Neue Schule

Brigitte Betzel-Haarnagel, 2002

Es ist für uns alle nicht leicht nochmals neu anzufangen. Grundsätzlich waren wir zufrieden und glücklich mit dem Leben in Nortorf, unserem Freundes und Bekanntenkreis, der räumlichen Freiheit im Land, der guten Luft,  der ruhige Verkehr - im Verhältnis zu unserem neuen zu Hause - ,die Arbeitsplätze und Kollegen, für die Zukunft unserer Kiddis wäre alles so gut wie geregelt gewesen.
 
Nun vermissen wir so sehr viele liebe Menschen, unser schönes Haus in Nortorf, unsere Tiere, vor allem, dass wir uns dort auskannten, Bescheid wussten, einfach zu Hause waren, unsere Seele Wurzeln geschlagen hatte.
 
Zwar gibt es hier vieles zu entdecken, im Gegensatz dazu steht Steffis extrem bockiges Verhalten, wenn wir vor die Tür gehen wollen. Sie schimpft, flucht und spuckt, egal wie lange wir uns draußen bewegen. Ich kann es ihr nicht verdenken, aber es macht uns so alles nicht wirklich leichter.
 
  Es macht mir Angst, dass sie vielleicht auch die neue Schulsituation, die neuen Schulkameraden und Lehrkräfte ebenso ablehnt und ich sie morgens vielleicht nicht in den Schulbus hinein bekomme.
 
Nach den langen Doppelferien brauche ich nun endlich etwas Luft für mich. Wir zogen vor Beginn der Sommerferien von Nortorf nach Tamm und wenn die Ferien im Norden zu Ende gehen, fangen sie hier im Süden erst an.
 
Den Rollstuhl zu schieben, macht hier bei den vielen, steilen, hügeligen und engen Wegen sehr viel Mühe und ich spüre so manches Mal meine Hände nicht mehr. Der Rücken schmerzt nur noch und ich kann vieles, was ich hier an Haus und Grundstück zu tun hätte, so, kräftemäßig gar nicht mehr machen.
 
Der nette Herr vom Sozialamt Wuppertal, - der für die Bewilligung von Martins Aufzug, ohne den es hier nicht mehr geht, - zuständig ist, sucht seit vielen Wochen nur nach Möglichkeiten, wie er die Bewilligung umgehen kann. Da wir , dadurch hier am Haus und mit dem Herrn, der alles für uns regeln sollte, sehr vieles leider tüchtig schief ging, keine 24000Euro mehr finanzieren können, und bis zum tatsächlichen Verkauf unseres Hauses im Norden, im Februar 2003 erst mal absolut pleite sind, müssen wir das Sozialamt bemühen. Martin steht diese Hilfe nach BSHG-Eingliederungshilfe auf alle Fälle zu. Wir haben früher schon alles, was wir konnten selber finanziert weil es uns einfach zuviel Generve, war uns mit dem Amtsschimmel rum schlagen zu müssen. Es kostet nur Zeit und tüchtig Nerven.
Nun geht halt nichts mehr und wir müssen es leider angehen.
 
Vor Dezember werden wir den Aufzug nicht bekommen, da wir wahrscheinlich eine einstweilige Anordnung bei Gericht erwirken müssen, damit wir den Aufzug in Auftrag geben können. Solange muss Martin alleine unten, im eigentlichen Esszimmerchen, schlafen und trotz Babyruf haben wir Angst, dass etwas passieren könnte, Martin will sowieso nicht gerne alleine schlafen.
 
Steffi schläft auf einer Matratze bei Martin im Zimmer, sie wollen nicht so weit auseinander schlafen, sich wenigstens noch hören können. Hoffentlich kommt der Frost nicht so früh, sonst wird es für Steffi zu kalt auf dem Boden. Beide Kinder haben normalerweise ihr Schlafzimmer im Obergeschoss, nahe unserem Schlafzimmer.
 
Unser altes, liebes Zwergdackelchen Finchen, dass hier sehr bald verstorben ist, (sie war leider die Kellertreppe herunter gestürzt) fehlt uns allen. Das kleine, alte Dackelmädchen war irgendwie zum Mittelpunkt unserer Familie geworden und hatte für jeden von uns etwas, was wir an ihr so sehr liebten.
 
Einen neuen Hund will ich im Moment nicht mehr. Wir werden alle älter und ich weiß nicht, wie lange wir ein Hundchen noch verantwortungsvoll versorgen können. Aber das sage ich jetzt, diesbezüglich ist noch nichts endgültig entschieden. Wir haben doch immer mit Tieren zusammen gelebt und so ganz ohne, ich werde erst mal abwarten, bis meine Trauer um Finchen, und um all die Tiere, die wir nicht mit hierher nehmen konnten, sich etwas zurückgezogen hat,
 
Gipsy, unsere liebe Retrieverhündin ist auch schon 13 Jahre alt und auch ihr Altwerden ist täglich immer mehr zu sehen und zu spüren. Mehr als eine halbe Stunde kann auch sie nicht mehr mit uns laufen.
 
Die beiden Katzen haben sich anscheinend gut eingelebt in ihrem neuen Revier und bislang wurden sie noch nicht angefahren, zum Glück. Pünktlich um 5 Uhr morgens, sind sie zum Futterfassen vor der Tür. Zwar haben sie inzwischen eine Katzenleiter zum Balkon, aber anscheinend sind sie trotz allem gerne draußen hier, auch wenn sie keine Stadtkatzen sind.
 
 
 
5.9.02
 
So langsam wird es ernst.
 
Heute kam überraschend eine, von Martins zukünftigen Lehrerinnen zu Besuch. Sie wollte Martin erleben und einen Brief bringen, den die Kinder aus seiner neuen, unbekannten Klasse noch im Juli an ihn geschrieben hatten. Ich wusste nicht so ganz, was ich davon halten sollte, aber na ja, was soll schon passieren. Drei Mädels und zwei Jungens, alles Rollifahrer. Mit Martin dann sechs rollende Kinder.
 
In Martins Klasse unterrichten 3 Lehrkräfte zusammen, eine Kinderpflegerin und ein Zdler sorgen für den Rest.
 
Martin freut sich, ist neugierig und will seiner neuen Lehrerin ganz viel erzählen, auch mit dem Talker. Vor lauter Aufregung findet er die Tasten nicht. Martin talkt mit Einwortsätzen, aber sinngemäß und passend. Stolz zeigt er die wunderschönen Alben, die die Kinder zum Abschied von ihren geliebten, Schleswig Holsteiner Schulklassen bekommen haben.
 
Ansonsten hatten wir, da wir die Kinder nicht persönlich vorstellen konnten, schon vorab mal ein Video über sie, den zukünftigen Lehrkräften zur Verfügung gestellt, für den ersten Eindruck. Das war wohl sehr hilfreich zum einschätzen des jeweiligen Hilfebedarfs, hoffe ich jedenfalls.
 
Steffi begrüßt die fremde Frau nur kurz, verschwindet dann wieder im Spielzimmer, legt ein Kellyvideo in den Recorder ein und klimpert auf einer alten Gitarre dazu.
 
Beim letzten Umwandern der neuen Schule haben wir das Schwimmbad entdeckt. Da strahlte dann auch sogar Steffi. Ansonsten hat sie noch immer keine Meinung zu der neuen Schule. Steffi dachte wohl irgendwie, wir fahren wieder zurück in die alte Heimat und es ist hier alles nur ein Besuch auf Zeit.
 
Steffi  kommt in eine Klasse, die ganz neu mit externen Schülern zusammengestellt wird und eine Werkoberstufe wird. Einer der Lehrer, der Martin unterrichtet, wird auch Steffi unterrichten, im Fach Sport.
 
Wir bekommen sehr viel über die Schule, den Unterricht zu hören. Martin wird mindestens zweimal auf Toilette gesetzt werden, Schwimmen hat jedes Kind definitiv einmal pro Woche, nachmittags ist Neigungsunterricht, also AGs. Unter anderem auch Reiten, Kegeln , Umweltschutz. Bin mal gespannt, wofür meine Mäuse sich entscheiden, wenn sie denn wirklich die freie Wahl bekommen.
 
Als ich Steffi später erzähle, was es an Unterricht so gibt, fängt sie beim Wort Turnen, Sport laut an zu schimpfen. Kein Turn, nein, nein - schwimm.
 
Martin fragt nach Disco. Gibt es nur einmal pro Jahr, dafür Tanzen in den AGs.
 
Aber, die Lehrerin will es zur Sprache bringen, findet die Idee nicht schlecht.
 
Hier im Flur stehen die bereits vorbereiteten Sachen, die am Montag mitgenommen werden müssen zur neuen Schule. Samstag müssen wir noch das Letzte einkaufen, bei Karstadt in Bietigheim.
 
Dienstag bringen wir dann den E-Rolli zur Schule, der dann auch dort bleiben wird, weil hier ist sowieso alles viel zu eng, um Martin damit fahren zu lassen im Haus.
 
Die Schule hat ihr Gelände extra so ausgebaut, dass es möglich ist für die Kiddis, überall mit dem E- Rolli hinfahren zu können. Ein Riesengelände, eine Riesenschule. Aber je öfter wir das Gelände besucht haben, umso mehr hat es an Schrecken für uns verloren. Wir hatten ja genügend Zeit in den Ferien, die Fahrstrecke und das Schulgelände, das auf einer wunderschönen Anhöhe liegt, kennen zu lernen.
 
Natürlich hatte Martin erst mal nur Augen für den Fuhrpark der Schule und die Baufahrzeuge, die überall auf dem Gelände standen. In den Ferien wird hier anscheinend feste renoviert und ausgebessert. Den vier Hausmeistern sind wir bestimmt aufgefallen, jedes mal wenn wir auf dem Schulgelände waren, waren höchstens ein paar Handwerker anwesend,  keine  weiteren Spaziergänger.
 
Die Ausstattung der Schule ist auf den ersten Blick einfach Traumhaft. Es ist fast alles dort, was man sich nur vorstellen kann für eine Sonderschule. So wie ich es aus dem , von der Lehrerin mitgebrachten Infomaterial ersehen kann, bekommt die Schule sehr viel Unterstützung durch den Lions - Club, der Förderkreis der Schule scheint auch aus Menschen mit vielen, finanzkräftigen Kontakten zu bestehen. Kontakte scheinen hier im Ländle eine große Rolle zu spielen, hoffentlich bekommen wir auch die Richtigen. Hier in der Ecke, in der wir wohnen, scheint es schwierig zu werden. Die Kinder und Jugendlichen schauen uns eher wie einen Störfaktor an, auch ist unser Haus, das noch lange nicht fertig ist, nicht der neueste Schrei.
 
Netterweise haben uns einige der Kiddis als Opfer für Klingelstreiche ausgeguckt, an solchen Späßchen hat sich anscheinend, seit es Türklingeln überhaupt gibt, nichts geändert. Die Kiddis würden es sicher lassen, wenn sie wüssten, wie altmodisch ihr Tun ist.
 
6.9.02
 
Gerade hatte ich Martin in sein Bett gelegt zur Mittagstunde und Steffi hat ihr geliebtes Sofa, im Wohnzimmer, in Beschlag genommen, da klingelt es Sturm. Aber es war kein Klingelstreich. Der DRK- Fahrdienst stellt sich vor. Zwei nette, junge Männer. Ich bitte sie herein und stelle ihnen meine Mäuse vor. Steffi hält sich ein Kissen vors Gesicht und winkt nur kurz, Martin hüpft jubelnd, voller Freude auf der Matratze herum .Ich hatte die beiden Fahrer zufällig schon ein paar Tage vorher gesehen und hatte Martin schon erzählt, dass er sicherlich mit einem gelben DRK Bus abgeholt wird.
 
Freudig erstaunt bin ich über die Tatsache, dass hier immer zwei Fahrer eingesetzt werden. Es ist beruhigend zu wissen, dass hier so umsichtig geplant wird. Ich hatte nie ein gutes Gefühl dabei, dass ein Fahrer mit einem Bus voller kleiner, behinderter Wühlmäuse teilweise auf so langen Strecken unterwegs ist.
 
Martin jedenfalls ist zufrieden mit dem Fahrzeug und den Fahrern und Steffi schaut mich nur mit großen Augen an, wenn ich sie darauf anspreche.
 
7.9.02
 
Kommt doch tatsächlich Post heute für Steffi hier an, die sie erst nach der Schule öffnen darf. Phhh, mal sehen, ob es klappt, der Umschlag steht groß und breit auf dem Küchenschrank, vielleicht erkennt Steffi ja ihren Namen im Vorbeigehen. Jedenfalls wird sie sich tierisch freuen.
 
8.9.02
 
Heute wollen wir dann die Schultaschen, und alles, was mitgenommen werden muss, fertig einpacken. Es kommt doch ganz schön was zusammen, bei zwei Kindern. Bin mal gespannt, wie viele Schlüpfer Steffi so am Tag verbraucht. Hier zu Hause wechselt Steffi momentan fünfmal pro Tag ihr Höschen. Sie will es einfach so.
 
9.9.02
 
Großer Aufregung allerseits. Aber wir sollten heute, am ersten Schultag erst um 10 Uhr in der Schule sein und uns beim Konrektor melden.
 
Beide Kinder haben sich voller Freude und Neugier mit uns auf den Weg (6 km) gemacht. Auch Steffi, entgegen aller Vermutung.
 
Viel Gepäck- eben das, was alles so gebraucht wird, hatten wir alle zu schleppen. Als wir das Schulgebäude betraten, sahen wir irre viele Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen in der Halle. Wir alle wurden sehr ruhig, jeder hatte diesen Anblick für sich zu verarbeiten. Mir ging durch den Kopf, dass Steffi und Martin ja überhaupt nicht behindert sind im Vergleich, zu vielen, von diesen Kindern hier. Ich kann es nicht einzeln beschreiben, aber genauso empfand ich es.
Der Konrektor kam zufällig aus seiner Bürotür, sah uns und begrüßte uns. Er hätte noch ein Telefonat zu führen, dann würde er uns rufen.
 
Wir waren in diesem Moment die Ersten in der Wartenschlange, es kamen noch sehr viele Jugendliche und kleine Kinder mit ihren Eltern. Alles wirkte momentan eher wie die Wartehalle auf dem Flughafen. Martin bekam einen roten Kopf, es war zuviel Hektik hier in der Halle und auf dem Gang, Steffi sagte gar nichts mehr.
 
Im Büro dann viele Fragen, Unterschriften, Martin quakte ab und an mit seinem Talker dazwischen, dann sollten uns die Lehrkräfte in Empfang nehmen und mit uns zu den Klassen gehen. Steffis und Martins Klasse liegen glücklicherweise im gleichen Gang, mit orange gemusterten Orientierungswänden. Für uns alle ist die Schule erst mal ein großes Labyrinth.
 
Die Lehrkräfte scheinen wohl allesamt annehmbar, hoffentlich bleibt es auch so. Martin ist mit Sicherheit am rechten Platz, Steffi tat uns nur noch leid. Die drei Jugendlichen aus ihrer Klasse, die heute anwesend waren, sind wesentlich schwerer behindert, als Martin und Sarah Christin, es sind auch zwei Sondenkinder dabei.
 
Wir hatten so das Gefühl, dass diese Klasse, die neu zusammengestellt wurde, nur mit Kindern belegt wurde, die nicht mehr so viele Chancen habe, gefördert werden zu könnenn. Wie wird Steffi hier, sich das holen können, was sie braucht?
 
Steffi trug stolz ihr T-Shirt mit dem Foto der alten Klasse - alle meine Freunde - sie waren alle mit dabei an diesem, ersten Tag in der neuen Schule.
 
Als die Kiddis vom Fahrdienst kurz vor 16 Uhr wieder abgeliefert wurden zu Hause, waren sie ganz guter Dinge. Zu Mittag gab es wohl gleich Nudeln, die Steffi mit Begleitung in der Kantine zu sich nehmen durfte, das Schwimmbad wurde mit Wasser  befüllt und ab Montag darf geplanscht werden. Solange dauert es, bis das Wasser aufgeheizt ist. Steffi will aber gleich schwimmen- hier hat nun die Lehrerin ein Problem, denke ich.
 
10.9.
 
Wir mussten heute Morgen Martins E-Rolli und den Toilettenstuhl zur Schule bringen. Da der bedauernswerte Fahrdienst (die beiden jungen Männer sind neue ZDLer, ohne Erfahrung mit solchen Kindern und mit nur einer Woche Einweisung) schon sehr spät bei uns ankam( eine Mutter hatte verschlafen), waren wir vor dem Eintreffen unserer Mäuse in der Schule. Wir haben also miterlebt, wie sie ankommen.
 
Martin, fröhlich wie immer, gleich alle jubelnd begrüßt und Steffi trottelte lächelnd hinter ihrer Lehrerin her.
 
Bei Martins Lehrerin haben wir den Fotoapparat abgegeben. Mit der Bitte doch irgendwann schöne Fotos zu machen- auch von Steffis Klasse. Es kann etwas dauern, aber sie wird es machen.
 
Wir haben nachgefragt, wie Steffi klar kam. Gut, zwar zurückhaltend, aber gut. Sie darf erst mal austesten, was es alles so gibt, und machen, was sie machen will. Also, malen.
 
Die Frage, nach der Möglichkeit, andere Kinder, mit denen auch sie etwas anfangen kann, in der Schule kennen zu lernen wurde zögernd beantwortet.
 
Klar, in den Pausen, in der Pausenhalle - aber erst mal muss klar sein, wie verlässlich Steffi ist, ob sie nicht weg läuft, Anweisungen Folge leistet, usw. Erst dann könnte man darüber nachdenken, in unser aller Interesse. Hier, auf diesem großen Gelände ist es nicht möglich, ein Kind zu suchen.
 
Wir fühlen uns nicht wohl im Moment und wissen nicht, wie wir etwas für Steffi ändern sollen.
 
Eine andere Klasse für Steffi sei hier nicht möglich und die andere Schule in Ludwigsburg ist laut Direktor eh schon mehr wie überfüllt.
 
Jetzt setzen wir alle sehr viel Hoffnung auf die AGs, die gemischt belegt werden mit Schülern aus allen Klassen.
 
Die Lebenshilfe in Ludwigsburg, für uns momentan noch nicht auffindbar weil wir noch keine Ortskenntnisse haben, bietet auch einmal in der Woche Club an und Schülertreff, und holt die angemeldeten Kinder von den Schulen ab, aber nicht in Markgröningen, mal sehen, ob sich da was ändern lässt.
 
Wir müssen jetzt erst mal alles sacken lassen, es wird dauern, bis wir uns hier überall zurecht finden, wir können uns nicht zerreißen, so leid es uns tut, mit den neuen Freunden wird es auch noch etwas dauern.
 
Kurz vor 16 Uhr hielt dann wieder der große, gelbe DRK Bus vorm Tor. Allerdings waren es zwei neue Gesichter. So schnell werden hier die Touren umgestellt, die Beiden sind genauso nett, wie die beiden ersten Fahrer und im Bus ist es jetzt ruhiger, der kleine Junge, der dauernd nur schreit, ist in einer anderen Tour untergebracht worden.
 
Martin war kurz vorm Einschlafen und wollte auch nicht viel erzählen. Jürgen hat ihn gleich in sein Bett gelegt und erst nach 1 ½ Stunden ist Martin wieder aufgewacht.
 
Steffi raste sofort zur Toilette, dann aufs Sofa und dann wollte auch sie nur noch ihre Ruhe haben. Kartoffeln, Soße, Fleisch bekamen wir noch mitgeteilt. Das muss wohl das heutige Mittagessen in der Schule gewesen sein.
 
Martin erzählte dann später, dass der ZDLer Motorrad fährt, er mit Phillip, einem Klassenkameraden in der großen Halle E-Rolli gefahren ist und dass irgendwer mit ihm geknuddelt hat.
 
Steffi erzählte nichts.
 
Als die Kinder im Bett waren, wurde ich sehr traurig, weil ich nicht weiß, wie diese Situation für Steffi zu regeln ist. Es geht ihr nicht gut damit.
 
Jürgen meinte, er hätte am Morgen in der Schule beobachtet, wie Steffi mit Stephan, dem Jungen, der obwohl extrem stark, von allen Mitschülern in Steffis Klasse noch am wenigstens behindert ist, sofort Blickkontakt aufgenommen hatte und dass sie mit den Füßen getrampelt hat. Stephan hätte sofort voll gestrahlt und auch seine Füße bewegt im Rollstuhl.
 
Wer weiß, vielleicht empfinde ich es nur so, vielleicht kommt Steffi wirklich dort zu ihrem Recht, irgendwie.
 
11.9.
Dieser Tag hat auch für uns seine Schrecken nicht verloren und ich bete, dass sich die Geschehnisse vom letzten Jahr nicht wiederholen. Ich traue mich kaum, das Radio anzuschalten.
 
Ab heute geht nun alles wieder seinen gewohnten, geregelten Gang. 5.50Uhr verlässt Jürgen das Haus, 5.30 Uhr darf Martin aufstehen. Meist ist Steffi dann schon im Bad und macht sich fertig.
 
Ich habe mich wieder mal tüchtig im Rücken verhoben und es fällt mir heute extrem schwer, Martin umzusetzen. Martin hat kein Einsehen mit mir und meckert, weil ich ihn anders anfassen muss, als sonst. Manchmal habe ich Angst, es irgendwann gar nicht mehr zu können. Wäre der Fahrstuhl schon hier und könnte Martin oben schlafen, könnte ich mit dem Lifter arbeiten, hier im Erdgeschoß ist dafür einfach kein Platz.
 
Martin hat sich übrigens angewöhnt, beim Duschen zu schreien, als würde er abgestochen. Bin mal gespannt, wie hoch die Toleranz , der doch sehr dicht an unserem Grundstück grenzenden Nachbarn ist, bis sie die Polizei verständigen weil hier jeden Abend ein Kind gequält und misshandelt wird. Genauso muss es sich wohl draußen anhören. Diese Straße hier ist ohnehin sehr hellhörig, man bekommt vieles mit, von dem, was rundherum geschieht.
 
So sahen unsere letzten Tage aus und ich hoffe, dass alles im Positiven weiter verläuft.