Zu wenig Zeit für Menschen?

Für ca. drei Jahre ging ich  Donnerstag  morgens  für ein paar Stunden zu Besuch in ein  Altenheim.

 

Die letzten drei Donnerstage habe ich den ehrenamtlichen Frühstücksdienst übernommen, da die liebe Frau, die ansonsten am  Donnerstag das Frühstück macht,  Urlaub hat.

 

Die Brote und Brötchen sind alle geschmiert und klein geschnitten, die Quarkschälchen gefüllt und verteilt , nun blieb noch ein wenig Zeit, bevor ich meine eigenen Termine wahr nehmen musste.

 

Schon seit ein paar Wochen fällt mir auf, dass die Veränderungen der Bewohner rasend schnell voran gehen.

 

Frau B. wird in den Frühstückraum gebracht. Wir kennen uns nun seit zwei Jahren, mögen uns sehr gerne und ich muss schon sehr auf mich achten, nicht noch mehr meiner Zeit in der Einrichtung zu verbringen. Ich muss den Tag gut einteilen.

 

Auch Frau B baut unheimlich ab in der letzten Zeit.

 

Ich begrüße sie und  setze mich zu ihr. „ Ach, des isch gut dass Du da bischt, i kann des ja nimmer.“ Ich erkläre ihr, dass sie die Brotstückchen mit der Hand, in den Mund stecken soll. Sie fragt nach, ob ihr Mund der Richtig ist. Stück für Stück, sich immer wieder versichernd, dass ihr Mund der Richtige Ort für das Stückchen Brot ist.

 

„ Ohne Di hätt i des nie gschafft.“ Ich lobe sie, das alles so gut geklappt hat und das das ganz Brot auf ihrem Teller schon aufgefuttert ist. Frau B isst nicht mehr gerne.

 

Nun kommt der Quark an die Reihe. Ich erkläre Frau B., wie sie mit dem Löffelchen den Quark aus dem Schüsselchen holen kann, und dann mit dem Löffelchen in ihren Mund schieben kann.

 

Sie übt es dreimal, dann kommt eine weitere Bewohnerin in den Raum, der ich Kaffee ein schenken muss. Eine weitere Bewohnerin bestellt noch einen Kaffee nach und es dauert gute 5 Minuten, bis ich wieder bei Frau B am Tisch bin.

 

Freudig erstaunt sehe ich, Frau B. hat ihren Quark ganz alleine gegessen und ich lobe sie, sage, dass sie mich ja gar nicht braucht dazu, dass es doch wunderbar geklappt hat.

 

„Doch, doch, doch ,doch . I brauch Di scho. I han immer nach Dir geschaut wo Du bischt, und dann isch mir immer eingfalle, dass i des so mit dem Löffel mache muss. Allei kann ich des nimmer.“

 

Meine Anwesenheit war die Orientierungshilfe und mir standen die Tränen in den Augen. Und was, wenn Niemand da ist, der ihr vorher erklärt, wie es funktioniert? Der Tag ist doch so lange.

 

Mit schlechtem Gewissen, wie schon so oft, bin ich an diesem Tag gegangen.

 

Natürlich sind es viele Menschen, die ehrenamtlich kommen und da sind und sich um die Bewohner des Altenheimes kümmern, aber eben  nicht immer, wenn ein Mensch einen Menschen an seiner Seite braucht.

 

Wieder ein weiterer Punkt in meiner Sammlung der Gründe, warum  ich nie freiwillig in ein Heim gehen werde, wenn es beim mir mal nicht mehr so gut läuft . Frau B. bräuchte eine 1: 1 Betreuung, und viele andere Bewohner auch, aber das ist nicht mehr möglich.

 

Ich bete , dass endlich ein Umdenken statt findet und alles so geregelt wird, dass die Mitarbeiter in den Einrichtungen auch wirklich Zeit für die Bewohner haben, soviel Zeit, auch während der Mahlzeiten bei Ihnen sitzen zu können, um ihnen immer wieder zu erklären, wie das mit dem Löffel geht.