Schon wieder Pubertät - seufz

Brigitte Betzel-Haarnagel, Februar 2006

Nun ist auch Martin endlich, mit 19 Jahren, in die Pubertät gekommen. Wir dachten schon, dass dieses biologische Ereignis, das Eltern zur Verzweiflung bringen kann, nie eintreffen wird bei unserem Strahlemännchen.
 
Eigentlich ein wirklich geschickter, sinnvoller Schachzug seines Körpers.
 
Da Martin früher häufig schlimm und anhaltend erkrankt war, und deshalb Phasenweise ständig Antibiotika ein nehmen musste, um zu verhindern, dass seine Körpertemperatur ansteigt und er noch mehr starke Krampfanfälle bekommt, konnte sein Immunsystem nicht in natürlicher, üblicher Weise das Erinnerungsvermögen einrichten.
 
Das geschieht nun, so und nach, in den letzten Jahren und - toi, toi, toi - die kleinen Anfälle früh am Morgen sind bis dato alles gewesen, was noch nachkommt von den Epileptischen Anfällen. Sicher, es kann noch Vieles geschehen, aber so sind wir auf alle Fälle sehr zufrieden und können auch ruhiger schlafen und die ständige Angst in Bauch und Herz, um dieses geliebte Kind, ist schon lange nicht mehr so Kräfte zehrend wie in den Hochzeiten seiner Anfallsgeschichte.
 
Pubertät bei Martin, der mehrfach behindert ist, sieht natürlich nicht so aus, wie üblicherweise bei den anderen Kids.
 
Aber selbstverständlich, auch er versucht gegen die Welt „der Erwachsenen“ mächtig an zu stinken.
 
Natürlich, wie könnte es auch anders sein, muss auch Martin provozieren. Und er weiß, zu welcher Tageszeit wir am leichtesten zu kriegen sind.
 
Nämlich beim Abendbrot. Hier legen wir viel Wert auf Ruhe und Besonnenheit, erzählen eigentlich regelmäßig was den Tag über so geschehen ist und es ist an den Wochentagen die einzige Mahlzeit die wir alle gemeinsam einnehmen können. Eine wichtige Zeit für uns als Familie.
 
Und dann passiert sehr häufig Folgendes, seit besagter, Elternunfreundlicher, Umstand  der Kapriolen der Hormone eingetreten ist.
 
Martin brüllt wie am Spieß los , wenn ihm etwas , egal was, nicht passt. Auch bei den Konsequenzen die er selber, wohl wissentlich dass sie kommen, herbeigeführt hat. Und seit ein paar Wochen sind es eine Menge Dinge, die unserem jungen Mann nicht mehr passen. Es sei ihm ja auch zugestanden, und wir wissen ja, dass die Hormone in dieser Zeit völlig verrückt spielen und Achterbahn fahren. Das Geschehen ist in unserem Kopf völlig klar.
 
Zum Beispiel bestellt Martin, er kann es nicht selber machen oder sich holen, einen Becher Apfelschorle mit Strohhalm, ein Brot (aus drei angebotenen Brotsorten wählt er eine Scheibe aus, natürlich mit Erdnusscreme, die er schon immer liebend gerne futtert - in seinen Genen muss ein Amerikaner wohnen) und ein Frankfurter Würstchen mit Senf. Bekommt er natürlich auch alles fein auf seinen Teller gelegt von uns.
 
Damit zufrieden ist der gute Junge dann aber doch nicht , legt die „Jetztbinichaberbeildigtmine“ auf und auf Nachfragen kann er sich nicht wirklich äußern, was denn bitteschön nun verkehrt oder zuwenig oder zuviel oder überhaupt ist. Er hat ja genau das bekommen, was er höchstselbigst, persönlich und klar und deutlich verlangt und ausgesucht hat.
 
Also, kann auch keine Abhilfe geschaffen werden. Wir werden ganz böse angeschaut, Martins Kopf sinkt bis fast auf seinen Teller, mit vorwurfsvollem Blick, seitlich nach uns gerichtet, natürlich.
 
Jürgen fordert ihn auf, doch nun bitte mit dem Essen anzufangen. Martin braucht irre lange Zeit, aus motorischen Gründen, zum Essen, wenn er mit seiner Gabel die mundgerecht zubereiteten Mahlzeiten alleine zu sich nimmt. Aber, wenigstens hier zu Hause, soll er das, was er alleine bewältigen kann, auch alleine machen.
 
Nichts kommt von Martin, außer bösen Blicken und unverständlichem Gebrummel. Wieder wird Martin gefragt, was denn nicht richtig sei. Er streckt uns die Zunge raus und droht uns mit dem Finger.
 
Daraufhin bekommt er von uns Eltern zu hören, dass es jetzt bald mal gut ist, und dass es keinen Spaß macht, wenn wir ihm nichts recht machen können und er nicht weiß, was er wirklich will.
 
Steffi mischt sich nun ein, die uns schon vor Jahren mit ihren Pubertätsmacken sehr oft richtig geschafft hatte „La Baggi in Ruhe“ schimpft sie mit uns. Dabei haben wir doch gar nichts gemacht, außer dem, was Martin ja selber wollte.
 
Ja, ja, da halten die lieben Kiddis fein zusammen, wenn es gegen uns Große gehen soll. War aber schon immer so und eigentlich finden wir das auch total gut, eigentlich! Heute hätten wir uns über ein bisschen pädagogisches Vermitteln von Steffi gefreut, die das, obwohl Down-Syndrom und 20 Jahre alt, irgendwie oft supergut hin bekommt.
 
Martin macht jedenfalls weiter mit seinem Schauspiel, wird wieder aufgefordert zu essen und wieder, nutzt aber heute Abend nichts, gar nichts.
 
Das Gebrummel wird immer lauter, er bekommt eine letzte Chance, dann wird der Teller von seinen Platz weg genommen, bevor alles auf dem Fußboden landet und die Hunde sich so auf Martins Abendbrot stürzen. Die Wauwaus warten natürlich auf diese extra Leckerchen.
 
Nun geht es los mit lautem, schrillen, hysterischem Gebrülle.
 
Unser Schreihals wird nun gefragt, ob er endlich essen will und aufhören mit motzen Ja will er, aber kaum steht der Teller wieder vor ihm, geht das alte Spiel weiter wie gehabt. So läuft es nun viermal.

 

Da es inzwischen schon nach 19 Uhr ist, wird Martin die letzte Konsequenz angeboten, entweder vernünftig zu sein und zu essen, oder gleich nach oben ins Bettchen gebracht zu werden. Wäre sowieso um 19.30 Uhr fällig, da Martin aufgrund seiner Epilepsie reichlich Schlaf braucht. Um 5.30 Uhr muss er ja auch wieder geweckt werden an den Wochentagen und wenn keine Ferien sind.

 

Auch das gefällt ihm natürlich plötzlich nicht mehr und wir werden erst mal ausgemeckert, wenn wir fröhlich, freundlich Guten Morgen sagend in Martins Schlafzimmer kommen am frühen Morgen, der für uns aus aktuellem Anlass um 4.45 Uhr beginnt.
 
Er will uns an diesem Abend jedenfalls nicht zu hören, schreit weiter und dann wird er von Jürgen zum Fahrstuhl , den wir nur von der Terasse aus nutzen könen, gefahren. Nun schreit Martin , so laut er kann - und er kann wirklich sehr laut schreien, wenn er sich Mühe gibt.
 
Wir gehen über die Terrasse in den Aufzug und oben über den Balkon, durch unser Elternschlafzimmer in Martins Schlafzimmer. Hört sich umständlich an, lässt sich aber hier aus räumlichen, baulichen, und finanziellen Gründen nicht anders regeln.
 
Draußen in der Strasse ist es relativ ruhig um diese Tageszeit und der Geräuschpegel, den Martin verursacht, hallt lautstark in Dunkelheit hinein.
 
Wieder und wieder wird er gefragt, was ihm nicht passt. Anscheinend will er nur Dampf ablassen, er kann die Frage gar nicht beantworten.
 
Steffi ist nun auch endlich beleidigt mit uns, auch, weil Martin nicht noch mit ihr, wie sonst nach dem Abendbrot üblich, etwas spielen kann. Sie sitzt auf ihrem Stuhl am Esstisch, die Arme über dem Bauch verschränkt und heult. Tut mir ja auch leid, aber irgendwie müssen wir ja reagieren. Dieses Geschrei von Martin kann sich nämlich noch steigern und er hat erstaunlicherweise damit eine Wahnsinnsausdauer entwickelt.
 
Wir Eltern beginnen, Martin auf seinem Pflegebett, für die Nacht zu richten, er schreit nicht mehr so laut, heult nur noch.
 
Plötzlich steht, unbemerkt angekommen,  unsere liebe Nachbarin Gerlinde, vom Haus gegenüber, in Martins Schlafzimmer, ziemlich blass im Gesicht.
 
Sie hätte das schlimme Schreien von Martin gehört, sich sehr darüber erschrocken und gedacht, es sei etwas Schlimmes passiert und Martin sei gestürzt und verletzt.
 
Auweia, nun wird es auch für Martin peinlich und er hört schlagartig auf zu heulen.
 
Er schaut verwundert unsere besorgte   Nachbarin Gerlinde an und aus seinem Munde kommt ein in normaler Lautstärke gesprochenes  „hä?“.
 
Heißt übersetzt, was willst Du denn jetzt hier, iss was?
 
Dann freut sich Martin Gerlinde zu sehen, knuddelt einen Moment mit ihr und muss sich anhören, nachdem wir sie aufgeklärt haben, dass er so was doch bitte nie wieder machen soll, sie hätte wirklich gedacht, ihm sei etwas zugestoßen und wir bräuchten hier Hilfe.
 
Ich finde die Reaktion unserer Nachbarin toll, es hätte ja auch wirklich etwas sein können und wir mögen uns sehr und fühlen uns schon verantwortlich für einander. Ein guter Nachbar in der Nähe ist mehr Wert, wie ein ferner Freund. Diese Aussage hat echt was.
 
Jedenfalls war für diesen Abend dann wieder Friede Freude Eierkuchen, Martin wusste nämlich nicht so genau ob er jetzt weiter brüllen sollte, oder ob er sich mal tüchtig schämen sollte für das Ergebnis seines Unzufriedenheitsanfalles.
 
So ca. jeden 2. Tag versucht Martin es dann wieder beim Abendbrot, in alt bewährter Weise, aber mit dem Hinweis, dass er damit rechnen muss, dass Gerlinde ihn wieder hört und rüber kommt, weil sie denken muss, es sei etwas passiert, wird das Brüllen dann doch etwas leiser, wenn es Martin auch schwer fällt.
 
Natürlich haben wir Brüllarien auch in anderen Bereichen und wir wurden schon oft dumm angesehen, mit einem brüllenden, Erwachsenen Kleinkind im Rollstuhl vor uns her schiebend.
 
Aber ändern können wir im Moment nicht wirklich was daran. Wir müssen es so hinnehmen. Auch Martin hat ein Recht auf Pubertät und auch diese Zeit wird irgendwann ein Ende haben.
 
Kann natürlich sein, weil bei Martin alles immer länger dauert, und wir haben noch ein gutes Weilchen gut an Martins ganz besonderem, pubertierendem Verhalten.
 
Natürlich ist Martin nicht immer so drauf. Er hat natürlich ganz normale Phasen, will spielen, knuddeln, erzählen und freut sich uns zu sehen, auch das Essen klappt dann mal wieder. Er ist kein Monster, aber die Pubertät macht es, ab und zu schon aus ihm, unseren eigentlich doch so friedliebenden Mausebär.
 
In der Schule passiert es dann auch schon mal, mit den lautstarken Anfällen, und da darf er sich dann in einem freien Nebenraum ausbrüllen, austoben, erholen oder was auch immer.
 
Nun hoffen wir, dass es bald wieder etwas leiser wird bei uns und Martin es doch mal auf die Reihe kriegt, seine Unzufriedenheit benennen zu können, wenn es denn vielleicht mal irgendwann wieder möglich sein dürfte.
 
Sonst sehe ich auf uns zukommen, dass wir die gesamte Nachbarschaft mit Ohrstöpseln versorgen müssen, weil wir nämlich nicht vorhaben, wenn die Temperaturen wieder wärmer werden, unsere Türen immer geschlossen zu halten. Ganz besonders ich bin nämlich ein Frischluftfanatiker und habe gerne offene Türen.