Als ich dem Gemüse das fliegen beibrachte

- ein Kinderstreich

Brigitte Betzel-Haarnagel, 1958

Zugeben muss ich es ja schon, ein super bequemes Kind war ich mit Sicherheit nicht immer. Obwohl, alles, was ich als Kind je angestellt habe, war gänzlich ohne jede böse Absicht oder negative Hintergdeanken. Denn auch schon als Kind war ich eher gutmütig und sozial eingestellt. Ich konnte teilen.
 
Allerdings zweifelten meine Eltern ziemlich oft an meinem zarten Wesen und ich bekam eine Menge Ärger und, wie damals pädagogisch wohl noch üblich, sehr oft den Hintern voll gehauen oder auch einfach mal Eine gescheuert.
 
Da ich leider das einzige Kind bei uns zu Hause war, richtete sich die gesamte Erziehungskonzentration meiner Eltern, besonders die, meines Vaters, ausschließlich auf mich, natürlich zu meinem Leidwesen.
 
So auch bei dieser Begebenheit. Oft muss ich immer noch daran denken, obwohl ich damals nicht ganz fünf Jahre alt war, sehe ich heute alles immer noch genauso deutlich vor mir, als sei es erst gestern geschehen. Und jedes Mal, wenn mir dieses Bild wieder vor Augen kommt, muss ich herzhaft lachen, weil die ganze Situationskomik so richtig gut in die Sendung Vorsicht Kamera passen würde.
 
Für meine 4 ½ Jahre war ich damals ziemlich klein gewachsen und überpummelig. Meine Stupsnase reichte gerade bis an die Höhe der Fensterbänke in unserer Frankfurter Neubauwohnung im dritten Stock eines für meine Empfindungen, hässlichen und Kinderunfreundlichen  Hauses. Über die Fensterbänke hinweg sehen konnte ich nur, wenn ich einen Stuhl vor das jeweilige Fenster schob und mich auf den Stuhl kniete. Mich jemals auf einen Stuhl zu stellen wurde mir verboten, weil, dann könnte ich ja aus dem Fenster fallen. Die Fensterscheiben waren damals noch aus ziemlich dünnen Glas  und laut meiner Eltern sehr zerbrechlich.
 
Wir lebten noch nicht sehr lange in diesem Wirtschaftswundernachkriegsneubau. Das Haus war, wie schon erwähnt für mein Empfinden hässlich, kalt, laut und absolut ungemütlich. Ihm fehlte die Seele, die das alte knarrende und mit einem ganz eigenen Geruch versehene Miethaus hatte, in dem wir bis vor dem Umzug wohnten und hinter dessen Mauern, seinem Garten  und den anderen Bewohnern ich mich wohl fühlte.
 
Zu allem Überfluss, aber wohl damals modern und üblich, war die Hausfassade dieses noch neuen, 18 Familienhauses , auch noch in Babyrosa gestrichen. Genau unter der Mitte dieses Hauses war eine Tankstelle mit Kfz-Werkstatt im Hof angesiedelt. Zur rechten Seite im Erdgeschoss war eine kleine Gaststätte und zur linken Seite war ein kleiner Süßwarenladen. Kein Platz zum Spielen mehr übrig und eingeplant also, für kleine  Hausbewohner.
 
In diesem Haus fühlte ich mich nie richtig zu Hause und wohl . Alles war so schrecklich hellhörig, das ganze Haus war, egal auf welcher Etage man sich befand, ein einziger, ewig hallender Resonanzkörper. Von der Tankstelle stiegen stets Benzin und Öldüfte in die Treppenhäuser und Wohnungen  hinauf   was für mich alles andere, als angenehm war.
 
Aufgrund dessen, weil hier jeder Nachbar ein waches Auge auf den anderen Nachbarn hatte und auch alles zu hören war, musste ich, welch Graus, immer brav und leise sein. Man sollte mich nicht bemerken dürfen. Außerdem wohnte in der anderen Haushälfte zu allem Überfluss auch noch der Bruder meines Vaters mit Familie und ich musste davon ausgehen, dass kontrollierende Blicke und Ohren meiner immer gewahr wurden. Man sollte mich wirklich nicht bemerken, auch kein kleines bisschen. Das war für mich lebhaftes, fröhliches und an allem interessierten Mädchen ein schwerer Stand.
 
Wir waren die letzte Familie, die in dieses Haus eingezogen war nach seiner Fertigstellung und hatten eine kleine Zweizimmerwohnung in der dritten Etage gemietet. Aber dafür mit Bad und Toilette, was damals noch lange nicht üblicher Wohnraumstandard war.
 
Obwohl ich unsere alte Wohnung, in dem sehr betagten, abenteuerlichen Haus sehr vermisste, das Knarren der Treppenstufen, den etwas muffigen Geruch im ganzen Haus, der Garten mit vielen bunten Zierpflanzen, die alten, mir vertrauten Nachbarn, die mich mochten, blieb mir nichts anderes übrig, als mich schweren Herzens mit der neuen Situation abzufinden. Ich kam mir oft isoliert und eingesperrt vor und so ließ ich meiner regen Phantasie oft freien Lauf, um mir das Kinderleben etwas angenehmer zu gestalten und mich in angenehme Träumen zu bewegen.
 
Es war an einem Sonntagnachmittag, mitten im Sommer. Mein Vater hatte frei und half meiner Mutter den großen, schweren Esstisch im Wohnzimmer für das Mittagsessen auf zu decken.
 
An Sonn und Feiertagen, oder wenn wir Besuch hatten, wurden die Mahlzeiten immer im Wohnzimmer eingenommen, obwohl ich persönlich viel lieber in der Küche gegessen hätte. Im Wohnzimmer wurde ich ständig ermahnt aufzupassen, nicht zu kleckern, mich anständig hin zu setzen und bloß nichts zu verschütten. Und gerade weil mir dies so oft gesagt wurde, passierte natürlich immer etwas davon . Aber nur im Wohnzimmer, saßen wir in der Küche, an unserem kleinen Küchentisch, klappte eigentlich fast alles prima .
 
Es war ein sehr heißer Sommer in diesem Jahr und meine Eltern ließen das Wohnzimmerfenster den ganzen Tag sperrangelweit aufstehen, um wenigstens etwas frische Luft, soweit dies hier überhaupt möglich war, zu bekommen.
 
Wie schon gesagt, mein Nässchen reichte gerade bis zur Kante der Fensterbank, was unten auf der Strasse geschah, konnte ich nicht sehen. Nur manchmal etwas hören und erahnen, oder riechen, wenn es von der Tankstelle aus kam.
 
Die Strasse in der wir wohnten war damals noch eine verkehrsärmere Strasse der Weststadt, wie die anderen Strassen im Umkreis, was ich unter anderem an den dezenten Motorgeräuschen ausmachte.
 
Ich stellte mir vor, dass gerade in diesem Moment Hunde mit ihren Besitzern unten auf der Strasse spazieren gingen. Schon oft hatte ich dies so gesehen, wenn wir unten auf dem Gehsteig waren, und wie sehr wünschte ich mir von ganzem Herzen auch einen Hund, mit dem ich spielen und knuddeln konnte.
 
Und weil gerade Mittag war, dachte ich, dass die Gassi gehenden Hunde sicher auch Hunger haben müssten um diese Tageszeit  und sie ja jemand auch füttern müsste.
 
Mein Vater kam ins Wohnzimmer und stellte eine große Schüssel mit Gemüse auf den Esstisch. Erbsen und Möhren in dicker, pampiger Mehlschwitzensoße, igitt.
 
Sicherlich mochten die hungrigen Hunde, unten auf der Strasse, dieses angeblich so gesunde Gemüse viel lieber essen, als ich. Und wenn ich dieses Gemüse mit irgendjemandem teilen konnte, dann musste ich nicht soviel davon essen. Dass wäre doch nicht schlecht, dachte ich an diesem Tag so bei mir.
 
Mein Vater ging wieder zurück in die Küche und wie dann auf einmal alles so schnell passierte, weiß ich auch nicht mehr so genau. Aber ich erinnere mich noch daran, dass meine kleinen Händchen zwei mit diesem Gemüse, hochvolle Vorlagenlöffel in der Hand hielten, damit in Richtung Fenster gingen und schwups, flog schwunghaft in hohem Bogen die erste Ladung Hundefutter aus dem Fenster des dritten Stockes hinunter auf die Strasse. Und blitzschnell flog noch eine Ladung davon hinterher und dann noch Eine.
 
Meines Vaters Schritte waren auf dem Flur zu hören und hastig warf ich die Vorlagenlöffel zurück auf die Gemüseschüssel, setzte mich eilig, mit hochrotem Kopf und einer Pseudounschuldsmine auf unser dunkelrotes Sofa mit einem Kugelschreiberfleck auf dem Sitzpolster.
 
Von der Strasse drangen merkwürdige, schimpfende Laute nach oben und natürlich hatte mein allmächtiger Vater sofort erkannt, dass hier irgendetwas nicht in Ordnung war. Bei meiner Hundefütteraktion hatte ich nämlich ziemlich heftig gekleckert weil ja alles so schnell gehen musste, was mir aber in dem Moment gar nicht bewusst war, und die Spur des Sonntagsgemüses war leicht zu verfolgen, für Jemanden, der einfach so aus dem Fenster schauen konnte.
 
Mein Vater warf mir einen strengen und bösen Blick zu bevor er zum Fenster ging um meine Missetat in Augenschein zu nehmen.
 
Sein Gesicht lief rot an und er rannte erst mal runter auf die Strasse. So sah er immer aus, wenn er wütend war und er konnte gut oft wütend sein, besonders auf mich.
 
Durch das geöffnete Fenster konnte ich ein vom Lautbild her, sehr unfreundlich klingendes Gespräch zwischen mehreren Personen hören, die Stimme meines Vaters war deutlich zu erkennen.
 
So langsam stieg Angst in mir hoch. Was wird nun wieder mit mir gemacht? Es war wohl doch nicht so lieb, dass ich die armen Hunde da unten auf der Strasse durch unser Wohnzimmerfenster im dritten Stock mit Gemüse füttern wollte.
 
Sicher wird es gleich ein großes Donnerwetter geben, wenn mein Vater wieder nach oben kommt. Für jegliche Bestrafungen meinerseits war eh nur er zuständig.
 
Aber anscheinend gab es Wichtigeres im Moment für meinen Vater zu tun, als mich zu maßregeln. Mich trafen erst mal nur seine sehr finsteren Blicke, während er einen Besen mit dem zusätzlichen Stiel unserer Schrubbers verband um dann sogleich mit dieser Konstruktion, sich aus dem Wohnzimmerfenster lehnend, eine Reinigung der rosa Hausfassade zu versuchen.
 
Während er mit seinem Spezialbesen vor dem Fenster herum hantierte, schimpfte er böse vor sich hin, aber auch wenn er mich gerade nicht dabei ansah, die bösen Worte galten mir.
 
Als ihm die Beseitigung des Gröbsten gelungen war, stellte er mich dann zur Rede.
 
Da ich es gewohnt war, dass man mir eh nichts glaubte, auch wenn ich hundert mal die Wahrheit sagte, suchte ich verzweifelt in meinem Oberstübchen nach einer guten Ausrede die mir vielleicht ersparen konnte, den Hintern wieder mal vollgehauen zu bekommen. Das mochte ich nämlich gar nicht, weil es meistens sehr gründlich ausgeführt wurde und wirklich schrecklich weh tun konnte.
 
„Also, da kam ein großer Vogel ins Wohnzimmer geflogen und der hat mit seinem Schnabel etwas von dem Zeug aus der Schüssel genommen und ist dann wieder zum Fenster  raus geflogen.“
 
Was Besseres fiel mir leider nicht ein in diesem Moment, aber es war doch gut, oder?
 
Tja, und dafür durfte ich dann den ganzen, restlichen Tag in meinem Bett, das im Schlafzimmer meiner Eltern stand, verbringen, durfte mich nicht mehr rühren und hören lassen, zu essen bekam ich zur Strafe auch nichts mehr, was ein Glück für mich, das eklige Gemüse mochte ich eh nicht, und mein Vater hat ganze zwei Tage kein einziges Wort mehr mit mir geredet. Dafür ließ meine Mutter mich wissen, sie glaube, ich sei reif für die Klapsmühle und ein ganz schreckliches Kind und eine Strafe.
 
Wie mein Vater sich mit den, mit Gemüse bekleckerten Passanten einigte, die wohl anstatt irgendwelcher hungriger Hunde vor unserem Haus herum liefen, habe ich nie erfahren. Ein Herr hatte wohl einen Hut auf und der wurde nur ein wenig mit Gemüse dekoriert. Das Meiste war wohl an der rau verputzten  Hausfassade hängen geblieben, da trotz Einsatz all meiner Kraft, der Schwung doch nicht so weit reichend war. Ich muss es wohl unbedingt noch üben.
 
Als ich neun Jahre alt war zogen wir aus diesem gräßlichen Haus endlich aus und noch immer konnte man, obwohl das Babyrosa inzwischen eine graue Patina angenommen hatte, an der Fassade einen helleren Fleck unter unserem Wohnzimmerfenster gut erkennen.
 
So hatte ich also meine ersten, erkennbaren Spuren in dieser Welt und vor allem, in Frankfurt am Main, hinterlassen.