Trösterchen

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1992

Noch etwas müde befand ich mich in der Küche, um den feiertäglichen Schweinebraten mit Beilage zu versorgen, als mir auf einmal aus Wohn und Spielzimmer merkwürdige Laute entgegen kamen.
 
Peng, knall, schepper und ein sehr lautes, fröhliches Kinderlachen machten mir sofort klar, dass irgendetwas nicht so ganz war, wie es sein sollte. Also sah ich nach und mir fiel erst mal nichts mehr ein, zu dem was ich da sah.
 
Meine liebe Tochter Steffi übte sich, unter tosendem Beifall von ihrem Bruder Martin doch tatsächlich im Matchboxautosweitwurf, und zwar heftig gegen die gerade frisch gestrichenen Zimmertüren.
 
In Anbetracht der Tatsache, dass solche spontanen Heiterkeitsaktionen mit kaputten Möbeln, Türen, Scheiben und blauen Augen enden können, schnappte ich mir meine Tochter und hielt ihr eine ausführlich begründete, laute Strafpredigt.
 
Völlig verständnislos und mit einem Unschuldsblick schaute sie mich an und begann leise zu weinen. Logisch musste sie die umhergeworfenen Autos sofort wieder einsammeln. Ich bekam strafende Blicke von Steffi zugeworfen und mir fiel plötzlich auf, dass Martin, auch genannt El Martino, für seine Verhältnisse extrem ruhig zuschaute bei der ganzen Aktion. Soviel Ruhe und Sprachlosigkeit  passt nicht zu ihm.
 
Nachdem Steffi alle Autos wieder aufgesammelt hatte, ging sie sofort auf Martin zu, legte ihr blondes Köpfchen gegen Martins Bauch und Martin legte seinen Kopf auf ihren und streichelte liebevoll, mit seiner aktiven, linken Hand, Steffis Gesicht.
 
Man hätte dieses Bild auch Stillleben mit Rollstuhl nennen können.
 
Es war Herz zerreisend, Martin der ansonsten sehr schadenfroh sein kann, wenn jemand sich weh tut oder Ärger bekommt, tröstet ganz lieb seine, von Mama ausgeschimpfte ,  Schwester.
 
Es muss wohl weitgehendst damit zu tun haben, dass mein lieber Martin einen großen Anteil an dieser Werfaktion hatte, auch wenn er nicht selber geworfen hat.

Da es seine Autos waren, die an diesem Tag das Fliegen lernen sollten und er ansonsten immer recht schnell in sehr lauten Protest ausbricht, wenn sich jemand nur ein bisschen seinen geliebten Autos nähert, nehme ich an, er hatte höchstselbigst seine Schwester zu dieser olympiaverdächtigen Disziplin animiert, während ich stark konzentriert in der Küche beschäftigt war.
 
Mit Sicherheit war er sich, als Steffi von mir einen Anschiss bekam für ihr merkwürdiges Handeln, im Klaren drüber, dass irgendetwas nicht in Ordnung war damit, dass nur Steffi den Ärger von Mama bekam. Steffi ging deshalb zu Martin, weil er der eigentliche Verursacher dieser Schmeissweitwegaktion war, und nun wollte sie wenigstens von ihm getröstet werden, für das große Unrecht, dass ihr da gerade zuteil wurde.
 
Normalerweise kommt Steffi immer sofort zu mir und will von mir dann auch getröstet werden, wenn sie einen auf den Deckel bekommen hat, was ja meistens mehr als berechtigt ist. Sie möchte, dass ich wieder lieb mit ihr bin, nur an diesem Tag war das alles ganz anders.
 
Naja, schließlich hatte das neue Jahr soeben erst begonnen, warum nicht auch mit Veränderungen im Verhalten meiner Kinder.