Sonntagmittagerlebnis

Brigitte Betzel-Haarnagel, 28.4.99

Wir waren mal wieder in Neumünster unterwegs, einfach mal so, ein bisschen entspannt rumgucken in der Gegend. Steffi (13 Jahre, Down Syndrom) und Martin (12 Jahre, mehrfach behindert) quengeln hinten im Auto. Sie haben Hunger, was eigentlich nie etwas Neues ist. Unser Frühstück wurde schließlich schon vor 1 ½ Stunden beendet. Nun wollen die Beiden endlich essen gehen. Irgendwie müssen die armen, leidgeprüften Vielfraßbabys doch auch mal satt werden.

Normalerweise bedeutet dieses - wir wollen essen gehen - dass - egal, wo wir uns örtlich gerade befinden -: sofort eine Vollbremsung einleiten, den Wagen wenden, und es sei mitten auf der Autobahn oder einem Grünstreifen, und auf direktem Wege (Einbahnstraßen, Grünstreifen ,Privatgrundstücke eingeschlossen) mit Vollgas ,und laut hupend (Blaulicht und Martinshorn wird uns aus völlig unverständlichen Gründen leider nicht genehmigt) - damit alle anderen Verkehrsteilnehmer wissen, dass sie Platz zu machen haben, weil hier ein dringender Notfall unterwegs ist - zu der nächsten Filiale einer amerikanischen Imbisskette, schon alleine der Juniortüten wegen.

Steffi und Martin gehören auch zu den Juniortütenpoker Süchtigen ohne jegliche Aussicht auf Therapieerfolg.

Wir Eltern haben schon lange nicht mehr den richtigen Appetit auf das kulinarische Angebot der Juniortüten und so erlauben wir uns, eigenmächtig ohne Genehmigung der hinten im Auto vor Hunger Darbenden, nach Cola jammernden Teenager, einfach still und leise einen anderen, verkehrstechnisch erlaubten Weg einzuschlagen, ohne unangenehm in Neumünster aufzufallen. Jedenfalls nicht den übrigen Verkehrsteilnehmern.

Laute Proteste klingen nach vorne, wir stellen das Radio lauter und fahren gemächlich auf den Parkplatz eines kleinen, türkischen Dönerlokals, in Neumünster Einfeld. Das kleine Lokal ist uns Eltern  bekannt, da wir dort schon des Öfteren an kinderfreien Nachmittagen heimlich, etwas Leckeres zu uns genommen haben.

Verwunderlich ist ohnehin die Tatsache, dass, wenn wir auch nur ein einziges Mal in einer Stadt in Sachen Juniortüten unterwegs waren - Steffi und Martin registrieren sofort wenn wir in eine entgegengesetzte Richtung des Standortes dieser juniortütenverdächtigen Lokalitäten fahren. Ich frage mich dann erstaunt immer wieder aufs Neue, wie es denn so bei dieser Tatsache mit den ansonsten nicht unerheblichen geistigen Behinderungen der Beiden wirklich aussieht.

Merkwürdigerweise, dieses anscheinend fotografische Gedächtnis, also die Verknüpfungsfähigkeit der Neuronen arbeitet, wenn es um die Standorte dieser Imbisskette geht absolut 100% ig oder sogar noch besser.

Jedenfalls, in dem von uns Großen angesteuerten türkischen Dönerlokal ist es gemütlich, sauber, hell und nie überfüllt. Mir vor allem mundet der immer frische, angebotene Salat sehr und Steffi und Martin stehen vor der dummen Alternative entweder dort mit hinein zu kommen und aus dem Angebot des Hauses etwas Essbares auszusuchen, oder im Auto zu warten und nichts zu essen, bis wir mächtigen Erwachsenen gestärkt, ausgeruht und gut gelaunt wieder heraus kommen aus dem Lokal um dann wieder nach Hause zu fahren.

Da die Sache nun heute dumm gelaufen war für meine beiden Riesenmäuse, kamen sie dann vorsichtshalber - falls wir doch tatsächlich ernst machen könnten - mit uns in besagtes Lokal hinein.

Alles sah so lecker aus hinter der Glasscheibe an der Theke, der Hähnchengrill drehte sich gleichmäßig, fast hypnotisierend, die guten Gerüche taten wohl das Weitere und es dauerte keine zwei Minuten ,dann war alles klar.

Steffi orderte ½ goldbraunes, Hähnchen pur. Martin nickte bei dem Angebot einer doppelten Portion Pommes mit Mayo, Jürgen bekam einen unheimlichen Appetit auf eine Currywurst mit Pommes und ich entschied mich für einen köstlichen Döner (na wenn das kein anständiges Sonntagsessen ist) Cola light und Kaffe wurden nun noch bestellt und dann war der erste Tisch endlich unser.

Umständlich präparierte Jürgen Martin mit einem Sabbertuch, schob seinen Rollstuhl so halbschräg zu mir hin, damit ich Martin am saubersten mit dem Essen helfen konnte. Ich versorgte Steffi mit einem großem Tuch für die Hände (hat aber nix genutzt, sie nahm trotzdem lieber ihre Hosenbeine) und überlegte noch, wie wir es dieses Mal schaffen können, damit nicht so viele Teile unserer Mahlzeiten auf den Boden fallen und der Tisch noch als Solcher zu erkennen ist, wenn wir das Lokal wieder verlassen. Martin kann ja nichts dafür, aber normalerweise haften schon des Öfteren recht kritische Blicke auf uns, wenn wir außer Haus essen gehen.

Sicherlich ein recht ungewohntes Bild für Außenstehende, muss ich ja auch zugeben.

Ich vermutete, es war der Inhaber, der uns bediente und die dampfenden, gefüllten Teller freundlich lächelnd an unseren Tisch brachte.

Und dann geschah etwas so unglaublich Nettes, was wir wirklich in dieser Form noch nie erlebt hatten.

Der nette Mensch stellte die von uns bestellten, vollen Teller vor uns auf den Tisch und sprach mit den Kindern.

Er hoffe dass es ihnen schmeckt, vor allem dass Martin wenigstens mindestens die Hälfte seiner Portion schaffe, das würde ihn echt freuen und Martin dürfe hier kleckern soviel er nur wolle. Schließlich hätte er hier Leute die fürs Sauber machen bezahlt würden und ihm sei es überhaupt nur wichtig dass Menschen ehrlich und nett sind und ihm nicht hintenherum ein Messer in den Rücken jagen. Uns sehe man ja an, dass wir alle gut drauf seien.

Er erzählte von seiner Familie, vor allem der Mutter, die rote Haare hat, seiner türkischen Heimat und von einem weiteren jungen Gast im Rollstuhl und dass hier Jeder Beachtung findet. Außerdem hätte er selber nach einem schweren Unfall auch schon 1 ½ Jahre im Rollstuhl verbringen müssen.

Wir sollen uns keine Gedanken machen, wenn was umfällt oder die Kinder kleckern, kein Problem.

Irgendwie waren wir sprachlos, jedenfalls für einen Moment. Wir haben es tatsächlich leider schon andersherum erfahren müssen.

Für den Besitzer des kleinen Lokals hier war dieses Verhalten mit Sicherheit völlig normal und ehrlich, ich hatte schon ein bisschen mit mir zu kämpfen, dass keine Freudentränen liefen- es wäre mir peinlich gewesen. Warum eigentlich überhaupt? Jedenfalls war ich diesem Mann sehr dankbar für sein unkompliziertes Verhalten, seine menschliche Einstellung die mit Sicherheit nichts mit seinem Umsatz zu tun hatte, und dieses auch noch bei all dem Ausländerhass in unserem Land.

Als wir aufgegessen hatten und Jürgen zahlen wollte, bekam er den Kaffee sogar noch geschenkt. Der Gast bekam hier heute das Trinkgeld!

Wohl weil wir das Okay bekommen hatten, nicht aufpassen zu müssen, passierte an unseren Tisch rein gar nichts. Irgendwie war die ansonsten beim Essen unterschwellig, anwesende Verkrampfung bei mir an diesem Mittag wie weggeblasen.

Es tut unheimlich gut erfahren zu dürfen, so wie Du bist, bist Du für mich okay - ohne Gegenleistung Menschlichkeit.