Martin wird acht

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1994

Nun endlich begann es so richtig spürbar. Martins Selbstwahrnehmung machte einen enormen Entwicklungsschub nach vorne. Wie lange hatte ich sehnsüchtig darauf gewartet.
 
Martin wusste das erste Mal bewusst und im Voraus, dass er bald seinen Geburtstag feiern wird und dass er 8 Jahre alt wird. Alles war ihm plötzlich so ganz bewusst,- wie wunderbar.
 
Mein Kind macht Fortschritte und auf einmal Riesengroße.
 
Er spürt sie auch und er freut sich mit mir darüber. Und er freut sich auch, weil wir alle uns darüber so sehr freuen, mit ihm, für ihn.
 
Als Martin mit 17 Lebensmonaten in unsere Familie kam, hätte das, was heute in seinem entzückenden Köpfchen vorgehen kann, noch niemand wirklich vermutet.
 
Schwerst mehrfach behindert und viele traurige, schwarze Ariale auf dem CT seines Gehirnes waren zu sehen.
 
Und heute - Martin ist glücklich, lernt zu leben, lernt Wünsche zu äußern, lernt sich durch zu setzen und auch etwas nicht zu wollen und dagegen an zu gehen.
 
Viele Buchstaben des Alphabetes sind ihm inzwischen bekannt, er versucht sogar, sie aus zu sprechen. Vielleicht kann er ja doch noch lesen lernen, irgendwann möglicherweise per Computer kommunizieren. Er kann inzwischen so vieles und er will so vieles können.
 
Martin arrangiert sich mit seinen körperlichen, nicht korrigierbaren Defiziten, er sieht und spürt sie - er nimmt sich selber an in seinem Anderssein.
 
Diesen ersten, bewussten Geburtstag - er hat ihn so intensiv erlebt, erhofft und gewollt.
 
Fast einen ganzen Monat lang hat er uns mit seiner spärlichen Sprache gefragt- wann werde ich endlich acht?
 
Die Nacht vor dem großen Tag - mein liebes Kind konnte vor Aufregung kaum schlafen. Morgens um 6 Uhr rief er laut deutlich „Mama“, nicht mehr Hiam, wie er mich ansonsten liebevoll nennt. Ganz klar war das Wort „Mama“ aus seinem Munde zu hören.
 
Acht Kerzen wurden auf dem Tisch in der Küche, an seinem Lieblingsplatz angezündet für Martin und drei Geburtstagsgeschenke standen schon da - und Martin, der strahlte und strahlte und strahlte.
 
Jetzt war er endlich richtig stolze 8 Jahre alt.
 
Er wollte in der Küche, an seinem Lieblingsplatz sitzen bleiben, weil er von dort am besten aus dem Küchenfenster, hinaus auf die Strasse sehen konnte. Er wollte auf keinen Fall das Kommen seiner Geburtstagsgäste versäumen und ja alles mit bekommen, was vor unserem Haus passierte.
 
Über jeden Besuch, jeden Anruf und jedes Geschenk hat er sich so sehr gefreut und jedem Besucher, jedem Anrufer hat er ganz stolz erzählt „Aa“, ich bin jetzt acht.
 
Die Zeit ging so schrecklich schnell vorbei. Sechseinhalb Jahre Martin, genauso lange furchtbare Angst um sein junges Leben, sechseinhalb Jahre seine Liebe, sein Vertrauen, sein herzhaftes, wunderbares Lachen, seine Freude, seine Freundlichkeit und Zärtlichkeit.
 
Dieses Kind ist ein so großes Geschenk für uns alle.
 
Martins achter Geburtstag, war der schönste Geburtstag, den ich bis heute erleben durfte.