Steffi bockt mal wieder

Brigitte Betzel-Haarnagel, Nov. 04

Steffi, 19 Jahre Down Syndrom, und eigentlich ein nettes, sanftes Menschenwesen, kann ihren Mitmenschen durch ein Verhaltensmuster, das doch so ab und an mal wieder auftritt, und Steffi seit Kindesbeinen an begleitet, schon das Leben recht schwer machen.

Verbal ist Steffi nicht immer in der Lage, sich angemessen mit zu teilen. Aber okay, das geht mir in der Tat manchmal auch so.

Tritt eine Situation ein, die ihr total unangenehm ist, oder die sie einfach nur überfordert, wird Steffi bockig wie ein Kleinkind.

Als nun der neue Veranstaltungskalender der Lebenshilfe, für das Winterhalbjahr heraus kam, haben wir mit den Kindern zusammen besprochen, was für sie, in dem für uns passenden zeitlichen Rahmen, an Kursen und Einzelangeboten in Frage kommt, und sie durften auswählen und sich dazu  äußern.

Martin entschied sich gleich wieder für die Klangmassage und den Schülertreff am Mittwoch und Steffi wollte auf jeden Fall den Tanzkurs besuchen.

Steffi bewegt sich gerne zu Musik und sie mag Musik sehr. Vor allem, immer noch die Musik der Kelly Familie, ich höre inzwischen einfach mal weg zwischendurch bei dieser Dauerberieselung.

Es standen also keine Argumente gegen das Buchen des Tanzkurses an.

Da Steffi und Martin nun schon über zwei Jahre aktiv und sehr gerne die hiesigen Lebenshilfeveranstaltungen besuchen, sind ihnen auch die meisten Kinder und erwachsenen Besucher der Angebote bekannt.

Alles in Allem keine Problemzone für uns, dachte ich zumindest.

Als der Tanzkurs nun begann und wir Steffi das erste Mal abholen wollten von der Turnhalle der Behindertenwerkstatt, in der dieser Tanzkurs statt findet, wunderten wir uns, warum Steffi nicht mit den anderen Kursteilnehmern aus der Eingangstür heraus kam, so wie wir es von ihr gewohnt waren, als sie dort an einem Gymnastikkurs teil nahm.

Ich betrat den Vorraum und wurde gleich von einer Betreuerin mit den Worten empfangen, dass sie gar nicht wissen, was denn mit Steffi los sei, sie hätte gar nichts mitgemacht sondern sich nur auf den Boden gelegt und gesagt sie hätte Aua. Niemand konnte sie bewegen, auf zu stehen und mit zu machen.

Auch von mir wollte Steffi  nichts hören und wir mussten Steffi mit zwei Personen mühsam auf die Füße stellen, um sie überhaupt vor die Halle zu bekommen. Die musste nämlich abgeschlossen werden nach Ende des Tanzkurses. Ja, wenn Steffi mal bockt, dann bockt sie richtig.

Ich meinte noch, es sei alles eine Frage der Motivation und ob sie ihre eigenen CDs mitbringen dürfe beim nächsten Mal. War klar, durfte sie.

Beim nächsten Mal bekam Steffi dann urplötzlich Durchfall auf der Fahrt von der Schule, im Lebenshilfebus, der die Kursteilnehmer zu besagter Turnhalle bringen sollte. Die Verdauungsstörung war zu Hause dann nicht mehr feststellbar und Steffis Appetit beim Abendbrot war wie immer, sehr gut. Außerdem hatte Steffi schon seit Jahren keinen Durchfall mehr gehabt. Sie hatte es auch heute noch zur Toilette geschafft, gerade so eben, angeblich.

Aber, da sie ja nun Bauchweh und Durchfall hatte, war es wieder ein Grund, die ganze Zeit, während des Tanzkurses alleine, in einer Ecke, inaktiv auf dem Boden zu liegen.

Dann kam die dritte Veranstaltung des Tanzkursesl und Steffi verhielt sich wie am Anfang, und das, obwohl Steffi ihre eigenen CDs mitgebracht  hatte, sie lag auf dem Boden und rührte sich nicht. Wieder mussten wir sie zu zweit auf die Beine stellen und dann hatte ich erst mal von diesem Spiel die Nase voll.

Ich ließ meine Tochter wissen, dass sie gefälligst mit zu machen habe bei dem Tanzkurs und wenn sie meint, sich weiter so unmöglich benehmen zu müssen, dann mache ich das und auch gehe am Freitag nicht mehr mit ihr zum Schwimmen. Außerdem ist dieser Kurs von ihr höchstselbigst ausgewählt und mit Kosten verbunden und Geld, um es einfach so zum Fenster raus zu schmeißen, haben wir ganz bestimmt nicht mehr.

Dann meckerte ich bei der Heimfahrt noch Weile mit Steffi rum und wiederholte meine Worte, damit sie auch Ankommen bei der Empfängerin und abgespeichert werden können in  ihrem  Dickköpfchen.

Martin, der im hinteren Teil unseres Kleinbusses in seinem Rollstuhl angeschnallt stand, meckerte dann mit mir „Ör au „ weil er es nicht mag, wenn jemand mit Steffi oder ihm meckert. Ich versuchte ihm dann zu erklären warum ich denn überhaupt am Meckern bin, weil er es ja nicht mit erlebt hatte, half aber nichts, Martin hält zu seiner Schwester und drohte mir sogar mit dem Finger.

Da es bereits dunkel war, konnte er mein Grinsen natürlich nicht sehen, denn eigentlich finde ich es toll, dass meine Kinder in solchen Situationen zusammen halten. Ich habe auch schon lange damit aufgehört, mich in ihre dezenten Streitereien ein zu mischen. Dann bin ich es nämlich, die zurecht gewiesen wird mit „lass Baggi Ruhe“ oder „ör au“ mit raus gestreckter Zunge.

Da ich des Öfteren Abends um 18.30 Uhr einen 30 Minütigen Nachbarschaftshilfe Einsatz, bei einer alten Dame habe, konnte ich zu Hause angekommen,nur  noch schnell den Abendbrottisch mit decken, dann musste ich sofort los spurten, um nicht zu spät zu kommen.

Nach ca. vierzig Minuten kam ich wieder zu Hause an. Die liebe Familie saß ,wie gewöhnlich , noch am Abendbrottisch und Jürgen meinte, das hätte er ja noch nie erlebt, Steffi hätte die ganze Zeit über keinen einzigen Ton von sich gegeben.

Normalerweise quatscht uns Steffi , ganz besonders beim Abendbrot ,nämlich ein Loch in den Bauch und wir müssen öfters mal darum bitten, dass sie doch bitte wenigstens mal für einen kleinen Moment still sein soll und das Luft holen nicht vergessen soll.

Nach dem Abendbrot stellte ich Steffi die Frage, ob sie mich richtig verstanden habe, dass ich nicht mehr mit ihr zum Schwimmen gehe, wenn es bei dem Tanzkurs so unmöglich weiter geht mit ihr.

Steffi hatte verstanden, zumindest den einen Teil der Worte. Schwimmen ist Steffi sehr wichtig, sie kam als Sternzeichen Wasserratte zur Welt. Aber mir ist es nicht so wichtig, mir macht es überhaupt nichts aus, mal nicht Schwimmen zu gehen.

Der Tanzkurs findet Dienstags statt, in dieser Woche gingen wir dann tatsächlich Freitags nicht mehr zum Schwimmen.

Steffi war traurig und lief mit gesenktem Kopf  durchs Haus. Es tat mir auch schon wieder leid, so streng gewesen zu sein. Aber ich wollte dieses Bocken in diesem Fall nicht hinnehmen. Allerdings wollte ich herausfinden, was der plötzliche Grund für Steffis totalen Rückzug war.

Meine Standpauke hatte jedenfalls gewirkt, seitdem macht Steffi beim Tanzen wunderbar und sagar voller Freude mit, und zwar so, wie es von ihr erwartet wird.

Inzwischen kann ich meine Tochter aber auch verstehen, trotzdem würde ich einen Rückfall nicht akzeptieren. Dieses Bocken hat uns im laufe der Jahre schon sehr viel Kraft und Nerven und vor allem auch Zeit  gekostet.

Ich habe mir dann die Gesichter der Kursteilnehmer genauer angesehen und ich konnte erkennen, hier sind leider im Moment sehr wenige Menschen dabei, die Steffi auf Anhieb liegen. Steffi braucht Menschen um sich herum, die Lachen können und auch mal Spaß machen. Das können leider sehr viele der Kursteilnehmer nicht wirklich so, dass Steffi es erkennen kann.

Steffi hat schon immer Angst vor maskenhaft wirkenden Gesichtern, egal ob die Menschen, die dazu gehören etwas dafür können oder nicht. Ds kann unser Kind absolut nicht auseinander halten

Wahrscheinlich kam sich Steffi diesen Gesichtern sehr ausgeliefert vor, und da sie es nicht in Worten ausdrücken kann, hat sie die Situation für sich anders geregelt.

Da Steffi weiß, wenn Mama etwas ankündigt, wird es durch gezogen, hat sie sich ganz schnell überwunden weil ihr der angedrohte Wasserentzug dann doch zu weit ging. Mann gönnt sich ja schließlich sonst nichts.

Steffi hat natürlich auch so gespürt, dass sie in dem Tanzkurs ihren Spaß haben kann und dass ihr die Menschen nicht wirklich etwas böses antun.

Wenn wir sie nun abholen , ist ihre Stimmung  ausgeglichen und fröhlich, so wie früher. Es kommen keine Klagen mehr.

Ich habe allerdings ein ganz merkwürdiges Gefühl im Bauch. Obwohl ich erreicht habe was ich wollte, finde ich meinen Weg dort hin gar nicht mehr so prickelnd.

Vielleicht hätte ich das Problem auch anders lösen können, ohne Hauruckmethode.

Steffis bocken hat immer unterschiedliche ,oft nicht nachvollziehbare für Außenstehende, Gründe, aber für sie sind es handfeste Gründe.

Hier war es wohl erst mal Angst, ansonsten bockt sie auch, wenn sie etwas nicht machen möchte z. B. Tisch abdecken. Spülmaschine ausräumen oder Zähne putzen und kämmen etc., oder wenn wir unterwegs sind und Steffi dann plötzlich nach Hause möchte, was natürlich nicht immer möglich ist,

Manchmal möchte sie auch an unseren gemeinsamen Unternehmungen einfach nicht teilnehmen. Das ist zwar auch nachvollziehbar, aber da wir nicht jedes Mal, wenn wir etwas vorhaben, eine Betreuungsperson für Steffi bezahlen können, muss sie auch oft unfreiwillig mit kommen. Weil alleine gelassen werden, das will Steffi natürlich auch nicht. Sie muss wissen, es ist jemand im Haus oder im Garten, sonst macht sie die Haustür auf und weint, immer lauter werdend, bis wir wieder kommen. Dann fällt uns ein schluchzendes Kind in die Arme.

Wir haben es für kurze Momente schon ausprobiert, es läuft dann immer gleich ab ohne positive Veränderung.

Es gibt auch einige Situationen, besonders bei den Lebenshilfetagen, da will Steffi einfach was anderes machen, als das , was für die Allgemeinheit geplant ist, aber sie lässt sich dann wohl doch irgendwie überreden. Normalerweise gefällt Steffi das Zusammen sein mit einer Gruppe inzwischen recht gut. Früher war Steffi mehr ein Einzelgänger. Aber es ist alles schon abhängig von der Ausstrahlung der Menschen, die um Steffi herum sind.

Leider können wir alle unser Leben nicht so einrichten, dass immer alles so läuft, wie wir es gerne hätten.

Für Steffi wird es auch nie anders sein- aber vielleicht wird mein frommer Wunsch ja erhört, und Steffi kann ihre Konflikte irgendwann einmal auf andere Art und Weise lösen, und vielleicht kann sie es noch lernen, sich konkreter mit zuteilen.