Schreck lass nach

Brigitte Betzel-Haarnagel, April 2005

Nun hatte Steffi ein zweiwöchiges Praktikum in der WfB Markgröningen, zusammen mit ihren Klassenkameraden, unter zwischenzeitlicher, wenn auch kurzer, Betreuung durch ihr bekannte Lehrkräfte der Schule und dem geliebten Zdler der Klasse hinter sich gebracht. Alles lief so super für, und mit Steffi, es gab keinen negativen Aspekt oder Meldungen der jeweiligen Betreuer.
 
Einige Wochen später sollte Steffi nun vollkommen alleine, ohne Betreuung durch die Schule, und auch mit einem anderen Fahrdienst, der nur für die Werkstätte fährt, ein einwöchiges Praktikum machen, damit man sich die führenden Mitarbeiter  der WfB, ein noch genaueres Bild über die  zukünftige, neue  Mitarbeiterin machen können.
 
Im September soll es ja schließlich endlich losgehen mit einem geregelten Arbeistleben für Steffi, die am 20.7.05 schließlich schon ihren 20. Geburtstag feiert, der auch gleichzeitig der Tag der Schulentlassungsfeier für sie sein wird. Hoffentlich brechen wir da nicht alle beide in Tränen aus. Zumindest ich habe oft sehr nah am Wasser gebaut und da sich Steffi nun endlich so rundum wohl in der Schule fühlt, tut es mir für mein Kind besonders leid, dass die schöne Schulzeit nun schon so bald zuende sein soll. Außerdem hat Steffi noch nicht so richtig erkannt, dass sie inzwischen eine erwachsene Frau geworden ist und ihr Leben sich ändern wird. Dass sie wieder einen Teil, der ihr so vertrauten Lebensumstände hinter sich lassen muss und dass eine erneute Umorientierung statt finden muss.
 
Jedenfalls, der erste Praktikumstag im Alleingang begann, - zur Freude von Martin, dem Entsetzen der Schulbusfahrer, die noch keine Ahnung von Steffis Praktikum hatten und dem Erstaunen diverser Nachbarn. Hielten doch überraschender Weise am Montag früh zur gleichen Zeit ein roter WfB Bus und der bekannte, altbewährte, weiße DRK Schulbus vor unserem Häusle.
 
Da ein Nachbar auch noch seinen Wohnwagen hier im Strässle geparkt hatte, wegen der baldigen Pfingstferien, war unser Teilstück der Strasse nun dicht.
 
Vollkommen selbstverständlich stieg mein Töchterchen ein in den unbekannten Bus, der von einer sehr netten, hübschen, jungen Frau gefahren wurde ( was auch dem FSJler, der als Begleitperson im DRK –Bus mitfährt, sofort erkennbar aufgefallen war), Martin jubelte, weil im Konvoi fahren findet er schon immer super, und so war ich guter Dinge, dass die Übung gelingen möge.
 
Am Mittag dieses Tages hatten Martin, seine Lehrerin, der Abteilungsleiter der Klasse und meine Wenigkeit, einen Gesprächstermin in der Schule in Sachen Berufsberatung. Unser Ziel war es, Martin zur Berufsbildung in der WfB unter zu bringen, sowie möglicherweise den Einsatz eines Integrationshelfers für diese Zeit,, damit auch die sanitäre Versorgung für Martin perfekt laufen kann und als Coach, damit Martin permanent angesprochen wird, den Mundschluss zu trainieren um das starke Speicheln zu verhindern. Keine Ahnung was daraus werden kann, ist aber auch ein anderes Kapitel.
 
Im Anschluss an dieses Gespräch, kam ich noch mit in den Klassenraum  um mal wieder rein zu schnuppern und nach Schulschluss dann gemeinsam mit Martin, mit dem DRK Fahrdienst wieder nach Hause zu fahren.
 
Wir waren ca. 15 Minuten zu Hause, die Schule ist so bummelig 6 km entfernt, klingelt unser  Telefon.
 
Dran an der Strippe war ein, mir bislang noch unbekannter Mitarbeiter der Schule, der mir mitteilte, der Fahrdienst hätte Steffi vergessen. Sie sei gerade weinend zu ihm gebracht worden. Ich war fassungslos, versuchte zu erklären, das Steffi doch diese Woche ein Praktikum in der WfB mache, (Entfernung zur Schule ca. 1km) und von dort mit dem zuständigen Fahrdienst wieder nach Hause kommen solle. So war seitens der WfB alles abgesprochen, veranlasst  und geplant.
 
Jedenfalls saß eine jammernde Steffi bei besagtem Herrn im Büro, der inzwischen schon das Handy des DRK Fahrdienstes angerufen hatte, der wiederum versuchte bei uns zu Hause anzurufen, weil die beiden jungen Männer nun auch total von den Socken waren und gar nichts mehr verstanden, was auch klar war, eigentlich.
 
Nachdem ich die Sache nun soweit geklärt hatte, dass seitens der Schule in der WfB angerufen wurde um zu klären, was nun zu klären war, bekam ich das große Zittern und gleichzeitig musste ich über meine Tochter lachen. Hier war sicherlich das Gewohnheitstierchen mal wieder unterwegs.
 
In der Schule ist um 15 Uhr Feierabend, das vorhergehende Praktikum , zusammen mit der ganzen Schulklasse wurde gegen 14 Uhr in der WfB  beendet, da alle Schüler wieder zurück laufen und rollen mussten zur Schule, um die Schulbusse pünktlich zu erreichen.D ie Arbeitszeiten der WfB gehen aber bis 16.30 Uhr .  Steffi hatte einfach so Feierabend gemacht, wie sie es gewohnt war. Weil niemand da war, den sie wirklich kannte, oder der sie kennt, hat sie sich still und leise angezogen und alleine auf den Weg zur Schule gemacht, den sie Gott sei Dank durch das vorherige, gemeinsame  Praktikum gut kannte.
 
Als sie in der Schule ankam, war wohl kein Schulbus mehr da und irgendjemand hat ein verzweifeltes Kind besagtem Herrn aufs Auge gedrückt.
 
Das Telefon klingelte während dieser Zeit fast im Minutentakt bei uns zu Hause , und das Ende vom Lied war, dass ein leitender Mitarbeiter der WfB , Steffi mit seinem Auto  wieder an der Schule abholte, -wundert mich eigentlich immer noch, dass Steffi da so problemlos eingestiegen und mitgefahren ist- , und das gute Kind wieder in der WfB abgeliefert hatte, wohl zum Erstaunen diverser Mitarbeiter. Horch, was kommt von draußen rein.
 
Martin wurde inzwischen sichtlich nervös, er hatte Angst um seine Schwester und dass sie nicht wieder nach Hause findet.
 
Nun hatte ich wieder sehr Vieles zu erklären, in der Hoffnung, Martin hat alles verstanden, weil so langsam fiel mir das auch nicht mehr so ganz leicht.
 
Kurz vor 17 Uhr hielt dann endlich der rote WbB Bus wieder vor unserem Häusle und Steffi prabbelte beim Aussteigen so was Ähnliches wie, “ I bin im rotem Bus“
 
Ich versuchte ihr dann ganz ruhig zu erklären, dass sie nicht einfach so weg laufen kann von der Arbeit und zeigte ihr auf der Uhr , dass in der Werkstatt erst um 16.30 Uhr Schluss ist und nicht wie in der Schule um 15 Uhr, und dass sie es morgen besser machen muss.
 
Nun fing sie bitterlich, verzweifelt und laut an zu weinen. „Nein, nein, i will Alex (Zdler der Klasse) , i will Kiki (schwerst behinderte Mitschülerin, die von Steffi gerne ein wenig betüdelt wird), Kigel (Lehrerin Frau Kegel), Schule, Schule, Schule- bitte Baggi (Martin), i will Schule.“ Und dann dauerte es eine ganze halbe Stunde, bis Steffi wieder ruhiger wurde.
 
Ich versuchte ihr am Kalender zu erklären, dass es doch nur noch 4 Tage Arbeit sind, erst mal, und dass doch andere Kinder aus der Schule auch so ein Praktikum machen müssen, und, und, und, und.
 
Fakt ist, Steffi fühlt sich so jedenfalls total alleine gelassen ohne ihre vertrauten Leute um sich und da sie immer etwas länger braucht, bis sie mit neuen Menschen und Situationen klar kommt, muss es einfach schrecklich für sie gewesen sein, so wie es nun gerade war.
 
Dann bettelte sie, „ Mama kommst Du zu arbeit, bitte“ und es tat mir so entsetzlich leid, ihr sagen zu müssen, dass ich das gar nicht so einfach darf, dass sie doch nun ein großes Mädchen ist und ohne Mama arbeiten gehen soll.
 
Wieder und wieder haben wir dann die Tage im Kalender gezählt und darüber gesprochen, was noch alles so anfällt in dieser Zeit und ich kann nur hoffen, dass es Steffi in Zukunft leichter fällt, Veränderungen an zu nehmen.
 
Als mein Töchterchen  dann ihren Rucksack auspackte, hatte sie sogar die Flasche Apfelschorle aus dem Getränkeautomaten der Werkstatt dabei, um die Martin sie am Morgen gebeten hatte. Martin hat sich so sehr darüber gefreut. Nicht, dass es bei uns keine Apfelschorle gibt, aber die Flasche, aus diesem Getränkeautomaten ist etwas ganz Besonderes für ihn, und auch so schön , weil Steffi an ihn gedacht hatte bei der Arbeit.
 
Und ich frage mich wieder , warum müssen Veränderungen oft so weh tun? Und was um Himmels Willen wird Steffi empfinden, wenn es schon bald die Schule nicht mehr für sie gibt, und was, wenn sie sich in der WfB gar nicht wohl fühlen kann?
 
Wie muss es erst für sie aussehen, wenn im nächsten Jahr der Umzug in eine Wohngruppe angesagt ist? Kommt sie sich dann von mir verlassen und weggeschickt vor? Das ist doch so gar nicht mein Anliegen, Steffi muss doch lernen, dass ihre Zukunft so langsam ohne uns als komplette Familie um sich zu haben, wenigstens teilweise, weitergehen muss.
 
Wieder mal bin ich im Zwiespalt, ob das, was geplant ist für Steffi der wirklich richtige Weg für sie ist. Ich will ihr doch auf keinen Fall wehtun müssen.
 
Am Morgen des zweiten Praktikumtages ging Steffi immer wieder zum Kalender und zählte die Tage bis Freitag nach. Sie jammerte, weil sie diese Woche nicht mit zum Schwimmen in der Schule gehen kann und auch die beiden Lebenshilfetermine nachmittags in dieser  Woche leider flach fallen müssen. Arbeit geht nun mal vor.
 
Kurz, bevor wir raus , zur Straße gehen mussten, um auf die beiden Fahrdienste zu warten, setzte Steffi sich auf den Boden im Kinderzimmer und begann wieder jämmerlich zu weinen. Alles erklären half in diesem Moment nichts. Um sie etwas abzulenken, fragte ich sie dann, ob ich heute zum Abendbrot Nudeln, ihre absolute Lieblingsspeise, kochen soll. Aber darauf bekam ich dieses mal keine Antwort, und das will etwas heißen. Wie schlecht muss es meinem Mädchen gehen?
 
Steffi sollte noch ihre Zähne putzen, Schuhe und Jacke anziehen, auch das wurde weinend von ihr abgelehnt.
 
Als ich Martin endlich mühsam seinen blauen Anorak angezogen hatte, ging ich mit ihm vor, zum Hoftor, schon krampfhaft überlegend, wie ich meine Tochter wohl heute vor die Tür bekomme.
 
Nach fünf Minuten kam Steffi dann doch zu uns geschlichen. „Heute Nudel, zu Abendbrot“? „ Ja Steffi, aber Du musst dann auch ohne Meckern in den roten Bus einsteigen und in der Werkstatt warten bis Schluss ist und dann wieder mit dem roten Bus nach Hause kommen. Okay“?
 
Steffis wusste gar nicht, wo sie hinschauen sollte, als zuerst der weiße DRK-Bus bei uns ankam und Martin mit der Rampe eingeladen wurde. Tränen standen wieder in ihren Augen und traurig winkte sie hinter Martin her. Der FSJler bedauerte übrigens sehr, dass beide Busse nicht wieder gleichzeitig hier eintrafen. Wieso wohl nur?
 
Fünf Minuten später kam der rote Bus. Die nette Fahrerin fragte nach, ob alles geklappt hätte gestern.
 
Nachdem ich ihr alles erklärt hatte, versprach sie, dass sie versuchen wollte, jemanden aus der Gruppe zu erwischen und darauf anzusprechen, dass sich um Steffi ein bisschen mehr gekümmert werden muss. Sie nahm Steffi freundschaftlich in den Arm und sagte ihr, dass es sicher besser wird, mit der Zeit. Ich dachte nur so intern bei mir, warum kann diese nette Frau nicht in der WfB arbeiten und für Steffi zuständig sein? Hier stimmte ganz klar die Chemie. Aber mit dem Wunschprogramm ist das ja schon immer so eine Sache.
 
Die restlichen Tage klappte dann alles in sofern, dass Steffi ständig vor meinem Kalender stand und die Wochentage abzählte, die Lehrerin und auch mal die ganze Klasse Steffi, in ihrer doch recht langen Mittagspause, besuchten und Steffi mit jeden Nachmittag beim nach Hause kommen soviel Finger zeigte, wie sie noch Praktikumstage vor sich hatte in dieser Woche.
 
Eine Flasche Apfelschorle für Martin brachte Steffi stolz jeden Tag mit und sie zeigte mir immer den kleinen Geldbeutel, damit er wieder mit 50Cent Münzen bestückt werden konnte von mir.
 
Der FSJler des DRK Fahrdienstes hatte Pech, weil am dritten Tag die etwas ältere Fahrerin, die ansonsten eigentlich nur Nachmittags die Mitarbeiter der WfB nach Hause fährt, plötzlich auch am Morgen diese Tour fahren musste und somit der Tag schon recht früh für den armen, jungen Mann weniger positive Aspekte aufwies. Wie heißt es doch so schön? Shit Happens!
 
Jedenfalls konnte er an den anderen beiden Tage die angehimmelte Fahrerin früh morgens noch mal kurz Augenschein nehmen.
 
Steffi wollte an keinem dieser Tage wirklich freiwillig zur WfB, und weinte abends immer, wenn ich ihr wieder mitteilen musste, dass ihre Woche Praktikum noch nicht vorbei ist. Armes Kind.
 
Als endlich Freitag war, und Steffi ihr Praktikum endlich beendet hatte, stellte sie mir beim nach Hause kommen die Frage „Und dann Alex“?
„Ja Steffi, ab Montag darfst Du erst mal wieder zur Schule gehen“, gab ich meinem Töchterlein zur Antwort. Darauf hin kam ein lautes, freudiges „Yeeh“, und sie gab Martin, der gerade wieder von mir  aus dem Bett geholt wurde, nach der Mittagsstunde, alle Fünf.
 
Steffi und Martin waren auch beide nicht glücklich darüber, dass sie sich den Tag über sowenig sahen und an keinem der Tage, gemeinsam nach Hause kamen. Sie brauchen einfach ihre Zeit miteinander und wenn ich ehrlich bin, obwohl sie als Geschwister aufgewachsen sind, im Verhältnis zu anderen, mir bekannten Geschwistern, haben sie sich sehr wenig gestritten. Und wenn, dann nie wirklich ernsthaft und nur kurz. Es gab nie ein langes – ich bin Dir böse, oder ich will Dir weh tun.
 
Jeden Abend geht Steffi an Martins Bett und sagt ihm gute Nacht, gibt ihm ein Küsschen und streichelt  über sein Köpfchen. Jeden Abend hören wir durch das Babyphon „ Gute Nacht Baggi, slaf schön.“ Und Steffi weiß nicht, dass wir alles genau hören können, was in der oberen Etage passiert, auch wenn wir nicht mit oben sind.
 
Martin wartet auch immer sehr auf den gute Nacht Gruß von seiner Schwester, und ruft mehrmals nach ihr, wenn er sie im Badzimmer  rumoren und singen hört.
 
Steffi braucht ihre Regelmäßigkeiten, vertraute Abläufe und alles muss seinen Platz haben, auch in ihrem Herzchen.