Und plötzlich sind sie groß

Brigitte Betzel-Haarnagel, Mai 2003

Fast hatte ich es vergessen, dass die Zeit nicht einfach so stehen bleiben kann. Das Zusammenleben mit Ricky ( Jahrgang 1976 und ein richtiger Löwe) , Steffi (Jahrgang 1985 Down-Syndrom) und Martin (Jahrgang 1986 mehrfach schwerst behindert) war immer so ausgefüllt mit Aufgaben, Aktivitäten und Erlebnissen, dass ich es eigentlich nur am zu klein werden der Klamotten meiner Kiddis  gemerkt habe, dass sich sehr Vieles verändert.

 

Ricky wurde an einem Sonntag Nachmittag geboren und war an diesem Tag das kleinste Baby, das in diesem Krankenhaus geboren wurde. Eine Handvoll Kind , dessen angenehmen Babygeruch ich nie vergessen habe, durfte ich mit nach Hause nehmen und an unseren ersten,gemeinsamen Tagen war ich so vorsichtig, bei allen Berührungen und Verrichtungen, weil ich Angst hatte, diesem kleinen, süßen Wesen irgendwie weh zu tun.

 

Mein Großer war immer ein richtiger kleiner, an Allem interessierter,  kämpfender Löwe und ist schon lange ein erwachsener, netter, hübscher Löwenmann.

 

Steffi wird in ein paar Wochen 18 Jahre alt und irgendwie spüre ich immer noch das kleine 3 Monate alte Baby, dass sie war, als wir sie vom Säuglingsheim abgeholt haben, in meinen Armen. In Gedanken und in meinem Herzen erscheinen so viele Tage und Stunden immer wieder und so viele Momente möchte ich festhalten können, aus der Kindheit meiner Kinder.

 

Unser Strahlemännchen Martin war gerade 17 Monate alt, als seine ersten Pflegeeltern ihn zu uns brachten und an unsere Familie übergeben durften. Martin wird in einem halben Jahr 17 Jahre alt und auch von ihm passiert so vieles in mir Revue.

Wie oft hatte ich Angst um sein junges Leben und wie dankbar bin ich, dass es schon seit einigen Jahren, dank eines Homöopathischen Medikamentes, zusätzlich zu 1200mg Orfiril, keine lebensbedrohlichen Krampfanfälle mehr gibt.

Steffi reißt keine Tapeten mehr ab und sie schmeißt auch schon lange nicht mehr alles durch die Gegend, was ihr in die Finger kommt. Zwar hat sie sich ein gutes Ausmaß an Dickköpfigkeit bewahrt, aber sie hat sich zu einer, meist angenehmen, Lebensgefährtin entwickelt, zumindest hier zu Hause in unserer Familie.

Ihr Drang immer weg zu laufen hat sich auch glücklicher Weise sehr reduziert. Wir müssen keine Angst mehr haben, dass sie einfach das Grundstück verlässt und ziellos durch die Gegend rennt, wie früher.

Steffi malt sehr gerne und viel, hört gerne Musik - am liebsten die Kellys und die Lieder der Sesamstrasse und sie schaut gerne Videos an, diese dann aber nonstop und immer wieder bis das Band zerreist. Gute Stellen werden zurück gespult und immer wieder angeschaut.

Tiere sind ihr ein und alles. Nach unserem berufsbedingten Umzug von Schleswig Holstein nach Baden Württemberg mussten wir die Tierhaltung auf zwei Hunde und zwei Katzen reduzieren, da es uns leider aus finanziellen Gründen nicht möglich war, hier nochmals solch ein wunderbares Paradies aufzubauen.

Auch Martin vermisst die Ziegen, Schafe, Hühner und Ponys aber er kann es verstehen, dass es uns hier nicht mehr möglich ist, so zu leben wie bisher.

Er spielt noch immer am liebsten mit Autos, seinem ferngesteuerten Auto und macht gerne kleine Ausflüge mit uns, und der inzwischen lieb gewonnenen Ludwigsburger Lebenshilfegruppe.

Nun müssen wir beginnen, die Werkstätten für Behinderte Menschen und Wohneinrichtungen hier im Kreis kennen zu lernen. Die Zeit läuft uns weg und die beiden Mäuse werden nur bis zum 21.Lebensjahr die Schule besuchen können, danach fängt der Ernst des Lebens für sie und sicher auch für uns richtig an.

Ich kann sie los lassen, das ist ja auch eine meiner mütterlichen Aufgaben, aber ich will nicht, dass sie unglücklich werden, und einfach nur verheizt werden, in rein wirtschaftlich wirkenden Einrichtungen.

Es muss sein, wir müssen nun auch unsere Jüngsten schweren Herzens  und uns darauf vorbereiten, dass es noch ein anderes Leben als im zu Hause gibt. Ich merke dass auch meine Kraft weniger wird. Bewundernd nehme ich Kenntnis von Familien, die wesentlich mehr als zwei behinderte Kinder aufgenommen haben in ihre Familien, das hätte ich von Herzen  auch gerne getan, aber körperlich hätte ich es nie geschafft. Wir waren ja immer auf uns gestellt, hatten keine Großeltern zur Seite, die uns so gut getan hätten.

Ich weiß, dass man alles besser machen kann, aber nach unseren, individuellen Möglichkeiten, konnten  wir wenigstens für unsere Mäuse ein zu Hause bieten, in dem sie sehr geliebt werden und so sein dürfen, wie sie sind.

Es wird wehtun, wenn es endlich soweit ist und die Kleinen aus ziehen werden, es war auch schrecklich, als Ricky umzog, so entsetzlich weit weg von uns, in die Alpen. Einen wunderbaren  Flecken Erde, den er liebt.

Im laufe der Jahre haben wir gelernt, gut damit zu leben. So wird es auch hoffentlich dann für uns alle möglich sein, wenn auch Steffi und Martin das Nest verlassen haben.

Familie, Eltern und verantwortlich  werden wir immer für unsere geliebten Kinder sein.