Steffi verändert sich

Brigitte Betzel-Haarnagel, Februar 1995

Am 20. Juli, einem herrlichen Sommertag,  feierte Steffi, fröhlich und lebhaft mit junger Gesellschaft, ihren neunten Geburtstag.
 
Der Tag, an dem ich das kleine Knuddelmonster im Alter von gerade drei Monaten aus einem Säuglingsheim, nahe der damaligen Zonengrenze abholen durfte, ist mir noch so nah.
 
Ich wollte dieses Baby nicht erst kennen lernen, keine Anbahnungszeit in Anspruch nehmen. Wäre Steffi mein eigen Fleisch und Blut gewesen, hätte ich auch keine Bedenkzeit gehabt, ob sie nun behalten will oder nicht. So wie sie war, wollte ich meine Tochter in Liebe annehmen.
 
Schweigen, Kälte und Synthetik - so empfand den distanzierten Empfang in diesem Säuglingsheim.
 
Kein Geräusch war zu hören, steriler Geruch füllte die Räume und absolut nichts war zu erkennen, aus dem ich hätte schließen können, dass in diesem großen, von außen gemütlich und abenteuerlich wirkenden Haus, Kinder auf Zeit leben sollen, müssen und versorgt werden.
 
Bis zum Alter von vier Jahren können die kleinen Mäuse hier leben, ließ uns die Sozialarbeiterin des abgebenden Jugendamts wissen. In meinem Kopf spulten sich vier Jahre Kälte , Stille und Geruchlosigkeit wie ein großes Spinnennetz um dieses Gebäude, dass doch so viel Wärme, lautes Lachen, Freude und Farben gebraucht hätte.
 
Nach ungefähr zehn Minuten hielt ich mein, so sehr gewünschtes, Baby auf dem Arm.
 
Ein kleines, noch haarloses Mädchen mit den typischen Augen, eines Menschleins mit Down-Syndrom. Wenig Regung, aber der wunderbare Duft eines Säuglings nahmen  sofort Einzug in mein Herz.
 
Meine anfänglichen Bedenken, Steffi könnte gehörlos sein, lösten sich nach vier Wochen in sehr waches Wohlgefallen auf. Meine Tochter brauchte einfach nur Zeit, etwas länger wie normal entwickelte Kinder, um Reize zu verarbeiten und um zu setzen. Sie braucht ihre individuelle Zeit um in meiner individuellen Welt zu leben.
 
Steffi hatte oft mehr Aktivität und Power an den Tag gelegt, als drei Erwachsene verkraften konnten. Voller Tatendrang und dem festen Willen, alles zu ergründen, aus zu testen, und vor allem, strikt ihren eigen Weg zu gehen, hielt sie uns alle davon ab, auch nur einen Moment Langeweile genießen zu können.
 
Neun Jahre Steffi und ich frage mich, wo die Zeit geblieben ist.
 
Inzwischen nimmt Steffis noch immer recht kleiner Körper langsam, fast unmerklich über Nacht, weibliche Formen an, eigentlich viel zu früh vom Alter her. Aber Menschen mit Down-Syndrom altern schneller.
 
Ihr Wesen entspricht dem, eines 2-4 jährigen Kindchen, unterschiedlich in Teilbereichen. Noch so jung, und schon soll sie eine Frau werden?
 
In der Sonderschule, die Steffi besucht, ist das nächst ältere Mädchen mit Down-Syndrom 11 Jahre alt und dieses Mädchen hat schon seit mehr als einem halben Jahr ihre Menstruation.
 
Es ist wohl kaum möglich, Steffi die dazu gehörenden, biologischen Zusammenhänge dieses weiblichen Entwicklungsschrittes so zu erklären, dass sie dies  verstehen kann.
 
In mir ist ein Gefühl, als ob die Zeit an uns vorbei zieht, viel, viel zu schnell und wir es einfach nicht schaffen, mit unserem Leben diesem Zeittempo angemessen zu folgen.
 
Noch ist mir nicht klar, wie ich mit dem Frauwerden meiner Tochter umgehen werde, wie ich ihr helfen kann, gut und im Einklang mit sich selber leben zu können.
 
Im Moment habe ich Angst um mein Kind und das ihm etwas Schmerzhaftes geschehen könnte in seinem, anderen Leben.
 
Wie gerne würde ich jetzt die Zeit wieder ein paar Jahre zurück drehen können, in die völlige Unbeschwertheit, die mein Töchterchen leben durfte.