leise stellen.

Steffimaus hatte wohl gehofft, man erteile ihr irgendwann den Auftrag, sich ans Schlagzeug zu setzen, und nun kam einfach dieser junge Mann zum Zuge. Soviel Ungerechtigkeit und das auch noch in der Kirche.

Den Wein beim Abendmahl fand Steffi „Lecker“ und Martin „Ebahh“ und ich denke wir hatten Glück, das Martin seinen Schluck nicht in den Kelch zurückgespuckt hat und das Steffi ihn nicht ausgetrunken und nachbestellt hat. Dieses hätte sicherlich die Bedienung verwundert.

Kurz vor Ende des Gottesdienstes, als der Rektor der Schule und die Bürgervorsteherin der Stadt Markgröningen noch eine Rede hielten, deren Inhalt die Kinder sicher alle nicht verstehen konnten, musste Steffi dann doch ganz dringend zur Toilette. Auch hier hatte Steffi sehr gut durchgehalten und sich zusammen gerissen. Normalerweise ist das Mindeste an Toilettenbesuchen bei ihr 2x pro Stunde und wir waren immerhin schon
2 ½ Stunden hier.

Wir saßen ja in der ersten Reihe und sie nahm Blickkontakt zu mir auf und signalisierte das Problem. Ganz leise rief ich sie zu mir, bevor sie aber aufstand, um zu mir kommen damit wir gemeinsam im Gemeindehaus, das gegenüber der Kirche steht, die Toiletten aufsuchen konnten, sah sie erst den Pastor an und holte sich von ihm das Ok, aufstehen zu dürfen.

Diese Reaktion meiner Tochter zeigte mir, wie innig sie mit diesem Mann verbunden sein musste, wie sehr sie ihn doch achtete und als Autoritätsperson annahm. Gerade damit hat mein Töchterlein gravierende Probleme und normaler weise wäre sie aufgestanden und zu mir gekommen um mir mit zu teilen “AA“. Sie hätte sich ansonsten von niemanden ein okay geholt, zur Toilette gehen zu dürfen.

Als der Konfirmationsgottesdienst meiner Kinder zu Ende war und wir die Kirche verließen, war ich stolz. Stolz auf meine Mäuse, die sich vollkommen angepasst der Situation verhalten haben, und stolz auf mich, dass ich wieder zwei Menschen fast von Anfang an begleiten konnte, bis zu diesem Abschnitt beim Erwachsen werden.

Nun endlich durften wir zu der kleinen Pizzeria fahren, alle mit großem Hunger und Durst und man kann es sich kaum vorstellen, jeder Gast hatte ein anderes Gericht bestellt. Auf alle Fälle hat es uns gut gemundet, die Wirtsleute waren nett und zuvorkommend und dann war es höchste Eisenbahn für Martins Windel und wir waren wieder heil zu Hause angekommen..

Nun kam natürlich der Run auf die Geschenke, es war viel mehr, als wir eingeplant hatten, Steffi und Martin waren mit ihren Autos, Malbüchern, Zeichenblöcken, Videos, Handtüchern, Nudeln und Kuschelkissen sehr zufrieden und für die beiden Mäuse war es wirklich ein gelungener Tag.

Wir tranken noch gemütlich Kaffee zusammen mit unseren Gästen und ließen den Tag so langsam ausklingen. Die Kiddis wollten sich logischerweise mit ihren Geschenken vergnügen und nur Anna, eine 18 jährige Abiturientin und Tochter meiner Freundin Bärbel, war im Tagesraum erwünscht.

Gegen 16 Uhr wurde unser Hundchen wieder nach Hause gebracht, obwohl Nono sehr gut behandelt wurde, war auch er anscheinend heilfroh, wieder zu Hause sein zu können und uns alle wieder um sich haben. Auch für ihn war es ein langer Tag.

Obwohl ich an diesem Tag gar nicht viel gemacht hatte, war ich am Abend total erledigt und froh, dass wir dieses Fest nun gut hinter uns gebracht hatten und dass es keine negativen Zwischenfälle mit sich brachte. Wir gingen alle recht früh ins Bett, Martin bat sogar als Erster darum, schlafen gehen zu dürfen.

Ricky meinte, den meisten Spaß in der Kirche hätten Steffi und Martin an diesem Tag gehabt. Sie waren fast die ganze Zeit fröhlich und gut gelaunt und haben so richtig Lebensfreude ausgestrahlt. Es war auch deutlich zu sehen, die Beiden verstehen sich sehr gut.