Verpasst

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1993

Nun war es also mal wieder soweit. Fast unmerklich ist schon wieder ein ganzes Jahr vergangen und endlich, endlich war es Heiligabend geworden.
 
Natürlich wie alle Kinder, freuten sich auch meine Kinder ganz besonders auf diesen Abend. Von der Geburt Jesu verstehen sie mit Sicherheit nur wenig, und Maria und Josef , die sich aufmachten, um sich zählen zu lassen spielen für Steffi und Martin keine große Rolle, die ganzen biblischen Zusammenhänge kommen in ihren Köpfchen noch nicht so recht an.
 
Aber dass es an diesem ganz besonderen Abend und in den nächsten Tagen was besonders leckeres zu essen gibt und vor allem Geschenke, das, ja das verstehen auch meine Kinder sehr gut.
 
Und schließlich waren der Truthahn und so Einiges mehr im Kühlschrank auch wirklich nicht zu übersehen. Wir leben ansonsten recht bescheiden, aber solche Ausnahmen werden von uns natürlich auch gebührend gefeiert.
 
Pünktlich am Heiligabend war der erste Schnee in diesem Winter, hier im Norden gefallen und ich war heilfroh, dass ich an den Feiertagen nicht schon gleich früh am Morgen mit dem Schneeschieber Straße und Hof begehbar machen musste, auch wenn es aus Sicherheitsgründen vorgeschrieben war. Aber wer ist an den Feiertagen denn schon so früh unterwegs in unserer Strasse? Es wird schon in Ordnung sein, wenn ich den schönen, weisen Schnee einfach erst mal dort liegen lasse, wo er sich hinfallen lässt.
 
Außerdem gab es in den letzten Jahren hier zu Weihnachten keinen Schnee, der die Gegend so herrlich weihnachtlich verzauberte.
 
Mein lieber, kleiner Martin hatte sich an den letzten Schultagen leider noch bei Irgendwem mit grässlichen Grippeviren angesteckt. So war Martin ausgerechnet an Heiligabend ziemlich krank und sehr schlapp.
 
Ganz blass um das Nässchen herum und schwer atmend lag er nun im Kinderzimmer, dass hier im Hause direkt neben dem Wohnzimmerle liegt, schlafend in seinem Bett. Von all dem weihnachtlichen Treiben, das im Zimmer nebenan statt fand, bekam Martin leider so gut wie gar nichts mit an diesem Heiligabend.
 
Er hörte das Knistern des Holzfeuers, das in unserem kleinen Kaminofen loderte, nicht. Bemerkte nicht, dass es eine Ewigkeit dauerte, bis der Weihnachtsbaum in seinem Ständer endlich gerade eingesetzt war und dass er ziemlich oft umfiel beim einschrauben. Das hätte Martin nämlich große Freude bereitet und er hätte sich, wenn er das gesehen hätte, krumm und schief gelacht.
 
Das Rascheln und Knistern der Kistchen und Kartons, in denen der Christbaumschmuck aufbewahrt wurde, als alles ausgepackt wurde um den Baum zu schmücken, auch das nahm er nicht wahr, obwohl es für ihn immer so spannend war und er dabei tüchtig mithelfen konnte.
 
Aber anscheinend leider so gar nichts von alledem konnte Martin heute erreichen.
 
Martin kam mit einer schweren Hirnschädigung zur Welt. Dadurch kann bei ihm so Vieles nicht so funktionieren, wie es eigentlich sollte. Die Ärzte haben mir immer erzählt, es läge an der Zentralsteuerung seines Gehirns.
 
Wird Martin, so wie jetzt, schwer krank und seine Körpertemperatur erhöht sich. Muss es wohl in seinem Gehirn so ähnlich aussehen, als wenn draußen ein schlimmes Gewitter tobt mit tüchtig Blitz und Donnergetöse. Viel von diesem Gewitter spürt Martin nicht, da er sehr schnell ohnmächtig wird und zu krampfen beginnt. Ohne dass Martin es merkt, zuckt sein kleiner Körper und seine Augen gehen unrühig hin und her.
 
Kann so ein epileptischer Anfall nicht nach fünf Minuten von alleine ausklingen, müssen Martin sehr starke Beruhigungsmittel in Form von Rectiolen, verabreicht werden.
 
Beginnen diese Medikamente dann zu wirken, wird Martin ganz schlaff und bewegungslos am Körper und ruhig. Dann schläft er erst einmal tief und lange.
 
Und das musste ausgerechnet an einem Tag wie heute schon am Vormittag passieren.
 
Vielleicht war an diesem Krampfanfall auch bisschen die weihnachtliche Vorfreude und die damit verbundene Aufregung und Anstrengung schuld, und nicht nur das Fieber. Der Tag jedenfalls war für Martin bis auf weiteres leider  erst mal gelaufen.
 
Um Martin nicht unnötig zu erschrecken versuchten wir natürlich so leise wie möglich zu sein, aber phasenweise war das ganz schön schwierig an solch einem arbeitsintensiven Tag.
 
Besonders unser Energiebündel Steffi hatte so ihre Probleme damit,
keinen Lärm zu machen. So mussten Ricky und ich im Wechsel, mit Steffi und unserer Hündin mindestens einmal in der Stunde raus in den verschneiten Garten, zum richtig austoben und laut sein dürfen, gehen.
 
Am späten Abend öffnete Martin dann endlich wieder seine müden, hübschen Äuglein.
 
Durch die halboffene Schiebetür konnte er der den warmen Schein der Kerzen unseres Weihnachtsbaumes sehen und er konnte mit Sicherheit den Bratenduft, der aus der Küche kam und sich langsam im ganzen Haus verteilte, riechen.
 
Wir gingen alle zu Martin hinüber um ihn zu begrüßen, nachdem er endlich aus einem Dämmerzustand zurück zu uns gekehrt war.
 
Unser kleiner Sonnenschein begann sofort ganz erbärmlich und jämmerlich zu weinen.
 
Er wirkte so verzweifelt und enttäuscht, und da sein Sprachzentrum nicht aktiv ist, kommuniziert Martin mit wenigen Lauten, Gestik und Mimik.
 
Ich nahm Martin aus dem Bett, setzte ihn auf meinen Schoß und versuchte zu erfragen, warum er denn nun so todunglücklich war.
 
Sein linkes Händchen zeigte in Richtung Kerzenschein und jammernd sagte er immer wieder: „da, da“.
 
Mehr konnte uns Martin in seinem kläglichen Zustand nicht mitteilen.
 
Zuerst dachten wir, wir hätten Martin durch irgendein Geräusch erschreckt, das wir gemacht hatten ohne es zu merken bei unserem Treiben. Aber so laut waren wir doch eigentlich gar nicht, wir haben doch die ganze Zeit über gut aufgepasst.
 
Gemeinsam saßen wir alle auf Martins Bettkante und versuchten das arme Kind zu trösten, zu streicheln, mit ihm zu schmusen. Wir boten ihm alles Mögliche zu essen und zu trinken an, nichts half.
 
Erst als Ricky mit Martin auf dem Arm in unser weihnachtliches Wohnzimmer ging, wir Martin erzählten, dass der Weihnachtsmann sicher bald kommen wird, sich aber bei solch einem Gejammer sicher gar nicht in unser Haus hinein trauen würde, beruhigte sich das gute Kind langsam.
 
Zwar schluchzte er noch ab und an, aber immerhin konnte Martin schon wieder anfangen zu lächeln und sich zu freuen.
 
Und dann war es natürlich klar.
 
Da Martin, wenn er diese schweren Beruhigungsmittel bekommen muss, auch jegliches Zeitgefühl verliert und sowieso völlig benommen aufwacht, bekam er auch nicht richtig mit, dass wir ihm erzählt hatten, dass wir, weil der Weihnachtsmann ja heute so schrecklich viel zu tun und wir ja auch gar nicht wussten, wann Martin wieder aufwachen wird, und ob es ihm dann auch richtig besser gehen würde- dass wir eben ohne ihn, dieses Jahr das Weihnachtszimmer fertig gerichtet hatten.
 
Und dass wir leider im ersten Schnee des Jahres, der an diesem Tag fiel, schon mal ein bisschen zur Probe gespielt hatten, ohne Martin.
 
 
Ricky saß auf dem Sessel, Martin auf seinem Schoß und dann verstand Martin - er hatte den Heiligabend nicht ganz verschlafen, und er hatte auch nicht die so sehnsüchtig erwartete Bescherung verschlafen und das Weihnachtsessen.
 
Alles sollte doch erst noch geschehen - zusammen mit Martin. Wir hätten doch auf alle Fälle nicht ohne Martin angefangen, egal wie lange wir auf ihn hätten warten müssen.
 
Von draußen hörten wir leise ein Glöckchen klingen und feste, schwere Fußtritte kamen langsam näher.
 
Es wurde noch ein sehr, sehr schönes Weihnachtsfest für uns alle.