Tauschgeschäft - wie kann man den Bruder ärgern?

(Brigitte Betzel-Haarnagel, April 2006)

Mein herzallerliebstes Töchterlein Stefanie ( 21 Down-Syndrom) kam nachmittags um 16.45 Uhr fröhlich, singend und gut gelaunt mit dem Fahrdienst , wie üblich, von der Werkstatt für Behinderte, ihrem Arbeitsplatz, an dem sie sich sehr wohl fühlt, nach Hause.

 

In Anbetracht der wirklich sehr guten Laune, die meine Maus an diesem Nachmittag mit nach Hause brachte, beschlich mich sogleich ein etwas merkwürdiges Gefühl in der Magengegend, schließlich kenne ich mein Kind ziemlich gut.

 

Martin, mein lieber Sohn ( 20 mehrfach behindert) erwartete seine Schwester schon sehnsüchtig am Tisch sitzend, in dem kleinen Tagesraum der Beiden, der bei uns auch im Erdgeschoss liegt, wie Küche und Wohnzimmer. Es gefällt Martin nicht wirklich, dass sich die Wege der Beiden seit letztem Sommer etwas getrennt haben und Steffi kein Schulkind mehr ist, sondern , schon arbeiten gehen darf und dadurch 45 Minuten früher abgeholt wird am Morgen, wie Martin, und dann auch noch über zwei Stunden später als Martin, nach Hause kommt und nicht solange Ferien hat wie er. Ist ja langweilig mit Mama den ganzen Tag alleine verbringen zu müssen.

 

All die Jahre sind Steffi und Martin immer zusammen los gefahren und auch zusammen wieder nach Hause gekommen.

 

Prinzipiell verstehen sich die Beiden sehr gut, aber es kommt auch schon mal vor, dass Steffi ihren Bruder ein bisschen ärgert, typisch Zicke, Mädchen, gelle?

 

Etwas umständlich packte Steffi, an besagtem Nachmittag, ihren Rucksack aus, natürlich vor Martins neugierigen, prüfenden Blicken.

 

Die leere, blaue Frühstückdose und das Mitteilungsheft kamen zum Vorschein, und , zuverlässig wie jeden Tag bringt Steffi ihrem Bruder eine Flasche Apfelschorle aus dem Getränkeautomaten der Werkstatt mit nach Hause.

 

Nicht, dass es bei uns zu Hause keine Apfelschorle gäbe, aber diese Apfelschorle ist für Martin etwas ganz Besonderes. Seine Schwester denkt an ihn, auch wenn sie ihn den ganzen Tag über nicht sieht. Und deshalb schmeckt gerade diese Apfelschorle um ein Vielfaches besser, wie die Apfelschorle, die bei uns im Keller, bei den Getränkevorräten, steht.

 

Martin ist zufrieden, damit ist dann auch das Abendbrot gerettet, dank dieses liebenswerten Rituals, das Steffi von ganz alleine begonnen hat.

 

Die Probleme, immer jeden Tag genügend 1 Euro Stücke mit zu geben, liegen dann natürlich bei uns Eltern, und seit wir nun täglich so viele 1 Euro Stücke brauchen, haben wir kaum welche im Geldbeutel.

 

Steffi kramt weiter umständlich in ihrem Rucksack herum und holt noch ein Teil heraus.

 

Martin schaut dieses Teil schmachtend und mit offenem Mund an und sagt begeistert laut „ Oohhh".

 

Steffi grinst ihren Bruder an und teilt ihm energisch mit: „ Das ist meins.!"

 

Fassungslos schaut Martin nach Steffis Händen, die nun mit einem kleinen , beigen Lastwagen auf dem Tisch herum hantieren. „Brumm, brummbrumm brumm," brabbelt Steffi vor sich hin, während sie diesen Lastwagen genau vor Martins Augen immer und immer wieder auf und ab fahren lässt.. „ Das ist mein Auto, „ teilt sie ihrem Bruder schon wieder mit.

 

Martin kann es überhaupt nicht verstehen und fassen. Steffi interessiert sich doch ansonsten und schon immer eigentlich, nicht die Bohne für Autos und Lkws. Er ist doch der Autofredi in der Familie und er ist es doch, der sein ganzes Taschengeld in Autos und Autozeitungen anlegt und er ist es auch, der schon immer, fast ausschließlich mit Autos spielt. Immer noch, auch mit 21 Jahren. Sicher wird er noch im stolzen Alter von 85 Jahren mit Autos spielen wollen.

 

Eigentlich bewundernswert- erwachsen zu sein und doch für immer dieses Kind bleiben zu dürfen.

 

Martin teilt mir flehentlich mit, dass er auch genau so einen Lkw haben will und bittend blickt er seine Schwester an.

 

Nix zu machen, „ Das ist meins" bekommt er immer wieder zu hören.

 

Ich verspreche ihm, in der Werkstatt nach zu fragen, ob wir noch so einen Lkw erwerben können und formuliere das Problem im Mitteilungsheft. Da ich auch zu den Ahnungslosen in dieser Sache gehöre, kann ich soviel nicht tun für Martin.

 

Martin muss ich vertrösten auf den nächsten Abend, bis Steffi wieder nach Hause kommt und ich nachlesen kann, was mir von Seiten Steffis Chefin, zu diesem LKW schriftlich im Heft mitgeteilt wird.

 

Dieser Werbe Lkw ist nun das Thema bei Martin und immer wieder fragt er seine Schwester danach und immer wieder kommt die Antwort. „ Das ist meins."

 

Auch ich versuche Steffi zu überreden, weil auch ich nur zu genau weiß, dieses Schauspielchen hat nichts wirklich mit diesem kleinen LKW zu tun.

 

Steffi lässt sich leider kein Bisschen erweichen.

 

Beim zu Bett gehen und beim Aufstehen sind Martins Gedanken nur bei diesem LKW.

 

 

Martin hat leider großes Pech, es ist nicht möglich, einen weiteren LKW zu bekommen. Es war ein Werbegeschenk und purer Zufall, dass ausgerechnet Steffi diesen LKW in der Werkstatt bekommen hat.

 

Große, traurige Kulleraugen schauen mich verzweifelt an und ich hätte Alles dafür gegeben, auch für Martin so ein Autole zu besorgen.

 

Zwei weitere Tage vergehen. Steffi spielt Martin weiterhin grinsend mit dem LKW etwwas vor und lässt ihn schon, bevor er wieder danach fragt, wissen" das ist Meins"!!

 

Nun versuche ich mit Martin zu diskutieren, dass er ja nicht alles haben muss, was ihm gefällt und dass er es halt hin nehmen soll, dass Steffi dieses Autole nicht hergeben will.

 

Wenn Ihr nun Martins Augen gesehen hättet, könntet Ihr mich verstehen, dass ich ihm weiter helfen musste, selbst wenn es pädagogisch nicht wertvoll war.

 

Ich beschloss Steffi ein Tauschgeschäft vor zu schlagen, dass sie unmöglich ablehnen kann. Wohlwissend, dass ihr dieser LKW nicht wirklich etwas bedeutet, sonst hätte ich es gar nicht erst versucht.

 

Unten in unserem Keller befindet sich ein alter Schrank, in dem ich kleine Geschenkevorräte und Bastelmaterial sammle, weil ja immer wieder mal schnell was gebraucht wird.

Da Steffi so gerne malt, schlägt ihr Herz natürlich, normalerweise, für alle Dinge, die mit Farben und Papier zu tun haben.

 

Ich nehme also aus diesem Schrank 2 große Zeichenblöcke, 2 Malbücher, 1 Tuschkasten, 1 Mäppchen mit Pinsel und Farbstiften.

 

Komme mit meinem vollem Arm der Malutensilien ins Kinderzimmer und unterbreite Steffi meinen Vorschlag. Alles was ich hier habe bekommt sie, wenn sie Martin dafür diesen LKW gibt.

 

Steffi wird leicht rot im Gesicht und ich sehe, wie es in ihrem Köpfchen tüchtig arbeitet.

 

Martin sitzt angespannt, nervös grinsend neben Steffi.

 

Nach 5 Minuten des Überlegens sagt Steffi " nein, das ist meins."

 

Oh je, Martin ist kurz davor zu weinen und Steffi schaut hin und her zwischen dem LKW und dem, was ich als Tauschmaterial zu bieten habe.

 

Sie schüttelt noch mal ihr Köpfchen und ich sage zu Martin, dass es mir leid tut, ich nun alles, aber wirklich alles Mögliche versucht habe, und wir es nun einfach akzeptieren müssen, dass Steffi ihren LKW unbedingt selber behalten will.

 

Gerade will ich wieder alle Malsachen zurück in den Kellerschrank bringen, da kommt Steffi zu mir und sagt: „ na gut, Martin Auto, ich das da".

 

Jubelschreie kommen aus Martins Mund, er hat es natürlich gehört und verstanden, was ziemlich leise aus Steffis Mund kam. Steffi grabscht gierig nach der Tauschbeute , schiebt Martin besagten LKW mit dem Wort „ hier" auf seinen Platz am Tisch, und ich bin heilfroh, dass Martin nun endlich dieses Auto besitzt und ich mir keine weiteren Gedanken darüber machen muss.

 

Aber mal ehrlich, ist Steffi nicht wirklich eine kleine Ziege????????? Wirklich ein echtes Mädel.

 

Mich würde nur mal, so im Nachhinein interessieren, ob sie Martin diesen LKW nie gegeben hätte, oder ob es nach einer Weile vorbei gewesen wäre, mit der Freude, Martin damit zu ärgern.

 

 

Tauschgeschäft April 2006Brigitte Betzel-Haarnagel

 

Mein herzallerliebstes Töchterlein Stefanie ( 21 Down-Syndrom) kam nachmittags um 16.45 Uhr fröhlich, singend und gut gelaunt mit dem Fahrdienst , wie üblich, von der Werkstatt für Behinderte, ihrem Arbeitsplatz, an dem sie sich sehr wohl fühlt, nach Hause.

 

In Anbetracht der wirklich sehr guten Laune, die meine Maus an diesem Nachmittag mit nach Hause brachte, beschlich mich sogleich ein etwas merkwürdiges Gefühl in der Magengegend, schließlich kenne ich mein Kind ziemlich gut.

 

Martin, mein lieber Sohn ( 20 mehrfach behindert) erwartete seine Schwester schon sehnsüchtig am Tisch sitzend, in dem kleinen Tagesraum der Beiden, der bei uns auch im Erdgeschoss liegt, wie Küche und Wohnzimmer. Es gefällt Martin nicht wirklich, dass sich die Wege der Beiden seit letztem Sommer etwas getrennt haben und Steffi kein Schulkind mehr ist, sondern , schon arbeiten gehen darf und dadurch 45 Minuten früher abgeholt wird am Morgen, wie Martin, und dann auch noch über zwei Stunden später als Martin, nach Hause kommt und nicht solange Ferien hat wie er. Ist ja langweilig mit Mama den ganzen Tag alleine verbringen zu müssen.

 

All die Jahre sind Steffi und Martin immer zusammen los gefahren und auch zusammen wieder nach Hause gekommen.

 

Prinzipiell verstehen sich die Beiden sehr gut, aber es kommt auch schon mal vor, dass Steffi ihren Bruder ein bisschen ärgert, typisch Zicke, Mädchen, gelle?

 

Etwas umständlich packte Steffi, an besagtem Nachmittag, ihren Rucksack aus, natürlich vor Martins neugierigen, prüfenden Blicken.

 

Die leere, blaue Frühstückdose und das Mitteilungsheft kamen zum Vorschein, und , zuverlässig wie jeden Tag bringt Steffi ihrem Bruder eine Flasche Apfelschorle aus dem Getränkeautomaten der Werkstatt mit nach Hause.

 

Nicht, dass es bei uns zu Hause keine Apfelschorle gäbe, aber diese Apfelschorle ist für Martin etwas ganz Besonderes. Seine Schwester denkt an ihn, auch wenn sie ihn den ganzen Tag über nicht sieht. Und deshalb schmeckt gerade diese Apfelschorle um ein Vielfaches besser, wie die Apfelschorle, die bei uns im Keller, bei den Getränkevorräten, steht.

 

Martin ist zufrieden, damit ist dann auch das Abendbrot gerettet, dank dieses liebenswerten Rituals, das Steffi von ganz alleine begonnen hat.

 

Die Probleme, immer jeden Tag genügend 1 Euro Stücke mit zu geben, liegen dann natürlich bei uns Eltern, und seit wir nun täglich so viele 1 Euro Stücke brauchen, haben wir kaum welche im Geldbeutel.

 

Steffi kramt weiter umständlich in ihrem Rucksack herum und holt noch ein Teil heraus.

 

Martin schaut dieses Teil schmachtend und mit offenem Mund an und sagt begeistert laut „ Oohhh".

 

Steffi grinst ihren Bruder an und teilt ihm energisch mit: „ Das ist meins.!"

 

Fassungslos schaut Martin nach Steffis Händen, die nun mit einem kleinen , beigen Lastwagen auf dem Tisch herum hantieren. „Brumm, brummbrumm brumm," brabbelt Steffi vor sich hin, während sie diesen Lastwagen genau vor Martins Augen immer und immer wieder auf und ab fahren lässt.. „ Das ist mein Auto, „ teilt sie ihrem Bruder schon wieder mit.

 

Martin kann es überhaupt nicht verstehen und fassen. Steffi interessiert sich doch ansonsten und schon immer eigentlich, nicht die Bohne für Autos und Lkws. Er ist doch der Autofredi in der Familie und er ist es doch, der sein ganzes Taschengeld in Autos und Autozeitungen anlegt und er ist es auch, der schon immer, fast ausschließlich mit Autos spielt. Immer noch, auch mit 21 Jahren. Sicher wird er noch im stolzen Alter von 85 Jahren mit Autos spielen wollen.

 

Eigentlich bewundernswert- erwachsen zu sein und doch für immer dieses Kind bleiben zu dürfen.

 

Martin teilt mir flehentlich mit, dass er auch genau so einen Lkw haben will und bittend blickt er seine Schwester an.

 

Nix zu machen, „ Das ist meins" bekommt er immer wieder zu hören.

 

Ich verspreche ihm, in der Werkstatt nach zu fragen, ob wir noch so einen Lkw erwerben können und formuliere das Problem im Mitteilungsheft. Da ich auch zu den Ahnungslosen in dieser Sache gehöre, kann ich soviel nicht tun für Martin.

 

Martin muss ich vertrösten auf den nächsten Abend, bis Steffi wieder nach Hause kommt und ich nachlesen kann, was mir von Seiten Steffis Chefin, zu diesem LKW schriftlich im Heft mitgeteilt wird.

 

Dieser Werbe Lkw ist nun das Thema bei Martin und immer wieder fragt er seine Schwester danach und immer wieder kommt die Antwort. „ Das ist meins."

 

Auch ich versuche Steffi zu überreden, weil auch ich nur zu genau weiß, dieses Schauspielchen hat nichts wirklich mit diesem kleinen LKW zu tun.

 

Steffi lässt sich leider kein Bisschen erweichen.

 

Beim zu Bett gehen und beim Aufstehen sind Martins Gedanken nur bei diesem LKW.

 

 

Martin hat leider großes Pech, es ist nicht möglich, einen weiteren LKW zu bekommen. Es war ein Werbegeschenk und purer Zufall, dass ausgerechnet Steffi diesen LKW in der Werkstatt bekommen hat.

 

Große, traurige Kulleraugen schauen mich verzweifelt an und ich hätte Alles dafür gegeben, auch für Martin so ein Autole zu besorgen.

 

Zwei weitere Tage vergehen. Steffi spielt Martin weiterhin grinsend mit dem LKW etwwas vor und lässt ihn schon, bevor er wieder danach fragt, wissen" das ist Meins"!!

 

Nun versuche ich mit Martin zu diskutieren, dass er ja nicht alles haben muss, was ihm gefällt und dass er es halt hin nehmen soll, dass Steffi dieses Autole nicht hergeben will.

 

Wenn Ihr nun Martins Augen gesehen hättet, könntet Ihr mich verstehen, dass ich ihm weiter helfen musste, selbst wenn es pädagogisch nicht wertvoll war.

 

Ich beschloss Steffi ein Tauschgeschäft vor zu schlagen, dass sie unmöglich ablehnen kann. Wohlwissend, dass ihr dieser LKW nicht wirklich etwas bedeutet, sonst hätte ich es gar nicht erst versucht.

 

Unten in unserem Keller befindet sich ein alter Schrank, in dem ich kleine Geschenkevorräte und Bastelmaterial sammle, weil ja immer wieder mal schnell was gebraucht wird.

Da Steffi so gerne malt, schlägt ihr Herz natürlich, normalerweise, für alle Dinge, die mit Farben und Papier zu tun haben.

 

Ich nehme also aus diesem Schrank 2 große Zeichenblöcke, 2 Malbücher, 1 Tuschkasten, 1 Mäppchen mit Pinsel und Farbstiften.

 

Komme mit meinem vollem Arm der Malutensilien ins Kinderzimmer und unterbreite Steffi meinen Vorschlag. Alles was ich hier habe bekommt sie, wenn sie Martin dafür diesen LKW gibt.

 

Steffi wird leicht rot im Gesicht und ich sehe, wie es in ihrem Köpfchen tüchtig arbeitet.

 

Martin sitzt angespannt, nervös grinsend neben Steffi.

 

Nach 5 Minuten des Überlegens sagt Steffi " nein, das ist meins."

 

Oh je, Martin ist kurz davor zu weinen und Steffi schaut hin und her zwischen dem LKW und dem, was ich als Tauschmaterial zu bieten habe.

 

Sie schüttelt noch mal ihr Köpfchen und ich sage zu Martin, dass es mir leid tut, ich nun alles, aber wirklich alles Mögliche versucht habe, und wir es nun einfach akzeptieren müssen, dass Steffi ihren LKW unbedingt selber behalten will.

 

Gerade will ich wieder alle Malsachen zurück in den Kellerschrank bringen, da kommt Steffi zu mir und sagt: „ na gut, Martin Auto, ich das da".

 

Jubelschreie kommen aus Martins Mund, er hat es natürlich gehört und verstanden, was ziemlich leise aus Steffis Mund kam. Steffi grabscht gierig nach der Tauschbeute , schiebt Martin besagten LKW mit dem Wort „ hier" auf seinen Platz am Tisch, und ich bin heilfroh, dass Martin nun endlich dieses Auto besitzt und ich mir keine weiteren Gedanken darüber machen muss.

 

Aber mal ehrlich, ist Steffi nicht wirklich eine kleine Ziege????????? Wirklich ein echtes Mädel.

 

Mich würde nur mal, so im Nachhinein interessieren, ob sie Martin diesen LKW nie gegeben hätte, oder ob es nach einer Weile vorbei gewesen wäre, mit der Freude, Martin damit zu ärgern.

 

 

Tauschgeschäft April 2006Brigitte Betzel-Haarnagel

 

Mein herzallerliebstes Töchterlein Stefanie ( 21 Down-Syndrom) kam nachmittags um 16.45 Uhr fröhlich, singend und gut gelaunt mit dem Fahrdienst , wie üblich, von der Werkstatt für Behinderte, ihrem Arbeitsplatz, an dem sie sich sehr wohl fühlt, nach Hause.

 

In Anbetracht der wirklich sehr guten Laune, die meine Maus an diesem Nachmittag mit nach Hause brachte, beschlich mich sogleich ein etwas merkwürdiges Gefühl in der Magengegend, schließlich kenne ich mein Kind ziemlich gut.

 

Martin, mein lieber Sohn ( 20 mehrfach behindert) erwartete seine Schwester schon sehnsüchtig am Tisch sitzend, in dem kleinen Tagesraum der Beiden, der bei uns auch im Erdgeschoss liegt, wie Küche und Wohnzimmer. Es gefällt Martin nicht wirklich, dass sich die Wege der Beiden seit letztem Sommer etwas getrennt haben und Steffi kein Schulkind mehr ist, sondern , schon arbeiten gehen darf und dadurch 45 Minuten früher abgeholt wird am Morgen, wie Martin, und dann auch noch über zwei Stunden später als Martin, nach Hause kommt und nicht solange Ferien hat wie er. Ist ja langweilig mit Mama den ganzen Tag alleine verbringen zu müssen.

 

All die Jahre sind Steffi und Martin immer zusammen los gefahren und auch zusammen wieder nach Hause gekommen.

 

Prinzipiell verstehen sich die Beiden sehr gut, aber es kommt auch schon mal vor, dass Steffi ihren Bruder ein bisschen ärgert, typisch Zicke, Mädchen, gelle?

 

Etwas umständlich packte Steffi, an besagtem Nachmittag, ihren Rucksack aus, natürlich vor Martins neugierigen, prüfenden Blicken.

 

Die leere, blaue Frühstückdose und das Mitteilungsheft kamen zum Vorschein, und , zuverlässig wie jeden Tag bringt Steffi ihrem Bruder eine Flasche Apfelschorle aus dem Getränkeautomaten der Werkstatt mit nach Hause.

 

Nicht, dass es bei uns zu Hause keine Apfelschorle gäbe, aber diese Apfelschorle ist für Martin etwas ganz Besonderes. Seine Schwester denkt an ihn, auch wenn sie ihn den ganzen Tag über nicht sieht. Und deshalb schmeckt gerade diese Apfelschorle um ein Vielfaches besser, wie die Apfelschorle, die bei uns im Keller, bei den Getränkevorräten, steht.

 

Martin ist zufrieden, damit ist dann auch das Abendbrot gerettet, dank dieses liebenswerten Rituals, das Steffi von ganz alleine begonnen hat.

 

Die Probleme, immer jeden Tag genügend 1 Euro Stücke mit zu geben, liegen dann natürlich bei uns Eltern, und seit wir nun täglich so viele 1 Euro Stücke brauchen, haben wir kaum welche im Geldbeutel.

 

Steffi kramt weiter umständlich in ihrem Rucksack herum und holt noch ein Teil heraus.

 

Martin schaut dieses Teil schmachtend und mit offenem Mund an und sagt begeistert laut „ Oohhh".

 

Steffi grinst ihren Bruder an und teilt ihm energisch mit: „ Das ist meins.!"

 

Fassungslos schaut Martin nach Steffis Händen, die nun mit einem kleinen , beigen Lastwagen auf dem Tisch herum hantieren. „Brumm, brummbrumm brumm," brabbelt Steffi vor sich hin, während sie diesen Lastwagen genau vor Martins Augen immer und immer wieder auf und ab fahren lässt.. „ Das ist mein Auto, „ teilt sie ihrem Bruder schon wieder mit.

 

Martin kann es überhaupt nicht verstehen und fassen. Steffi interessiert sich doch ansonsten und schon immer eigentlich, nicht die Bohne für Autos und Lkws. Er ist doch der Autofredi in der Familie und er ist es doch, der sein ganzes Taschengeld in Autos und Autozeitungen anlegt und er ist es auch, der schon immer, fast ausschließlich mit Autos spielt. Immer noch, auch mit 21 Jahren. Sicher wird er noch im stolzen Alter von 85 Jahren mit Autos spielen wollen.

 

Eigentlich bewundernswert- erwachsen zu sein und doch für immer dieses Kind bleiben zu dürfen.

 

Martin teilt mir flehentlich mit, dass er auch genau so einen Lkw haben will und bittend blickt er seine Schwester an.

 

Nix zu machen, „ Das ist meins" bekommt er immer wieder zu hören.

 

Ich verspreche ihm, in der Werkstatt nach zu fragen, ob wir noch so einen Lkw erwerben können und formuliere das Problem im Mitteilungsheft. Da ich auch zu den Ahnungslosen in dieser Sache gehöre, kann ich soviel nicht tun für Martin.

 

Martin muss ich vertrösten auf den nächsten Abend, bis Steffi wieder nach Hause kommt und ich nachlesen kann, was mir von Seiten Steffis Chefin, zu diesem LKW schriftlich im Heft mitgeteilt wird.

 

Dieser Werbe Lkw ist nun das Thema bei Martin und immer wieder fragt er seine Schwester danach und immer wieder kommt die Antwort. „ Das ist meins."

 

Auch ich versuche Steffi zu überreden, weil auch ich nur zu genau weiß, dieses Schauspielchen hat nichts wirklich mit diesem kleinen LKW zu tun.

 

Steffi lässt sich leider kein Bisschen erweichen.

 

Beim zu Bett gehen und beim Aufstehen sind Martins Gedanken nur bei diesem LKW.

 

 

Martin hat leider großes Pech, es ist nicht möglich, einen weiteren LKW zu bekommen. Es war ein Werbegeschenk und purer Zufall, dass ausgerechnet Steffi diesen LKW in der Werkstatt bekommen hat.

 

Große, traurige Kulleraugen schauen mich verzweifelt an und ich hätte Alles dafür gegeben, auch für Martin so ein Autole zu besorgen.

 

Zwei weitere Tage vergehen. Steffi spielt Martin weiterhin grinsend mit dem LKW etwwas vor und lässt ihn schon, bevor er wieder danach fragt, wissen" das ist Meins"!!

 

Nun versuche ich mit Martin zu diskutieren, dass er ja nicht alles haben muss, was ihm gefällt und dass er es halt hin nehmen soll, dass Steffi dieses Autole nicht hergeben will.

 

Wenn Ihr nun Martins Augen gesehen hättet, könntet Ihr mich verstehen, dass ich ihm weiter helfen musste, selbst wenn es pädagogisch nicht wertvoll war.

 

Ich beschloss Steffi ein Tauschgeschäft vor zu schlagen, dass sie unmöglich ablehnen kann. Wohlwissend, dass ihr dieser LKW nicht wirklich etwas bedeutet, sonst hätte ich es gar nicht erst versucht.

 

Unten in unserem Keller befindet sich ein alter Schrank, in dem ich kleine Geschenkevorräte und Bastelmaterial sammle, weil ja immer wieder mal schnell was gebraucht wird.

Da Steffi so gerne malt, schlägt ihr Herz natürlich, normalerweise, für alle Dinge, die mit Farben und Papier zu tun haben.

 

Ich nehme also aus diesem Schrank 2 große Zeichenblöcke, 2 Malbücher, 1 Tuschkasten, 1 Mäppchen mit Pinsel und Farbstiften.

 

Komme mit meinem vollem Arm der Malutensilien ins Kinderzimmer und unterbreite Steffi meinen Vorschlag. Alles was ich hier habe bekommt sie, wenn sie Martin dafür diesen LKW gibt.

 

Steffi wird leicht rot im Gesicht und ich sehe, wie es in ihrem Köpfchen tüchtig arbeitet.

 

Martin sitzt angespannt, nervös grinsend neben Steffi.

 

Nach 5 Minuten des Überlegens sagt Steffi " nein, das ist meins."

 

Oh je, Martin ist kurz davor zu weinen und Steffi schaut hin und her zwischen dem LKW und dem, was ich als Tauschmaterial zu bieten habe.

 

Sie schüttelt noch mal ihr Köpfchen und ich sage zu Martin, dass es mir leid tut, ich nun alles, aber wirklich alles Mögliche versucht habe, und wir es nun einfach akzeptieren müssen, dass Steffi ihren LKW unbedingt selber behalten will.

 

Gerade will ich wieder alle Malsachen zurück in den Kellerschrank bringen, da kommt Steffi zu mir und sagt: „ na gut, Martin Auto, ich das da".

 

Jubelschreie kommen aus Martins Mund, er hat es natürlich gehört und verstanden, was ziemlich leise aus Steffis Mund kam. Steffi grabscht gierig nach der Tauschbeute , schiebt Martin besagten LKW mit dem Wort „ hier" auf seinen Platz am Tisch, und ich bin heilfroh, dass Martin nun endlich dieses Auto besitzt und ich mir keine weiteren Gedanken darüber machen muss.

 

Aber mal ehrlich, ist Steffi nicht wirklich eine kleine Ziege????????? Wirklich ein echtes Mädel.

 

Mich würde nur mal, so im Nachhinein interessieren, ob sie Martin diesen LKW nie gegeben hätte, oder ob es nach einer Weile vorbei gewesen wäre, mit der Freude, Martin damit zu ärgern.