Nun wird mein Kind wirklich erwachsen

Brigitte Betzel-Haarnagel, November 2005

Steffis erster Urlaub hatte es in sich für die arme, große Maus.

Seit September dieses Jahres geht Steffi nämlich so richtig arbeiten. In der WfB ist sie laut Aussage ihrer Chefin des Berufbildungsungsbereiches, sehr beliebt. Sie sei nett zu den Kollegen, immer hilfsbreit, motorisch den Anforderungen entsprechend geschickt und – das tat meiner Mutterseele ganz besonders gut, sie sei eine wahre Bereicherung für die Gruppe des Berufsbildungsbereiches.

Anfangs sah es nicht so aus, als ob Steffi es akzeptieren würde, nicht mehr zur Schule gehen zu dürfen, in der sie endlich, was für sie nicht wirklich einfach war, nach drei Jahren, nach unserem Umzug nach BW und dem Schulwechesel,  ihren Platz gefunden hatte, und sich wohl fühlte.

Jeden Morgen gab es Tränen und Verhandeln mit mir. Sie wolle „Kegel (die neue Lehrerin der Klasse ) gehen, und Alex (der Zdler) und Lukas (ihr derzeitiger Herzbube), und alle ihre Freunde“. Und dann flehte sie weinend Martin an, er solle ihr doch helfen. Martin sah dann mich wiederum vorwurfsvoll an und dann hatte ich den Schlechtegwewissenkloß im Bauch und konnte und durfte doch nichts ändern.

Dann sind da noch die 40 Minuten, die Steffi nun eher abgeholt wird, als Martin, der noch bis Juli 2006 die Schule besuchen darf, obwohl ich denke, es wäre schon fast besser gewesen, auch er hätte die Schule in diesem Jahr verlassen können. So wirklich noch was lernen ist, glaube ich nicht mehr gegeben, in diesem , seinem letzten Schuljahr.

Meine Tochter hat den bisherigen Rhythmus und morgendlichen, Ablauf intus, und da will unser Gewohnheitstierchen absolut  nichts daran geändert haben.

Wir Großen stehen 4.45Uhr auf, 5.30 Uhr werden Steffi und Martin geweckt. Bislang konnten wir durch das frühe Aufstehen alles in Ruhe und ohne Stress bewältigen,abarbeiten, bis der Schulbus kam. Nun steht Steffi schon ziemlich unter Zeitdruck und es bleibt kein Minütchen mehr übrig, noch mal die geliebte Kelly CD zu hören, oder etwas zu malen.

Da müssen wir durch, hilft ja nichts, jemand, der arbeitet, muss pünktlich anfangen. Auch wenn die Fahrstrecke nur 6km lang ist. Und noch früher aufstehen, dazu habe ich absolut keine Lust, vor allem, weil wir auch am Wochenende allerspätestens um 6. 30 Uhr hoch müssen und ein Ausschlafen eh nie drin ist.

Nun kommt Steffi meist gut gelaunt nach Hause von der WfB und was sie früher während der Schulzeit nie machte, sie erzählt munter von ihrem Tag.

Da die Dinge, die in der WfB bearbeitet werden, sich regelmäßig ändern, gibt es dort etwas Abwechslung und Steffi erzählt dann immer freudig, dass sie neue Arbeit haben, wenn sie nach Hause kommt.

Mit dem Fahrdienst allerdings hatte Steffi diverse, kleinere Auseinandersetzungen.

An einem Freitagabend, gegen 21 Uhr, Steffi und ich waren gerade vom Schwimmen nach Hause gekommen, rief mich der Chef dieses Fahrdienstes an.

Meine Tochter hätte ihm heute die Zunge raus gesteckt und sie ließe sich ja nichts sagen.

Ich meinte dann nur, na ja, Menschen mit Down Syndrom haben halt auch ihren eigenen Willen und das Problem haben wir auch zu Hause.

Es ging nämlich um den Beifahrersitz, den Steffi sowie, eine weitere, recht komplzierte, junge Dame, die in unserer Nähe wohnt, beide für sich beanspruchen. Die Fahrerin des Busses wollte, dass beide Mädels sich abwechseln, was aber nicht so ganz geklappt hat. Weil vorne Sitzen ist halt ein Privileg um das man anscheinend dringend kämpfen muss.

Mit der Mutter, des anderen Fahrgastes, wir trafen uns zufällig beim einkaufen, hatte ich kürzlich ein Gespräch darüber und sie meinte, wenn sie diesen Anruf bekommen hätte, hätte es sich genauso anhören können, weil ihre Tochter reagiert auch so wenn ihr etwas so richtig gegen den Strich geht. Außerdem mussten wir beide darüber lachen, weil es echt nur 6 km sind, und dafür war das ganz schön viel Stress und ein halbstündiges Telefonat am Freitagabend.

Bis heute kamen jedenfalls keine weiteren Klagen des Fahrunternehmers mehr, Steffi hatte ich dann diesbezüglich die Leviten gelesen und ihr auch mitgeteilt, dass der Fahrdienst sie ruhig stehen lassen darf vor der Arbeit, wenn sie rumspinnt. „La mi in Ruhe“ bekam ich zur Antwort, aber Steffi hatte wohl gemerkt, dass ihr Verhalten mal wieder etwas daneben war.

 

Jürgen nahm an einer Veranstaltung der WfB teil. Die langjährigen Mitarbeiter wurden geehrt, es gab Kaffee und Kuchen und dann staunte mein lieber Mann nicht schlecht, Steffi trinkt in der Einrichtung auf einmal Kaffee!!!! Hier zu Hause würde Steffi das bittere Zeug nie anrühren, aber auf der Arbeit scheint es gut zu kommen.

Jürgen befragte dann, die am Tisch sitzenden Kollegen(innen) von Steffi, ob sie denn immer hier Kaffe trinken würde und war ob der Antworten sehr verwundert. Steffi trinkt dort regelmäßig und gerne Kaffee, wie alle Anderen auch, ganz normal schwarz, ohne alles, einfach so.

Kurz vor den Herbstferien holten wir uns dann Termine zum Tetanus nachimpfen und zum halbjährlichen Zahnarztbesuch.

Die Herbstferien waren Steffis erster Urlaub, die paar Tage Urlaub, die sie in diesem Jahr noch genommen haben muss, damit er nicht verfällt.

Unsere nette Zahnärztin staunte nicht schlecht, als sie feststellen musste, dass bei Steffi einige Zähne locker waren.

Nach zwei Röntgenaufnahmen stand fest, jetzt, im Alter von 20 Jahren kommen endlich Steffis Backenzähne. Kaum zu glauben, aber zwei der Milchzähne müssen zügig gezogen werden.

Sogleich bekam ich nach dieser Aussage ein sehr mulmiges Gefühl in der Magengegend.

Mehrere Male musste die Zahnärztin mir erklären, warum, weshalb,
wieso. Dann ließ ich mir, schweren Herzen, einen weiteren Termin in den Ferien für Steffi geben.

Zwei Tage, bevor die Ferien anfingen, holten wir uns alle beim Hausarzt unsere Tetanusimpfung ab, für den Fall dass es wieder schmerzende, dicke Arme geben könnte, wie vor zehn Jahren.

Meine Kinder ließen es über sich ergehen, Martin kam nicht einmal dazu, sein übliches Gebrülle zu veranstalten, so schnell wurde er vom Doktor abgefertigt.

Steffi verzog beim Einstich ihr Gesicht und schaute uns Große böse an.

Beim raus Gehen raunte sie “Aua, nee, nicht gehen“. Heißt auf gut Deutsch, sie geht da nicht mehr rein um sich wehtun zu lassen. Obwohl, so schlimm empfand ich es gar nicht, das bisschen Gepieke.

Dann kam der Zahnziehtag und mir ging es immer elender bei dem Gedanken. Nochmals versuchte ich mit der Zahnärztin zu verhandeln, ob es nicht doch auch ohne geht, aber ich musste es einsehen, dass es besser ist, die beiden Zähne zu ziehen, und eventuell in einem halben Jahr, die andere Seite, wenn sich nichts Gravierendes verändern sollte.

Steffi ging wie immer, selbstsicher und freundlich, in den Behandlungsraum, setzte sich lächelnd auf den Behandlungsstuhl, hörte der Zahnärztin zu, die ganz lieb versuchte Steffi zu erklären, dass es für die neuen Zähne besser sei, die Alten zu ziehen.

Natürlich hat Steffi kein Wort verstanden, aber sie nickte immerhin bestätigend, wenn die Zahnärztin eine kleine Sprechpause einlegte.

Dann bekam Steffi ihre Spritzen. Ohne einen Ton von sich zu geben, ließ mein Kind es geschehen. Aber in ihren Augen standen Tränen, der Einstich muss Steffi weh getan haben.

Die Zahnärztin war so gerührt von Steffis Verhalten, die so brav und hilflos, ohne zu verstehen, die ganze Zeit ruhig, auf dem Behandlungsstuhl saß.

Steffi sah mich traurig fragend an, und ich konnte sie nicht wirklich trösten, meine arme Maus.

Dann wirkte die Narkose und auch das Zähneziehen hielt mein Kind aus, ohne ersichtliche Regung. Glücklicherweise ging alles sehr schnell und wir konnten nach wenigen Minuten die Praxis verlassen.

Erst im Auto fing Steffi an, bitterlich zu weinen und jammerte „Aua, hier Aua - nach Hause!!“.

Zu Hause legte Steffi  sich zwei Stunden in Martins Tagesbett, hielt sich ein Handtuch an die geschwollene Lippe, in die sie wohl inzwischen tüchtig hinein gebissen hatte und die sie, durch die noch immer wirkende Betäubung nicht mehr spüren konnte. Steffi wollte nur noch ihre Ruhe haben.

Mir war übel, weil ich wieder zulassen musste, dass meinem Kind etwas geschehen war, was ihm nicht gefiel. So geht es mir immer, wenn wir zum Arzt gehen müssen, weil ich weiß, wie wenig meine Kiddis ob der Notwendigkeiten verstehen können.

Als dann das Mittagessen auf dem Tisch stand, kam Steffi aber, wenn auch noch leidend aussehend, angehumpelt und futterte ihre Portion auf, bestellte für den nächsten Tag Pommes, zeigt auf ihren Mund, schüttelte mit dem Kopf und ging zu ihren Malsachen ins Zimmer nebenan.

Nachmittags durfte Steffi dann eine nette Nachbarin besuchen, die ein süßes, junges Kätzchen hat und mit dem Kätzchen durfte Steffi spielen, was sie auch ausgiebig tat.

Da wir im nächsten Jahr versuchen wollen, hier im Haus eine kleine, bauliche Veränderung vorzunehmen, wollte ich mit den Kiddis zusammen, mal so langsam alle Dinge aus dem Tagesraum in Kisten verpacken und in den Keller stellen.

Sie sollten wissen, wo ihre Sachen abbleiben und dass alles auch wieder zurückkommt, wenn der Mauerdurchbruch zum Wohnzimmer erledigt ist.

Beide Kinder haben so Einiges eingepackt, dann hatten sie keine Lust mehr, weiter zu machen.

Arbeiten im Urlaub, wer will den so was schon - also gut, machen wir in den Weihnachtsferien einen erneuten Versuch, alleine will ich es auch nicht machen, dazu ist mir das alles zuviel Zeug. Der Maurer soll ja auch erst Anfang Februar kommen.

Gerade diese Woche habe ich wahrgenommen, Steffi hat kein Bedürfnis mehr, mit mir morgens zu verhandeln, doch wieder in die Schule gehen zu dürfen.

Inzwischen hat sie es auch halbwegs akzeptiert, dass morgens alles zügig gehen muss und dass sie um 7 Uhr die Zähne geputzt haben muss, mit der Toilette fertig zu sein hat, die trockenen Händchen müssen eingecremt sein und dass sie Jacke und Schuhe anziehen muss.

Dann muss sie zum Fenster raus schauen und wenn ihr Bus dann kommt, geht sie raus und sagt Tschüss. Und ich habe echt das Gefühl, sie geht gerne.

Zum September 2006 sollen meine Kinder nach Markgröningen in eine Wohngruppe umziehen. Obwohl ich weiß, dass es einfach Zeit für sie ist, sich endlich ab zu nabeln von Mama und Papa, ist mir nicht sehr wohl dabei.

Doch, gehen lassen kann ich meine Kinder, aber Angst um sie habe ich trotzdem noch, genau wie um Ricky auch, jeden Tag.
Wird immer jemand für sie da sein, wenn sie alleine nicht klar kommen? Werden wir informiert, wenn sie krank sind und können wir dann die Nachtwache für sie übernehmen? Die Nachtwache im Haus ist die ganze Nacht auf Kontrollgang, aber es sind sehr viel Bewohner, nach denen sie sehen muss.

Vor allem, bei Magendarmgeschichten, ist vor allem Martin so entsetzlich hilflos, wenn niemand bei ihm bleiben kann.

Steffi braucht eigentlich dabei auch Hilfe, aber nur, wenn es ihr wirklich ganz schlecht geht.

Bekommen meine Kinder genug Schutz und wird es ihnen an nichts fehlen, wenn sie nicht mehr zu Hause leben?

Für mich wird es ein schweres Jahr und mir geht es erst wieder gut, wenn ich weiß, es geht auch meinen Mäusen gut.

Daran werde ich an Silvester, zum Jahreswechsel denken und auch dafür werde ich beten.