Pubertät und andere Katastrophen

oder ein Teil meines Lebens und ich

Brigitte Betzel-Haarnagel, Dezember 2003

Als Steffi (heute 18 Jahre, Down-Syndrom) 14 Jahre alt war, fing der Stress an, aber heftig.

Mein herzallerliebstes Töchterlein, wohl bedingt durch ihre Behinderung, war ja schon immer recht bockig und irgendwie  eigensinnig und in solchen Phasen nicht beeinflussbar. Aber was dann kam, sprengte den Rahmen all meiner mütterlichen Vorstellung, und die ist eigentlich recht beachtlich.

Bockig ist noch eine ziemliche Verniedlichung des Zustandes, in dem sich Steffi nun fast ständig befand. Klar, ist das bei allen Kids so in der Pubertät, muss ja auch sein zum Abnabeln und selbst finden. Das weiß ich sehr wohl , aber muss denn dieser Zustand so voll mit Macht und klammheimlich über Nacht in Erscheinung treten? Können sich die Hormone nicht ein bisschen anständiger, elternfreundlicher verhalten in den jungen Menschen?

Es gab so ziemlich nichts mehr, außer essen und die geliebten Videos anschauen, was Steffi noch freiwillig machte. Sie kam sogar wieder in die Phase, die sie im zarten Alter von 4-6 Jahren hatte und bockte und tobte was das Zeug hielt, wenn wir zusammen unterwegs waren. Am auffälligsten und publikumswirksam war es natürlich im Supermarkt. Alles Mögliche wollte Steffi mir ständig in den Einkaufswagen packen. Wagte ich es, die Dinge wieder heraus zu nehmen wurde ich lauthals beschimpft, als Arschloch, dumme Kuh, Sau. Alle Ausdrücke, egal ob Steffi sie verstand oder nicht, lernte sie blitzschnell und sie schnappte alles Diesbezügliche in der Schule umgehend auf, wahrscheinlich auch schon, wenn nur jemand daran dachte solche Schimpfworte zu benutzen.

Wäre das gute Kind nur ansonsten auch so lernwillig!

Einmal nahm sich bei solch einer Begebenheit eine ältere, freundlich in die Welt schauende Kundin, die schon eine Weile hinter uns her ging im Supermarkt, mein reizendes Töchterchen zur Brust.

„So kannst Du doch nicht mit Deiner Mutti reden, Du bist doch schon so groß, hilf ihr mal lieber“. Dabei umfasste sie Steffi mit beiden Händen an den Schultern und sah ihr dabei tief in die Augen.

Steffi sagte ausnahmsweise mal nichts, dies ist ihr sicherlich nicht leicht gefallen, wohl weil ihr die nette Frau gänzlich unbekannt war. Aber Steffi stapfte dafür, laut stampfend und wütend in eine andere Regalreihe. Bloß weg hier, sonst könnte ja mehr Kritik an ihrem Verhalten geübt werden.

Martin (heute 17 Jahre alt, mehrfach behindert aber glücklicherweise derzeit noch nicht pupertätsauffällig) hatte wieder den Blick drauf, - Steffi nervt mal wieder, lass uns bloß gehen.

Da noch einige Dinge einzukaufen waren, wollte ich wenigstens erst mal alles im Einkaufswagen haben, den ich hinter mir herzog mit der linken Hand, und mit der Rechten schob ich Martins Rolli. Dafür hielt Martin den Einkaufszettel fest in seiner linken Hand, damit ich immer wieder einen Blick darauf werfen konnte.

Eigentlich , normalerweise schob Steffi immer sehr gerne den Einkaufswagen ansonsten und holte die Sachen aus den Regalen, die ich ihr auftrug zu holen. Auf dem Weg zum Supermarkt und wieder nach Hause zog sie normalerweise auch gerne unseren Hackenporsche, und das sogar richtig geschickt. Aber von jetzt an war Mama zu helfen, egal wobei, nicht mehr angesagt.

Ich musste aufhören, Steffi für Hilfestellungen mit ein zu planen, schade darum.

Nichts, aber auch gar nichts konnte man dem guten Kind noch irgendwie recht machen – außer - mit einer große Ausnahme - Spaghetti mit roter Soße. Aber die wollte der Rest der Familie nicht öfters als einmal pro Woche essen. Jürgen bekam davon auch meistens noch in der Betriebskantine zweiwöchentlich seine Ration davon ab.

Jedenfalls war in dieser Zeit leider keine gemeinsame Unternehmung mehr möglich, die stressfrei und in Harmonie ablaufen konnte.

Steffi weinte und jammerte die ganze Zeit, wenn es sein musste stundenlang, dass sie nach Hause will. Sie ging nicht freiwillig weiter oder irgendwo hinein mit uns, es kostete sehr viel Kraft, auch körperlich, Steffi zum Mitkommen zu bewegen.

Sie wollte auch von sich nichts unternehmen oder irgendwo hin gehen oder fahren. Wir hätten ja auch gerne gemacht, was sie wollte, wenn sie denn etwas gewollt hätte von uns.

Vor allem fielen wir so, auch immer negativ auf, egal wo wir uns gemeinsam befanden und auf hielten. Sicherlich dachten einige, uns beobachtende Menschen, wir würden gerade ein junges , behindertes ,armes Mädchen misshandeln.

Zu Hause wollte Steffi  nur ihre Ruhe haben und wehe ich wollte etwas von ihr und habe mir erlaubt, sie zu stören oder an zu sprechen.

Bei einem WfB Praktikum, das Steffis ganze Klasse machte, entzog sie sich, indem sie erst mal für alle Betreuer und Mitschüler nicht mehr sichtbar war auf einer Toilette und schloss sich dort ein. Als die Lehrerin sie dann endlich entdeckt hatte, weigerte sich Steffi, die Toilettentür zu öffnen und wieder heraus zu kommen. Die Tür musste nach einer Stunde dann von außen geöffnet werden, dann aber kam Steffi dafür freiwillig heraus aus ihrem Versteck.

Aber irgendwann, so ganz langsam wurde es dann auch wieder besser mit diesem Verhalten. Nicht gut, das ist es bis heute noch nicht wirklich, aber immer hin, bekamen wir Steffi wenigstens schon mal wieder mit vor die Tür.

Mein Mann wurde von Neumünster nach Kiel versetzt, und wir glaubten, dass seine weitere, berufliche Laufbahn nun dort bis zur Pensionierung sein würde. Im Normalfall wäre es auch genauso geschehen.

Wir erfüllten uns einen großen Traum und erwarben im Standort der Schule unserer beiden, noch schulpflichtigen Kinder ,ein sehr großes, altes, gemütliches Haus mit Gästehaus und Stallungen, Teich, genügend Grundstück, endlich Ponys halten zu können, ein paar Ziegen, Schafe, Hühner und Kaninchen sowie ausreichend Tobeplatz für die Kinder, Hunde und Katzen und natürlich auch für meine geliebten Blumen und Obstbäume, die ich immer, egal wo wir vorher wohnten, angepflanzt hatte. Ich musste, seit ich das wunderbare Gedicht auswendig gelernt hatte in der Schule, immer an Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland denken, dem ich mich sehr verbunden fühlte.

Wir fühlten uns zu sicher und ich wollte meinen Mann, in Anbetracht der Wahnsinnwohnfläche, die wir nun hatten, schon bearbeiten, doch noch zu überlegen, ein weiteres Kind auf zu nehmen. In Anbetracht dessen, was noch kommen sollte, war es auf jeden Fall besser, dass es soweit erst gar nicht kam.

Steffi brauchte hier, in diesem herrlichen Umfeld, ein ganzes Jahr, bis sie alleine, ohne Aufforderung in den Garten ging. Sie liebt Tiere über alles, ist im Normalfall nicht von ihnen weg zu bekommen, aber irgendwie war das alles zuviel für sie. Wir versuchten alles Mögliche, sie nach draußen zu locken, umsonst. Steffi kann sehr schlecht mit jeglicher Veränderungen umgehen, und dann auch eine so großer Veränderung in der Pubertätsphase.

 

All unsere möglichen Finanzen flossen in die Renovierung unseres Traumhauses, den Abtrag hätten wir genau bis zur Rente bewältigt.

Ich war gerade dabei eine weitere Ausbildung zur Altenpflegerin zu machen, (in dieser Zeit hatten wir eine Superkinderfrau, da ich oft erst nach den Kindern aus der Schule kam) mit sehr guten Aussichten, nach dem Examen auch eine feste Anstellung, zu den mir möglichen Arbeitszeiten zu bekommen. Da kamen plötzlich Gerüchte auf, dass Jürgens Dienststelle in Kiel dicht gemacht werden sollte.

Aber Genaues war erst mal nicht greifbar. Ich wurde richtig krank, bei dem Gedanken, dieses himmlische Stück Paradies wieder verlassen zu müssen. Alles aufgeben zu müssen , die Freunde verlassen zu müssen und meine Kinder, die so schwer erarbeitete, soziale Kontakte hier hatten und sich wohl fühlten in ihrem gut bekannten Umfeld, ihrer norddeutschen Heimat- es war nur schrecklich.

Anfang Januar verstarb dann plötzlich mein Vater mit 76 Jahren, der im Spessart mit seiner Lebensgefährtin, nachdem dem Tod meiner Mutter vor 20 Jahren,  wohnte. Es war keine Zeit zum Abschiednehmen, Dinge zu klären, aufzuarbeiten. Mein Vater  war nicht mehr da. Ein schöner Tod für ihn, aber mir fehlt so vieles von ihm. Den Mantel, indem er beim Einkaufen gehen verstarb, drei alte Hüte und ein Schirm von ihm sind das letzte Materielle, was ich hier, bei mir behalten will, bis ich es vielleicht irgendwann einmal nicht mehr brauche.

Ich hatte mir für das neue Jahr vorgenommen, endlich mit meinen Kindern zu ihm zu fahren, und es nicht zu akzeptieren, dass sie dort nicht erwünscht und willkommen sind und er sollte mir genau erklären, warum er Menschenwesen so sehr ablehnt, die er gar nicht kennt, nie erleben wollte.

Seine Lebensgefährtin – die Witwe seines schon lange vor ihm verstorbenen Bruders - und deren Familie sprachen mir so in etwa alle Rechte ab, mit der Begründung, ich hätte mich ja nie um meinen Vater gekümmert in den letzten 20 Jahren. Die Tatsache ist, ich war dort nie wirklich erwünscht, gehörte ja irgendwie gar nicht zu dieser Familie und dann auch noch diese Kinder.

Alle was ich versucht habe in dieser Zeit, wurde nicht angenommen von ihnen. So oft es mir seelisch möglich war, telefonierte ich mit meinem Vater, mindestens einmal pro Woche. Ein vernünftiges Gespräch war nur dann möglich, wenn er gerade alleine im Haus war.

Ein kurzer Besuch pro Jahr, ohne Kinder, die durften nicht mitkommen, waren nicht eingeladen. Erklärungen, dass ich ihn doch auch brauche, lieb habe, sind irgendwo verhallt. Lediglich Ricky hatte etwas Kontakt zu seinem Großvater, erlebte aber immer die Wand, die zwischen uns stand und meine Verzweiflung und meinen Kampf um Anerkennung und die Liebe meines Vaters.

Vor 1 ½ Jahren war dann der notwendige, unerwünschte Umzug. Von vier Möglichkeiten, die mein Mann betreffs der Versetzung zur Auswahl hatte, wegen seiner Verwendungsbreite, entschieden wir uns dann schweren Herzen für Stuttgart. Der einzige wirkliche Pluspunkt, mein Sohn Ricky wohnt und arbeitet inzwischen im Berchtersgardener Land und wir können uns nun öfter und leichter sehen, es liegen  nur 320km und keine 680km mehr zwischen uns.

Vom möglichen Haus, Herz und den Nachbarn her hätten wir nach Dornholzhausen ziehen sollen und mein Mann sich nach Koblenz versetzen lassen sollen. Aber die Fahrstrecke ist für einen Menschen, der oft Migräneanfälle bekommt, zu weit. Ich selber kann aufgrund der Sehleistung meiner Augen inzwischen eigentlich schon jetzt kein Auto mehr auf weiten Strecken fahren, und so mussten wir uns schmerzvoll anders entscheiden.

Die Immobilienpreise in Baden Württemberg haben uns fast das Genick gebrochen, wir hatten ja schon einmal alles, was möglich war  investiert und natürlich beim Verkauf nicht wieder raus holen können. Wir mussten froh sein, dass wir überhaupt noch verkaufen konnten, im allerletzten Moment.

 

Mieten war auch so gut wie unmöglich für uns mit zwei behinderten Kindern, so erwarben wir dieses Mal ein kleines, altes Haus, mit sehr kleinem Garten und alles fing von vorne an.

Als wir umzogen und mit den Kindern, zwei Hunden und zwei Katzen in Schleswig Holstein los fuhren, war nur Trauer, sehr großer Abschiedsschmerz und Angst in uns.

Von 8 Stunden Autofahrt hat Martin 4 Stunden am Stück nur gebrüllt vor Schmerz, seine heile Welt für immer verlassen zu müssen. Steffi hat nicht ein einziges Wort gesagt und die ganze Fahrt über stumm, und fast bewegungslos, neben Jürgen, auf dem Beifahrersitz ausgeharrt. Mir liefen literweise die Tränen auf meine Bluse, die bald aussah, als hätte ich in ihr geduscht.

Nach den Sommerferien wurden dann beide Kinder in eine neue Sonderschule eingeschult.

Während Martin sich schnell mit allem Neuen zurechtfand, er ist nun mal, immer noch, ein sehr kommunikativer Strahlemann, begann Steffi, die in eine Klasse eingeschult wurde, mit nur sehr, sehr schwer behinderten Jugendlichen, wieder mit dem alten Muster. Hier waren nun die Pädagogen gefordert und die ZDLer.

Dann begann ein regelrechter Kampf um die Kostenübernahme für einen Fahrstuhl, den wir hier dringend benötigten, um Martin auch Nachts die Sicherheit und Pflege zu geben, die er braucht. Er schläft im Zimmer neben uns und braucht uns wirklich noch vier bis sechsmal in der Nacht. Er muss gelagert werden, da er sich alleine nicht ausreichend bewegen kann im Bett. Geld hatten wir überhaupt nicht mehr, den Treppenlifter, der im alten Haus möglich war, hatten wir selber bezahlt, bis auf den Zuschuss durch die Pflegekasse, hier, in unserem neuen Domizil , konnte er nicht eingebaut werden, es ist kein ausreichender Platz im Treppenhaus.

Steffi wollte wie immer, nur zu Hause sein, im Spielzimmer sitzen, malen und Video anschauen, und das war es dann auch. Ab und an mal einkaufen gehen, aber nur, weil es ansonsten keine Nudeln geben könnte. Machen Nudeln eigentlich wirklich glücklich?

Unser geliebtes, fast blindes, altes Zwergdackelchen stürzte leider gleich zu Anfang unseres Lebens im BW die Kellertreppe hinunter und starb. Ich machte mir wahnsinnige Vorwürfe ohne Ende, diese Risikostellen nicht sofort mit Brettern zugestellt und abgesichert zu haben.

In diesem Jahr nun , musste unsere liebe, alte Retrieverhündin eingeschläfert werden, was ein Drama für uns alle war und die älteste unserer Katzen hat nun Krebs und muss uns sicher leider auch bald verlassen.

Als wir merkten, dass auch der zweite Hund bald gehen muss, haben wir Nono, einen jungdynamischen Dackelterriermix aus dem Tierheim adoptiert. Es wäre sehr schlimm für die Kinder, ohne Hund zu leben, und ich kann es mir ehrlich gesagt auch nicht mehr vorstellen. Zumindest, in der Zeit, in der ich es vom Alter her noch verantworten kann, ein Tier bis zu seinem natürlichen Ende bei mir zu haben, werden Hund und Katz mit uns zusammen leben.

Richtig herzliche Nachbarn gibt es hier leider im Moment noch nicht, auch nach 1 ½ Jahren ignorieren uns tatsächlich noch Menschen, die uns ständig begegnen, Kinder die morgens an uns vorbei zur Schule gehen, machen oft blöde Bemerkungen wenn sie Steffi und Martin erblicken. Oft habe ich das Gefühl, dass wir hier so gar nichts wert sind und nur auf Distanz geduldet werden, wenn es sich schon nicht verhindern lässt, uns in der Nachbarschaft zu haben.

Ein paar alte Menschen reden ab und an ein paar Worte mit uns und natürlich lerne ich durch meine ehrena,tliche Tätigkeit bei der Nachbarschaftshilfe auch noch ein paar alte Menschen  kennen, aber die wohnen dann auch nicht um die Ecke und sind selber sehr hilfebedürftig.

Steffi hat sich inzwischen Gott sei dank ein bisschen gefangen, wurde in Martins Klasse umgeschult. Leider vermisse ich dort sehr viele pädagogische Anteile. Ich habe das Gefühl, meine Kinder nur noch zur Aufbewahrung in die Schule  zu schicken. Es sei so viel Zeit mit Pflege und Essenshilfe zu bewältigen. Eigentlich hatte ich mich anfangs darüber gefreut, dass hier im Ländle die Schulpflicht für unsere Mäuse bis 21 Jahre geht. Nun weiß ich nicht mehr so genau, ob ich es gut finden soll. Die Zeit wird vorüber gehen, ich bete, dass sie nicht Schaden anrichtet. Das für Martin notwendige Talkertraining findet im Moment extrem selten statt, wenn überhaupt - ich arbeite jeden Morgen mit ihm ½ Stunde - und Steffi ist auf einmal auch tagsüber wieder inkontinent. Es hatte schon so schön geklappt mit den Toilettengängen, und nur noch nachts benötigte sie Einlagen und eine Moltondecke.

Angebote der Lebenshilfe, kommen inzwischen ganz gut an bei meinen Mäusen, bis auf Einzelfälle, für Martin ist es manchmal etwas zu anstrengend, wir werden also wieder ein wenig reduzieren zum neuen Programmheft hin. Aber mit der Zeit fühlen sich beide Kinder dort richtig wohl, viele andere Freizeitmöglichkeiten ohne Mama und Papa hätten sie ja auch eh nicht.

Ich habe leider nur Stundenweise die Möglichkeit, ein ganz bisschen Geld dazu zu verdienen bei der Nachbarschaftshilfe. Als ich mich bei dem Altenheim, das ich in zehn Minuten zu Fuß erreichen könnte, beworben habe, wurde ich erst gar nicht zum Vorstellungsgespräch geladen, obwohl dort gerade eine 40% Stelle zu besetzen war. Dabei habe ich die Ausbildung berufsbegleitend gemacht, also vier Jahre 25 Std. pro Woche in der Pflege gearbeitet und als Gesamtnote im Examen eine zwei geschafft. Habe doch bewiesen, dass ich noch lernfähig bin und bereit, etwas zu tun. Anscheinend aber bin ich nun mit 50 Jahren nicht mal mehr dazu gut genug. Oder war es eventuell das Passbild, mein Übergewicht? Keine Ahnung, diesbezügliche Auskunft wurde mir bei Nachfrage nicht gegeben. Man hätte halt keine Stelle für mich. Fünf Tage später stand genau diese Stelle wieder im Amtsblatt.

Nach dem Umzug hatte ich sehr viel meiner Kraft verloren, es war schwierig für mich, wieder den Elan, die Aussagekraft zu erlangen, die ich trotz vieler Tiefschläge immer noch behalten hatte, vorher. Irgendwie war meine Seele plötzlich blockiert, etwas, was ich nie kennen gelernt hatte bei mir selber.

So ganz langsam komme ich jetzt doch wieder hoch, aber so weit nach oben, wie früher werde ich es nicht mehr schaffen. Irgendein Teil von mir ist auf der Strecke geblieben. Ich habe das Gefühl, als sei ich geschrumpft, nicht optisch, - intern in mir.

Jürgen fand glücklicherweise gleich Anschluss im Schachclub, hat nette Arbeitskollegen, und kommt in einer halben Stunde sogar per S-Bahn ins Büro. Mehr wie ein Auto können wir uns hier eh nicht leisten, Jürgens Einkommen wird immer weiter gekürzt, aber die Kosten für uns gehen immer weiter rauf.

Wir leben nicht in einer attraktiven Wohngegend, aber wir haben ein, wenn auch nicht ganz passendes, Dach über dem Kopf. Da Stuttgart ein Ballungszentrum ist und wir uns überhaupt nicht hier auskannten, mussten wir in den sauren Apfel beißen, und so zu sagen ins kalte Wasser springen, und so ziemlich die erst beste Möglichkeit, die ein Immobiliemakler anbieten konnte und die gerade noch mit Ach und Krach für uns finanzierbar war, ergreifen. Auch da gab es Schwierigkeiten, wir hatten aufs falsche Pferd gesetzt, und der Herr, der hier alles bauliche für uns regeln sollte, hat nicht mit allem korrekt gehandelt. Aber nun ist es so geschehen, wir können daran nichts mehr ändern und ein Nächstes Mal wird uns hoffentlich erspart bleiben. Das von uns gezahlte Lehrgeld reicht nun und ist definitiv kein weiteres Mal zu finanzieren.

Wenn wir die schönen Wälder und Weinberge, die schwäbische Alp genießen wollen, müssen wir halt ein Stückchen fahren. Aber immerhin, es ist ja alles erreichbar für uns.

Was in 18 Jahren, zur Zeit des jetzt noch amtierenden Rentenalters, mit uns passiert, steht noch in den Sternen. Jürgen möchte dann gerne nach Flensburg ziehen, dort in Ruhe Philosophie studieren und ich möchte liebend gerne in die Nähe von Ricky ziehen. Wir haben ja nur ihn, der, wenn es nötig wird, unser aller Angelegenheiten regeln kann, und ich will ihm dann keinen weiten Weg zumuten, weil ich es oft genug mit erlebt  habe, wie schwierig das für Angehörige sein kann. Wir werden einen Weg finden müssen bis dahin, vielleicht einen Kompromiss. Ich mag das Meer ja auch gerne, aber fühle mich halt auch in Nähe der Berge wohl. Nicht gerade am Obersalzberg, der erinnert mich noch zuviel an die braune Vergangenheit, aber so kurz davor wäre für mich schon okay. Hauptsache frische Luft und wieder einen Blick ins Grüne. Und wenn ich weiß, Ricky ist erreichbar im Notfall, dann kann ich entspannt und ohne Angst mein Altsein leben. Er wird schon das Richtige tun im richtigen Moment für uns alle.

Nun beginnen andere Probleme in den Vordergrund zu rücken.

Martin wird 18 im nächsten Jahr, wie geht es finanziell weiter? Anscheinend haben wir nicht die richtigen Informationen von Amtswegen bekommen und müssen nun nachhaken, Zeit spielt anscheinend keine Rolle bei den zuständigen Personen, wir müssen weiter nachhaken, notfalls eine Dienstaufsichtsbeschwerde verfassen. Eigentlich würden wir auch gerne ohne auskommen, aber ich denke, es zeichnet sich ab, dass es wohl sein muss. Außerdem haben wir mit bitterem Beigeschmack lernen müssen, nur auf schriftliche Worte - rechtsmittelfähige Bescheide - kann man vielleicht auf bauen.

Niemand kommt von alleine auf uns zu und bietet an, diese Dinge zu regeln für Martins und unsere Zukunft mit ihm.

Warum müssen Pflegeeltern sich selber darum kümmern? Wurde durch die Aufnahme eines Kindes nicht schon, so viel, der kostbaren Steuergelder eingespart? Haben wir nicht eigentlich schon im voraus dafür bezahlt, dass uns nun etwas abgenommen werden könnte, was wir eh nicht gerne machen?

In fünf Jahren spätestens sollten dann wir eine passende Einrichtung für die Kinder gefunden haben, in der sie sich wohl fühlen können, und die vor allem beide Kinder aufnimmt. Sie so gänzlich auseinander zu reißen, das möchte ich nicht auch noch machen müssen. Die beiden verstehen sich im Prinzip sehr gut und sie brauchen sich auch. Nicht immer, aber doch noch oft genug, und sie halten in kritischen Situationen zusammen und gehen dann sogar gegen uns Eltern  vor. Das zeigt mir immer wieder, wie viel sie doch füreinander empfinden,auch wenn sie ganz verschieden sind.

Aber wir werden nicht immer da sein können, und nicht ewig die Kraft haben, unsere Kinder zu versorgen, sie müssen lernen, ohne uns leben zu können, aber für immer mit unserer Liebe. Ich hoffe von Herzen, dass sie dann auch in einem neuen zu Hause, Freunde und Zuneigung finden und nicht verheizt und missachtet werden.

Mir ist schon klar, dass unsere Probleme, verschwindend klein sind, gegen die Probleme anderer Familien, aber sie füllen soviel von unserer kostbaren Lebenszeit aus, die wir doch besser mit sinnvolleren Dingen verbringen sollten.

Vielleicht beschert uns Ricky Enkelkinder, zu einer Zeit, in der wir noch etwas für sie tun können, das ist ein großer Wunsch von mir. Die passende Frau ist Ricky leider noch nicht begegnet bis heute , aber ich weiß, dass sie irgendwo auf ihn wartet. Sie müssen sich nur finden. Ich kann voller Stolz sagen, dass etwas Rechtes aus ihm geworden ist, dass er sein Herz und seine Seele spürt, damit  genug Rüstzeug in sich trägt , im Leben zu bestehen.

Wir haben, nachdem die Pubertät überstanden war, eine wunderbare Ebene gefunden, füreinander da zu sein ohne den Anderen zu bedrängen. Ich weiß, dass ich meinem Sohn zu 1000% vertrauen kann, in jeder Situation.

Nun beginnt der Countdown für das neue Jahr und ich bete, dass es für unsere Welt friedlicher wird und für uns, die Zukunft sinnvoll geregelt werden kann und wir noch lange von Krankheit und Siechtum verschont bleiben, damit wir unsere Aufgaben bis zum Ende erfüllen können.

Ich bin dankbar dafür, dass wir Alle noch immer zusammen sein dürfen und unsere Freunde aus dem Norden – Sandramaus, Amma und Ulla oft die weite Strecke auf sich nehmen, um mit uns ein paar Tage zusammen zu sein- möge immer ein Schutzengel mit auf der Autobahn oder den Schienen sein, wenn sie unterwegs sein müssen.

Unsere Familie im Harz soll immer eine gute Schneeschippe haben und eine harmonische Familienfeier und vor allem - wirkliche Gesundheit.

Ganz herzliche Grüße gehen nach Lüneburg - viel Spaß und Freude an den vielen, süßen Enkelkinderchen.

Auch für Tanja und Michael, die im nächsten Jahr in einen anderen Teil des Schwabenlandes ziehen und aus dem Norden kommen, wünschen wir einen besseren Anfang, als wir ihn hatten.

Einer lieben Freundin aus Köln, die traurigerweise gleich mehrere, unschöne Krankheiten bekommen hat, wünschen wir weiter die Liebe, den Mut, den Humor und die Kraft, ihr unbeschreibliches Durchhaltevermögen, womit sie uns in den letzten Jahren immer wieder aufs Neue in Erstaunen versetzt hat.
Andreas, Du hast die wunderbarste Frau der Welt bekommen.

 

Bärbel soll es schaffen können, sich dort durch zu setzen, wo ihr ständig Unrecht geschieht, für Anna wünschen wir, ein Abi ohne negativen Stress.

Ingrid wünschen wir die frühere Gesundheit zurück und noch viele, schöne, künstlerische Aktivitäten.

Unsere Fuldaer Freunde werden hoffentlich bald wieder etwas Ruhe finden nach Bau und Umzug, den vielen Abschieden, die sie in diesem Jahr hin nehmen mussten.

Es ist auch sehr schön und beruhigend zu wissen, dass Familie Schmitt in der Nähe wohnt, und wir uns wenigstens ab und an vielleicht mal auf eine Tasse Kaffee zusammen setzen können. Es ist sehr gemütlich bei Euch.

Und allen anderen Menschen, auch denen, die wir nicht kennen
wünschen wir, dass das neue Jahr zufrieden stellend wird und viele positive Überraschungen mit sich bringt.