Veränderungen Sommer 2006

Brigitte Betzel-Haarnagel (19.07.06)

Nun sind es nur noch wenige Tage bis zu Martins Schulentlassung. Für mich die letzte Festivität in einer Schule seit vielen, vielen Jahren.
 
Ich bin fassungslos und auch ein wenig traurig, wie schnell die Zeit doch  davon eilt. Wie gerne würde ich die Zeit noch mal ein paar Jahre zurückdrehen können, nicht nur für mich.
 
  Die liebe Pflegetochter, ein reizendes Mädchen mit Down Syndrom und einem schweren Herzfehler, einer lieben Freundin ist ,vor wenigen Tagen, mit nur 20 Jahren verstorben und hat eine so wahnsinnig tiefe Lücke hinterlassen in ihrer Pflegefamilie und bei allen Freunden. Ich würde ihren frühern Tod  so gerne ungeschehen machen können, der Freundin dieses über alles geliebte Kind wieder zurück geben dürfen, diesen tiefen Schmerz von ihr nehmen können. Es ist so traurig, wenn eine so absolut liebevolle, stimmige Beziehung so jäh zu ende sein muss, trotz allem Wissen über den Gesundheitszustand dieses lieben Engelchens.
 
Inzwischen haben wir die Bescheide zugeschickt bekommen, dass Steffi und Martin zum 1.9.06 in - und welch Wunder - in eine Wohngruppe im Behindertenheim Markgröningen einziehen dürfen.
 
So sehr habe ich mir immer gewünscht, dass meine Beiden Kleinen nicht aus einander gerissen werden müssen. Vielleicht klappt es ja für immer, wenn sich nichts an den Pflegestufen ändert. Wenn wir nicht mehr können oder nicht mehr da sind, haben sie doch nur noch sich. Sie sind wie Geschwister aufgewachsen und sie mögen und brauchen sich, noch- jedenfalls.
 
Vieles musste neu angeschafft werden und wir wollen es ruhig angehen lassen, mit den beiden , jungen Erwachsenen zusammen. Sie sollen nie glauben, dass wir sie loswerden oder abschieben  wollten. Die eigentlichen Hintergründe , die diesen Umzug nötig machen für ihr Leben, können sie nicht wirklich erfassen. All die Jahre hatte ich immer diese Angst im Nacken, dass mir etwas zustoßen könnte, bevor meine Mäuse gut versorgt sind, für ihren Lebensweg.
 
Mein geliebter Großer ist schon lange selbstständig und braucht mich nur noch selten, er kann auf alle Fälle sehr gut ohne mich leben. Dafür bin ich sehr dankbar, auch wenn ich mit ihm gerne noch einmal durch seine Kinheit gehen würde. Heute als reife Mutter und viel mehr Geduld und Zeit.
 
  Nun muß ich versuchen, eine Arbeitsstelle zu finden, habe Bewerbungen los geschickt und inseriert. Wenigstens eine Halbtagsstelle, damit ein bisschen was wieder rein kommt, von dem, was unsere Kinder ein leben lang weiter Kosten für uns als Familie übrig lassen.
 
Von dem, was Jürgen verdient bleibt uns nicht mehr viel und wir wollen den Beiden die kleinen Freuden weiter ermöglichen können, so, wie sie es gewohnt sind. Es geht nur, wenn ich was dazu verdienen darf und so wenigstens die Kosten für meine Krankenversicherung abgedeckt werden können..
 
Ich denke optimistisch, dass ich vielleicht schon am 1.9. zu meinem ersten Arbeitstag antreten kann. Auf der Personalwarteliste für eine Pflegeheimkette stehe ich, nun muss nur noch in einer, mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbaren Gemeinde, eine Stelle für mich frei werden. Hoffentlich bekomme ich wirklich diese Chance.
 
Die ehreamtlichen, kleinen Nebenjobs werde ich fast allesamt weiter machen können, weil ich mir meine Zeit frei einteilen kann dafür.
 
Ansonsten leben wir nach wie vor bescheiden und kommen  gut zurecht.
 
  Nun bleiben uns noch die gemeinsamen, diesjährigen Sommerferien und Ende August werden wir langsam, gemeinsam, über mehre Tage verteilt, den Umzug bewerkstelligen. Nicht auf einmal, sondern geordnet nachvollziehbar für Steffi und Martin. Von der Einrichtung aus ist das kein Problem, die Zimmer der Beiden stehen zu diesem Zeitpunkt eh schon leer.
 
Martins E-Rollstuhl und der Toilettenstuhl aus der Schule müssen schon am 27.7. in der Einrichtung untergestellt werden, da wir den schweren E-Rolli nicht transportieren können und die Schule für Martin dann endgültig vorbei ist.
 
Gemeinsam planen, gemeinsam packen, das Nest hier zu Hause gleichzeitig weitgehend unverändert lassen, für die Besuche der Mäuse, auf die ich mich schon jetzt freue.
 
Weihnachten, zwischen den Jahren auf alle Fälle, dieses Fest war meinen Kindern  doch immer so wichtig. Hoffentlich wird es sich mit meinen eventuelle  Dienstzeiten und Jürgens Resturlaub gut bewerkstelligen lassen.
 
Jürgens diesjähriger Urlaub ging zum größten Teil für anstehende Termine wegen unserer Kinder drauf und mit Erholung wird es so richtig für uns Beide nichts werden in diesem Jahr.
 
Auf alle Fälle werden wir keine Langeweile haben, das ist klar. Die Zeit war eh immer so knapp und oft war es ein Kraftakt, alle Belange und Termine unter einen Hut zu bringen, immer rechtzeitig wieder zu Hause zu sein und für Notfälle rund um die Uhr Erreichbarkeit sicher zu stellen.
 
Etwas ruhiger wird es werden und nicht mehr soviel Zeitdruck für uns geben.
 
Ob wir wirklich , aus gesundheitlichen Aspekten arbeitsfähig sein können, bis zum 67. Lebensjahr? Irgendwie ist dies ein merkwürdiger Gedanke im Moment. Macht mir doch seit Jahren mein Rücken so große Probleme und die Orthopädin meinte, da könne man nur symptomatisch helfen.
 
Morgen wird meine süße, kuddelige Steffimaus stolze  21 Jahre alt und Martin wird am 20. Oktober 20 Jahre alt. Viele Jahre durften wir eine Familie sein und ich kann mit Stolz sagen, dass ich drei ganz tolle Kinder gross gezogen habe, die ihr Herz auf dem rechten Fleck haben. Was will ich als alternde Mutter mehr?
 
Es ist mein größter Wunsch, dass es meinen Kindern immer gut gehen soll. Wenn ich diese Gewissheit haben darf, kann ich mich auch auf mein Ende einlassen, wenn die Zeit dafür gekommen ist.