Pädagogisch wertvoll

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1990

Tja, da mache ich mir, als immer das Beste wollende Mutter, doch so meine Gedanken wegen gesunder Ernährung, sauberer Umwelt, ungiftigem Spielzeug, etc.

Viel früher hätte ich meine Tochter Stefanie (4 Jahre, Down Syndrom) in diesbezügliche Planungen mit einbeziehen sollen. Anscheinend hat sie von natur aus den vollen Durchblick.

Nachdem wir alle Gott sei Dank ohne Magenverstimmung oder sonstige unschöne Verschleißerscheinungen Weihnachten und Silvester überstanden haben und es tatsächlich den Anschein hat, dass einige liebe Menschen, die uns öfters besuchen kommen, mein Flehen erhöht haben und keine Naschsachen mehr mitbringen.

Nun wird für die lieben Kinderchen nicht mehr Kiloweise Schokolade und Gummibärchen angeschleppt, sondern sinnvoller Weise Obst und Nüsse.

Unseren gesamten Bekanntenkreis habe ich allerdings noch nicht durch mit meiner Bitte um Vernunft, ich arbeite aber dran.

Gestern Abend jedenfalls steht einer der Bekannten vor der Tür, der meinen Vortrag noch nicht ab bekommen hatte.

Und was hat er dabei - natürlich, selbstverständlich nur, um uns was Gutes zu tun? Eine große Tüte vom Bäcker, gefüllt mit Rumkugeln.

Ich schnappe mir das Teil, lege es in der Küche in ein Körbchen und denke mir so, dass ich es einfach irgendwann stillschweigend verschwinden lasse und dem Schenker einen Brief schreiben werde.

Im Laufe des Abends und im Zuge meines ich brauch endlich Feierabend Syndroms, habe ich besagte Tüte dann ganz vergessen.

Am nächsten Morgen, der bei uns schon sehr zeitig anfängt, weil hier leider keine Langschläfer wohnen, trage ich Martin (3 Jahre alt, mehrfach behindert)nach der Morgentoilette  vom Bad in die Küche hinüber.

Was erspäht er als erstes ohne Umwege? Genau, diese Wundertüte natürlich im Körbchen. Seine Augen und sein linker Arm weisen in die Richtung der Rumkugeltüte und er gibt ein laut und deutlich zu vernehmendes „Eida“ von sich.

Dieser Ausruf war dann das Signal für Steffi. Aha, da gibt es was!! Sie kommt sofort in die Küche gerannt und erblickt sofort, selbstredend auch ohne Umwege, besagte Tüte. Wie toll können meine eigentlich nicht sprechenden Kinderchen doch mit einander kommunizieren.

Jedenfalls, Steffi schnappt sich augenblicklich – na, klar - die Rumkugeltüte, um Selbige ins Esszimmer zu tragen und mitten auf den Esstisch zu legen.

Als wir dann endlich auf unseren Plätzen sitzen, deutet Steffi auf ihre Beute und sagt „das da“. Steffi kann wirklich nur ein paar wenige Worte sprechen, aber dieses „Das da“ ist ein umgehend auszuführender Befehl.

Alle meine nun folgenden Alternativfrühtsücksangebote vom Müsli bis zum Vollkornbrot wurden kopfschüttelnder Weise von meinen beiden Kindern abgelehnt.

„Das da“ wollten nun alle beide Mäuse zum Frühstück haben, und zwar unbedingt, ohne zu wissen, was in dieser so geheimnisvoll ausschauenden Tüte drin sein könnte.

Schweren Herzens und mit enorm schlechtem Gewissen, gab ich jedem Kind ein halbes Das da auf den Teller.

Ich wollte es mir nicht antun dabei zu zusehen, wie sie die Pampe ins sich rein stopfen, und begab mich nach nebenan, in die Küche zum Kaffee kochen, nach dem Ofenfeuer sehen und nebenbei Gemüse zu putzen für das Mittagessen, das ja auch unweigerlich um 12 Uhr verlangt wird.

Die Laute, die aus dem Esszimmer zu mir in die Küche drangen, waren durchweg sehr fröhlicher Natur und klangen eigentlich nicht nach den Lauten, die die Kiddis ansonsten beim Frühstück von sich gaben.

Vorsichtig warf ich unbemerkt einen ganz kurzen Blick durch die Durchreiche zum Esszimmer und staunte - grinsend.

Gegessen hatte anscheinend nur Martin ein ganz klein wenig von seiner Rumkugelhälfte. Das konnte ich an der Verfärbung seiner Gesichtsfarbe um den Mund herum erkennen. Ansonsten saßen beide Kinder ganz brav in ihren Stühlchen und kneteten mit dem Das da.

Steffi rollte und formte Kügelchen, zerquetschte diese dann wieder und begann das Spiel von vorne und Martin, der nur seine linke Hand bedingt einsetzen kann, zerdrückte sie, und patschte freudig auf der Recycling Knetmasse herum.

Und nach einer ganzen Stunde spielten die kleinen Monster immer noch zufrieden und vergnügt mit dem braunen Masse herum.

Nach 1 1/2 Stunden kam Ricky, heute mal früher aus der Schule nach Hause und versorgte seine Geschwister so nebenbei mit einem Joghurt, den sie auch dankend annahmen. Nach dieser kleinen Pause wollten sie weiter mit ihrem Knetmaterial spielen.

Da kam mir dann der Gedanke, Rumkugeln, als pädagogisch wertvolle, alternative recycling Knete in den Bäckereien anzubieten oder das ganze patentieren zu lassen. Weiß nur nicht genau, ob Rumkugel vielleicht schon mal patentiert worden sind?

Und überhaupt, ich werde nie wieder Groll gegen Personen hegen, die in unseren Haushalt Rumkugeln mitbringen - dieses Zeug ist mit Abstand die beste Knete, die wir je hatten.

Wer zweifelt hier gerade meine Aussage an?
Ab zum Bäcker, ausprobieren!!!