Praktikum

Brigitte Betzel-Haarnagel, März 2005

Dann war es endlich soweit. Steffis und Martins Schulklasse sollte zwei Wochen lang ein richtiges Praktikum in der Wfb Markgröningen machen.
 
Die Klasse konnte täglich zu Fuß, bzw. Steffi mit Roller und Martin mit E-Rolli zur WfB gelangen, da sich das Gebäude in gut erreichbarer Nähe zur Schule befindet. Auf gleichem Grundstück befinden sich auch die Wohn und Verwaltungsgebäude des Behindertenwohnheims.
 
Fährt man auf der Hauptstraße von Asperg kommend, an diesem Gebäudekomplex vorbei, macht alles einen übersichtlichen, harmonischen Eindruck.
 
Meine Kinder zogen Morgens voller Begeisterung los, was mir einen Riesenstein vom Herzen fallen ließ. Es ist das Muttersein, was mich immer wieder ausmalen lässt, was noch alles passieren oder schief gehen könnte.
 
Es hätte ja auch alles anders kommen können. Besonders bei Steffi (20 Jahre, Down Syndrom) die gerne immer tüchtig bockt und sich verweigert wenn sie etwas nicht will, nicht mag oder nicht versteht, nicht kennt.
 
So, wie uns die Lehrerin am Elternsprechsonntag, nach der ersten Praktikumswoche berichtete, sie durfte ab und an immer mal rein schauen zu Steffi und Martin, hatte Steffi alles gut gelaunt und problemlos bewältigt, und hätte immer brav auf Arbeitsnachschub gewartet, der ihr dann zu ihrem Arbeitsplatz gebracht wurde.
 
Steffi war auch voll zufrieden und ausgeglichen, wenn sie Nachmittags nach Hause kam. Bis auf einen Nachmittag, als nach Schulschluß noch ein Lebenshilfenachmittag war. Da hatte meine Tochter dann endlich auch den grippalen Infekt, der uns familienintern schon seit Oktober letzten Jahres ärgert und immer wieder einen von uns umhaut.
 
Aber Steffi hatte nach einem Tag Bettruhe und Vitamin C wohl alles überstanden und wollte unbedingt wieder los. Sie ist noch immer hart im nehmen wenn es um das krank sein geht.
 
Martin (19 Jahre, mehrfach behindert) gefiel es auch super. Leider ist er ein so genannter Grenzfall. Martin kann nur seine linke Hand einsetzen im grobmotorischen Bereich. Aber immerhin, auch er hatte ganz anständig was produziert. Das größte Problem bei ihm ist, er kann seinen Speichelfluß nicht kontrollieren und somit, sind seine Arbeiten auch teilweise nicht ganz trocken. Das würde zu Problemen mit der Qualität der Ware führen und diese kann so nicht bei den Kunden abgeliefert werden.
 
Außerdem war Martins sanitäre Versorgung äußerst schwierig, weil der Werkstattbereich leider nicht darauf eingerichtet ist. Alex, der geliebte Zdler der Klasse hatte damit dann seine rechte Mühe.
 
Nun gut, Martin hat noch ein Jahr Zeit, vielleicht ändert sich ja noch etwas bei ihm oder es wird eine passende Lösung gefunden. Vielleicht stellt man ihm für die zwei Jahre Berufsbildung doch einen Integrationshelfer an seine Seite.
 
Am 25. April haben wir den Gesprächstermin mit einem Mitarbeiter des Arbeitsamtes diesbezüglich, mal sehen, ob sich etwas aushandeln lässt.
 
Um Steffi muss ich mir sicherlich keine großen Sorgen machen, sie wird nach einer Eingewöhnungsphase klar kommen in der Werkstatt, da bin ich mir sicher.
 
Die Hauptsorge meiner Kinder war übrigens täglich, dass sie ja immer genügend Geld dabei haben, für den Gertränkeautomaten. Diesen Automaten fanden sie so spannend, dass sie sogar Apfelschorle und Mineralwasser mit nach Hause brachten. Ich hatte innigst darum gebeten, keine Cola und keine Limonade zu wählen.
 
Zwar weiß ich, dass keine wirkliche Einsicht in Sachen Zuckerplörre zu erreichen ist, aber Mama zu liebe, gab es wirklich ab dem zweiten Tag nur noch diese beiden Getränke.
 
Das Mittagessen war wohl immer lecker, jedenfalls kamen keine nachteiligen Beschwerden zu Hause an. Die Fotos, welche während dieser Tage gemacht wurden und die uns von der Lehrerin in der Schule gezeigt wurden, haben dies auch nochmals eindeutig bestätigt.
 
Da Martin, wenn überhaupt, nur in der WfB angenommen wird, sofern er bis dahin in der Einrichtung wohnt, da er ansonsten sanitär gar nicht versorgt werden kann, müssen wir den Umzugstermin so planen.
 
Aber zwischenzeitlich, es geschehen noch Zeichen und Wunder, stehen die Aussichten, dass Steffi und Martin beide in der Markgröninger Einrichtung aufgenommen werden dürfen, nicht schlecht. Inzwischen sind andere Menschen zuständig, glücklicherweise.
 
Sicher werden sie nicht in einer Gruppe wohnen können, aber in der Einrichtung, die zum einen zu der WfB gehört, und die uns allen zum anderen am besten zugesagt hatte. Nicht nur uns Großen, sondern auch Steffi und Martin selber.
 
Sie haben den Unterschied genau wie wir erkannt. Diese Einrichtung ist überschaubar, nicht so riesig wie die anderen Wohnheime. Dort können sie auf alle Fälle Kontakt zu uns halten und die sechs Kilometer nach Hause sind überbrückbar.
 
Es soll ja nie und nimmer ein Abschied für immer werden, der Schritt in ein Leben ohne das vertraute zu Hause im Hintergrund.