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Brigitte Betzel-Haarnagel, 11.04

Nun hat es in der Tat fast zwei ganze Jahre gedauert, überhaupt Gehör bei der zuständigen Behörde zu bekommen, und es ging auch nicht weiter, ohne Hilfe und einschalten des Bundesverbandes behinderter Pflegekinder  (Herrn Roos).

Viele Schreiben, Gespräche, Besuche und Telefonate mussten herhalten, um zu Recht weiter zu kommen.

Immer wieder aufs Neue kam ich mir vor wie ein Bettler, der etwas fordert, das er nicht verdient hat und was ihm nicht zusteht. Die Argumentation, dass doch anstehende Heimkosten weitaus kostenintensiver würden, schien einfach so zu verhallen.

Die Dame des Jugendamtes, die hier, nach unserem Umzug vom Norden in den Süden des Landes , für uns zuständig war, machte es sich ein bisschen zu einfach. Wir hätten die Möglichkeit, uns bei einer großen Einrichtung als Familienpflegestelle aufnehmen zu lassen. Martin wäre dann Bewohner dieser Einrichtung, aber bei uns untergebracht und wir bekämen 900 Euro mtl.inclusive aller anfallenden Kosten, Pflegegeld für in. Alle Rechte liegen bei der Einrichtung. Alleine diese Tatsache machte uns schon Bauchschmerzen. Martin lebt seit dem 17. Lebensmonat bei uns und wir brauchen wirklich Niemanden, der uns Vorschriften macht und unsere Rechte beschneidet.

Wir haben uns die Sache angeschaut, sie aber nur als allerletzte Lösung in Erwägung gezogen, da wir für Steffi und Martin zwei Einrichtungen für die Zukunft  in direkter Nähe gefunden haben, die uns beide zusagen auf den ersten Blick ,und es so einfacher für uns sein wird, später normalen Kontakt zu unseren Kindern zu halten, wenn dann ca. 2007 ein Umzug statt gefunden hat.

Mehr wollte die Mitarbeiterin  des Jugendamtes nicht für uns tun, egal wie oft wir sie anschrieben, sie reagierte nicht mehr. Erst als wir uns an ihren Vorgesetzten wanden, kam eine Antwort mit dem Schlusssatz, für sie gäbe es Wichtigeres zu tun, als sich um Martins Unterhalt zu kümmern.

Es sind auch unsere Steuern, die ihren Arbeitsplatz sichern, das spielt aber anscheinend keine Rolle.

Da Martin gebürtig aus einem anderen Bundesland kommt, sollten wir beim dortigen Sozialhilfeträger um Hilfe bitten. Der Landschaftsverband Rheinland teilte uns aber nach vier Monaten Bearbeitungszeit auf telefonische Nachfrage mit, für Pflegekinder seien sie gar nicht zuständig. Mit etwas Mühe und Hintertürchen, wurde dann wenigstens der Antrag richtig gelesen und nicht schon beim quer lesen und  Erblicken des Wortes Pflegekind in die staatliche Rundablage befördert. Nach einigen Wochen kam ein Schreiben, dass uns wissen ließ, das ab Volljährigkeit die Kommune des derzeitigen Wohnortes zuständig sei. Wer bekommt den Ball nun als nächstes zugeworfen?

Ich gehe fast davon aus, dass dies hier auch schon vorher bekannt war.

 

Die Unterhaltssicherung für Martin, der am 19.10.04 18 Jahre alt geworden ist, steht aber nun auf alle Fälle bis zum 21 Lebensjahr. Aber nicht so, wie wir es beantragt, gewünscht und besprochen hatten.

Übernommen werden die Kosten aus Sozialhilfemitteln. Wir sind anscheinend hier im Kreis die Vorreiter in dieser Sache. Nach Aussagen der zuständigen Sachbearbeiterin „hatten wir so was hier noch nicht“.

Kann natürlich auch sein, dass diese Aussagen Mogelpackungen waren.

Es verwundert mich, da der Großraum Stuttgart ein riesiges Ballungszentrum ist und Menschen dicht an dicht leben. Ich kann es mir nur schwer vorstellen, dass wir , als Zugereiste, die erste Familie sein sollen, die ein behindertes Pflegekind über das 18. Lebensjahr hinaus noch in der Familie weiter betreuen will.

Erst soll Martin in Ruhe die Schule beenden dürfen und sich an die Werkstatt für Behinderte gewöhnen, dann ist es immer noch früh genug, ihn auszusiedeln.

Alles auf einmal kann ich mir für meine Kinder nicht vorstellen, ich will ihnen doch auf keinen Fall schaden oder weh tun.

Unser Antrag wurde auch , wie wir dan erfuhren, großflächig behördenintern erörtert. Wir bekamen aber erst mal nur zu hören, auf telefonische Anfragen, man wisse von nichts. Erst, als wir Eltern einen persönlichen, überraschenden Besuch bei der Behörde machten, lernten wir mehrere Damen kennen, die für diesen Antrag tätig sein mussten.

Quasi, alles in letzter Minute, fast zwei Jahre Vorlaufzeit reichten nicht aus. Und dann nicht mal ein volles Ergebnis.

Dazu kam noch, die Vormundschaft für Martin , die ich bislang übernommen hatte, erlosch an seinem 18. Geburtstag, und obwohl ich den Antrag hier für schon im Januar auf den Weg brachte, inklusive dem Antrag für Steffi, die schon ein halbes Jahr vorher 18 wurde, zog sich alles solange hin, dass wir – mein Mann und ich gemeinsam - erst am 3.11.04 die Bestellung zum Betreuer für beide Kinder, durch den für unseren Wohnort zuständigen  Notar erhielten.

Ohne dieses Zertifikat durften wir gar nichts für Martin beantragen oder unterschreiben, und vorher ging aus formellen nicht. Ich hatte das Gefühl, dass Zeit hier keine Rolle spielt.

Anderntags brachte Jürgen persönlich unsere Bestellung zum Betreuer zu der Sachbearbeiterin des zuständigen Amtes und als dann 10 Tage später der Bescheid kam, liefen bei mir vor Entsetzen und dem Gefühl, nur verarscht worden zu sein die Tränen.

Nun legen wir Widerspruch ein und mal sehen, was dann kommt.

Irgendwie steht die Vermutung im Raum, dass es pure Absicht ist, so mit Antragstellern um zu gehen, damit sie mürbe werden und klein bei geben, wie ein unverschuldetes Versehen sieht es hier für uns nicht mehr aus.

Natürlich kommen Kosten auf die Kommune zu, in der dieser Pflegefall gar nicht entstanden ist, aber es rechtfertigt meines Erachtens überhaupt nicht, so mit unserem Antrag und Anliegen um zu gehen. Und im Interesse und zum Wohle von Martin kann es so schon gar nicht sein.

Jürgen hat Jura studiert, aber Sozialrecht war während des Studiums kein wirkliches Thema. Das darf er nun rein privat nachholen. Obwohl von Pflegeltern nicht erwartet werden kann, dass sie juristisch ausgebildet  sind, anscheinend geht es aber gar nicht mehr anders in unserem Behördenwirrwar..

Schon schlimm genug, dass es zur Aufgabe von Pflegeeltern gemacht wird, sich selber mühsam darum kümmern zu müssen, wie es nach Volljährigkeit finanziell weiter geht für ihre Schützlinge . Unsere Kosten für Martin die wir aufbringen müssen, unser Einsatz rund um die Uhr für ihn haben sich nämlich nicht verändert, seit er 18 Jahre alt geworden ist.

Nun bin ich gespannt, wie mit unserem Widerspruch umgegangen wird. Vor allem, wie lange sich die sehr geehrten Damen und Herren nun wieder Zeit lassen mit der Bearbeitung.