Willensstark mit Ton

Brigitte Betzel-Haarnagel, Februar 2006

Obwohl mein Töchterchen Stefanie schon sehr vernünftig sein kann, gibt es trotzdem noch oft genug , auch im stolzen Alter von 20 Jahren, die für Menschen mit Down Syndrom oft typischen, Bock und Trotzanfälle.
 
Natürlich, selbstverständlich immer zu unpassender Gelegenheit, am absolut unpassendsten Ort, ist ja klar.
 
Gemeinsam haben wir irgendwann begonnen, den Großeinkauf der Woche, aus pädgogischen und zeitlichen Gründen, möglichst auf den Samstagvormittag zu verlegen, damit wir alle zusammen los ziehen können. Oft sind noch für einige ältere Nachbarn, die dies alleine nicht mehr können, Dinge zu besorgen und es lohnt sich auf jeden Fall mit dem Auto loszufahren, auch bei den heutigen , traurigen Spritpreisen. Manchmal besuchen wir auch noch einen , der reichlich statt findetenden Flohmärkte der Region  oder den großen Wochenmarkt in Ludwigsburg.
 
Wir besprechen beim Frühstück, den Einkaufszettel. Jeder überlegt, was noch wichtig sein könnte und fehlt, und Steffi und Martin legen immer großen Wert auf bestimmte Joghurts, Toastbrot und jeder noch eine kleine Sache nach Belieben, die in unser Budget passt.
 
An diesem Samstagvormittag, hatte Steffi uns äußerst energisch mitgeteilt, dass sie eine Pizza kaufen möchte. Damit meinte sie eine Tiefkühlpizza, weil auf dem Karton die Pizza immer so lecker abgebildet ist.
 
Da ich unser Mittagessen schon vorgekocht hatte, so nebenbei bemerkt, Nudeln mit Soße und Salat, Steffis eigentliche Lieblingsspeise, teilte ich Steffi mit, dass wir heute keine Pizza kaufen, da unser Essen für diesen Tag schon geplant und fertig ist.
 
Steffi brummelte vor sich hin, schaute böse unter sich, so als ob sie am liebsten jemanden beißen würde. Ich frage sie, ob sie lieber zu Hause bleiben möchte, weil ich keine Lust auf Stress im Supermarkt habe.
 
Nee, sie will mit, lässt sie mich motzig laut wissen, noch mit einem lang gezogenem „Phh“, als Endigung ihrer Antwort.
 
Natürlich wird vorher erst mal in Ruhe der Tisch abgeräumt, Jürgen geht mit den Hunden eine Runde Gassi. Steffi muss noch 3-4-mal auf Toilette, und bis Martin dann endlich sauber und landfein angezogen in seinem Rollstuhl sitzt, ist ein weiteres Stündchen ruckzuck, einfach so, vergangen.
 
Nochmals 20 Minuten bis das Eis von der Autoscheibe soweit abgetaut und abgekratzt ist, und Martin dann auch im Auto eingeladen und der Rolli festgegurtet ist, bis wir  endlich los kommen vom Hof.
 
Naja, zugegeben, es ist Samstag und wir müssen jetzt nicht so hetzen, wie an Werktagen. Trotzdem, obwohl wir immer sehr früh aufstehen, schaffen wir es trotzdem irgendwie nie, rechtzeitig los zu kommen.
 
Steffi brummelt von hinten im Auto, ein paar mal das Wort Pizza grantig vor sich hin, bekommt von uns Großen erneut zu hören, dass heute keine Pizza gekauft wird.
 
Sie ist damit natürlich nicht zufrieden. Hätte mich auch sehr gewundert, ehrlich. Kenne doch schließlich mein Kind!
 
Während Martin auf dem Parkplatz vorm Supermarkt , mit seinem Rolli, von uns Oldies ausgeladen wird, geht Steffi mit einem Eurostück schon mal einen Einkaufswagen besorgen, den sie mir dann im Laden übergibt, weil es für Steffis Vorstellungen wieder mal nicht schnell genug vorwärts, in die, für sie wichtigen Abteilungen geht, die wir erst später passieren würden, da wir immer schön an den Theken längs gehen und nicht kreuz und quer durch den Supermarkt hechten.
 
So zieht Steffi regelmäßig, beim gemeinsamen Einkauf, alleine ihre Runden. Manchmal hört sie uns Großen noch zu, wenn wir ihr hinterher rufen, dass sie bitte Toastbrot oder Toilettenpapier holen soll, was sie in der Regel dann auch erledigt. Manchmal lässt sie uns aber auch einfach links liegen, und wir treffen sie dann zufällig, schmachtenden Blickes, vor der Nudeltheke, den Joghurts, Naschis, Malbüchern, Videos oder Kühltheken.
 
Auf alle Fälle ist Steffi  an diesem Tag mal wieder sehr oft außer Sichtweite für uns.
 
Wir beladen unseren Einkaufswagen so nach und nach, zweimal kommt Steffi wieder zu uns, mit Joghurt für sie und Martin, beim zweiten Mal hat sie sich einen Becher Kartoffelsalat aus der Theke geangelt. Darauf bekommt sie mitgeteilt, von zwei Seiten, dass nun Schluss ist und sie bitte nichts mehr bringen soll.
 
Wieder ist sie blitzschnell verschwunden.
 
Auf dem Weg zur Gemüsetheke kommen wir an den Kühltheken vorbei und erkennen sofort Steffis Hinterteil, der Rest von ihr hängt vorn über gebeugt, tief in der Truhe über Pizzen.
 
Sie bekommt nochmals mitgeteilt, dass heute keine Pizza, aber ganz bestimmt keine Pizza gekauft wird, und dann ging es bühnenreif  los.
 
Erst wird aufgetrampelt, dann wird geschrien und geweint, und zwar so laut, dass es in ca. 2500 qm überall gut zu hören ist.
 
Kunden blieben erschrocken stehen, drehten sich zu Steffi hin, ein Mann ging auf sie zu, weil er wohl dachte, sie hätte sich verletzt.
 
Und die junge Dame, also meine Tochter, steht wütend, mit hochrotem Kopf, brüllend inzwischen, an der Kühltheke, immer mal wieder verzweifelt die Hände vors Gesicht werfend und jammernd „I will Pizza!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“.
 
Es war schon spannend an zu schauen, wie so viele Menschen verwundert an dem brüllenden Menschlein  vorbeizogen. Da wir sie in solchen Momenten eh nicht beeinflussen oder beruhigen können, ließen wir sie in Ruhe, packten Gemüse und Obst ein in unseren Einkaufswagen und begaben uns Richtung Kasse.
 
Immer noch war Steffi lautstark zu hören, auch wenn wir inzwischen am anderen Ende des Ladens waren. Allerdings gab es schon mal ein Päuschen zwischen den Auftritten. Erholung und Luft holen muss ja schließlich sein, nach solch einer Anstrengung.
 
 
Ich rufe ihr nochmals zu, dass wir jetzt zur Kassen gehen, und dann nach Hause fahren, auch wenn sie unbedingt hier im Supermarkt bleiben will.
 
Ein weiterer, lauter, schmerzlicher Aufschrei meiner verzweifelten Tochter war  zu vernehmen, dann wurde erst mal ruhig.
 
Gerade, als Jürgen das letzte Teil aus unserem Einkaufswagen aufs Band legte, kam Steffi schluchzend, mit rot geweintem Gesicht und grimmigen Blick, angeschlurft.
 
Bitterböse schaute sie uns an und ließ ein laut und deutliches „Ich hasse Dich“ erklingen.
 
Martin sagte nichts dazu , aber er schaute mich vorwurfsvoll an und teilte mir ohne Worte mit, was er von der Sache hält. Er ist dafür, dass Steffi eine Pizza bekommt, weil dann dürfte er sich ja auch noch was aus suchen, wegen der Gerechtigkeit.
 
  Jürgen und ich gehen nicht weiter auf den Vorfall ein, hieven Martin ins Auto und laden unsere Einkäufe ein. Auf der Heimfahrt reden Jürgen und ich darüber, dass ich erst schnell die Einkäufe der Nachbarn ausliefern will, um dann anschließend das Essen zu Hause auf zu wärmen. Inzwischen kann er ja das Auto leer räumen zu Hause. Leider ist es inzwischen schon fast 13 Uhr. Für Steffis, stets pünktliches, Hungergefühl ein sehr quälender Zeitfaktor, weil normalerweise hat Steffi pünktlich um 12 Uhr Kohldampf.
 
Sie bekam mit, was ich gerade gesagt hatte und vorsichtshalber, man weiß ja nie, teilte sie mir mit “Na gut, i esse au Nudel, tute mir leid Mama, ich liebe Dich“.
 
Und deshalb hat sie nun den ganzen Stress veranstaltet? Es hätte sowieso nix anderes gegeben, und dass sie mich liebt weiß ich. Solche Machtkämpfe ficht das gute Kind nämlich in erster Linie mit mir aus, gerade weil sie mich liebt.