Verändern

Brigitte Betzel-Haarnagel (Juni 1997)

Meine Tochter Stefanie (12 Jahre, Down Syndrom) scheint nun doch tatsächlich (meine Gebete wurden erhört) langsam und vorsichtig, der so an den Nerven zehrenden Dauertrotzphase zu entwachsen.
 
Irgendwie konnte ich die ersten Ansätze nur mit großer, staunender Verwunderung genießen. Dafür aber machte sich ein stolzes, breites Glücksgefühl in meinem Bauch bemerkbar, von solch großer Intensivität, dass meine Augen und meine Gesichtsmuskulatur sich zu einem länger anhaltenden Strahlen veränderten.
 
Wem diese Dauertrotzphasen bekannt sind, wird meine Reaktion sicherlich gut verstehen können.
 
Normalerweise, wenn Stefanie etwas nicht tun oder haben möchte, führt sie ein lautstarkes Riesentheater auf. So sind wir schon in einigen Teilen Schleswig Holsteins und insbesondere in diversen Supermärkten und Restaurationsbetrieben das eine oder andere Mal recht unangenehm aufgefallen.
 
An diesem Sonntag aber geschah es, völlig überraschend, nicht.
 
Wir machten einen sonntäglichen Ausflug nach Glückstadt. Einfach so, um uns diese Gegend, die wir noch nicht kannten, anzuschauen.
 
Da wir vorher abgemacht hatten, dass wir unterwegs ein Eis essen gehen, suchten wir dann in Glückstadt ein Cafe auf.
 
Stefanie und Martin (10 Jahre, mehrfach behindert) bekamen die Eiskarte erklärt, so gut sie Diese eben verstehen konnten.
 
Stefanie entschied sich, zusammen mit mir für einen Erdbeerbecher, Martin, der Obst und Gemüse verabscheut, für einen Schokobecher.
 
Nun besuchen wir ansonsten, recht häufig, ein und dasselbe Eislokal und in jedem Eislokal gibt es eine etwas andere Art der Aufmachung der Eisbecher, auch der Aufmachung , von Erdbeerbechern.
 
Eine junge, freundliche Kellnerin servierte unsere Bestellung (netterweise ohne Aufforderung mit einer Portion Extraservierten), Martin jubelte, weil ihm eben das bunte Dekorationsmaterial auf seinem Eisbecher so gut gefiel und Steffi sagte nichts, überhaupt nichts.
 
Zwar nahm Steffi  ihren Eislöffel in die Hand, begann aber nicht zu essen - wortlos.
 
Martin teilte Steffi mit, dass sein Eis – hhhhmmmmm - schmeckt und ich bot Steffi dann sogar an, sie auch zu füttern (geht ja auch stereo wenn es sein muss) aber es war nichts zu machen.
 
Entgegen aller bis dato gemachten Erfahrungen mit meiner Tochter, die ansonsten für ein Eis und Nudeln alles Mögliche machen würde, saß sie still und schweigsam auf ihrem Stuhl.
 
Ich dachte so bei mir, vielleicht muss sie sich erst mal ein bisschen akklimatisieren in der fremden Umgebung und kümmerte mich um Martin und sein Schokoeis und natürlich auch um meinen Erdbeerbecher.
 
Plötzlich zupfte Steffi ganz vorsichtig an meinem Jackenärmel und hauchte mit allergrößter, bislang noch nie da gewesener, Diskretion:
„AA.“
 
Heißt auf gut Deutsch, für Outsider: Mama, komm bitte mit mir zur Toilette.
 
Da Steffi betreffs des Toilettentrainings so ihre Schwierigkeiten hatte, bisweilen, ließ ich natürlich alle Eisbecher, Eisbecher sein und suchte mit ihr den gewünschten Ort auf.
 
Bevor das gute Kind sich von mir den leider klemmenden Hosenreißverschluß öffnen ließ, teilte sie mir mit einem schon fast Schlechtegewissenblick mit:“ Eis nee, Du!“
 
Heißt wieder übersetzt: Ich möchte das Eis nicht, iss Du es bitte auf.
 
Zu Hause achte ich nämlich sehr darauf, dass keine Lebensmittel verschwendet oder sinnlos weggeschmissen werden. Notfalls haben wir ja Hühner, die die Reste liebend gerne vertilgen, und da die Hühner nicht an unserem Ausflug teilnahmen, bekam ich die Verantwortung für dieses, merkwürdigerweise nun unerwünschte, Eis übertragen von meiner Tochter.
 
Tja, und ich stand fassungslos, nun auf meine Tochter wartend in einem Toilettenvorraum, sah in den Spiegel und fragte mich: sind das wirklich wir hier?
 
Noch vor wenigen Tagen warf sich meine Tochter nämlich schimpfend auf den Fußboden eines Supermarktes, weil ich mir erlaubt habe, die von ihr ausgesuchten Pommes in eine günstigere Variante aus der Kühltruhe umzutauschen.
 
Und nun diese vollendete, ruhige Mitteilung, voller Diskretion, mit Feingefühl?
 
Als Steffi und ich wieder in den Gastraum kamen, war der abgelehnte Erdbeerbecher eh nur noch so etwas wie ein Milchmixgetränk. Ich pulte noch ein paar Erdbeeren aus dem Glas und ließ den Rest schweren Herzens zurückgehen.
 
Wieder zupfte Steffi vorsichtig an meinem Ärmel: „kann i trink?“ fragte sie mich mit einem reizenden Augenaufschlag.
 
Sie bekam ihr Cola light, trank das Glas fast in einem Zug leer, sah mich wieder mit diesem besonderen Blick an und sagte: „Hause gehn.“
 
Damit beendeten wir dann diesen Ausflug nach Glückstadt, mit völlig neuen Erkenntnissen: Auf dem Weg zum Parkplatz wollte Martin dann wissen: „Ang Ei nee, hm?“ - (Warum wollte Steffi ihr Eis nicht essen?)

Ich erzählte ihm, dass Steffi mir das gar nicht erklären konnte, aber dass ich denke, es hat ihr, so wie es serviert wurde einfach nicht gefallen.
 
Martin machte dann eine vielsagende Handbewegung, nämlich den Zeigefinger tickender Weise an die Stirn: „Meine Schwester spinnt."