Tösterchen

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1995

Immerhin, schon ganze zwei Wochen hatte uns der tolle neue, weiße Vierscheibentoaster mit leckerem, knusprigen Toast oder knackigen Brötchen versorgt.

Meine herzallerliebsten Kinderchen - Steffi 10 Jahre Down Syndrom und Martin, 9 Jahre, mehrfach behindert - fanden solch äußerst praktische Küchengeräte schon immer höchst interessant.

Jedenfalls ließen sie den aktivierten Toaster solange nicht aus den Augen, bis endlich das erlösende Klick zu hören war und große Hände - kleine Hände dürfen es vorsichtshalber aus Sicherheitsgründen besser noch nicht - endlich den herrlich duftenden, noch dampfenden Goldtoast dem Gerät entnehmen durften, zur weiteren Verwendung.

Es war Samstagmorgen, so eben kurz nach sieben Uhr, weil Steffi, die sich an das frühe Aufstehen gewöhnt hatte, da sie an Werktagen immer um sechs Uhr aufstehen um pünktlich am Schulbus zu sein, halt auch an Wochenenden und in den Ferien ansonsten unbedingt und ohne jegliche Kompromisse früh aufstehen muss.

Martin hatte die Nacht zuvor recht unruhig geschlafen, was eigentlich immer ein Zeichen dafür ist, dass er mal wieder eine Krankheit oder einen Infekt ausbrütet- so hatte ich an diesem Samstagmorgen meine Befürchtungen.

Steffi wollte jedenfalls unbedingt und gnadenlos, gleich und jetzt sofort aufstehen.

Steffi und ich begaben uns erst mal ins Badezimmer um die übliche, für Steffi immer extrem lästige, Morgenprozedur zu erledigen. Danach suchte Steffi sich selber ihre Klamotten aus, die sie anziehen wollte, nicht unbedingt immer mein Geschmack, aber immerhin, sie weiß, welche Teile grundsätzlich gebraucht werden.

Üblicherweise verschwindet Steffi dann mit einem Arm voller Textilien erst mal in aller Ruhe ins Wohnzimmer, um sich unter anderem auch anzuziehen. Sie muss natürlich erst mal tüchtig mit den Katzen und dem Hund schmusen, die sie ja die ganze Nacht nicht gesehen hat und wenn ich nicht aufpasse, schaltet Steffi dann - natürlich und eigentlich verbotener Weise - die Glotze an, in der Hoffnung, dass dort den ganzen Tag die geliebte Sesamstrasse läuft, was ja auch tatsächlich so manches mal klappt.

Martin begann schon zu weinen und nach mir zu rufen. Ich rannte zu seinem Bett und da ging es auch schon los. Martins Magen rebellierte mit aller Konsequenz und benahm sich äußerst unanständig auswürfig.

Für Martin in seiner Hilflosigkeit eine Wahnsinnsquälerei und ich, ich weiß in solchen Momenten nicht, wie und  wo ich zuerst was machen soll.

Sicherlich hatte sich das arme Kind in der Schule wieder irgendwas Boshaftes aufgesackt, was für sein eh schon geschwächtes Immunsystem leider nichts Neues ist.

So hatte ich erst mal 10 Minuten mit dem bedauernswerten Kerlchen zu tun, bevor ich wieder an andere Dinge denken konnte und mich dem üblichen Tagesablauf so nebenbei widmen konnte.

Martin war erledigt von der Aktion und wollte weiterschlafen. Ich sollte das Fenster aufmachen, bei ihm bleiben, ihn aber ihn Ruhe lassen.

Mein Blick ging zufällig hoch zur Zimmerdecke, und im ersten Moment dachte ich, dass meine verwunderten Augen noch nicht so ganz wach sind. An der Decke hingen Rauchwölckchen oder Nebelschwaden, jedenfalls war es definitiv etwas, was eigentlich nichts im Haus verloren hat.

Schon seit Jahren habe ich keinen Geruchsinn mehr, - nach einer Schilddrüsenentfernung -, warum, ist nie festgestellt worden, war mein Geruchsinn nicht mehr da. Keine Untersuchung fand den Grund das Verschwinden eines so wichtigen Sinnes.  Ohne diesen so wichtigen Sinn bekomme ich leider sehr vieles nicht mehr mit. Obwohl für pflegerische Verrichtungen und volle Windeln dieser Umstand als positiv zu bewerten ist, in solch einem Fall ist es auf alle Fälle sehr negativ.

Misstrauisch, wie ich von Hause aus nun mal bin, wollte ich lieber umgehend den Grund dieses Nebelaufkommens erforschen. Die Wolken an der Decke führten mich schnurstracks in die Küche.

Steffi stand glücklich vor dem Küchentisch. Vor ihr lagen zwei selbst geholte Frühstücksbrettchen auf den jeweils zwei älteren Schwarzbrotscheiben lagen, tüchtig mit Margarine und Streichkäse eingesaut nach allen Regeln der Kunst.

Strahlend ließ mich das gute Kind wissen: “Mimmi tuck ma - Fütück, trara.“

Unser neuer, weißer Toaster stand ganz traurig aussehend auf dem alten Küchenschrank, ein Erbstück von meiner Großmutter, und qualmte immer noch leicht vor sich hin.

Meine Rezeptesammlung, die ich immer zwischen die Zierleisten und Türscheiben des Küchenschrankoberteiles steckte, waren fast gänzlich verbrannt und es hingen nur noch eine paar verkohlte Fetzen von ihnen vor der Scheibe. Der Lack der Schranktüre, von mir eigenhändig vor einigen Jahren aufgetragen, hatte sich vom Holz abgehoben, die wunderschön gebogenen Zierleisten der Scheiben waren regelrecht zur Holzkohle mutiert.

Im Toaster selber steckten vier Scheiben Kohle, rabenschwarz und eine merkwürdig aussehende Flüssigkeit lief unten aus dem Gerät.

So wie es aussah, muss Steffi versucht haben, die Flammen, die wohl aus dem Toaster kamen,  mit Milch zu löschen. Soweit vom Grundsatz der Erkenntnis her war diese Reaktion völlig okay, bis eben auf die Milch.

Als ich mit Martin so intensiv beschäftigt war, wollte Steffi wohl helfen, damit sie nicht so lange auf ihr geheiligtes Frühstück warten muss. Aus dem Schrank hatte sie sich den Toaster geholt, auf den alten Küchenschrank gestellt in Nähe einer für sie erreichbaren Steckdose und dann vier Scheiben Toast aus dem Kühlschrank rein in die Schlitze , Regler auf allerhöchste Stufe und dann Taste runter, Vollgas.

So hat sie früh am Morgen einen Haufen Müll produziert, und das alles in nur zehn Minuten. Eigentlich wollte sie nur Frühstück machen- machen wir ja ansonsten auch zusammen, dabei hätte die ganze Bude in Flammen aufgehen können wenn nicht die Milch zufällig auf dem Küchentisch stand und Steffi wohl gut beobachtet hatte, was wir nach dem Verbrennen von Gartenabfällen mit der qualmenden Feuerstelle – natürlich mit Wasser - machen, nämlich ablöschen.

Na ja, das Toastbrot war nun leider alle und toasten konnten wir nun gar nichts mehr. Das Schlimmste für Steffi war wohl, das ich mich kein bisschen über diese Frühstücksüberraschung gefreut habe.

Der neue Toaster, der vor kurzem noch 50 DM gekostet hatte, durfte postwendend in die Mülltonne umziehen und in unserer Wohnung hing, trotz ständigem, guten Lüftens noch lange eine leicht beißender Geruch, wie mir Besucher immer wieder zu verstehen gaben.

Aber, wir hatten ja Glück im Unglück - dank Milch, die ist ja so gesund.